
KI wechseln war bis vor kurzem wie Umziehen ohne Möbelwagen. Ja, man konnte jederzeit gehen, aber alles, was man sich aufgebaut hatte, blieb zurück.
Wer monatelang mit ChatGPT gearbeitet hat, der hat dem Modell unweigerlich beigebracht, wie man schreibt, was man braucht und worauf man Wert legt. Dann kam Anfang März 2026 Anthropic mit einem Import-Tool für Claude, und wenige Wochen später zog Google nach. Plötzlich gibt es Umzugshelfer.
Inhaltsverzeichnis
Was passiert ist
Innerhalb eines Monats haben zwei der drei großen KI-Anbieter Import-Werkzeuge veröffentlicht. Am 2. März startete Anthropic ein Memory-Import-Tool für Claude. Nutzer kopieren einen vorgefertigten Prompt in ihren bisherigen Chatbot, der daraufhin alle gespeicherten Erinnerungen und Vorlieben zusammenfasst. Diese Zusammenfassung wird in Claude eingefügt, und innerhalb von 24 Stunden übernimmt Claude den Kontext.
Am 26. März legte Google nach und ging einen Schritt weiter. Gemini bietet jetzt zwei Werkzeuge: »Import Memory« funktioniert wie bei Claude, per Prompt und Copy-Paste. Zusätzlich gibt es »Import Chat History«, womit sich komplette Gesprächsverläufe als ZIP-Datei hochladen lassen, bis zu 5 GB, maximal fünf Dateien pro Tag. Die importierten Chats erscheinen in Geminis Seitenleiste und lassen sich durchsuchen.
OpenAI? Bietet bislang nichts Vergleichbares an. ChatGPT erlaubt zwar den Export der eigenen Daten, aber keinen Import von außen. Wer zu ChatGPT wechseln will, fängt bei null an.
Warum mancher jetzt wechseln will
Die technischen Werkzeuge sind das eine. Der Anlass ist das andere. Im Februar 2026 hat OpenAI Werbung in ChatGPT eingeführt, zunächst für Nutzer der kostenlosen und der günstigeren Go-Stufe. Wer keine Anzeigen sehen will, muss auf Plus oder Pro upgraden. Anthropic konterte mit einem Versprechen, Claude werbefrei zu halten, und schaltete sogar einen Spot während des Super Bowl, der sich über Werbung in KI-Chatbots lustig machte.
Dann kam Ende Februar der Pentagon-Deal. OpenAI unterschrieb eine Vereinbarung mit dem US-Verteidigungsministerium. Anthropic lehnte ab und erklärte, man wolle Claude nicht für Massenüberwachung oder autonome Waffen einsetzen lassen. Die Reaktion war heftig: Trump nannte Anthropic »left-wing nut jobs«, alle Bundesbehörden wurden angewiesen, Anthropic-Produkte zu meiden. Gleichzeitig landete Claude auf Platz 1 im US App Store und überholte erstmals ChatGPT.
Eine Welle von Nutzern wechselte. Und genau in diesem Moment boten erst Anthropic, dann Google die passenden Werkzeuge dafür an. Zufall ist das womöglich nicht.
Wie funktioniert der Memory-Import bei KI?
Das Prinzip ist bei Claude und Gemini im Kern identisch. Man bekommt einen vorgefertigten Prompt, der ungefähr so lautet:
Ich wechsle zu einem anderen Dienst und muss meine Daten exportieren. Liste alle Erinnerungen auf, die du über mich gespeichert hast, sowie jeden Kontext, den du aus vergangenen Gesprächen über mich gelernt hast. Gib alles in einem einzigen Codeblock aus, damit ich es leicht kopieren kann.
Diesen Prompt gibt man in seinen bisherigen Chatbot ein. Der erstellt daraus eine strukturierte Zusammenfassung der eigenen Vorlieben, Arbeitskontexte und Kommunikationsgewohnheiten. Diese Zusammenfassung kopiert man in den neuen Chatbot, fertig. Bei Claude findet man die Option unter Einstellungen → Fähigkeiten → Memory, bei Gemini unter Einstellungen → Import Memory.
Was dabei übertragen wird: Präferenzen, wiederkehrende Themen, Schreibstil, Arbeitskontexte. Was nicht übertragen wird: hochgeladene Dateien, KI-generierte Bilder, Projektanhänge.
Chatverläufe mitnehmen – nur bei Gemini
Gemini bietet zusätzlich den Import kompletter Chatverläufe. Man exportiert seine Gespräche bei ChatGPT oder Claude als ZIP-Datei und lädt sie unter gemini.google.com/import hoch. Die importierten Unterhaltungen tauchen in der Seitenleiste auf, mit eigenem Icon gekennzeichnet, und sind durchsuchbar. Man kann sogar dort weitermachen, wo man aufgehört hat.
