
Die Welt ist voller Vorurteile. In Sachen KI ist das nicht anders. Oft werden die Cyberklugheiten in den Himmel gehoben, während andere sie eher abschätzig behandeln.
Eine der häufigsten Vorstellungen ist, dass KI nur zitieren kann und letztlich nur das wiedergibt, was sie zuvor irgendwo im WWW aufgeschnappt hat. Womöglich sei das nicht einmal erlaubt, weil es ja ein anderer geschrieben hat. Aber stimmt das überhaupt?
Lerne die Bildungssprache! Das praktische Handbuch schlauer Wörter unterstützt dich mit über 1.600 durchdachten Einträgen. Besser verstehen und klüger schreiben. Verständliche Erläuterungen und lebensnahe Beispiele erleichtern das Einprägen. Jetzt ansehen
Der Gegentest
Wenn KI nur kopiert, müsste sich die Quelle finden lassen. Also: Nimm einen beliebigen KI-Output und wirf ihn in Google. Satz für Satz. Das Ergebnis? Keine Treffer. Die exakte Formulierung existiert nirgends – weil sie gerade erst erzeugt wurde.
Das ist kein Zufall. Generative KI heißt so, weil sie Text Wort für Wort neu generiert, basierend auf Wahrscheinlichkeiten. Sie kopiert nicht aus einer Datenbank. Sie baut Sätze, die es vorher nicht gab.
Absurde Kombinationen
Der beste Beweis für Nicht-Kopie: Lass die KI etwas tun, das es garantiert noch nie gab. Zum Beispiel:
»Erkläre die Relativitätstheorie im Stil einer IKEA-Anleitung.«
Das Ergebnis: Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung mit Inbusschlüssel-Metaphern, einem Hinweis auf übrige Schrauben (Dunkle Materie) und der Warnung, dass Zeitdilatation bei falscher Montage auftreten kann. Das steht in keiner Datenbank. Das hat die KI aus zwei völlig verschiedenen Domänen zusammengesetzt.
10 Prompts für Texte, die es so noch nie gab
Hier sind zehn absurde Kombinationen zum Selbertesten. Keiner dieser Texte existiert irgendwo im Internet – bis du ihn erzeugst:
- »Schreib einen Beschwerdebrief an meinen Internetanbieter – im Stil von Shakespeare.«
- »Erkläre Blockchain so, als wäre ich ein römischer Senator im Jahr 50 v. Chr.«
- »Verfasse eine Produktrezension für Luft. 3 von 5 Sternen.«
- »Schreib die AGB eines mittelalterlichen Schwertschmieds.«
- »Erkläre Photosynthese als Wütrede eines genervten Biologielehrers kurz vor der Rente.«
- »Verfasse einen Liebesbrief von einem Toaster an eine Kaffeemaschine.«
- »Schreib eine Filmkritik für einen Film, der nur aus Stille besteht. 90 Minuten. Nichts passiert.«
- »Erkläre die deutsche Steuerklärung im Stil eines Märchens der Gebrüder Grimm.«
- »Schreib eine motivierende Rede für Leute, die gerade vom Stuhl gefallen sind.«
- »Verfasse einen Wikipedia-Eintrag für ein Tier, das es nicht gibt: den Linsenwolf.«
Probier einen aus. Du wirst sehen: Die KI liefert. Und zwar etwas, das vorher nirgends existierte.
Das Telefonbuch-Argument
ChatGPT hat vermutlich kein Telefonbuch von 1987 gelesen. Trotzdem kann die KI einen fiktiven Eintrag erzeugen, der absolut plausibel klingt: Name, Adresse, Telefonnummer mit korrekter Vorwahl für die Region. Woher? Nicht aus einer Kopie, sondern aus Mustern. Die KI weiß, wie Telefonbucheinträge aussehen, auch ohne jeden einzelnen gelesen zu haben.
Das ist wie ein Mensch, der noch nie in Australien war, aber trotzdem eine plausible australische Adresse erfinden kann. Muster, nicht Kopie.
Dreimal dieselbe Frage
Noch ein Test: Stell der KI dreimal dieselbe Frage. Zum Beispiel: »Was ist der Sinn des Lebens?«
Du bekommst drei verschiedene Antworten. Unterschiedliche Formulierungen, andere Schwerpunkte, vielleicht sogar widersprüchliche Perspektiven. Wenn KI nur kopieren würde, müsste die Antwort immer gleich sein. Ist sie aber nicht.
Was KI nicht tut
Ein verbreitetes Missverständnis: Die KI lernt aus jedem Gespräch und wird dadurch schlauer. Das stimmt so nicht. ChatGPT, Claude und andere speichern einzelne Chats nicht in ihrem Modell. Was du heute schreibst, beeinflusst nicht, wie die KI morgen für andere antwortet. Das Training passiert separat, mit kuratierten Daten.
Innerhalb eines Gesprächs merkt sich die KI den Verlauf – aber das ist Kontext, nicht Lernen im eigentlichen Sinn.
Also: Kopie oder nicht?
KI kopiert nicht. Sie kombiniert. Sie erkennt Muster und wendet sie auf neue Situationen an. Das ist übrigens ziemlich genau das, was Menschen auch tun – wir erfinden selten etwas aus dem absoluten Nichts. Jede Idee baut auf früheren auf.
Ob das »echte« Kreativität ist? Darüber lässt sich streiten. Dass es mehr ist als stumpfes Kopieren, kannst du in zwei Minuten selbst überprüfen. Die Tests oben funktionieren. Probier es aus.