Marc Aurel — Römischer Kaiser und Feldherr mit Tagebuchfetisch

Marc Aurel — Römischer Kaiser und Feldherr mit Tagebuchfetisch

Marc Aurel sitzt in einem Zelt an der Donau und schreibt. Irgendwann um 172 nach Christus, Winter, und draußen frieren zehntausend Legionäre. Der Mann, der da schreibt, befehligt die größte Armee der bekannten Welt. Er herrscht über ein Reich von Britannien bis Mesopotamien. Und was notiert er? Keine Befehle, keine Gesetze, keine Briefe an den Senat. Er schreibt sich selbst ins Gewissen.

Was dabei herauskommt, wird man später die Selbstbetrachtungen nennen. Eines der meistgelesenen Bücher der Weltgeschichte. Geschrieben von einem Mann, der nie vorhatte, es zu veröffentlichen.

Ein Kaiser, der nicht Kaiser sein wollte

Kurz zum Namen, bevor es losgeht. Geboren wurde er als Marcus Annius Verus, nach der Adoption trug er den vollen kaiserlichen Namen Marcus Aurelius Antoninus. Im Deutschen hat sich daraus die Kurzform Marc Aurel eingebürgert, ähnlich wie aus Gaius Iulius Caesar im Deutschen Julius Cäsar wurde. Eine Eindeutschung, die sich seit Jahrhunderten hält. Im Englischen bleibt man näher am lateinischen Original und schreibt Marcus Aurelius. Beide Formen sind korrekt; »Marc Aurel« ist die im deutschsprachigen Raum übliche.

Marc Aurel war kein Feldherr. Kein Machtmensch. Kein geborener Caesar. Er war, bevor ihn das Schicksal auf den Thron setzte, ein Philosophiestudent. Ein junger Mann aus senatorischer Familie, der Rhetorik und Recht lernte, aber eigentlich nur Philosophie im Kopf hatte. Einer seiner Lehrer schenkte ihm die Schriften des Epiktet, und von da an war es um ihn geschehen.

Dass er Kaiser wurde, lag nicht an ihm, sondern an Hadrian. Der hatte Marc Aurels Adoptivvater Antoninus Pius zum Nachfolger bestimmt, unter einer Bedingung: Antoninus musste seinerseits den jungen Marcus adoptieren. Eine dynastische Kettenreaktion, geplant über zwei Generationen. Marc Aurel war siebzehn, als seine Zukunft ohne sein Zutun festgelegt wurde.

161 bestieg er den Thron. Was folgte, waren neunzehn Jahre Krieg, Seuchen und Krisen. Die Antoninische Pest raffte womöglich fünf Millionen Menschen dahin. Die Markomannen drangen über die Donau vor; zum ersten Mal seit Jahrhunderten bedrohten germanische Stämme Italien selbst. Marc Aurel verbrachte den größten Teil seiner Herrschaft nicht in Rom, sondern im Feld.

Militärisch war er dabei alles andere als erfolglos, was man leicht vergisst über dem Bild des sinnierenden Philosophen. Der Partherkrieg, den sein Mitregent Lucius Verus ab 162 führte, endete mit der Einnahme der Hauptstadt Ktesiphon und der Rückgewinnung Armeniens. An der Donau drängte Marc Aurel die Markomannen, Quaden und Sarmaten nach jahrelangen Feldzügen zurück. Er plante sogar, zwei neue Provinzen nördlich der Donau einzurichten, Marcomannia und Sarmatia, womit das Reich erstmals dauerhaft über den Fluss hinaus expandiert wäre. Dazu kam es nicht mehr, weil er 180 starb. Überliefert ist auch die Episode vom »Regenwunder« im Jahr 172, als eine verdurstende römische Legion im Quadenland von einem plötzlichen Gewitter gerettet wurde; Christen und Heiden stritten sich später um die Deutungshoheit. Die Marcus-Säule in Rom, die seine Feldzüge bebildert, steht noch heute auf der Piazza Colonna.

