
KI in der Berufsschule ist längst kein Zukunftsthema mehr. Während 60 Prozent der Beschäftigten in Deutschland KI-Technologien am Arbeitsplatz nutzen, hinkt die berufliche Bildung noch hinterher. Nicht weil niemand will, sondern weil vieles ungeklärt ist. Was erlaubt ist, was funktioniert und was Azubis und Lehrkräfte wirklich erleben.
Inhaltsverzeichnis
Was Lehrkräfte mit KI in der Berufsschule machen
Die Zahlen aus dem Deutschen Schulbarometer 2025 sind ernüchternd. Nur 31 Prozent der Lehrkräfte nutzen KI-Tools regelmäßig im Unterricht. Ebenfalls 31 Prozent haben im gesamten letzten Schuljahr überhaupt keine KI verwendet. Die Studie wurde im Winter 2024 mit 1.540 Lehrkräften an allgemein- und berufsbildenden Schulen bundesweit durchgeführt.
Die KI-Nutzer unter den Lehrkräften erstellen damit vor allem Aufgaben für den Unterricht (58 Prozent) und planen damit ihren Unterricht (56 Prozent). Beide Werte zeigen, dass KI vor allem als Arbeitserleichterung hinter den Kulissen genutzt wird. Im Unterricht selbst kommt sie deutlich seltener vor. Für individualisierte Lernangebote setzen nur 28 Prozent die Technologie ein, für die Bewertung von Schülerarbeiten gerade einmal 6 Prozent.
Das ist womöglich der entscheidende Punkt. KI verändert bislang vor allem die Vorbereitung, kaum den Unterricht selbst. Und der Unterricht ist der Ort, wo Azubis etwas davon hätten.
KI in der Berufsschule bezeichnet den Einsatz von KI-Werkzeugen wie ChatGPT, Copilot oder spezialisierten Lernplattformen im Unterricht an Berufsschulen. Sie kann für Aufgabenerstellung, Unterrichtsplanung, Prüfungsvorbereitung oder individuelles Feedback eingesetzt werden. Was erlaubt ist, regelt jede Schule und jedes Bundesland unterschiedlich.
Was Azubis mit KI anfangen
Berufsschüler nutzen KI. Das ist kein Geheimnis. Wie der Alltag an deutschen Schulen aussieht, wenn KI im Spiel ist, zeigt: Es gibt längst eine informelle Praxis, unabhängig davon, was die Schule offiziell erlaubt oder verbietet.
Azubis nutzen ChatGPT und Co., um Fachbegriffe zu erklären, Prüfungsstoff zu strukturieren oder Lernkarten zu generieren. In Ausbildungsberufen mit hohem Textanteil, also Kaufleute, Bürokaufleute oder Medizinische Fachangestellte, läuft das schon seit einer Weile. In technischen Berufen kommt KI als Debugging-Hilfe oder Dokumentationsassistent dazu.
Der Unterschied zum allgemeinbildenden Gymnasium liegt im Praxisbezug. Wenn ein Azubi im zweiten Lehrjahr eine Fehleranalyse mit KI-Unterstützung durchführt, übt er gleichzeitig, was er im Betrieb braucht. Das macht die Berufsschule womöglich zum interessanteren Testfeld als das Gymnasium.
Welche KI-Tools in der Berufsschule im Einsatz sind
ChatGPT ist das bekannteste Tool, aber nicht das einzige. An Berufsschulen werden zunehmend auch Microsoft Copilot wegen der Office-Integration, Fobizz und SchulKI eingesetzt. Beide letztgenannten wurden speziell für den deutschen Schulkontext entwickelt, also DSGVO-konform, ohne US-Serverinfrastruktur, ohne Registrierung der Schüler mit privaten Accounts. Das Fraunhofer IAIS bietet über das Roberta-Programm außerdem Einstiegskurse für Lehrkräfte an.
Ob das in der Praxis immer so reibungslos läuft, ist eine andere Frage. Viele Schulen haben weder die Lizenzen noch die technische Infrastruktur, um solche Tools flächendeckend bereitzustellen. Azubis weichen dann auf eigene Geräte und private Accounts aus. Was verständlich ist, aber datenschutzrechtlich fragwürdig bleibt.
Wie man KI in der Schule sinnvoll nutzt, beschreibt ein eigener Artikel mit 41 konkreten Ansätzen. Vieles davon lässt sich direkt auf die Berufsschule übertragen.
Was Lehrkräfte wirklich über KI denken
62 Prozent der Lehrkräfte fühlen sich im Umgang mit KI eher unsicher oder sehr unsicher. Das ist keine Kritik, sondern eine Bestandsaufnahme. Das Schulbarometer der Bosch-Stiftung zeigt gleichzeitig, dass die Unsicherheit hoch ist und die Überzeugung wächst, dass KI gebraucht wird.
