Reden schreiben mit KI – von der Idee bis zum letzten Satz

Reden schreiben mit KI – von der Idee bis zum letzten Satz

Reden schreiben mit KI klingt nach der einfachsten Sache der Welt. Thema eingeben, Länge wählen, fertig. Und tatsächlich liefern ChatGPT, Claude und Gemini auf Knopfdruck einen Text, der grammatisch korrekt ist, halbwegs passend klingt und niemanden beleidigt. Das Problem: Er klingt auch nach nichts. Er klingt wie eine Vorlage. Er ist austauschbar.

Wer eine Rede hält, steht vor live Menschen. Das ist der Unterschied zu einem Blogartikel oder einer E-Mail. Die Zuhörer merken, ob jemand eigene Worte spricht oder fremde abliest. Eine gute Rede ist persönlich, und genau das kann die KI eben nicht liefern. Aber sie kann dir helfen, deine Gedanken zu ordnen, zu strukturieren und in Form zu bringen. Hier zeige ich, wie das funktioniert.

Warum KI-Reden fast immer gleich klingen

Bitte ChatGPT um einen Vortrag über Klimawandel, und du bekommst etwas in dieser Art: einen besorgten Einstieg, drei Fakten, einen Appell, ein Zitat am Ende. Die Struktur ist solide. Der Text ist glatt. Und er könnte von jedem stammen, zu jedem Anlass, vor jedem Publikum.

Das liegt daran, wie Sprachmodelle funktionieren. Sie erzeugen den statistisch wahrscheinlichsten Text für eine Aufgabe. Bei Reden heißt das: den Durchschnitt aller Reden, mit denen sie trainiert wurden. Das Ergebnis ist korrekt, aber Mittelmaß. Und Mittelmaß merkt man einer Rede sofort an, weil Zuhörer nicht lesen, sondern fühlen.

Der Ausweg ist nicht, die KI zu meiden. Sondern sie anders einzusetzen. Nicht als Ghostwriter, der die fertige Rede liefert, sondern als Sparringspartner, der bei jedem Schritt hilft.

Welche Reden sich mit KI schreiben lassen

Im Kern funktioniert der Ansatz bei jeder Rede, die eine Struktur braucht und Worte finden muss. Hier geht es um die Anlässe, bei denen Schüler, Studierende und Berufstätige tatsächlich Reden halten.

AnlassTypische Herausforderung
Referat in der SchuleThema verständlich erklären, ohne abzulesen. Den roten Faden halten.
Seminarvortrag an der UniWissenschaftliche Tiefe und Verständlichkeit verbinden. Zeitlimit einhalten.
Präsentation im BerufSachlich und zugleich überzeugend. Ergebnisse auf den Punkt bringen, ohne Firmensprech.
VereinsanspracheKurz bleiben, trotzdem alle mitnehmen. Rückblick und Ausblick, ohne zu langweilen.
Mündliche PrüfungEinleitungsstatement vorbereiten, das kompetent klingt und Struktur zeigt.

Bei allen Anlässen gilt: Die KI kann den Rahmen liefern. Füllen musst du ihn selbst. Beim Seminarvortrag mit eigenem Forschungsfokus ist der KI-Anteil geringer als bei einer Vereinsansprache mit Zahlen und Rückblick.

Der Ablauf in fünf Schritten

Statt die KI um eine komplette Rede zu bitten, arbeitest du in Etappen. Jeder Schritt hat einen eigenen Prompt. Das dauert länger als eine Einmal-Anfrage, aber das Ergebnis ist ein anderes.

Schritt 1: Rohstoff sammeln. Bevor du die KI öffnest, notiere alles, was du zum Thema weißt. Stichworte reichen. Argumente, Beispiele, Fragen, die du beantworten willst. Das ist dein Material. Die KI kann keines davon erfinden.

Schritt 2: Struktur finden. Jetzt kommt die KI ins Spiel. Nicht zum Schreiben, sondern zum Ordnen.

Ich halte einen [Vortrag/Referat/Präsentation] zum Thema [Thema] vor [Publikum]. Der Vortrag soll etwa [Dauer] Minuten dauern. Hier sind meine Stichpunkte und Gedanken:

[Deine Notizen hier einfügen]

Schlage mir eine Struktur vor: Wie könnte ich den Vortrag aufbauen? Welche meiner Punkte eignen sich als Einstieg, welche als Kernargument, welche als Abschluss? Was fehlt noch?

Schritt 3: Einzelne Passagen formulieren. Jetzt schreibst du die Rede abschnittweise. Nicht alles auf einmal, sondern Block für Block.

Formuliere den Einstieg meines Vortrags. Kontext: [Situation beschreiben]. Kerngedanke: [Was soll hängen bleiben?]. Ton: [sachlich/provokant/nachdenklich]. Schreibe drei verschiedene Varianten, damit ich auswählen kann.

Drei Varianten sind der Trick. Du bekommst nicht eine Lösung, die du akzeptieren oder ablehnen musst, sondern Optionen. Meistens nimmst du Elemente aus verschiedenen Varianten und baust daraus deine eigene Version.

