
Katharsis. Protagonist. Tragödie. Diese Wörter benutzen wir ständig. Aber wer weiß, dass sie alle aus dem antiken griechischen Theater stammen? Die Bühne hat unsere Sprache mehr geprägt, als die meisten ahnen.
Das Theater ist eine der ältesten Kunstformen der Menschheit. Es entstand vor über 2.500 Jahren in Griechenland. Und zwar als Teil religiöser Feste zu Ehren des Gottes Dionysos. Was damals losging, hat eine eigene Sprache hervorgebracht – ein Vokabular, das von der Orchestra bis zum Schnürboden reicht, von der Peripetie bis zum Eisernen Vorhang. Manche dieser Begriffe sind längst in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen, andere kennt nur, wer hinter die Kulissen blickt.
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Wer diese Wörter kennt, versteht nicht nur das Theater besser, sondern auch ein Stück Kulturgeschichte.
Inhaltsverzeichnis
Antike Grundlagen
Die Begriffe des griechischen Theaters bilden das Fundament. Viele von ihnen sind so selbstverständlich geworden, dass wir ihre Herkunft vergessen haben.
- Theater – vom griechischen theatron, dem »Ort des Schauens«. Ursprünglich bezeichnete das Wort nur den Zuschauerraum, nicht das gesamte Gebäude.
- Orchestra – der kreisrunde Tanzplatz im Zentrum des antiken Theaters, auf dem der Chor agierte. Abgeleitet von orchesthai (tanzen). Heute meinen wir damit das Musikensemble oder den Bereich vor der Bühne.
- Skene – ursprünglich ein Zelt oder eine Hütte hinter der Spielfläche, in der sich die Schauspieler umkleideten. Daraus wurde das Bühnenhaus – und unser Wort »Szene«.
- Szene – bezeichnet heute sowohl einen Handlungsabschnitt als auch den Schauplatz. Im ursprünglichen Sinn: was sich vor der Skene abspielte.
- Proszenium – der Bereich vor dem Vorhang, der die Bühne zum Publikum hin abschließt. Vom griechischen proskenion, dem Vorbau der Skene.
- Chor – im antiken Theater eine Gruppe von Darstellern, die das Geschehen kommentierte, reflektierte und mit Gesang begleitete. Ein Bindeglied zwischen Handlung und Publikum.
- Tragödie – wörtlich »Bocksgesang« (tragos = Bock, ode = Gesang). Vermutlich benannt nach dem Bock, der bei den Dionysos-Festen geopfert oder als Preis verliehen wurde. Die ernste Gattung des Dramas.
- Komödie – von komos (ausgelassener Umzug) und ode. Das heitere Gegenstück zur Tragödie, ursprünglich verbunden mit fröhlichen Prozessionen.
- Drama – vom griechischen dran (handeln). Theater ist Handlung, nicht bloße Erzählung – das steckt schon im Wort.
- Deus ex machina – der »Gott aus der Maschine«. Im antiken Theater wurde mit einem Kran (Mechane) eine Götterfigur auf die Bühne herabgelassen, um scheinbar unlösbare Konflikte zu lösen. Heute: jede überraschende, aber unglaubwürdige Auflösung.
Dramaturgische Begriffe
Die Struktur eines Theaterstücks folgt Regeln, die auf Aristoteles zurückgehen. Sein Vokabular prägt die Dramaturgie bis heute.
- Protagonist – die Hauptfigur eines Dramas. Wörtlich der »Erste Kämpfer« (protos = erster, agonistes = Kämpfer). Im antiken Theater war er der wichtigste der drei zugelassenen Schauspieler.
- Antagonist – der Gegenspieler des Protagonisten. Ohne ihn kein Konflikt, ohne Konflikt kein Drama.
- Katharsis – die »Reinigung« der Seele durch das Miterleben von Furcht und Mitleid. Aristoteles sah darin die Wirkung der Tragödie auf das Publikum.
