
Noch mehr Götter … Auch die Moiren gelten in der griechischen Mythologie als göttliche Wesenheiten. Sie sind Kräfte des Schicksals, die über Leben und Tod aller Sterblichen und sogar der Götter selbst herrschten. Klingt nach viel Macht für drei alte Damen mit Spindel und Schere.
Inhaltsverzeichnis
Wegen ihrer göttlichen Natur und Fähigkeit, über das Schicksal zu wachen, stehen die Moiren noch über den höchsten Göttern wie Zeus. Man war der Überzeugung, dass ein vorbestimmtes Schicksal selbst göttlicher Macht trotzt. Das galt als zentral für die kosmische Ordnung der Antike.
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Die Moiren weben …
Woher kommen die Moiren?
Die mythologischen Wurzeln der Moiren sind komplex und je nach antiker Quelle verschieden. Meistens gelten sie als Töchter der Nyx, der Göttin der Nacht, ohne Beteiligung eines männlichen Partners. Diese Zuschreibung betont ihre Verbindung zu den Urkräften der Welt und zu den dunkleren Seiten des Daseins.
Hesiod bezeichnet die Schicksalsgöttinnen in seiner »Theogonie« als allein von Nyx gezeugt. Spätere Mythen sehen sie als Nachkommen des Zeus und der Themis, der Titanin für göttliche Ordnung und Gerechtigkeit. Welche Version man bevorzugt, hängt von der Quelle ab. Eindeutig ist nur ihre Macht.
Nyx, die Göttin der Nacht, zählt zu den ersten Wesen des Universums, entstanden aus dem Chaos. Sie wird oft mit Flügeln dargestellt, die sie durch den Nachthimmel gleiten lassen, umhüllt von einem Mantel in den Farben der Nacht. Selbst Zeus soll sie gefürchtet haben. Externer Link: Nyx – griechische Göttin der Nacht
Obgleich die Moiren fester Bestandteil der griechischen Mythologie sind, existieren vergleichbare Gestalten auch in anderen Kulturkreisen. Das deutet auf ein weitverbreitetes Konzept von Schicksalsgöttinnen hin, die über das menschliche Dasein wachen. In der römischen Mythologie sind die Parzen das Pendant zu den Moiren, bei den Germanen waren es die Nornen.

Nyx, die Nacht
Klotho, Lachesis, Atropos: Die drei Schicksalsgöttinnen
Die Darstellung der Moiren variiert in Kunst und Literatur der Antike, doch einige Merkmale ziehen sich durch.
- Klotho, die Spinnerin, gilt als die Jüngste. Das Küken unter den Göttinnen sozusagen. Mit Spinnrad oder Spindel in der Hand spinnt sie den Lebensfaden und steht symbolisch für den Lebensanfang.
- Lachesis, die Zuteilerin, zeigt sich meist mit Stab oder Rute, um die Länge des Lebensfadens zu messen. Sie entscheidet über Schicksal und Lebensspanne eines Menschen. Häufig wird sie als reife Frau dargestellt.
- Atropos, die Unabwendbare, gilt als die Älteste der Schwestern. Oft mit Schere oder scharfem Werkzeug dargestellt, durchtrennt sie den Lebensfaden. Ein Symbol für den Tod. Ihre Gestalt spiegelt eine ernste und bestimmte Haltung wider. Sie ist die Vollstreckerin.
Zusammen bilden sie eine Einheit, die den gesamten Lebenszyklus abdeckt: Anfang, Verlauf, Ende. Keine von ihnen handelt allein.

