Wie du dir ein literarisches Werk mit KI erschließt – am Beispiel von Goethes Faust

Faust KI Analyse – Goethes Faust mit KI erschließen

Goethes Faust verschwindet aus den Lehrplänen. Bayern hat ihn 2024 als Pflichtlektüre gestrichen, Baden-Württemberg ebenso, in Hessen pausiert er, in NRW ist er seit Jahren raus. Das Argument: zu schwer, zu weit weg, andere Werke sind auch gut.

Gleichzeitig sitzt jeder Schüler auf einem Werkzeug, das genau diese Distanz überbrücken könnte. ChatGPT, Claude, Gemini. Jede dieser KIs kann einen gemeinfreien Text wie den Faust laden und Fragen dazu beantworten, die kein Unterricht der Welt für 30 Schüler gleichzeitig leisten kann. Gemeint sind individuelle Fragen, in eigenem Tempo, ohne Angst haben zu müssen, etwas Dummes zu fragen.

Hier zeige ich, wie das geht. Nicht abstrakt, sondern mit konkreten Prompts, die du sofort ausprobieren kannst. Die Methode funktioniert mit jedem gemeinfreien Text, ob Kafka, Büchner oder Thomas Mann. Eine universelle Prompt-Sammlung für Literaturanalyse habe ich separat zusammengestellt. Ich nehme hier den Faust, weil er das perfekte Beispiel ist: anspruchsvoll, vielschichtig, frei verfügbar und von ungeheurem Einfluss auf die deutsche Sprache.

Im Kern geht es um eine Faust KI Analyse, die du selbst steuerst. Kein fertiges Referat, kein zusammenkopierter Lektüreschlüssel, sondern ein Gespräch mit dem Text. Faust selbst hat bekanntlich zwei Seelen in seiner Brust, und genau diese Spannung zwischen Wissen und Erleben macht die Beschäftigung mit dem Werk so lohnend.

Was du brauchst

Einen KI-Chatbot deiner Wahl (ChatGPT, Claude, Gemini) und den Text. Faust I ist gemeinfrei und als Volltext frei verfügbar, etwa auf Projekt Gutenberg, Wikisource oder als PDF bei Reclam. Du kannst den Text entweder als Datei hochladen oder in den Chat kopieren.

Der entscheidende Schritt: Lade den kompletten Text in die KI, bevor du Fragen stellst. Ohne Volltext arbeitet die KI aus dem Gedächtnis, das funktioniert ungefähr, ist aber ungenau. Mit dem Volltext im Kontext kann sie dir jede Stelle zeigen, Zitate zuordnen und Muster über das gesamte Werk verfolgen.

Wichtig: Achte darauf, dass die KI die Datei wirklich liest und nicht nur den Dateinamen registriert. Bei ChatGPT muss das File-Reading aktiv sein, bei Claude kannst du Dateien direkt in den Chat ziehen. Im Zweifel teste es mit einer einfachen Frage wie »Was ist der erste Satz im Dokument?«

TIPP: Probiere Googles NotebookLM. Wer sichergehen will, dass die KI nicht halluziniert oder Faust I mit Faust II verwechselt, ist hier richtig. NotebookLM nutzt ausschließlich die von dir hochgeladenen Daten. Perfekt für eine saubere Faust KI Analyse. Leider braucht es zum Antworten mehr Zeit als andere Modelle. Dafür kann es dir ein Quiz bauen, Infografiken erstellen, Lernkarten, ein Video oder einen Podcast.

Noch etwas: KIs vermischen gelegentlich Faust I mit Faust II oder reproduzieren Klischees aus der Sekundärliteratur. Passiert häufiger als man denkt. Wer des Pudels Kern finden will, muss der KI beibringen, nur aus dem hochgeladenen Text zu arbeiten. Dagegen hilft dieser Prompt als Eröffnung:

Antworte mir bei Zitaten immer mit der Versnummer und zitiere nur aus dem Dokument, das ich hochgeladen habe. Wenn etwas nicht im Text steht, sag es mir.

Vor dem Lesen: Den Boden bereiten

Klassische Texte haben zwei Hürden: die Sprache und den fehlenden Kontext. Wer als 16-Jähriger »Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin …« liest, steht vor einer Wand. Das ist kein Versagen, das ist normal. Der Text ist über 200 Jahre alt. Und wer nicht weiß, warum Goethe diesen Stoff gewählt hat, versteht ihn nur halb. Gegen beides helfen Prompts:

Die Sprache überbrücken:

Ich kopiere dir gleich eine Szene aus Faust I hier rein. Bitte übertrage sie in ein modernes, gehobenes Deutsch, ohne den Sinn zu verzerren, damit ich die Dynamik zwischen den Figuren besser verstehe.

Das ersetzt nicht das Original. Aber es schafft einen Einstieg. Wer die Szene erst auf Deutsch von heute versteht, kann danach Goethes Verse mit anderen Augen lesen. Grau ist bekanntlich alle Theorie, und genau deshalb lohnt sich der Umweg über die moderne Übertragung, bevor man ins Original eintaucht.

Den historischen Rahmen verstehen:

Ich werde gleich Goethes Faust I lesen. Erkläre mir in fünf Minuten Lesezeit, was ich über die Zeit wissen muss, in der das Werk entstand. Nicht die Biografie, sondern die geistigen Strömungen, die gesellschaftlichen Umbrüche, die Fragen, die die Menschen damals umtrieben.

Die Struktur überblicken:

Gib mir eine knappe Übersicht über die Szenenfolge von Faust I. Keine Interpretation, nur: Was passiert wo? Wie ein Inhaltsverzeichnis mit jeweils einem Satz pro Szene.