- Peripetie – der plötzliche Umschlag des Schicksals, meist vom Glück ins Unglück. Der dramatische Wendepunkt.
- Anagnorisis – der Moment der Erkenntnis, in dem der Held die Wahrheit über sich oder seine Situation begreift. Oft unmittelbar mit der Peripetie verbunden.
- Hamartia – der tragische Fehler oder das Fehlurteil des Helden, das sein Unglück auslöst. Nicht moralische Schuld, sondern ein verhängnisvoller Irrtum.
- Hybris – Übermut, Selbstüberhebung. Wer sich über die Götter erhebt, wird bestraft. Ein zentrales Motiv der griechischen Mythologie und Tragödie.
- Exposition – die Einführung in Ort, Zeit, Figuren und Ausgangssituation zu Beginn eines Stücks.
- Retardierendes Moment – eine scheinbare Verzögerung oder Entspannung der Handlung kurz vor der Katastrophe. Weckt falsche Hoffnung und steigert die Spannung.
- Stichomythie – ein schneller Wortwechsel, bei dem die Dialogpartner sich Zeile für Zeile antworten. Stilmittel für Spannung und rhetorische Schärfe.
- Monolog – eine Rede, die eine Figur allein auf der Bühne hält. Gibt Einblick in Gedanken und Gefühle.
- Botenbericht – Ereignisse, die nicht auf der Bühne gezeigt werden (etwa Schlachten oder Gewalt), werden durch einen Boten erzählt. Ein Mittel, um das Unsichtbare sichtbar zu machen.
- Mauerschau – (auch: Teichoskopie) eine Figur beobachtet von der Bühne aus ein Geschehen, das außerhalb stattfindet, und beschreibt es dem Publikum.
Hinter der Bühne
Das Theater hat einen komplexen technischen Apparat. Das Vokabular stammt zum Teil von Seeleuten, die ihr Wissen über Seilzüge und Takelage einbrachten.
- Schnürboden – der Bereich über der Bühne, von dem aus Kulissen, Vorhänge und Beleuchtung an Seilen bewegt werden. Das Herz der Obermaschinerie.
- Soffitte – eine hängende Stoffbahn, die den oberen Abschluss des Bühnenbildes bildet und den Blick in die Technik verhindert.
- Prospekt – ein gemalter oder bedruckter Hintergrund, der die Illusion eines Raumes erzeugt.
- Gasse – der Raum zwischen den seitlichen Kulissen, durch den Darsteller unbemerkt auf- und abtreten können.
- Portal – der sichtbare Rahmen, der die Bühnenöffnung zum Zuschauerraum begrenzt.
- Rampe – die vordere Bühnenkante, an der traditionell die Fußbeleuchtung (Rampenlichter) angebracht war. »An die Rampe treten« bedeutet, sich dem Publikum direkt zuzuwenden.
- Eiserner Vorhang – eine massive Brandschutzwand aus Metall, die im Notfall Bühne und Zuschauerraum trennt. Nach dem verheerenden Brand im Wiener Ringtheater 1881 wurde er zur Pflicht.
- Drehbühne – eine rotierende Plattform, die schnelle Szenenwechsel ermöglicht.
- Hubpodium – ein beweglicher Bühnenboden, mit dem Kulissen oder Darsteller vertikal transportiert werden.
- Fundus – das Lager für Kostüme, Möbel und Requisiten aus früheren Produktionen. Das materielle Gedächtnis des Theaters.
- Requisite – alle beweglichen Gegenstände, die auf der Bühne verwendet werden, vom Schwert bis zur Kaffeetasse.
Menschen am Theater
Theater ist Teamarbeit. Viele Berufe gibt es nur hier.
- Inspizient – der heimliche Herrscher der Vorstellung. Er gibt von seinem Pult aus alle Einsätze für Licht, Ton, Bühnentechnik und Auftritte. Ohne sein »Go« passiert nichts.
