59 Begriffe der Bildungssprache, die ein Oberstufenschüler kennen sollte

59 Begriffe der Bildungssprache, die ein Oberstufenschüler kennen sollte

Bildungssprache in der Oberstufe ist kein Schmuck, sondern Handwerkszeug. Wer eine Erörterung schreiben will, eine Textanalyse abliefern soll oder mündlich argumentieren muss, braucht Wörter, die mehr können als die Alltagssprache. Nicht um anzugeben. Sondern um präzise zu sagen, was man meint.

Hier sind 59 ausgesuchte Begriffe, die in Klausuren, Präsentationen und Seminararbeiten immer wieder auftauchen.

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Warum gerade diese 59 Begriffe?

Es gibt längere Listen. Aber länger heißt nicht besser. Diese Auswahl konzentriert sich auf Wörter, die im schulischen Alltag tatsächlich vorkommen, in Aufgabenstellungen, in Erwartungshorizonten, in den Texten, die man liest und interpretiert. Wer sie sicher beherrscht, hat einen Vorteil in jeder Klausur. Nicht weil die Wörter beeindrucken, sondern weil sie das Denken schärfen.

Die Liste ist thematisch sortiert, nicht alphabetisch. So wird sichtbar, in welchen Zusammenhängen die Begriffe stehen.

Bildungssprache ist ein über Jahrhunderte gewachsener Kanon kluger Wörter, überwiegend lateinischen und griechischen Ursprungs. In der Oberstufe begegnet man ihr in Sachtexten, literarischen Analysen und wissenschaftspropädeutischen Arbeiten.

Argumentieren und Urteilen

Wer in der Oberstufe schreibt, muss Positionen einnehmen, abwägen, widerlegen. Dafür reicht »ich finde« nicht. Die folgenden Begriffe helfen, Argumente präzise zu benennen und Denkbewegungen sichtbar zu machen.

  1. Advocatus Diaboli … eine Person, die in einer Erörterung absichtlich die Gegenposition vertritt. Nützlich, um die eigene Argumentation zu schärfen.
  2. apodiktisch … keinen Widerspruch zulassend, unbestreitbar. Wer apodiktisch formuliert, lässt dem Gegenüber keinen Raum.
  3. Dialektik … die Kunst der Begriffsklärung und Beweisführung in Frage und Antwort. In der Philosophie eine Denkmethode, im Schulaufsatz eine Struktur.
  4. Dissens … eine Meinungsverschiedenheit. Das Wort macht klar, dass keine Einigung vorliegt.
  5. Konsens … die Übereinstimmung der Meinungen. Das Gegenstück zum Dissens.
  6. kontrovers … Gegensätze enthaltend, in widerstreitender Weise. Ein Thema ist kontrovers, wenn sich darüber sinnvoll streiten lässt.
  7. kontraproduktiv … dem Zweck nicht dienlich, schädlich für das Erreichen des Ziels. Ein präziseres Wort als »schlecht«.
  8. Maxime … ein Leitsatz, eine Leitlinie oder Devise. In der Ethik seit Kant ein zentraler Begriff.
  9. Konformismus … die freiwillige, prinzipienlose Anpassung an die vorherrschende Meinung. Im Deutschunterricht oft Thema bei Dramen und Romanen.

Welche Wörter der Bildungssprache braucht man für Textanalysen?

Textanalysen sind das Kerngeschäft der Oberstufe. Ob Gedichtinterpretation, Sachtextanalyse oder Dramenszene, man braucht Wörter, die beschreiben, wie ein Text gebaut ist und was er tut.