Allerdings: Was man dann als Antwort bekommt, kommt von Gemini, nicht mehr vom Originalmodell. Die alten Antworten von ChatGPT bleiben lesbar, aber jede Fortsetzung klingt nach Google. Ob das ein Vorteil oder ein Nachteil ist, kommt auf den Einzelfall an.
Was übertragen wird und was nicht
| Funktion | Claude | Gemini | ChatGPT |
|---|---|---|---|
| Memory-Import (Vorlieben, Kontext) | Ja, per Copy-Paste | Ja, per Copy-Paste | Nein |
| Chatverläufe importieren | Nein | Ja, als ZIP bis 5 GB | Nein |
| Eigene Daten exportieren | Ja | Ja | Ja |
| Dateianhänge übertragen | Nein | Nein | Nein |
| Verfügbar in der EU | Ja | Nein (Stand 03/2026) | – |
Der letzte Punkt ist für Nutzer im deutschsprachigen Raum entscheidend: Geminis Import-Funktion ist im Europäischen Wirtschaftsraum, im Vereinigten Königreich und in der Schweiz noch nicht verfügbar. Vermutlich wegen der DSGVO, aber Google hat sich dazu nicht konkret geäußert.
Lohnt sich ein Wechsel?
Das hängt davon ab, warum man wechseln will. Wer mit der Qualität seiner aktuellen KI unzufrieden ist, hat jetzt jedenfalls weniger Ausreden, beim alten Anbieter zu bleiben. Die Hürde war bisher: Ich habe da schon so viel reingesteckt, ich kann nicht einfach wechseln. Diese Hürde ist jetzt deutlich niedriger.
Wer aus politischen Gründen wechselt, findet bei Anthropic und Google die Türen weit offen. Wer aus technischen Gründen wechselt, sollte vorher prüfen, ob das neue Modell für die eigenen Aufgaben tatsächlich besser ist. Ein importierter Kontext macht aus einem schwächeren Modell kein stärkeres.
Und dann ist da noch die Frage, ob man überhaupt wechseln muss. Man kann auch mehrere KI-Assistenten parallel nutzen. Den Memory-Import kann man in beide Richtungen verwenden. Nichts hält einen davon ab, seinen Kontext gleichzeitig in Claude und Gemini zu haben und je nach Aufgabe den passenden Assistenten zu wählen.
Was das für den Markt bedeutet
Bis vor kurzem funktionierte der KI-Markt wie ein Mobilfunkvertrag in den Nullerjahren. Du konntest kündigen, aber deine Nummer, dein Adressbuch und deine SMS blieben beim alten Anbieter. Dann kam die Rufnummernportierung, und plötzlich war Wechseln kein Drama mehr.
Genau das passiert gerade bei KI-Modellen. Die Import-Werkzeuge senken die Wechselkosten, und das verändert die Dynamik. Wenn Nutzer jederzeit gehen können, müssen die Anbieter ständig liefern. Schlechte Updates, nervige Werbung, fragwürdige Geschäftsentscheidungen haben jetzt sofort Konsequenzen, weil die Konkurrenz nur einen Copy-Paste entfernt ist.
Dass ausgerechnet OpenAI als einziger der drei großen Anbieter keinen Import anbietet, ist bezeichnend. ChatGPT ist immer noch Marktführer mit rund 900 Millionen wöchentlich aktiven Nutzern (Stand 03/2026). Gemini kommt auf etwa 750 Millionen monatlich aktive Nutzer. Wer oben steht, hat wenig Interesse daran, den Wechsel zu erleichtern. Wer aufholen will, schon.
Was man vor dem Wechsel wissen sollte
Erstens: Die Daten, die man exportiert, landen beim neuen Anbieter. Wer über Monate hinweg persönliche Informationen, Geschäftsstrategien oder medizinische Fragen in einen Chatbot getippt hat, kopiert das jetzt in ein anderes System. Bei Google heißt das: Es liegt auf Google-Servern. Bei Anthropic: auf deren. Man sollte sich vorher überlegen, ob das in Ordnung ist.
Zweitens: Der Memory-Import überträgt, was der alte Chatbot über einen weiß. Wer regelmäßig den temporären Chat genutzt oder das Training abgeschaltet hat, wird feststellen, dass es nicht viel zu exportieren gibt. Das System kann nur exportieren, was es gespeichert hat.
Drittens: Keines der Import-Werkzeuge überträgt Custom GPTs, Projekte, Skills oder andere individuelle Konfigurationen. Es geht nur um Gesprächsdaten und Präferenzen. Wer komplexe Workflows in einem System aufgebaut hat, muss die auf der neuen Plattform neu einrichten.
Wem seine KI-Gespräche wichtig sind, der sollte sie unabhängig vom Anbieter regelmäßig sichern. Nicht weil ein Wechsel ansteht, sondern weil Dinge passieren. Das ist bei KI nicht anders als bei allem anderen auch.