- Dramaturg – berät bei der Stückauswahl, bearbeitet Texte, schreibt Programmhefte und begleitet Regisseure bei der Probenarbeit. Der intellektuelle Begleiter einer Inszenierung.
- Souffleur – sitzt versteckt im Souffleurkasten an der Rampe und flüstert den Darstellern bei Texthängern den Text zu.
- Regisseur – leitet die künstlerische Umsetzung eines Stücks. Entwickelt die Interpretation und führt die Schauspieler.
- Intendant – der künstlerische und oft auch kaufmännische Leiter eines Theaters. Bestimmt den Spielplan und die Ausrichtung des Hauses.
- Rüstmeister – ein fast ausgestorbener Beruf. Zuständig für Waffen, Rüstungen und pyrotechnische Effekte. Braucht Fachwissen über Ballistik und Sicherheit.
Aberglaube und Tradition
Das Theater ist ein Ort extremer Anspannung. Kein Wunder, dass sich Rituale und Tabus entwickelt haben.
- Toi, toi, toi – der traditionelle Glückwunsch vor der Premiere. Wichtig: Man darf sich niemals bedanken! Die korrekte Antwort ist »Wird schon schiefgehen« oder gar nichts. Der Aberglaube besagt, dass ein direktes »Danke« den Neid böser Geister weckt.
- Ghost Light – ein einzelnes Licht, das auf der leeren Bühne brennt, wenn das Theater geschlossen ist. Offiziell zur Unfallverhütung. Der Legende nach aber auch, um die Geister des Hauses zu besänftigen.
- Das Schottische Stück – Shakespeares »Macbeth« darf innerhalb eines Theaters nicht beim Namen genannt werden. Zu viele Unfälle und Todesfälle begleiteten Aufführungen dieses Stücks. Man spricht stattdessen vom »Scottish Play«.
- Pfeifverbot – auf der Bühne oder im Schnürboden zu pfeifen galt als gefährlich. Früher verständigten sich Techniker per Pfiff; ein unbedachtes Pfeifen konnte dazu führen, dass eine schwere Kulisse herabgelassen wurde.
Modernes Theater
Im 20. Jahrhundert entstanden neue Konzepte, die das Verhältnis zwischen Bühne und Publikum radikal veränderten.
- Vierte Wand – die imaginäre Wand zwischen Bühne und Zuschauerraum. Im realistischen Theater tun die Schauspieler so, als gäbe es kein Publikum. Die »vierte Wand durchbrechen« bedeutet, diese Illusion aufzuheben.
- Verfremdungseffekt (V-Effekt) – von Bertolt Brecht entwickelt. Das Publikum soll nicht in die Handlung hineingezogen, sondern zum kritischen Nachdenken angeregt werden. Techniken: direkte Ansprache, sichtbare Bühnentechnik, Unterbrechungen.
- Episches Theater – Brechts Alternative zum aristotelischen Drama. Statt Einfühlung fordert es Distanz, statt Illusion zeigt es die Konstruiertheit der Welt.
- Repertoire – der Bestand an Inszenierungen, die ein Theater jederzeit wieder aufführen kann. Das Gegenteil ist das Stagione-System, bei dem Produktionen nur für eine begrenzte Zeit laufen.
- Sitzprobe – im Musiktheater die erste gemeinsame Probe von Sängern und Orchester. Die Darsteller sitzen dabei oft, um sich ganz auf die musikalische Abstimmung zu konzentrieren.
Das Theater spricht seine eigene Sprache – und wer sie versteht, hört die Echos von 2.500 Jahren Kulturgeschichte. Von der Orchestra der alten Griechen bis zum Verfremdungseffekt des 20. Jahrhunderts: Diese Begriffe sind mehr als Fachvokabular. Sie erzählen davon, wie Menschen zu allen Zeiten versucht haben, das Leben auf die Bühne zu bringen.