Literaturanalyse – 21 KI-Prompts für die universelle Sammlung

Literaturanalyse – 21 KI-Prompts für die universelle Sammlung 1

Literaturanalyse mit KI-Hilfe, das klingt nach einer Abkürzung. Ist es auch, jedenfalls zum Teil. Du hast ein Buch gelesen und willst mehr als eine Inhaltsangabe. Oder du steckst mitten in einem Text und verstehst eine Passage nicht. Oder du bereitest dich auf eine Klausur vor und brauchst jemanden, der dir Fragen beantwortet, ohne gleich genervt zu sein.

Für all das gibt es KI-Prompts. Diese hier funktionieren mit jedem literarischen Text, ob Roman, Drama, Erzählung oder Lyrik. Sie sind nach Zweck sortiert: Einstieg, Verständnis, Analyse, Interpretation, kreatives Weiterdenken. Kopiere sie, passe sie an, kombiniere sie, wie du willst.

Am besten klappt das, wenn du den Volltext in die KI lädst. Bei gemeinfreien Werken ist das einfach. Projekt Gutenberg, Zeno oder Wikisource bieten Tausende Texte zum Download an. Wie das alles konkret geht, habe ich am Beispiel von Goethes Faust gezeigt.

Bevor du loslegst – Einstieg in die Literaturanalyse

Zwei Dinge vorweg. Erstens: Lade den Text immer als Datei hoch oder kopiere ihn in den Chat. Ohne Volltext arbeitet die KI aus dem Gedächtnis, und das ist unzuverlässig. Sie vermischt Werke, erfindet Zitate oder reproduziert Klischees aus der Sekundärliteratur.

Zweitens: KIs sind Ja-Sager. Frag nach Gegenpositionen, lass dir immer die Textstellen zeigen und nimm keine Deutung als letzte Wahrheit. Dieser Prompt am Anfang jeder Sitzung hilft:

Antworte bei Zitaten immer mit Seitenzahl oder Versnummer. Zitiere nur aus dem hochgeladenen Dokument. Wenn etwas nicht im Text steht, sag es mir.

Wie bereite ich einen Text vor?

Diese Prompts helfen, bevor du mit dem eigentlichen Lesen beginnst. Sie schaffen den Rahmen, ohne die Lektüre vorwegzunehmen.

1 – Historischer Kontext

Ich werde gleich [TITEL] von [AUTOR] lesen. Erkläre mir in fünf Minuten Lesezeit, was ich über die Entstehungszeit wissen muss. Nicht die Biografie, sondern die geistigen Strömungen, gesellschaftlichen Umbrüche und die Fragen, die die Menschen damals umtrieben.

2 – Struktur überblicken

Gib mir eine knappe Übersicht über den Aufbau von [TITEL]. Keine Interpretation, nur: Was passiert in welchem Abschnitt? Wie ein Inhaltsverzeichnis mit jeweils einem Satz.

3 – Sprache überbrücken

Ich kopiere dir gleich eine Passage aus [TITEL]. Bitte übertrage sie in modernes, gehobenes Deutsch, ohne den Sinn zu verzerren, damit ich die Dynamik zwischen den Figuren besser verstehe.

Besonders nützlich bei älteren Texten. Goethe, Schiller, Lessing, aber auch Fontane oder Kleist. Das ersetzt nicht das Original, aber es schafft einen Einstieg.

4 – Schwierige Begriffe klären

Welche Wörter und Begriffe in [TITEL] werden heute anders verwendet oder sind veraltet? Liste die wichtigsten mit kurzer Erklärung.

5 – Gattung und Form einordnen

Zu welcher literarischen Gattung gehört [TITEL]? Was sind die typischen Merkmale dieser Gattung, und wo hält sich der Text daran, wo weicht er ab?

Verständnis: Während des Lesens

Literaturanalyse – Figurenkonstellation Faust I als Netzwerk-Diagramm
So kann ein Figurennetzwerk aussehen, das die KI auf Basis eines Textes erstellt. Beispiel: Faust I. In wenigen Minuten vollautomatisch erledigt. Man muss der KI nur sagen, was man haben will. Die SVG Grafik ist skalierbar.

Du liest den Text selbst. Das bleibt entscheidend, denn kein Prompt ersetzt die eigene Leseerfahrung. Aber wenn du hängen bleibst, frag. Und wenn die Antwort zu abstrakt ist, hak nach. Ein gutes KI-Gespräch ist kein Einmal-Befehl, sondern ein Hin und Her.

6 – Eine Passage entschlüsseln

Ich lese gerade [STELLE/KAPITEL/SZENE]. [Beschreibe kurz, was passiert.] Was passiert da genau? Was ist die tiefere Bedeutung?

7 – Eine Figur verstehen

Wer ist [FIGURENNAME] in [TITEL]? Nicht nur Name und Rolle, sondern: Wofür steht diese Figur? Was treibt sie an? Wie verändert sie sich im Verlauf?

8 – Beziehung zwischen Figuren

Beschreibe die Beziehung zwischen [FIGUR A] und [FIGUR B]. Wie verändert sie sich? Wo gibt es Wendepunkte? Zeige mir die Stellen im Text.

9 – Einfacher erklärt

Erkläre mir [STELLE/KONZEPT/PASSAGE] so, als wäre ich 16 und hätte noch nie etwas darüber gehört. Kein Fachchinesisch.

Keine Schande, das zu fragen. Manchmal braucht man genau das.

Literaturanalyse: Nach dem Lesen

Jetzt wird es richtig interessant. Du hast den Text gelesen, hast eigene Eindrücke. Genau die kannst du jetzt vertiefen, mit Fragen, für die im Unterricht nie Zeit ist.

10 – Motive verfolgen

Zeige mir alle Stellen in [TITEL], an denen das Motiv [MOTIV – z.B. Licht, Wasser, Spiegel, Einsamkeit] vorkommt. Wie verändert sich seine Bedeutung im Verlauf?

11 – Sprachliche Muster erkennen

Wie verändert sich die Sprache von [FIGUR] im Verlauf des Textes? Spricht sie am Ende anders als am Anfang? Zeig mir konkrete Beispiele.

Womöglich der ergiebigste Prompt auf dieser Liste. Sprachveränderungen verraten mehr über eine Figur als jede Inhaltsangabe.

12 – Erzählperspektive analysieren

Aus welcher Perspektive wird [TITEL] erzählt? Was weiß der Erzähler, was nicht? Gibt es Stellen, an denen die Perspektive wechselt oder der Erzähler unzuverlässig wirkt?

13 – Symbolik aufspüren

Welche Symbole und wiederkehrenden Bilder gibt es in [TITEL]? Was könnten sie bedeuten? Zeig mir die Textstellen und erkläre die möglichen Deutungen.

14 – Wendepunkte identifizieren

Was sind die entscheidenden Wendepunkte in [TITEL]? Momente, nach denen nichts mehr so ist wie vorher. Warum sind genau diese Stellen so wichtig für die Gesamthandlung?

Interpretation: Tiefer graben

Hier geht es nicht mehr um Verständnis, sondern um Deutung. Die KI liefert Argumente, du entscheidest, welche überzeugen.

15 – Die eigene Irritation ernst nehmen

Mich irritiert, dass [beschreibe, was dich stört oder überrascht]. Ist das Absicht des Autors? Gibt es Stellen, die das bestätigen oder widerlegen?

Im Kern der stärkste Prompt auf dieser Liste. Deine eigene Irritation ist oft der beste Ausgangspunkt für eine gute Interpretation. Lehrerinnen und Lehrer würden das ähnlich sehen.

16 – Bezüge zur eigenen Welt

Welche Themen in [TITEL] sind heute noch relevant? Wo gibt es Parallelen zu aktuellen Debatten, Konflikten oder Lebenssituationen?

17 – Gegenposition einnehmen lassen

Verteidige die Position von [FIGUR]. Welche Argumente sprechen für ihr Handeln, auch wenn es moralisch fragwürdig erscheint?

18 – Spuren in der Alltagssprache

Gibt es Redewendungen, geflügelte Worte oder Begriffe aus [TITEL], die in die Alltagssprache eingegangen sind? Liste sie mit Originalstelle und heutiger Bedeutung.

Funktioniert besonders gut bei Goethe, Shakespeare, Schiller und der Bibel. Manchmal steckt mehr Literatur im Alltag als man vermutet.

Kreativ: Weiterdenken und Spielen

Wer die sokratische Methode mit KI kennt, weiß: Die besten Einsichten kommen oft nicht durch Antworten, sondern durch unerwartete Fragen. Diese Prompts drehen den Text um, brechen ihn auf, spielen mit ihm.

19 – Perspektivwechsel

Erzähle die Handlung von [TITEL] aus der Perspektive von [NEBENFIGUR]. Was erlebt sie, was weiß sie, was ahnt sie?

20 – Modernisierung

Wie würde [TITEL] aussehen, wenn es heute spielt? Wer wären die Figuren, was wäre der Konflikt, welches Medium würde die Geschichte am besten erzählen?

21 – Brief an den Autor

Schreibe einen Brief an [AUTOR], in dem du eine Frage zu [TITEL] stellst, die dich beschäftigt. Formuliere die Frage so, dass sie zeigt, dass du das Werk gelesen und verstanden hast.

Dieser letzte Prompt eignet sich auch als Übung für Schüler: Die KI schreibt den Brief, du bewertest, ob die Frage gut ist. Und stellst dann deine eigene.

Wie du die Prompts am besten nutzt

Nicht alle auf einmal. Such dir drei oder vier aus, die zu deiner Situation passen. Wenn du dich auf eine Klausur vorbereitest, sind die Analyse-Prompts am wichtigsten. Wenn du einen schwierigen Text zum ersten Mal liest, fang mit den Einstiegs-Prompts an. Und wenn du den Text schon kennst und tiefer einsteigen willst, geh direkt zu Interpretation und kreativem Weiterdenken.

Wichtig ist das Nachhaken. »Erklär mir das einfacher«, »Zeig mir die Stelle«, »Was spricht dagegen?« Diese Nachfragen machen den Unterschied zwischen einer oberflächlichen Antwort und echtem Verstehen. Plausibel klingt vieles, was eine KI sagt. Tragfähig ist es erst, wenn du die Textstellen daneben legen kannst.

Wer sehen will, wie das in der Praxis aussieht: Im Faust-Artikel wende ich viele dieser Prompts konkret an, mit Erklärungen, warum sie funktionieren und worauf man achten muss.

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Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage