Dokumente vergleichen mit KI – für Uni, Recherche und Alltag

Dokumente vergleichen mit KI – zwei Textversionen nebeneinander

Dokumente vergleichen mit KI geht schneller als manuelles Hin- und Herblättern und liefert mehr als ein reiner Textabgleich. Du hast zwei Versionen einer Hausarbeit und keiner hat markiert, was sich geändert hat. Oder drei Fachartikel zum selben Thema, und du willst wissen, wo sie sich widersprechen.

Für solche Aufgaben sind Sprachmodelle überraschend brauchbar. Nicht perfekt, aber besser als jedes Diff-Tool, wenn es um Bedeutung geht.

Wie kann man zwei Fassungen einer Arbeit vergleichen?

Der häufigste Fall: Du bekommst deine Hausarbeit, dein Exposé oder dein Manuskript mit Anmerkungen zurück. Die Änderungen sind nicht nachverfolgt. Du siehst nur die neue Version und musst selbst herausfinden, was anders ist.

Lade beide Versionen in Claude oder ChatGPT hoch und sag, was du wissen willst:

Hier sind zwei Versionen meiner Hausarbeit. Version A ist mein Entwurf, Version B die überarbeitete Fassung.
Liste alle inhaltlichen Änderungen auf. Ignoriere reine Rechtschreibkorrekturen.
Zitiere bei jeder Änderung die betroffene Stelle aus beiden Versionen.
Markiere, ob die Änderung die Argumentation betrifft oder nur den Stil.

Das funktioniert bei Texten bis etwa 15–20 Seiten gut. Die KI erkennt nicht nur geänderte Wörter, sondern kann einordnen: Wurde ein Argument verstärkt, abgeschwächt, umgestellt oder gestrichen? Das ist mehr, als ein reiner Textvergleich in Word leistet.

Ab 30 Seiten aufwärts wird es unzuverlässig. Die Modelle verlieren in der Mitte langer Texte den Fokus (Studie). Die geänderte Passage auf Seite 18 wird womöglich nicht erwähnt. Wer sichergehen will, arbeitet kapitelweise.

Wie lassen sich Quellen gegeneinander prüfen?

Drei Artikel zum selben Thema, und du brauchst einen Überblick: Wo sind sie sich einig? Wo widersprechen sie sich? Das ist klassische Recherchearbeit, und KI kann sie spürbar beschleunigen.

Hier sind drei Fachartikel zum Thema [X].
Vergleiche die zentralen Aussagen:
– In welchen Punkten stimmen die Quellen überein?
– Wo widersprechen sie sich?
– Gibt es Aspekte, die nur eine Quelle erwähnt?
Belege jede Aussage mit einem kurzen Zitat und der Quellenangabe.

Das Ergebnis ist keine fertige Analyse, aber ein plausibles Gerüst. Du siehst die Konfliktlinien, ohne alle drei Texte parallel lesen zu müssen. Besonders nützlich für Studierende, die für eine Seminararbeit den Forschungsstand zusammenfassen.

Wichtig ist das »Belege« im Prompt. Ohne diese Forderung neigen die Modelle dazu, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu behaupten, ohne sie nachzuweisen. Mit Zitatpflicht werden erfundene Behauptungen, sogenannte Halluzinationen, sofort sichtbar.

Eigenen Text gegen die Quelle halten

Eine der unterschätzten Anwendungen: den eigenen Text mit der Originalquelle vergleichen. Habe ich richtig paraphrasiert? Habe ich die Kernaussage korrekt wiedergegeben oder versehentlich verschoben?

Dokument A ist ein Fachartikel. Dokument B ist meine Zusammenfassung davon.
Prüfe:
– Habe ich die zentralen Aussagen korrekt wiedergegeben?
– Gibt es inhaltliche Verschiebungen oder Vereinfachungen, die den Sinn verändern?
– Fehlen wichtige Punkte aus dem Original in meiner Zusammenfassung?
Zitiere die relevanten Stellen aus beiden Dokumenten.

Im Kern ist das ein KI-Lektorat für inhaltliche Treue. Die KI versteht den Originaltext und kann beurteilen, ob deine Wiedergabe stimmt, überspitzt oder lückenhaft ist. Für wissenschaftliches Arbeiten ein nützlicher Zwischenschritt, kein Ersatz für eigenes Denken, aber ein Kontrollmechanismus.

Alte und neue Version eines Dokuments

Lehrpläne, Prüfungsordnungen, Richtlinien, Geschäftsbedingungen. Immer wieder ändert sich etwas, und niemand sagt einem, was genau. Die KI kann zwei Versionen vergleichen und die Änderungen in verständlicher Sprache zusammenfassen.

Hier sind die Prüfungsordnung von 2023 und die aktuelle von 2025.
Was hat sich geändert? Liste die Änderungen auf.
Unterscheide zwischen:
– inhaltlichen Änderungen (andere Regeln, neue Anforderungen)
– redaktionellen Änderungen (Formulierungen, Reihenfolge)
Zitiere die betroffenen Passagen aus beiden Versionen.

Gerade bei bürokratischen Texten ist die Fähigkeit der KI, das »Was hat sich inhaltlich geändert?« vom »Was wurde nur umformuliert?« zu trennen, enorm hilfreich. Manuell würde man Stunden brauchen. Die KI liefert einen brauchbaren Überblick in Minuten.

Änderungen sichtbar machen

Manchmal reicht eine Liste der Änderungen nicht. Du willst sehen, wo im Text sich etwas geändert hat. Farbig markiert, wie bei der Änderungsverfolgung in Word, nur ohne Word.

Claude kann das. Du gibst zwei Textversionen rein und bittest um eine visuelle Gegenüberstellung als HTML-Datei. Das Ergebnis zeigt den Text mit farbigen Markierungen: Gestrichenes durchgestrichen in Rot, Hinzugefügtes hervorgehoben in Grün, verschobene Passagen in Gelb.

Hier sind zwei Versionen meines Textes.
Erstelle eine HTML-Datei, die beide Versionen visuell vergleicht:
– Gestrichener Text: durchgestrichen, rote Schrift
– Neuer Text: grün hervorgehoben
– Verschobene Passagen: gelb markiert
– Unveränderter Text: normal dargestellt
Der Text soll lesbar bleiben, nicht wie eine Diff-Ausgabe aussehen.

Besonders praktisch für Autoren, Lektoren und alle, die Änderungen nicht nur auflisten, sondern im Lesefluss sehen wollen. Wer regelmäßig mit Überarbeitungen arbeitet, kann sich die Formatierungsregeln als Claude-Skill speichern. Dann genügt ein »Markiere die Änderungen« und das Ergebnis sieht jedes Mal gleich aus.

ChatGPT kann Ähnliches über den Code-Interpreter, allerdings weniger flexibel bei der Gestaltung. Die einfachste Variante für beide Modelle: eine Tabelle mit zwei Spalten, links die alte Version, rechts die neue, geänderte Stellen fett markiert. Weniger hübsch, aber schnell.

Textvergleich Beispiel als HTML-Seite

Dokumente vergleichen mit KI – visueller Textvergleich als HTML-Ausgabe

Was beim Dokumente vergleichen mit KI schiefgehen kann

Der Vergleich per KI ist nützlich, hat aber Grenzen. Ein paar davon sollte man kennen, bevor man sich auf die Ergebnisse verlässt.

Länge ist der Feind. Bis 15–20 Seiten funktioniert der direkte Vergleich gut. Darüber hinaus steigt das Risiko, dass Änderungen übersehen werden. Bei langen Dokumenten besser abschnittsweise vorgehen oder erst Word/Acrobat für den reinen Textvergleich nutzen und dann die KI die gefundenen Änderungen bewerten lassen.

Ohne Zitatpflicht wird halluziniert. Wenn du nicht verlangst, dass jede behauptete Änderung mit Textstellen aus beiden Versionen belegt wird, bekommst du gelegentlich Phantomunterschiede. Änderungen, die das Modell erfindet. Die Belegpflicht ist dein Schutz gegen falsche Ergebnisse.

Gescannte PDFs sind ebenfalls problematisch. Sie müssen erst per Texterkennung (OCR) verarbeitet werden, und jeder Erkennungsfehler wird zum falschen »Unterschied«. Wenn möglich, digitale Versionen verwenden.

Prüfe stichprobenartig. Nimm die zwei, drei wichtigsten Änderungen, die die KI gefunden hat, und verifiziere sie im Original. Wenn die stimmen, kannst du dem Rest eher vertrauen. Wenn nicht, ist der Vergleich für dieses Dokument nicht zuverlässig genug.

Generell gilt: »Vergleiche diese zwei Dokumente« ist zu vage. »Was hat sich bei den Anforderungen, Fristen und Bewertungskriterien geändert?« gibt dem Modell einen Fokus. Je präziser die Frage, desto weniger wird übersehen.

Datenschutz beachten. Unveröffentlichte Arbeiten, vertrauliche Unterlagen oder persönliche Daten solltest du nur hochladen, wenn du weißt, wie der jeweilige Dienst damit umgeht. Bei ChatGPT lässt sich das Training mit eigenen Daten deaktivieren, Claude verwendet Chatdaten standardmäßig nicht fürs Training. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte die Einstellungen vorher prüfen.

Klassisch oder KI – was kann was?

Word / AcrobatKI (ChatGPT, Claude)
Jede Änderung findenJa, buchstabengenauNicht garantiert, besonders bei langen Texten
Auch bei 100+ SeitenKein ProblemUnzuverlässig ab ~20 Seiten
Bedeutung erklärenNeinJa, priorisieren, einordnen, zusammenfassen
Mehrere Quellen vergleichenNein (nur zwei Versionen)Ja, auch drei oder mehr Dokumente
Paraphrasen prüfenNeinJa, Originaltext gegen eigene Wiedergabe
Änderungen visuell markierenJa (Track Changes)Ja, als HTML oder PDF mit Farbmarkierungen
FormatierungsänderungenJa, detailliertKaum, KI sieht meist nur den Text
HalluzinationsrisikoKeinesVorhanden, mit Zitatpflicht kontrollierbar

Die beste Kombination: herkömmliche Tools zum Finden, KI zum Verstehen. Erst den Diff machen lassen, dann die gefundenen Änderungen der KI zur Einordnung geben. Klingt nach Umweg, ist aber für alles, was wirklich zählt (Abschlussarbeit, wichtiger Antrag, geänderte Prüfungsordnung) der zuverlässigere Weg.

Für den schnellen Alltagscheck reicht der direkte Upload in den Chat. Solange man die Ergebnisse nicht blind übernimmt. Eine Portion Zweifel gehört sowieso immer dazu.

Sven Lennartz Avatar

Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage