
Bildungssprache stellt einen Kanon aus erlesenen Begriffen dar, die sich über Jahrhunderte entwickelt haben. Das Vokabular der Intellektuellen, Professoren und Mediziner. Längst aber auch das von Journalisten, die einem Text etwas Gewähltes geben wollen. Bildungssprachliche Verben sind dabei die unauffälligsten Vertreter dieses Kanons, und womöglich die nützlichsten.
Was ist Sinn und Nutzen der Bildungssprache?
Diese Art der Sprache ist komplex, abstrakt, gelegentlich umständlich und trotzdem nützlich. Ihre Verwendung dient selten der reinen Zurschaustellung. Im Kern geht es um Präzision, um das genaue Wort statt des ungefähren.
So entsteht ein hörbarer Abstand zur Alltagssprache. Ob der erwünscht ist, hängt vom Gegenüber ab. Im Bewerbungsgespräch hilft er, am Stammtisch wirkt er schnell prätentiös. Wo genau die Grenze verläuft, zeigt der Artikel über akademisches Sprechen ohne Lexikon-Ton.
Es lohnt sich, beim Lesen darauf zu achten, wo solche Verben auftauchen. In Leitartikeln, in Essays, in guten Interviews. So lässt sich der eigene Wortschatz Schritt für Schritt erweitern, fast nebenbei.
Liste schlauer bildungssprachlicher Verben
Es handelt sich nicht um Fach- oder Fremdwörter, auch wenn sie ursprünglich aus anderen Sprachen zu uns kamen. Sie sind allesamt in Gebrauch.
Bildungssprachliche Verben sind gebräuchliche Tätigkeitswörter einer gehobenen Sprachebene, etwa konstatieren, postulieren oder eruieren. Sie stammen meist aus dem Lateinischen, gelten aber nicht als Fremdwörter, weil sie fest im deutschen Wortschatz verankert sind.
- affirmieren — bekräftigen, bejahen
- agieren — handeln, tätig sein
- apostrophieren — erwähnen, herausstellen
- artikulieren — in Worte fassen, zum Ausdruck bringen
- assoziieren — mit etwas verknüpfen, in Verbindung bringen, sich zusammentun
- autorisieren — jemanden bevollmächtigen oder zu etwas ermächtigen
- basieren — fußen, beruhen, sich gründen, sich stützen
- dekomponieren — zerlegen, auflösen
- destruieren — zerstören, demolieren
- distanzieren — etwas zurückweisen
- dokumentieren — etwas zum Ausdruck bringen oder durch Dokumente belegen
- eliminieren — etwas entfernen, auslöschen, ausmerzen, beseitigen, vernichten (hat weitere Bedeutungen)
- evaluieren — bewerten
- exkulpieren — sich entlasten oder rechtfertigen
- expandieren — sich ausdehnen, vergrößern, zunehmen
- explizieren — erklären, erläutern
- favorisieren — bevorzugen, begünstigen
- figurieren — eine Rolle spielen, in Erscheinung treten, auftreten
- fingieren — vortäuschen, etwas wissentlich fälschen
- fixieren — schriftlich niederlegen, festhalten
- flottieren — schwanken, schweben
- fluktuieren — schwanken, wechseln, sich ändern
- frappieren — in Erstaunen versetzen, sehr überraschen
- fundieren — grundlegen, unterstützen, festigen
- generieren — hervorbringen, erzeugen
- gerieren — sich aufführen, auftreten, sich als jemand zeigen
- goutieren — Gefallen an etwas finden, etwas begrüßen
- handhaben — mit etwas kunstgerecht umgehen, etwas ausführen, hantieren
- imaginieren — sich vorstellen, einbilden
- initiieren — den Anstoß geben, in die Wege leiten, in eine Gemeinschaft einführen
- innervieren — anregen, etwas veranlassen
- insistieren — auf etwas bestehen, beharren, dringen
- inspirieren — zu etwas anregen, beflügeln
- instigieren — anregen, anstiften, anstacheln
- interpretieren — erklären, erläutern, auslegen
- intervenieren — in ein Geschehen eingreifen, sich einschalten
- kategorisieren — nach Kategorien ordnen, einordnen
- kommunizieren — in Verbindung stehen oder sich verständigen, miteinander sprechen
- komponieren — etwas nach bestimmten Gesichtspunkten gestalten
- kongruieren — in allen Punkten übereinstimmen, völlig gleich sein
- konsolidieren — sichern, stabilisieren, festigen
- konstatieren — feststellen
- konsternieren — entsetzen, erschrecken, erschüttern, schockieren, verschrecken
- konstruieren — herstellen, aufbauen, gedanklich zusammensetzen
- kontaktieren — mit jemandem Kontakt aufnehmen
- konterkarieren — hintertreiben, durchkreuzen
- kontrahieren — in Konkurrenz zueinander stehen
- konvergieren — sich einander nähern, übereinstimmen
- konzedieren — einräumen, zugestehen
