
Marcel Bucher, Professor für Pflanzenphysiologie an der Uni Köln, hat zwei Jahre lang mit ChatGPT gearbeitet. Förderanträge, Vorlesungen, Publikationsentwürfe, Klausuranalysen – alles über die KI strukturiert und verfeinert. Dann hat er in den Einstellungen die Datenweitergabe deaktiviert, nur um zu schauen, was passiert. Was wirklich geschah: Alle Chats wurden sofort und unwiderruflich gelöscht. Keine Warnung, kein Rückgängig, kein Backup. Zwei Jahre Arbeit, weg mit einem Klick.
OpenAI verwies auf »Privacy by Design«. Bucher verwies auf Nature, wo er seinen Fall veröffentlichte.
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Sein Fehler war nicht, dass er die Einstellung geändert hat. Sein Fehler war, dass er kein Backup hatte. Diesen Fehler machen fast alle.
Inhaltsverzeichnis
Warum KI-Chats mehr wert sind, als man denkt
Wir behandeln ChatGPT, Claude oder Gemini wie ein Werkzeug, das man öffnet und wieder schließt. Aber wenn du die KI über Wochen und Monate für Projekte, Texte oder Recherchen nutzt, steckt in deiner Chat-Historie echtes intellektuelles Kapital. Promptstrategien, die du mühsam entwickelt hast. Halbe Buchkapitel. Debugging-Sitzungen, deren Ergebnisse du irgendwann wieder brauchst.
Das alles gehört dir – aber es liegt nicht bei dir. Es liegt auf Servern von OpenAI, Anthropic oder Google. Und die können Konten sperren, Daten löschen oder ihre Dienste ändern, ohne dich vorher zu fragen. Wer sich für die Datenschutz-Einstellungen der großen KI-Anbieter interessiert, findet hier eine Übersicht.
Wie exportierst du Chats bei ChatGPT, Gemini und Claude?
Alle drei Marktführer bieten eine Möglichkeit, die eigenen Daten herunterzuladen. Die Qualität dieser Exporte variiert allerdings erheblich.
ChatGPT hat den umfangreichsten Export. Unter Settings → Data Controls kannst du einen Download anfordern. Du bekommst einen Link per E-Mail, gültig für 24 Stunden. Das ZIP-Archiv enthält eine chat.html (gut lesbar im Browser), eine conversations.json (für die technische Weiterverarbeitung) und separate Ordner für Bilder, Audio-Aufnahmen und DALL-E-Prompts. Auch Metadaten wie verwendete Modellversionen und Zeitstempel jeder Nachricht sind enthalten.
Google Gemini nutzt das vorhandene Google Takeout. Klingt einfach, hat aber einen Stolperstein: Die Kategorie »Gemini« enthält nur Konfigurationen für Gems. Die eigentlichen Chat-Logs stecken unter »Gemini Apps Activity«. Das muss man wissen, sonst exportiert man das Falsche. Das Format ist JSON, bei großen Datenmengen aufgeteilt in mehrere Archive.
Claude bietet den Export über die Datenschutz-Einstellungen an, ebenfalls mit 24-Stunden-Link per Mail. Der Haken: Formatierungen wie Code-Blöcke, Tabellen und LaTeX gehen in den Rohdaten teilweise verloren. Nutzer berichten außerdem, dass gelegentlich Assistenten-Antworten fehlen oder die Projektstruktur nicht korrekt abgebildet wird.
| Kriterium | ChatGPT | Gemini | Claude |
|---|---|---|---|
| Exportformat | JSON + HTML | JSON | JSON |
| Bilder und Audio | Vollständig | Nur Links/Metadaten | Eingeschränkt |
| Link gültig | 24 Stunden | 7 Tage | 24 Stunden |
| Mobiler Export | Ja (Android) | Ja (Web) | Nein, nur Web/Desktop |
Allen drei Exporten ist gemeinsam: Sie liefern eine statische Momentaufnahme. Kein durchsuchbares Archiv, keine automatische Aktualisierung. Man muss regelmäßig daran denken, den Export neu anzustoßen. Vierteljährlich wäre ein vernünftiger Rhythmus.
Browser-Erweiterungen für schnelle Einzelexporte
Wer nicht jedes Mal den kompletten Export anwerfen will, sondern einzelne wichtige Gespräche sofort sichern möchte, greift zu Browser-Erweiterungen. Tools wie der AI Chat Exporter fügen einen Download-Button direkt in die Oberfläche von ChatGPT, Claude und Gemini ein.
Aktuelle Versionen nutzen DOM-Parsing statt einfaches Kopieren – das bedeutet, Tabellen, Code-Highlighting und mathematische Formeln bleiben erhalten. Die Konversation lässt sich als Markdown, PDF oder Word-Datei speichern. Nützlich ist auch die Möglichkeit, einzelne Nachrichten auszuwählen statt den ganzen Chat zu exportieren.
Der Haken: Diese Erweiterungen brauchen tiefgreifende Browser-Berechtigungen. Dazu mehr im Abschnitt über Sicherheit.