  1. Antagonist … Gegner, Widersacher oder Gegenspieler. In der Dramenanalyse das Gegenstück zum Protagonisten.
  2. Archetyp … Urform, Urgestalt oder Inbegriff. Ein Konzept, das in der Literatur immer wieder auftaucht, von C.G. Jung bis zur modernen Erzähltheorie.
  3. Assoziation … eine gedankliche Verknüpfung oder Gedankenverbindung. In der Lyrikanalyse oft der Schlüssel zum Verständnis.
  4. authentisch … glaubwürdig, echt, unverfälscht. Wenn ein Charakter authentisch wirkt, stimmen seine Handlungen mit seinem Wesen überein.
  5. Chronist … ein Berichterstatter oder Geschichtsschreiber. Erzähler können als Chronisten auftreten, das verändert die Perspektive des Textes.
  6. Dialog … ein Gespräch zwischen mindestens zwei Personen. In der Dramenanalyse die zentrale Textform.
  7. Diktion … die Ausdrucksweise, Sprech- oder Schreibweise und der Tonfall. Wer die Diktion eines Autors beschreibt, beschreibt seinen Stil.
  8. dissonant … nicht zusammenpassend, unstimmig. Ursprünglich aus der Musik, in der Textanalyse für Brüche und Widersprüche.
  9. Dualismus … Gegensätzlichkeit oder Zweiheit. In der Literatur oft: Gut und Böse, Natur und Kultur, Individuum und Gesellschaft.
  10. Exkurs … ein thematischer Einschub, eine Abschweifung. Nicht nur in eigenen Texten, sondern auch als Stilmittel erkennbar.
  11. Interpretation … die Sinndeutung, Auslegung oder Erklärung von Äußerungen. Im Grunde das, was man in der Oberstufe ständig tut.

Denken und Analysieren

Bildungssprache ist im Kern eine Sprache des Denkens. Sie stellt Werkzeuge bereit, um Zusammenhänge zu benennen, Unterschiede herauszuarbeiten und Abstraktes fassbar zu machen. In der Oberstufe sind diese Adjektive und Substantive der Bildungssprache besonders nützlich.

  1. abstrahieren … verallgemeinern oder von etwas absehen. Das Gegenteil von »am Einzelfall kleben bleiben«.
  2. analytisch … zergliedernd, analysierend. Eine analytische Herangehensweise zerlegt Komplexes in seine Bestandteile.
  3. Aspekt … Blickpunkt, Betrachtungsweise oder Faktor. Womöglich das häufigste bildungssprachliche Wort in Klausuraufgaben.
  4. Differenz … der Unterschied zweier Größen. In der Schule oft abstrakter gebraucht als im Matheunterricht.
  5. Essenz … das eigentliche Wesen, der Kern einer Sache. Präziser als »das Wichtigste«.
  6. Faktum … eine feststehende, unbezweifelte Tatsache. Klingt gewichtiger als »Fakt«, und das ist Absicht.
  7. Fokus … der Schwerpunkt oder Mittelpunkt des Interesses. In Aufgabenstellungen oft als »Setze den Fokus auf …« formuliert.
  8. generalisieren … etwas verallgemeinern oder pauschalisieren. Kann Methode sein oder Denkfehler, je nach Kontext.
  9. Hypothese … eine bloße Annahme oder Behauptung ohne Beleg. Im wissenschaftlichen Arbeiten der Startpunkt jeder Untersuchung.
  10. falsifizieren … widerlegen, als falsch erkennen oder das Gegenteil beweisen. Ein Schlüsselbegriff aus der Wissenschaftstheorie, geht auf Karl Popper zurück.
  11. Kalkül … eine einschätzende Berechnung oder Überlegung. Was hinter einer Entscheidung steckt, ist oft Kalkül.
  12. Komplexität … Verflochtenheit, Vielschichtigkeit. Ein Wort, das in der Oberstufe signalisiert: Einfache Antwort gibt es hier nicht.
  13. Konstrukt … ein gedankliches Konzept oder eine Hilfskonstruktion zur Erklärung bestimmter Phänomene. Oft leicht abwertend.
  14. Kontext … der Zusammenhang. Ohne Kontext ist fast nichts verständlich, das gilt für Texte wie für das Leben.
  15. Kriterium … ein Kennzeichen oder unterscheidendes Attribut. In Erwartungshorizonten stehen Kriterien, nach denen bewertet wird.
  16. Relevanz … Bedeutsamkeit oder Wichtigkeit. Was keine Relevanz hat, kann man weglassen.

Präzise formulieren

Ein guter Aufsatz lebt nicht von komplizierten Sätzen, sondern von präzisen Wörtern. Die folgenden Begriffe ersetzen vage Alltagsausdrücke durch etwas Treffenderes. Das macht Texte nicht geschraubter, sondern klarer.

  1. adäquat … angemessen, angebracht oder entsprechend. Besser als »passend«, weil es den Bezug zur Sache betont.
  2. analog … entsprechend, vergleichbar. Nicht nur das Gegenteil von digital, sondern ein eigenständiges Denkwort.
  3. banal … nichts Besonderes, alltäglich, unbedeutend. In einer Analyse ist »banal« ein Urteil.
  4. Charakteristikum … ein Merkmal oder eine bezeichnende Eigenschaft. Präziser als »Eigenschaft«, weil es das Typische betont.
  5. effektiv … wirksam oder wirkungsvoll. Nicht verwechseln mit effizient.
  6. effizient … ein günstiges Verhältnis zwischen Aufwand und Ergebnis. Effektiv heißt, es funktioniert. Effizient heißt, es funktioniert mit wenig Aufwand.
  7. evident … einleuchtend, augenfällig oder offenkundig. Was evident ist, braucht eigentlich keinen Beweis mehr.
  8. Exempel … ein Beispiel oder Fallbeispiel. Lebt vor allem in der Wendung »ein Exempel statuieren«.
  9. imaginär … eingebildet, nicht real, nur in der Vorstellung existierend. In der Literatur für Welten und Figuren, die es nicht gibt.
  10. implizieren … etwas einbeziehen, einschließen oder mitmeinen. Wenn ein Text etwas impliziert, sagt er es nicht direkt.
  11. implizit … unausgesprochen mitgemeint oder mitverstanden. Das Gegenstück zu explizit.
  12. inhärent … einer Sache anhaftend oder innewohnend. Das Problem ist dem System inhärent, heißt: Es steckt in der Struktur selbst.
  13. Innovation … eine Neuerung. Im schulischen Kontext oft in Verbindung mit gesellschaftlichem Wandel.
  14. Intention … eine Absicht oder ein Vorhaben. In der Textanalyse: Was will der Autor damit sagen?
  15. lakonisch … kurz, treffend, mit wenigen Worten. Die Spartaner sprachen so, daher der Name.

Zustimmung, Ablehnung, Einordnung

In Erörterungen und Stellungnahmen geht es darum, Dinge einzuordnen. Die folgenden Begriffe helfen, Haltungen und Bewertungen auszudrücken, ohne plump zu klingen.

  1. Akribie … äußerste Genauigkeit und größte Sorgfalt in der Ausführung. Ein Lob, das nach Arbeit klingt.
  2. anachronistisch … zeitlich inkorrekt eingeordnet, überholt, nicht in die Zeit passend. Wenn etwas anachronistisch ist, gehört es in eine andere Epoche.
  3. latent … zwar vorhanden, aber nicht hervortretend. Latente Konflikte sind die gefährlichsten.
  4. obligatorisch … bindend, vorgeschrieben oder verbindlich. Was obligatorisch ist, kann man nicht weglassen.
  5. obsolet … überflüssig, nicht mehr üblich, außer Gebrauch geraten. Ein Argument kann obsolet werden, wenn sich die Fakten ändern.
  6. redundant … mehrfach oder wiederholt vorhanden. Redundanz in Texten ist fast immer ein Fehler.
  7. reflektieren … nachdenken. In der Oberstufe ein Dauerbegriff, oft in Aufgabenstellungen: »Reflektiere …«
  8. Stringenz … Richtigkeit und Schlüssigkeit. Was einen guten Text von einem mittleren unterscheidet. Die Gedanken hängen zusammen, die Argumentation trägt, nichts ist überflüssig.

Wer diese 59 Begriffe nicht nur kennt, sondern aktiv in eigenen Texten verwendet, merkt den Unterschied schnell. Nicht weil Lehrer beeindruckt wären, das ist egal. Sondern weil die eigenen Gedanken schärfer und klarer werden, sobald man die richtigen Wörter für sie hat.

Wer weiterlesen möchte, findet hier 111 Beispielsätze mit bildungssprachlichen Adjektiven und eine Schnelldurchlauf-Übersicht mit 199 Wörtern.

Und nein, man muss sie nicht alle auf einmal lernen.

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Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage

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