- konzeptualisieren — ein Konzept entwerfen, als Konzept gestalten
- korrespondieren — übereinstimmen, in Beziehung stehen, entsprechen
- korrumpieren — jemanden durch Bestechung gewinnen, zu Handlungen verleiten
- kreieren — erschaffen, gestalten, erfinden
- lancieren — gezielt in die Öffentlichkeit gelangen lassen
- legitimieren — für legitim erklären, als rechtmäßig anerkennen, sich ausweisen
- manipulieren — jemanden durch bewusste Beeinflussung in eine bestimmte Richtung lenken
- memorieren — auswendig lernen
- modeln — umformen, umgestalten
- modifizieren — etwas anders gestalten, umgestalten, abändern, abwandeln
- modulieren — gestaltend abwandeln, abwandelnd gestalten
- operieren — in einer bestimmten Weise handeln, vorgehen, mit etwas umgehen, arbeiten
- paraphieren — einen Vertrag vorläufig unterzeichnen
- parlieren — in einer Fremdsprache reden, früher auch im Sinn von Konversation machen
- permittieren — erlauben, zulassen
- plädieren — sich für etwas aussprechen
- postulieren — fordern, verlangen, etwas für notwendig erklären oder als gegeben hinstellen
- präparieren — vorbereiten, sich vorbereiten
- projektieren — ein Projekt entwerfen, im Voraus planen
- prosperieren — gedeihen, sich gut entwickeln
- protegieren — sich für jemandes berufliches oder gesellschaftliches Fortkommen einsetzen
- realisieren — etwas in die Tat umsetzen
- referieren — ein Referat halten, zusammenfassend über etwas berichten
- regenerieren — mit neuer Kraft beleben
- reflektieren — nachdenken
- reklamieren — etwas für sich beanspruchen oder zurückfordern
- repetieren — durch Wiederholen einüben, lernen
- residieren — wohnen, Hof halten
- reüssieren — Anerkennung finden, Erfolg haben
- sanktionieren — mit Sanktionen belegen, billigen, gutheißen und dadurch legitimieren
- segmentieren — in Segmente zerlegen, aufgliedern
- substanziieren (substantiieren) — mit Substanz erfüllen, begründen
- substituieren — ersetzen, austauschen
- suggerieren — jemandem etwas einreden, einflüstern, einen bestimmten Eindruck entstehen lassen
- taxieren — einschätzen
- thematisieren — zum Thema machen
- tolerieren — dulden, zulassen, gelten lassen
- tradieren — überliefern, etwas Überliefertes weiterführen
- verbalisieren — in Worte fassen, zum Ausdruck bringen
- vitalisieren — beleben, anregen
- votieren — für oder gegen jemanden (oder etwas) entscheiden oder abstimmen
Wann ist etwas bildungssprachlich, wann nicht?
Dasselbe Wort kann im einen Zusammenhang bildungssprachlich sein und im anderen nicht. Nimm »operieren«. Im Alltag denkt man an den chirurgischen Eingriff, an den Operationssaal. In der Bildungssprache meint es eine Handlung, eine planmäßig durchgeführte Unternehmung. Wer bildungssprachlich operiert, steht nicht am OP-Tisch, sondern verfolgt einen Plan. Der Duden führt beide Lesarten getrennt auf.
Ein bildungssprachliches Verb ist also nicht durch seine Herkunft definiert, sondern durch seinen Gebrauch. Entscheidend ist die Sprachebene, auf der es steht, nicht das Lateinische in seinem Stammbaum. Bei einigen Paaren führt genau das in die Irre; welche sich besonders hartnäckig verwechseln lassen, steht bei den 11 Begriffspaaren der Bildungssprache.
Wie viel davon verträgt ein Text?
Weniger, als man denkt. Ein einzelnes präzises Verb hebt einen Absatz. Drei davon in Folge kippen ihn ins Geschraubte, und der Leser hört auf, dem Inhalt zu folgen, weil er mit dem Ton beschäftigt ist.
Die Faustregel ist unspektakulär. Setze das gehobene Verb dort, wo das Alltagsverb wirklich ungenau wäre. »Er stellte fest« und »er konstatierte« bedeuten dasselbe, aber »er konzedierte« sagt etwas, das »er sagte« nicht sagt, nämlich dass er es widerwillig zugab. Wo kein Bedeutungsgewinn steht, bleibt nur Klang. Und Klang allein trägt keinen Satz.
Wer erst einmal ein Grundgerüst braucht, findet in den 59 Begriffen für die Oberstufe die praxisnähere Auswahl.
Praktische Beispiele gefällig? Dann schau dir Bildungssprache in 25 Zitaten aus der klassischen Literatur an. Und wer von Verben genug hat, findet bei den femininen Substantiven der Bildungssprache die nächste Schicht des Wortschatzes.
Am Ende zählt nicht, wie viele dieser Verben man kennt, sondern wie oft man auf sie verzichtet.