Klotho, die junge Spinnerin
Adjektive, die die Moiren beschreiben
Die Moiren sind unausweichlich, unparteiisch, mysteriös, allwissend, ewig, unveränderlich, mächtig und geheimnisvoll. Diese Adjektive spiegeln ihre Rolle im kosmologischen Verständnis der antiken Griechen wider, insbesondere ihre absolute Autorität über das Schicksal.
Was auffällt: Kein einziges dieser Wörter beschreibt etwas Freundliches oder Warmes. Die Moiren sind keine Wohltäterinnen, sie sind Instanzen. Wer mit ihnen in Berührung kam, hatte wenig zu verhandeln.
Was unterscheidet die Moiren von den Furien?
Die Furien repräsentieren Vergeltung und Gerechtigkeit angesichts von Verstößen gegen die moralische Ordnung. Die Moiren dagegen stehen für das unveränderliche Schicksal, das das Leben aller Wesen bestimmt.
Kurz gesagt: Die Furien bestrafen, die Moiren bestimmen. Beide sind nicht besonders angenehm, aber aus völlig verschiedenen Gründen.
Selbst Götter konnten ihr Schicksal nicht ändern
Die Macht der Moiren über das Schicksal macht klar, dass selbst die höchsten Götter ihren Entscheidungen unterworfen waren.
- Zeus: Als oberster Gott verfügte Zeus über enorme Macht, doch selbst er konnte das von den Moiren gewobene Schicksal nicht ändern. Es gibt Mythen, die andeuten, dass Zeus zwar in menschliche und göttliche Schicksale eingreifen konnte, aber dennoch den von den Moiren bestimmten Wegen unterlag.
- Apollon und Admetus: Apollon, bemüht den Tod seines Freundes Admetus abzuwenden, machte die Moiren betrunken. Doch selbst diese göttliche Intervention konnte das Schicksal nur vorübergehend beeinflussen. Es gelang ihm lediglich, die Zustimmung zu erhalten, dass jemand anderes freiwillig für Admetus sterben durfte. Die festgelegte Bestimmung der Moiren blieb unangetastet. Göttliche List gegen kosmische Ordnung – kein besonders fairer Kampf.
- Herakles: Innerhalb seiner zwölf legendären Arbeiten stand Herakles vor der Aufgabe, Alkestis aus der Unterwelt zu retten. Alkestis hatte sich bereit erklärt, für ihren Mann Admetus zu sterben, ein Schicksal, das die Moiren verhängt hatten. Sogar Herakles, als Halbgott und Sohn des Zeus, konnte daran nichts ändern. Er konnte Alkestis nur durch eine seltene Ausnahme von Hades zurückholen.

Apollon und sein Freund Admetus
Die Moiren in Büchern und Popkultur
Die Faszination für Schicksal und Vorbestimmung hat die Moiren bis in die Gegenwart getragen. In der modernen Literatur und Popkultur tauchen sie in verschiedenen Formen auf.
- Neil Gaiman’s »Sandman«
In dieser Comicreihe sind die Moiren als »Die Schwestern Drei« bekannt. Gaiman verwebt sie in eine Erzählung, die sowohl die traditionellen Attribute respektiert als auch ihnen neue Facetten verleiht. - Rick Riordan’s »Percy Jackson & die Olympier«
Riordan präsentiert die Moiren in einem jugendfreundlichen Licht. Hier sind sie Teil eines größeren Netzes von Göttern und mythologischen Wesen, die das Leben junger Helden beeinflussen. So werden die Moiren einer neuen Generation nähergebracht. - Terry Pratchett’s »Scheibenwelt«
In Pratchetts Universum erhalten die Moiren eine humorvolle und doch sinnvolle Behandlung. Ihr Wirken wird so adaptiert, dass es die mythologischen Wurzeln ehrt und gleichzeitig Raum für satirische Betrachtungen über Schicksal und Freiheit schafft.

Was die Moiren uns heute noch sagen
Die Moiren sind mehr als antike Relikte. Sie stehen im Zentrum einer Debatte, die bis heute geführt wird: Determinismus gegen freien Willen, unsere Position im Universum, die Annahme dessen, was wir nicht ändern können.
Man könnte sagen, sie servieren uns eine klare Botschaft: Akzeptiere das Unausweichliche. Obwohl wir danach streben, unser Schicksal selbst in der Hand zu halten, entziehen sich gewisse Ereignisse unserem Einfluss. Diese Erkenntnis fordert uns auf, die Grenzen unserer Macht zu respektieren und mit einer Mischung aus Demut und Gelassenheit zu handeln.
Gib dein Bestes, aber akzeptiere, dass das Leben seine eigenen Wege geht. Diese Fähigkeit, ein Gleichgewicht zwischen Anstrengung und Loslassen zu finden, ist vielleicht die zeitloseste Lehre, die uns die griechische Götterwelt hinterlassen hat.
Übrigens heißt es gewebt, nicht gewoben. Nur, falls du fragen wolltest.