Schritt 4: Übergänge und Feinschliff. Die schwierigste Stelle jeder Rede ist nicht der Anfang und nicht das Ende. Es sind die Übergänge zwischen den Abschnitten. Vom Beispiel zum Argument. Vom Problem zur Lösung.

Ich habe zwei Abschnitte meines Vortrags, die ich verbinden muss. Abschnitt 1 endet mit: [letzter Satz]. Abschnitt 2 beginnt mit: [erster Satz]. Schreibe mir drei Übergänge, die den Wechsel natürlich machen. Kein abrupter Bruch, aber auch kein »Und damit kommen wir zu…«.

Schritt 5: Laut lesen und kürzen. Dieser Schritt ist analog. Lies die Rede laut vor. Jeder Satz, bei dem du stolperst, muss raus oder umformuliert werden. Geschriebene Sprache und gesprochene Sprache sind zwei verschiedene Dinge. Die KI schreibt Lesetext, keinen Sprechtext. Das merkt man erst beim Vorlesen.

Wer weiß, wie man KI richtig fragt, bekommt in jedem Schritt bessere Ergebnisse. Der wichtigste Punkt: Kontext liefern. Je mehr die KI über Anlass, Publikum und dein Vorwissen erfährt, desto weniger generisch wird das Ergebnis.

Prompts für typische Vortragssituationen

Die folgenden Prompts gehen über den Fünf-Schritte-Ablauf hinaus. Sie sind für Situationen gedacht, in denen du einen schnellen Entwurf brauchst, den du dann überarbeitest.

Referat in der Schule

Ich halte ein Referat über [Thema] in [Fach] vor meiner Klasse ([Jahrgangsstufe]). Es soll [Dauer] Minuten dauern. Hier sind die Punkte, die ich ansprechen will: [Stichpunkte]. Schreibe mir einen Vortragsentwurf in gesprochener Sprache. Keine langen Schachtelsätze, keine Fachbegriffe ohne Erklärung. Der Text soll so klingen, als würde ich frei sprechen, nicht ablesen.

Seminarvortrag an der Uni

Ich halte einen Seminarvortrag über [Thema] im Fach [Fach] an der Universität. Dauer: [Minuten] plus Diskussion. Mein Fokus liegt auf [Kernthese/Forschungsfrage]. Hier sind meine Quellen und Argumente: [Stichpunkte]. Schreibe einen Vortragsentwurf, der wissenschaftlich fundiert klingt, aber verständlich bleibt. Keine Bullet Points, sondern ausformulierte Sprechpassagen. Baue an zwei Stellen Fragen ans Publikum ein, die eine Diskussion anstoßen können.

Berufliche Präsentation

Ich halte eine Präsentation vor [Publikum, z.B. Abteilungsleiter, Projektteam, Kunden] zum Thema [Thema]. Dauer: [Minuten]. Kernbotschaft: [Was soll hängen bleiben?]. Hier sind die wichtigsten Punkte: [Stichpunkte]. Der Ton soll professionell sein, aber nicht wie eine Pressemitteilung klingen. Keine Buzzwords, kein Unternehmenssprech. Schreibe den Vortrag so, dass er auch ohne Folien funktioniert.

Vereinsansprache

Ich halte eine kurze Ansprache bei der Jahreshauptversammlung des [Vereinsname/Vereinstyp]. Die Rede soll [Dauer] Minuten dauern. Inhalt: [Rückblick, Zahlen, Dank, Ausblick]. Schreibe einen Entwurf, der freundlich und verbindend klingt, aber nicht in Vereinsmeierei verfällt. Kein »liebe Vereinsfreunde«, kein »auf ein erfolgreiches neues Jahr«.

Was die KI an deinem Vortrag verbessern kann

Der wertvollste Einsatz kommt oft erst, wenn der Vortrag schon steht. Du hast einen Entwurf, er ist halbwegs fertig, aber irgendetwas stimmt nicht. Die KI kann als Lektor arbeiten, allerdings einer, der nicht nur Grammatik prüft, sondern Wirkung.

Hier ist mein Vortrag [Text einfügen]. Lies ihn aus der Perspektive eines Zuhörers, der das Thema nicht kennt. Wo verlierst du die Aufmerksamkeit? Wo klingt es nach Vorlage statt nach mir? Wo könnte ich kürzen, ohne dass etwas fehlt? Markiere die drei stärksten und die drei schwächsten Stellen.

Dieser Prompt funktioniert besser als jedes »Verbessere meinen Text«, weil er der KI eine konkrete Rolle gibt. Ein Zuhörer, der nicht kennt, kein Mitleser, der Formulierungen poliert.

Ein zweiter Prompt für den Feinschliff:

Prüfe diesen Vortrag auf gesprochene Sprache. Markiere Sätze, die sich beim Vorlesen sperrig anfühlen würden: zu lang, zu verschachtelt, zu viele Nebensätze. Schlage für jeden markierten Satz eine Version vor, die sich leichter sprechen lässt.

Wer die Textanalyse per KI kennt, wird das Prinzip wiedererkennen. Gezielte Fragen liefern bessere Ergebnisse als allgemeine Bitten.