Schwierige Begriffe vorab klären:

Welche Wörter und Begriffe in Faust I werden heute anders verwendet oder sind veraltet? Liste die wichtigsten mit kurzer Erklärung.
Faust KI Analyse mit NotebookLM: Infografik zur Szenenübersicht
Infografik von NotebookLM

Während des Lesens: Die KI als Nachschlagewerk

Hier wird die KI zum Begleiter. Du liest den Text selbst, das ist entscheidend, denn kein Prompt ersetzt die eigene Leseerfahrung. Aber wenn du an einer Stelle hängen bleibst, frag. Und wenn die Antwort zu abstrakt ist, hak nach: »Erklär mir das einfacher« oder »Zeig mir die konkrete Stelle«. Ein gutes KI-Gespräch ist kein Einmal-Befehl, sondern ein Hin und Her.

Eine Passage entschlüsseln:

Ich lese gerade die Szene ›Studierzimmer‹, in der Faust versucht, den Anfang des Johannesevangeliums zu übersetzen. Er geht von ›Wort‹ über ›Sinn‹ und ›Kraft‹ zu ›Tat‹. Was passiert da gedanklich? Warum ist ihm das so wichtig?

Eine Figur einordnen:

Wer ist Wagner in Faust I? Nicht nur sein Name und seine Rolle, sondern: Wofür steht er als Kontrastfigur zu Faust?

Nach dem Lesen: Tiefer graben

Jetzt wird es richtig interessant. Du hast den Text gelesen, hast eigene Eindrücke, eigene Fragen. Genau die kannst du jetzt stellen. Fragen, für die im Unterricht nie Zeit ist.

Motive verfolgen:

Zeige mir alle Stellen in Faust I, an denen das Motiv des Lichts vorkommt. Wie verändert sich seine Bedeutung im Verlauf des Werks?

Sprachliche Muster erkennen:

Wie verändert sich Fausts Sprache, nachdem er den Pakt mit Mephisto geschlossen hat? Spricht er anders als vorher? Zeig mir konkrete Beispiele.

Die eigene Irritation ernst nehmen:

Mich irritiert, dass Mephisto im Stück oft sympathischer wirkt als Faust. Ist das Absicht? Gibt es Stellen, die das bestätigen?

Bezüge zur eigenen Welt herstellen:

Faust schließt einen Pakt, weil ihm reines Wissen nicht mehr reicht. Er will erleben, fühlen, handeln. Welche modernen Parallelen gibt es zu diesem Konflikt?

Spuren in der Sprache finden:

Welche Redewendungen aus dem Faust benutzen wir heute noch, ohne es zu wissen? Liste sie mit der Originalstelle und der heutigen Bedeutung.

Das ist womöglich der überraschendste Teil. Wer einmal gesehen hat, wie viel Faust in der Alltagssprache steckt, liest das Werk danach anders. Wir sagen »hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein«, ohne zu wissen, dass es Faust ist. Steht inzwischen auf jeder zweiten Fußmatte.

Fortgeschritten: Die KI als Sparringspartner

Wer tiefer einsteigen will, kann die KI in einen echten Dialog verwickeln. Nicht nur Fragen stellen, sondern Positionen testen.

Perspektivwechsel:

Erzähle die Handlung von Faust I aus Gretchens Perspektive. Was erlebt sie, was weiß sie, was ahnt sie?

Gegenposition einnehmen lassen:

Verteidige Mephistos Position. Er sagt, er sei ›ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft‹. Hat er recht?

Vergleiche ziehen:

Vergleiche Fausts Wissensdurst mit der heutigen Situation: Wir haben durch das Internet Zugang zu praktisch allem Wissen der Welt. Sind wir zufriedener als Faust?

Kreativ weiterdenken:

Wie würde eine moderne Version des Faust-Stoffes aussehen? Was wäre das Äquivalent des Teufelspaktes heute?

Wer die sokratische Methode mit KI kombiniert, kann dieses Prinzip noch weiter treiben: Die KI stellt dann dir die Fragen, nicht umgekehrt.

Wie plausibel ist eine Faust KI Analyse?

Die Gretchenfrage lautet: Kann man einer KI vertrauen, wenn es um Literatur geht? Die ehrliche Antwort: bedingt. Die KI ersetzt nicht das Lesen. Sie kann dir nicht sagen, wie sich der Text anfühlt, welche Stelle dich berührt oder langweilt, was bei dir hängen bleibt. Diese Erfahrung ist nicht delegierbar.

Außerdem: KIs sind Ja-Sager. Wenn du fragst »Ist Mephisto eigentlich der Held?«, wird die KI dir bereitwillig Argumente liefern, auch wenn die These Unsinn ist. Nimm ihre Deutungen nie als letzte Wahrheit. Lass dir immer die Textstellen zeigen und frag aktiv nach Gegenpositionen: »Welche Argumente sprechen dagegen?«

Was sie kann: Sie gibt dir einen Gesprächspartner, der den Text kennt, nie ungeduldig wird und jede Frage beantwortet. Auch die vermeintlich dummen. Für viele Schüler wäre das der Unterschied zwischen »ich hab den Faust gelesen« und »ich hab den Faust verstanden«.

Die Ironie der aktuellen Bildungspolitik: Genau in dem Moment, in dem ein Werkzeug existiert, das schwierige Texte zugänglich macht, werden diese Texte aus den Lehrplänen gestrichen. Statt den Schülern den Faust mit KI zu erschließen, nimmt man ihnen beides.

Das muss nicht so bleiben. Der Text ist frei verfügbar, die KI auch. Was fehlt, ist jemand, der sagt: Probier es aus.

Übrigens: Der Faust erschien 1808 erstmals gedruckt als Buch, in Tübingen (bei Cotta). Von da kommen heute nur noch grüne Klimapamphlete. So weit haben wir es gebracht …

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Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage