
Die reichsten Römer waren keine Kaiser, keine Feldherren und keine Patrizier aus uralten Familien. Die drei größten Privatvermögen der Antike gehörten einem Immobilienhai, einem ehemaligen Sklaven und einem Philosophen, der in seinen Schriften gegen den Luxus anschrieb.
Wer sich Elon Musk mit 839 Milliarden Dollar als unerreichbar vorstellt, sollte einen Blick zurück werfen. Im römischen Maßstab wäre Musk womöglich nicht einmal der Reichste seiner Zeit gewesen.
Was 200 Millionen Sesterzen wirklich bedeuteten
Um zu verstehen, wie absurd die Vermögen der reichsten Römer waren, braucht es einen Bezugspunkt. Unter Kaiser Augustus verdiente ein einfacher Legionär 900 Sesterzen im Jahr. Ein Zenturio kam auf rund 1.800. Um überhaupt Ritter zu werden, brauchte man ein Vermögen von 400.000 Sesterzen. Wer in den Senat wollte, musste eine Million vorweisen. Das war die Schwelle, ab der man in der römischen Oberschicht als wohlhabend galt.
Der Sesterz war die wichtigste Rechenmünze der römischen Kaiserzeit. Vier Sesterzen entsprachen einem Denar, und in Sesterzen wurden Vermögen, Löhne und Staatsausgaben angegeben. Als Geldstück bestand er zeitweise aus Messing, später aus Bronze.
Marcus Licinius Crassus besaß laut Plinius dem Älteren ein Vermögen von 200 Millionen Sesterzen. Das entsprach dem gesamten Jahresbudget der römischen Republik. Man kann sich das vorstellen, als hätte ein einzelner Amerikaner heute so viel auf dem Konto wie der gesamte US-Bundeshaushalt. Musk hat 839 Milliarden, der US-Haushalt liegt bei knapp sieben Billionen. Im relativen Maßstab war Crassus also spürbar reicher als der reichste Mensch der Gegenwart. Zumindest gemessen an dem, was sein Staat leisten konnte.
Und Crassus war nicht einmal der reichste Römer.
Marcus Licinius Crassus, der Brandstifter im Maßanzug
Crassus ist der bekannteste der reichsten Römer, und das liegt weniger an seinem Reichtum als an der Methode. Er hatte verstanden, dass in einer Millionenstadt aus Holzhäusern, engen Gassen und offenen Feuerstellen Brände so regelmäßig ausbrachen wie heute Regen in Hamburg. Eine städtische Feuerwehr gab es nicht. Also baute Crassus sich eine. Fünfhundert speziell ausgebildete Sklaven, Architekten und Bauleute inklusive.
Sobald ein Haus brannte, rückte Crassus mit seiner Truppe an. Gelöscht wurde allerdings erst, wenn der verzweifelte Eigentümer unterschrieben hatte. Zum Spottpreis, versteht sich. Weigerte er sich, sah die Truppe zu, wie das Gebäude niederbrannte. Danach kaufte Crassus auch die beschädigten Nachbarhäuser, ließ alles wiederaufbauen und vermietete es, nicht selten an die alten Eigentümer. Plutarch schrieb, er habe auf diese Weise »den größten Teil von Rom« an sich gebracht.
Dazu kamen Silberminen, Sklavenhandel und das profitabelste Geschäft der späten Republik, die Beschlagnahmungen nach den Proskriptionen Sullas. Crassus kaufte konfiszierte Güter billig auf, wenn die Besitzer geächtet oder ermordet worden waren. Die Moralfrage stellte sich für ihn offenbar nicht. Geld hatte seine eigene Logik, und Crassus folgte ihr konsequent.
Sein Ende war dann doch dem eigenen Ehrgeiz geschuldet. Er wollte militärischen Ruhm und zog gegen die Parther, einen der gefährlichsten Feinde Roms. Bei Carrhae verlor er 53 v. Chr. sein Heer, seinen Sohn und sein Leben. Die Parther sollen ihm geschmolzenes Gold in den Mund gegossen haben, als symbolische Quittung für seine Gier. Die Geschichte ist womöglich erfunden. Aber sie passt zu gut, um vergessen zu werden.
Der reichste Römer war ein ehemaliger Sklave
Hier wird es interessant. Im ersten Jahrhundert nach Christus überholten zwei Männer das Vermögen des Crassus, und beide waren Freigelassene am Hof Kaiser Claudius. Tiberius Claudius Narcissus war Sekretär ab epistulis, zuständig für die kaiserliche Korrespondenz. Ein Bürokrat also. Und er brachte es auf ein Privatvermögen von 400 Millionen Sesterzen. Das Doppelte von Crassus.
Narcissus‘ Kollege Pallas, Finanzsekretär und später Verwalter der Staatskasse, kam auf 300 Millionen Sesterzen. Die beiden Männer, die formal unter jedem Senator standen, waren die reichsten Privatleute des Reiches. Für die alteingesessene Aristokratie muss das ein Schlag ins Gesicht gewesen sein. Ein entlaufener Grieche und ein Ex-Sklave, beide reicher als alle Konsulatsfamilien zusammen.
Wie das ging, ist im Kern schnell erklärt. Wer die kaiserliche Korrespondenz kontrollierte, entschied, welche Petition durchging, welche Ernennung gebilligt wurde und welcher Provinzstatthalter seinen Posten behielt. Diese Art von Einfluss war käuflich, und Narcissus und Pallas wussten das. Sie kassierten nicht als Gehalt, sondern als Dankbarkeit. Das Geschäftsmodell funktionierte, solange der Kaiser sie hielt.
Beide endeten übel. Narcissus wurde unter Nero verhaftet und getötet. Pallas, reich und einflussreich, wurde 63 n. Chr. vergiftet. Angeblich, um sein Vermögen zu konfiszieren. Das war die römische Steuererklärung für Ausgestoßene: Messer und Giftbecher.
Seneca, der Philosoph, der Provinzen kaufte
Der dritte Name gehört zu den reichsten Römern, obwohl er das Vermögen eigentlich verachten sollte. Lucius Annaeus Seneca, Stoiker, Erzieher Neros, Autor von Traktaten über Muße und Tugend, besaß bei seinem Tod ein Vermögen von rund 300 Millionen Sesterzen. Das Dreihundertfache dessen, was man brauchte, um Senator zu sein.
Seneca schrieb in »De vita beata«, der Weise brauche den Reichtum nicht, er verachte ihn sogar. Gleichzeitig hielt er Anteile an Weinbergen in Italien, an Latifundien in Afrika und an Bergwerken in Spanien. Cassius Dio berichtet, er habe in Britannien Kredite zu so horrenden Zinsen vergeben, dass die Rückforderung 60 n. Chr. einer der Auslöser des Boudicca-Aufstands gewesen sein soll. Senecas Zeitgenossen nannten ihn spöttisch »den Milliardär unter den Philosophen«. Die Kritik trifft noch heute.
Er verteidigte sich mit dem Argument, Reichtum sei moralisch neutral, solange man innerlich frei von ihm bleibe. Ein Gedanke, den manche als vornehme Entschuldigung lesen, andere als echten stoischen Standpunkt. Nero nahm ihm die Entscheidung schließlich ab. Er zwang seinen ehemaligen Erzieher 65 n. Chr. zum Selbstmord und zog das Vermögen ein. Auch das eine Methode, Philosophen vom Materiellen zu lösen. Senecas Gedanken blieben, seine Villen nicht. Einige seiner Sentenzen gelten bis heute als Kronjuwelen der lateinischen Literatur.
Die reichsten Römer im direkten Vergleich
Eine übersichtliche Gegenüberstellung macht die Dimensionen deutlicher, als jede Einzelgeschichte es könnte.
| Name | Rolle | Vermögen in Sesterzen | Vielfaches des Senatorencensus |
|---|---|---|---|
| Narcissus | Freigelassener, Sekretär Claudius | 400 Millionen | 400× |
| Pallas | Freigelassener, Finanzverwalter | 300 Millionen | 300× |
| Seneca | Philosoph, Erzieher Neros | 300 Millionen | 300× |
| Crassus | Politiker, Immobilienhai | 200 Millionen | 200× |
| Diocles | Wagenlenker (Karrieresumme) | 36 Millionen | 36× |
Der Wagenlenker Gaius Apuleius Diocles ist hier aus einem Grund mit aufgeführt. Er fuhr im zweiten Jahrhundert über 24 Jahre lang Rennen, gewann 1.462 davon und verdiente dabei 36 Millionen Sesterzen. Das ist weniger als ein Zehntel dessen, was Narcissus hatte. Trotzdem gilt Diocles oft als der bestbezahlte Sportler aller Zeiten. Aus moderner Perspektive stimmt das vermutlich sogar, solange man auf die reale Kaufkraft und nicht auf die nominale Summe schaut. Aber gegen die Freigelassenen am Kaiserhof war er ein kleiner Fisch.
Musk, Bezos, Zuckerberg und die römische Realität
Der Vergleich mit heute führt schnell in den Nebel. Wie viel wäre ein Sesterz heute wert? Seriöse Antworten beginnen mit »das kommt darauf an«. Rechnet man über den Silbergehalt, landet man bei einem Dollar oder weniger. Rechnet man über die Kaufkraft eines römischen Legionärs, kommt man auf ein paar Euro pro Sesterz. Rechnet man über den Anteil am Staatshaushalt, landet man bei hundert Dollar und mehr. Die Spanne ist so groß, dass jede konkrete Zahl fragwürdig ist.
Interessanter ist der strukturelle Vergleich. Elon Musk besitzt mit rund 839 Milliarden Dollar etwa zwölf Prozent des gesamten US-Bundeshaushalts. Laut der aktuellen Forbes-Liste ist er der erste Mensch, der die 800-Milliarden-Marke geknackt hat. Crassus besaß hundert Prozent des römischen Staatsbudgets, Narcissus zweihundert. Das Ungleichgewicht war im antiken Rom im relativen Verhältnis also nicht kleiner, sondern größer als heute. Der römische Spitzenreichtum war eine private Staatskasse.
Was die reichsten Römer allerdings nicht hatten, war Skalierbarkeit. Ihr Vermögen steckte in Land, Sklaven, Silberminen und Häusern. Jeder Krieg konnte es halbieren, jede politische Wende auslöschen. Musks Aktienbewertung ist volatil, aber sie kann sich theoretisch verdoppeln, während er schläft. Crassus musste dafür ein Haus brennen sehen. Das ist der eigentliche Unterschied. Heutiger Reichtum wächst durch Multiplikatoren, römischer Reichtum wuchs durch Übernahme.
Narcissus, Pallas, Seneca und Crassus sind alle gewaltsam gestorben. Das ist kein Zufall. In einer Gesellschaft, in der private Vermögen die Staatskasse übertrafen, war Reichtum keine Sicherheit, sondern eine Zielscheibe. Insofern hatten die reichsten Römer etwas, das heutigen Milliardären fehlt. Ein echtes Risiko.