Wie lang sollte ein Vortrag sein?

Kürzer, als du denkst. Das ist die ehrlichste Antwort. Eine Minute gesprochener Text entspricht etwa 130 Wörtern. Die meisten Vorträge im Schul- und Unikontext haben feste Zeitvorgaben. Trotzdem verschätzen sich fast alle nach oben.

RedetypTypische DauerWortanzahl (ca.)
Kurzreferat5 Minuten650
Schulreferat10–15 Minuten1.300–1.950
Seminarvortrag15–20 Minuten1.950–2.600
Berufliche Präsentation10–20 Minuten1.300–2.600
Vereinsansprache5–10 Minuten650–1.300

Die häufigste Fehlerquelle: Der Vortrag ist zu lang, weil man alles unterbringen will. Die KI hilft beim Kürzen, wenn man sie darum bittet. Aber der wichtigere Rat kommt ohne KI aus. Streich alles, was du nicht mit eigener Überzeugung sagen kannst. Was übrig bleibt, ist dein Vortrag.

Welches Tool für welchen Vortrag?

Die KI-Tools haben bei Reden unterschiedliche Stärken. Claude, ChatGPT und Gemini können alle brauchbare Entwürfe liefern, aber die Nuancen unterscheiden sich.

ChatGPT ist gut im schnellen Entwurf. Die Texte klingen flüssig und treffen den Ton oft beim ersten Versuch. Schwäche: Sie klingen auch oft gleich, mit einer Tendenz zu motivierendem Überschwang, den man im Seminarraum nicht braucht.

Claude eignet sich besser für Überarbeitung und Feinschliff. Die Kritik an bestehenden Entwürfen ist differenzierter, die Vorschläge konkreter. Bei wissenschaftlichen Vorträgen trifft Claude den sachlichen Ton oft besser. Bilde ich mir zumindest ein.

Gemini hat den Vorteil, dass es auf aktuelle Informationen zugreifen kann. Bei Referaten über aktuelle Themen oder Präsentationen mit Branchenbezug spart das Recherchezeit.

In der Praxis lohnt es sich, den Entwurf mit einem Tool zu schreiben und die Überarbeitung mit einem anderen zu machen. Zwei Perspektiven sind besser als eine.

Was in keinem KI-Vortrag stehen sollte

Die KI hat Lieblingsformulierungen. Bei Vorträgen fallen sie besonders auf, weil man sie hört statt liest. Hier die Phrasen, die du aus jedem KI-Entwurf streichen solltest:

»Ich stehe heute hier, um …« (Ja, das sieht jeder.) »In der heutigen Zeit …« (Sagt nichts.) »Lasst uns gemeinsam …« (Motivationsprech.) »Abschließend möchte ich …« (Ankündigung statt Abschluss.) »Wie schon [berühmte Person] sagte …« (Wenn du es selbst sagen kannst, brauchst du kein Zitat.) »Zusammenfassend lässt sich sagen …« (Der Zuhörer hat zugehört, er braucht keine Zusammenfassung der Zusammenfassung.)

Diese Floskeln haben etwas gemeinsam: Sie füllen Platz, wo ein eigener Gedanke stehen sollte. Streichen und durch etwas Konkretes ersetzen. Immer.

Den eigenen Vortrag mit KI analysieren lassen

Der Artikel zur Redeanalyse mit KI zeigt, wie man bestehende Reden auf rhetorische Mittel, Argumentation und Schwachstellen untersucht. Diese Prompts funktionieren genauso für eigene Vorträge. Wer seinen Entwurf auf Struktur, Überzeugungskraft und Schwachstellen prüfen lässt, findet Probleme, bevor es die Zuhörer tun.

Besonders der Prompt zur Schwachstellenanalyse eignet sich: Wo verliert der Vortrag an Kraft? Wo ist die Argumentation dünn? Wo könnte das Publikum abschalten? Das ist unbequem, aber genau dafür ist ein Sparringspartner da.

Lampenfieber ist kein Textproblem

Einen Vortrag zu schreiben ist die eine Sache. Ihn zu halten die andere. Die KI kann beim Text helfen, aber nicht beim Vortragen. Trotzdem gibt es einen Zusammenhang: Wer weiß, dass sein Vortrag gut ist, spricht sicherer. Und wer sicher spricht, klingt überzeugend, selbst wenn die Hände zittern.

Ein praktischer Tipp, der nichts mit KI zu tun hat: Übe den Vortrag mindestens dreimal laut. Nicht im Kopf, nicht flüsternd, sondern in der Lautstärke, in der du ihn halten wirst. Beim ersten Mal stolperst du. Beim zweiten Mal merkst du, welche Stellen nicht funktionieren. Beim dritten Mal bist du bereit.

Wer Prompt Engineering als Fähigkeit versteht, wird auch bei Vorträgen bessere Ergebnisse bekommen. Es geht im Kern um dasselbe: sich so klar ausdrücken, dass das Gegenüber versteht, was man will. Ob dieses Gegenüber eine KI ist oder ein Saal voller Menschen, macht weniger Unterschied, als man denkt.

Sven Lennartz Avatar

Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage

Bist du bereit für mehr?