57 Prozent sehen in KI eine Unterstützung, um gezielt auf individuelle Bedürfnisse einzugehen. 60 Prozent befürchten gleichzeitig negative Auswirkungen auf soziale Kompetenzen und kritisches Denken. Beides gleichzeitig zu glauben, ist nicht widersprüchlich. Es ist realistisch.
Mehr als die Hälfte der Lehrkräfte wünscht sich Unterstützung, vor allem bei der Unterrichtsgestaltung mit KI (54 Prozent) und beim Thema kritisches Denken fördern (52 Prozent). Fortbildungsangebote gibt es inzwischen. Ob sie flächendeckend ankommen, steht auf einem anderen Blatt.
Was das BIBB zur KI in der Berufsbildung sagt
Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) beobachtet die Entwicklung genau. Im Rahmen der Förderinitiative »INex-ÜBA« werden KI-gestützte Lernformate für die überbetriebliche Ausbildung entwickelt und erprobt. Das betrifft den Teil der dualen Ausbildung, der weder im Betrieb noch in der Berufsschule stattfindet, also überbetriebliche Ausbildungsstätten.
Der Hermann-Schmidt-Preis 2025 des BIBB steht unter dem Thema »KI in der beruflichen Bildung«. Gesucht werden Ausbildungsorte, die KI nicht nur als technologische Neuerung verstehen, sondern als pädagogische Aufgabe. Das klingt nach Wettbewerbs-PR. Dahinter steckt aber ein reales Problem, denn es fehlen Vorbilder, die zeigen, wie das in der Praxis konkret aussehen kann.
KI-Nutzung in Deutschland insgesamt liegt laut einer BCG-Studie von 2025 bei 67 Prozent der Erwachsenen. Die Berufsschule hinkt hinterher. Das ist kein Vorwurf, sondern ein Hinweis darauf, wo Azubis in ihrem Alltag schon weiter sind als ihre Schule.
Was der EU AI Act für die Berufsschule bedeutet
Seit Februar 2025 gelten zentrale Teile des EU AI Act. Für Berufsschulen besonders relevant ist das Verbot von Systemen, die Emotionen von Schülerinnen und Schülern in Bildungseinrichtungen erkennen sollen, außer für medizinische oder sicherheitstechnische Zwecke. Hinzu kommt die Pflicht, Mitarbeitende nachweislich zu schulen, wenn eine Organisation KI einsetzt. Das betrifft Ausbildungsbetriebe genauso wie Berufsschulen selbst.
Was das regulatorisch für deutsche Schulen bedeutet, hat sich verändert. Die Phase des reflexhaften Verbietens ist vorbei. Nur noch rund 7 Prozent der Schulen setzen ein generelles KI-Verbot durch, so eine Erhebung der Vodafone-Stiftung. Was stattdessen gilt, regeln die Bundesländer unterschiedlich. Ein einheitlicher Rahmen fehlt.
In Prüfungen ist KI bundesweit in der Regel nicht erlaubt, außer in explizit dafür vorgesehenen Prüfungsformaten. Das wird sich ändern müssen. Betriebe setzen KI inzwischen als normales Arbeitsmittel voraus. Wann Prüfungsordnungen folgen, steht noch offen. Vermutlich nicht bald.
Wie Azubis KI sinnvoll einsetzen können
Unabhängig davon, was die Schule gerade offiziell erlaubt, können Azubis KI für die Prüfungsvorbereitung nutzen. Lernen mit KI funktioniert besonders gut als Frage-Antwort-Dialog, bei dem die KI als geduldiger Tutor agiert. Thema eingeben, Fragen stellen lassen, selbst antworten, Fehler korrigieren lassen. Das ist kein Schummeln, sondern aktives Lernen.
Wer den Berichtsheft-Alltag erleichtern will, kann KI nutzen, um Rohnotizen in verständliche Texte umzuwandeln, ohne dass der Inhalt verändert wird. Der Gedanke muss trotzdem vom Azubi kommen.
Im Kern gilt für die Berufsschule dasselbe wie für alle anderen Bildungsbereiche. KI ist ein Werkzeug. Wer es kennt, hat einen Vorteil. Wer es blind verwendet, lernt nichts. Und wer es ignoriert, bereitet sich schlecht auf eine Arbeitswelt vor, in der 60 Prozent der Beschäftigten es bereits täglich nutzen. (lk)
Quellen
- Deutsches Schulbarometer 2025, Bosch-Stiftung (PDF)
- Schulbarometer 2025: KI in der Schule, bildung.digital
- BIBB: Künstliche Intelligenz in der beruflichen Bildung
- BIBB aktuell 04/2025: KI in der Berufsbildung, Chancen und Herausforderungen
- BIBB/DiWaBe 2.0: Auswirkungen von KI am Arbeitsplatz
- BCG: AI at Work 2025, KI-Nutzung in Deutschland
- EU AI Act und Schule: Regelungen und Folgen, unterrichten.digital
- KI-Kompass für die Ausbildung, Netzwerk Q 4.0