Marc Aurel (121–180 n. Chr.) war römischer Kaiser von 161 bis 180 und der letzte der sogenannten fünf guten Kaiser. Er gilt als bedeutendster Vertreter der stoischen Philosophie auf dem Kaiserthron und hinterließ mit den Selbstbetrachtungen eines der einflussreichsten Werke der antiken Literatur.

Und genau dort, im Feld, zwischen Feldzügen und Fieberanfällen, schrieb er das Buch, das ihn unsterblich machen sollte. Womöglich ahnte er nicht einmal, dass er es tat.

Die Selbstbetrachtungen, ein Buch, das nie eins sein sollte

Der griechische Titel lautet Ta eis heauton, wörtlich übersetzt »An sich selbst«. Und genau das war es. Keine Abhandlung für ein Publikum. Kein philosophisches System. Sondern Notizen, die Marc Aurel für sich selbst verfasste, vermutlich abends, nach den Geschäften des Tages. Zwölf Bücher, die erste Person Singular, ein Kaiser im Gespräch mit dem eigenen Kopf.

Wie die Texte überlebt haben, weiß niemand genau. Es gibt kein Original. Die älteste erhaltene Handschrift stammt aus dem 14. Jahrhundert, mehr als tausend Jahre nach Marc Aurels Tod. Irgendjemand muss die Aufzeichnungen nach seinem Tod gerettet und weitergegeben haben. Wer das war, ist verloren. Im Projekt Gutenberg-DE findet sich heute die deutsche Übersetzung von Albert Wittstock aus dem Reclam-Verlag von 1949. In wenigen Stunden lässt sie sich lesen.

Wer meint, ein römischer Kaiser habe natürlich auf Latein geschrieben, liegt falsch. Marc Aurel notierte auf Altgriechisch. Der Originaltitel lautet Τὰ εἰς ἑαυτόν, also Ta eis heauton. Griechisch war im zweiten Jahrhundert die Sprache der Philosophie, Latein die Sprache der Verwaltung und des Alltags. Für gebildete Römer war die Zweisprachigkeit selbstverständlich, und ein stoisches Tagebuch auf Latein zu führen wäre ungefähr so naheliegend gewesen, wie heute ein wissenschaftliches Paper auf Plattdeutsch zu schreiben. Zum Lateinlernen eignet sich das Buch entsprechend nicht. Für Gräzisten dagegen ist es ein Standardtext; Reclam bietet eine zweisprachige Ausgabe Griechisch/Deutsch in der Übersetzung von Gernot Krapinger.

Die Selbstbetrachtungen (altgriechisch Ta eis heauton) sind eine Sammlung persönlicher Aufzeichnungen des römischen Kaisers Marc Aurel. Die zwölf Bücher entstanden vermutlich zwischen 170 und 180 n. Chr. während der Markomannenkriege an der Donaugrenze und waren nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Sie sind auf Griechisch verfasst, nicht auf Latein.

Was nicht verloren ist, ist der Ton. Kein kaiserlicher Pomp, keine Selbstdarstellung. Stattdessen ein Mann, der sich immer wieder dieselben Dinge sagt, weil er sie offenbar immer wieder vergisst. Sei gelassen. Nimm dich nicht so wichtig. Alles ist vergänglich. Du auch.

Zeittafel: Marc Aurel auf einen Blick
121Geburt in Rom als Marcus Annius Verus
138Adoption durch Antoninus Pius, auf Anweisung Hadrians
140Erster Konsul mit 19 Jahren
145Heirat mit Faustina, der Tochter seines Adoptivvaters
161Thronbesteigung gemeinsam mit Lucius Verus
162–166Partherkrieg unter Lucius Verus, Einnahme von Ktesiphon
165–180Antoninische Pest, womöglich fünf Millionen Tote im gesamten Reich
166–180Markomannenkriege an der Donaugrenze
172Das sogenannte Regenwunder im Quadenland
ca. 170–180Entstehung der Selbstbetrachtungen
180Tod in Vindobona (Wien) oder Sirmium

Was Marc Aurel sich selbst ins Gewissen schrieb

Die Selbstbetrachtungen sind kein philosophisches Lehrbuch. Sie wiederholen sich. Sie widersprechen sich gelegentlich. Sie klingen manchmal, als hätte jemand um drei Uhr morgens seinen letzten Gedanken festgehalten, bevor die Augen zufallen. Genau das macht sie so überzeugend. Man liest keinen Philosophen, der vom Katheder herab doziert, sondern einen Menschen, der mit sich ringt.