KI-Chats in Obsidian und Notion archivieren
Für alle, die ihre KI-Gespräche als Teil eines größeren Wissenssystems betrachten, lohnt sich die Integration in ein PKM-Tool wie Obsidian, Notion oder Logseq. Der Gedanke: Chats nicht einfach ablegen, sondern mit anderen Projekten und Notizen verknüpfen.
Für Obsidian gibt es Skripte wie Chatkeeper oder convert-chatgpt-export.js, die das conversations.json-Archiv in einzelne Markdown-Dateien zerlegen – eine pro Gespräch, mit Metadaten im YAML-Frontmatter. Titel, Datum, Modellversion, alles durchsuchbar. Aus einem unübersichtlichen JSON-Klumpen wird ein verlinktes Archiv. Wer sich fragt, welche Textformate was können: JSON und Markdown spielen hier zusammen.
Notion-Nutzer importieren die Markdown-Dateien über den Dateien-Import und können von dort aus weiter organisieren. Der Aufwand lohnt sich besonders, wenn du die KI für wiederkehrende Projekte nutzt und später auf ältere Gespräche zurückgreifen willst.
Lässt sich der Kontext zwischen KIs mitnehmen?
Ein Problem, das viele kennen: Du hast monatelang mit ChatGPT gearbeitet, willst jetzt zu Claude oder Gemini wechseln, und die neue KI weiß nichts von dir. Alles von vorn.
Dienste wie Memory Forge versuchen, das zu lösen. Man exportiert seine ChatGPT-Historie, lässt sie in eine kompakte, vektorindizierte Datei umwandeln und lädt diese bei der neuen KI hoch. Per Aktivierungsphrase kann Claude dann auf den gesamten bisherigen Kontext zugreifen. Die Konvertierung passiert lokal im Browser – die Daten verlassen den Rechner nicht.
Klingt vielversprechend, ist aber noch am Anfang. Das Format ist nicht standardisiert, und man ist auf den jeweiligen Dienst angewiesen. In der Entwickler-Community wird deshalb ein offener Standard gefordert – ein »Universal Context Pack«, das den Wechsel zwischen KI-Anbietern so einfach machen soll wie ein SIM-Karten-Tausch.
Sicherheit: Worauf du achten solltest
Backup-Tools brauchen Zugriff auf deine KI-Gespräche. Das heißt: tiefe Browser-Berechtigungen, Zugang zu Sitzungsdaten, Leserechte auf den Seiteninhalt. Damit sind sie ein attraktives Ziel für Angreifer.
Laut einer Untersuchung von Incogni sammeln 67 Prozent der untersuchten KI-Browser-Erweiterungen Nutzerdaten, 41 Prozent erfassen sogar personenbezogene Informationen. Berechtigungen wie clipboardRead (kann die Zwischenablage auslesen) oder webRequest (kann den Netzwerkverkehr abfangen) sind dabei keine Seltenheit.
Was hilft: Bevorzuge Tools, die rein lokal arbeiten und keine Internetverbindung für ihre Kernfunktion brauchen. Prüfe die Berechtigungen einer Erweiterung vor der Installation. Und nutze die Datenschutz-Einstellungen der KI-Anbieter selbst – also Training mit deinen Daten deaktivieren, temporäre Chats nutzen, wo es geht.
Lokale KIs: Backup-Problem gelöst?
Die radikalste Lösung für das Backup-Problem: Die KI selbst auf dem eigenen Rechner laufen lassen. Tools wie LM Studio, Ollama oder LocalGPT ermöglichen das. Alle Prompts und Antworten bleiben lokal gespeichert, kein Export nötig, kein Drittanbieter involviert. Die Daten gehören dir. Wirklich.
Allerdings sollte man ehrlich sein: Lokale Modelle wie Llama, Mistral oder Phi laufen zwar auf halbwegs aktueller Hardware, aber sie spielen qualitativ nicht in derselben Liga wie GPT-4, Claude Opus oder Gemini Ultra. Wer sich über jedes neue Modell-Update freut, weil es spürbar besser denkt, argumentiert und schreibt – der geht mit lokalen Modellen mehrere Generationen zurück. Es ist ein bisschen wie ein Auto kaufen, weil man dem Taxifahrer nicht traut. Fährt, aber nicht so gut.
Für einfache Aufgaben, Entwürfe oder wenn Datenschutz absolut kritisch ist, können lokale Modelle die richtige Wahl sein. Als vollwertiger Ersatz für die großen Cloud-KIs taugen sie nicht. Jedenfalls noch nicht. Wer sich für die wichtigsten KI-Begriffe wie LLM, Token oder Modell interessiert, findet hier eine Übersicht.
Einen Mittelweg bieten Plattformen wie Typing Mind oder MultipleChat. Die binden verschiedene KIs über deren APIs ein, speichern die Gespräche aber lokal. Über die API fließende Daten werden von den Anbietern nicht für das Training verwendet – ein Vorteil gegenüber der normalen Weboberfläche. Man zahlt zwar für die API-Nutzung, hat aber die volle Kontrolle über sein Archiv.
Deine KI-Chats sind mehr wert, als du vielleicht denkst. Ein paar Minuten Aufwand pro Quartal für den offiziellen Export, dazu ein gutes lokales Archiv – das reicht, um nicht wie Marcel Bucher vor einem leeren Bildschirm zu sitzen.