Marc Aurel – Zeittafel von 121 bis 192 n. Chr.

Ein paar Kerngedanken ziehen sich durch alle zwölf Bücher.

Kontrolle. Marc Aurel fragt ständig, was in seiner Macht liegt und was nicht. Das Wetter nicht. Die Meinung anderer nicht. Ob die Markomannen angreifen, nicht. Aber seine eigene Reaktion darauf schon. Dieser Gedanke stammt von Epiktet, einem ehemaligen Sklaven, und Marc Aurel, der mächtigste Mann der Welt, wiederholt ihn wie ein Mantra.

Du hast Macht über deinen Geist, nicht über äußere Ereignisse. Erkenne das, und du wirst Stärke finden.

Marc Aurel, Selbstbetrachtungen

Vergänglichkeit. Alexander der Große und sein Maultiertreiber landen am selben Ort, schreibt Marc Aurel. Alles zerfällt. Ruhm ist Rauch. Diese Passagen sind die düstersten und zugleich die befreiendsten. Wer akzeptiert, dass nichts bleibt, dem kann auch nichts genommen werden. Im Kern ist das eine Befreiung, keine Depression.

Pflicht. Steh auf. Tu deine Arbeit. Nicht weil es Spaß macht, sondern weil du dafür da bist. Marc Aurel redet sich morgens buchstäblich aus dem Bett. Buch V beginnt damit, dass er sich selbst beschimpft, weil er nicht aufstehen will. Ein römischer Kaiser, der sich zum Aufstehen überreden muss. Menschlicher geht es kaum.

Bei Tagesanbruch, wenn du unwillig aufwachst, halte dir vor: Ich erwache, um das Werk eines Menschen zu tun.

Marc Aurel, Selbstbetrachtungen, Buch V
7 weitere Kerngedanken aus den Selbstbetrachtungen

Über Gelassenheit. »Wie klein ist doch der Raum der Zeit, der jedem zugemessen ist. Wie klein das Erdenfleckchen, auf dem er lebt.«

Über Hindernisse. »Das Hindernis auf dem Weg wird zum Weg.« Dieser Gedanke wurde zum Kern des modernen Stoizismus-Bestsellers The Obstacle Is the Way von Ryan Holiday.

Über andere Menschen. »Wenn du morgens aufstehst, sag dir, dass die Menschen, denen du heute begegnen wirst, aufdringlich, undankbar und überheblich sein werden.« Klingt zynisch, aber Marc Aurel schließt den Gedanken damit ab, dass all diese Menschen trotzdem zur selben Gemeinschaft gehören.

Über den Tod. »Betrachte die Vergangenheit, all die Dynastien, die sich abgelöst haben. Du kannst auch die Zukunft voraussehen, denn sie wird von derselben Art sein.«

Über Meinungen. »Alles ist Meinung. Und du hast die Macht über deine Meinung.«

Über Einfachheit. »Erinnere dich, dass sehr wenig nötig ist, um ein glückliches Leben zu führen.«

Über Handeln. »Verbringe nicht die Zeit, die dir noch bleibt, damit, darüber nachzudenken, was andere tun. Es sei denn, es dient dem Gemeinwohl.«

Stoizismus, die Philosophie hinter dem Tagebuch

Marc Aurel hat den Stoizismus nicht erfunden. Die Philosophie war zu seiner Zeit schon fast fünfhundert Jahre alt, gegründet um 300 v. Chr. von Zenon von Kition, einem Händler aus Zypern, der nach einem Schiffbruch in Athen strandete und anfing, in einer öffentlichen Säulenhalle (Stoa) zu philosophieren. Der Name blieb hängen.

Im Kern sagt der Stoizismus drei Dinge. Unterscheide, was du ändern kannst, von dem, was du nicht ändern kannst. Richte dein Handeln an der Vernunft aus, nicht an Emotionen. Und akzeptiere, was geschieht, ohne daran zu zerbrechen. Das klingt einfach. Ist es nicht.

Stoizismus ist eine philosophische Schule, die um 300 v. Chr. in Athen gegründet wurde. Ihre Kernidee besagt, dass ein gutes Leben in der Übereinstimmung mit der Vernunft und der Akzeptanz dessen besteht, was außerhalb der eigenen Kontrolle liegt. Die wichtigsten Vertreter sind Zenon, Epiktet, Seneca und Marc Aurel.

Was Marc Aurel von anderen Stoikern unterscheidet, ist sein Standpunkt. Epiktet war ein Sklave, Seneca ein steinreicher Berater Neros. Marc Aurel war der mächtigste Mensch seiner Epoche. Und trotzdem liest sich sein Tagebuch nicht wie das eines Machtmenschen, sondern wie das eines Mannes, der jeden Tag versucht, anständig zu bleiben. Die Philosophen der griechischen Antike hätten ihn womöglich als den einzigen Herrscher anerkannt, der ihre Ideale ernst nahm.

Die drei großen Stoiker im Vergleich
EpiktetSenecaMarc Aurel
Lebenszeitca. 50–135 n. Chr.ca. 1–65 n. Chr.121–180 n. Chr.
HerkunftSklave in RomSenator, Erzieher NerosKaiser von Rom
HauptwerkHandbüchlein der MoralBriefe an LuciliusSelbstbetrachtungen
KernthemaFreiheit durch innere KontrolleGelassenheit, Umgang mit der ZeitPflicht trotz Vergänglichkeit
TodNatürlich, im AlterErzwungener Suizid auf Neros BefehlVermutlich an der Pest

Warum 1800 Jahre alte Notizen heute wieder gelesen werden

Die Selbstbetrachtungen verkaufen sich heute besser als je zuvor. Seit Ryan Holiday 2014 mit The Obstacle Is the Way den Stoizismus ins Silicon Valley gebracht hat, ist Marc Aurel zum Patron einer ganzen Selbstoptimierungsbewegung geworden. NFL-Quarterbacks lesen ihn. Navy SEALs zitieren ihn. Tim Ferriss empfiehlt ihn in jedem zweiten Podcast.

Ob Marc Aurel das gefallen hätte, ist fragwürdig. Er wäre vermutlich irritiert gewesen, dass jemand seine privaten Notizen überhaupt liest. Aber die Pointe ist eine andere. Was er vor 1800 Jahren an der Donau aufschrieb, funktioniert immer noch. Nicht weil sich die Welt nicht verändert hätte, sondern weil sich die Grundprobleme des Menschseins erstaunlich wenig verändert haben.

Zu viel zu tun, zu wenig Zeit. Leute, die einem auf die Nerven gehen. Die Angst, nicht gut genug zu sein. Das Gefühl, dass alles irgendwann vorbei ist und man nicht weiß, ob man es richtig gemacht hat. Marc Aurel kannte all das. Er war Kaiser von Rom, und es hat ihm nicht geholfen.

Was ihm geholfen hat, war das Schreiben. Sich abends hinsetzen, den Tag sortieren, die eigenen Gedanken prüfen. Die Selbstbetrachtungen sind im Grunde das älteste Journaling der Welt. Ob sich die Methode mit KI-Hilfe ins 21. Jahrhundert übersetzen lässt, ist eine Frage für einen eigenen Beitrag.

Unter den Weisheiten der alten Römer nehmen Marc Aurels Sätze eine Sonderstellung ein, weil sie nicht für ein Publikum formuliert wurden. Er wollte niemanden beeindrucken. Er wollte klarkommen.

Im Ranking der bedeutendsten Römer steht Marc Aurel weit oben. Nicht wegen seiner Feldzüge, nicht wegen politischer Reformen. Sondern weil er als einziger römischer Kaiser ein Buch hinterlassen hat, das man lesen will. Nicht muss.

Dass ausgerechnet das Buch, das nie eins sein sollte, bis heute gelesen wird, ist die Art Ironie, die ein Stoiker zu schätzen wüsste.

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Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage

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