Grausame Tode in der griechischen Mythologie – wer starb wie und warum?

Grausame Tode in der griechischen Mythologie

Grausame Tode in der griechischen Mythologie sind keine Randnotiz. Sie sind der Kern. Die alten Griechen kannten kein Parental Advisory, und ihre Geschichten lesen sich stellenweise wie das Drehbuch eines Splatterfilms. Zerfleischt, gehäutet, von den eigenen Kindern gefressen. Alles dabei.

Das Erstaunliche: Diese Geschichten waren Unterhaltung und Erziehung. Wer die Götter herausforderte, wer sich über sie stellte, wer Tabus brach, der bezahlte. Und die Strafe war nie abstrakt. Sie war körperlich, detailliert und darauf angelegt, im Gedächtnis zu bleiben. Zum Vergnügen von uns Heutigen.

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Zerstückelt, verbrannt, zerfleischt

Die folgende Liste versammelt die bekanntesten Todesfälle und Strafen der griechischen Mythologie. Manche endeten schnell, andere dauern netterweise in der Erzählung bis heute an. Nicht alles ist im engeren Sinne ein Tod. Einige der Bestraften leben weiter, das ist Teil der Grausamkeit.

  1. Pentheus lehnte den Kult des Dionysos ab. Keine gute Idee. Die Mänaden, beräuschte Anhängerinnen des Gottes, rissen ihn in Stücke. Die erste, die zugriff, war seine eigene Mutter Agave. Sie erkannte ihn nicht.
  2. Marsyas, ein Satyr, forderte Apollon zum musikalischen Wettstreit heraus. Er verlor. Apollon häutete ihn bei lebendigem Leib. Aus seinem Blut entstand ein Fluss.
  3. Aktaion, ein Jäger, sah Artemis zufällig beim Baden. Sie verwandelte ihn in einen Hirsch. Seine eigenen Jagdhunde zerfleischten ihn. Sie erkannten ihren Herrn nicht mehr.
  4. Orpheus, der berühmteste Musiker der Antike, wurde von Mänaden in Stücke gerissen. Die Gründe variieren je nach Überlieferung. In einer Version hatte er nach dem Verlust seiner Frau Eurydike jede weibliche Gesellschaft zurückgewiesen.
  5. Herakles überlebte zwölf unmögliche Aufgaben, Giganten, Monster und die Unterwelt. Am Ende brachte ihn ein Hemd um. Das sogenannte Nessoshemd war mit dem Gift der Hydra getränkt und verbrannte seine Haut bei lebendigem Leib. Er ließ sich auf einem Scheiterhaufen verbrennen, um dem Schmerz zu entkommen.
  6. Semele bat Zeus, sich ihr in seiner wahren Gestalt zu zeigen. Er tat es. Die göttliche Erscheinung verbrannte sie auf der Stelle. Ihr ungeborenes Kind, Dionysos, rettete Zeus aus den Flammen.
  7. Phaethon, Sohn des Sonnengottes Helios, wollte den Sonnenwagen lenken. Er verlor die Kontrolle, die Erde drohte zu verbrennen, und Zeus erschlug ihn mit einem Blitz. Er stürzte brennend vom Himmel.
  8. Ikarus flog mit Flügeln aus Wachs und Federn der Sonne entgegen. Das Wachs schmolz. Er stürzte ins Meer und ertrank. Sein Vater Daidalos flog weiter und konnte nichts tun.
  9. Ajax der Große verlor den Streit um die Waffen des toten Achilles gegen Odysseus. In seinem Zorn verfiel er dem Wahnsinn und schlachtete eine Schafherde, die er für seine Feinde hielt. Als er wieder klar wurde, stürzte er sich ins eigene Schwert.
  10. Helle fiel vom fliegenden Widder mit dem Goldenen Vlies und ertrank. Die Meeresstelle, an der sie unterging, heißt bis heute Hellespont (die Dardanellen).
  11. Hyakinthos, ein junger Prinz, wurde versehentlich von Apollon mit einem Diskus getötet. Aus seinem Blut ließ der Gott die Hyazinthe wachsen. Manche Versionen geben dem eifersüchtigen Westwind Zephyr die Schuld.
  12. Eurydike, die Frau des Orpheus, starb an einem Schlangenbiss, als sie vor dem aufdringlichen Aristaios floh. Orpheus folgte ihr in die Unterwelt und verlor sie ein zweites Mal, weil er sich umdrehte.
  13. Orion, der große Jäger, starb durch einen Skorpionstich. Je nach Version schickte ihn Gaia oder Artemis selbst. Er wurde als Sternbild an den Himmel versetzt, der Skorpion gleich mit.
  14. Adonis, geliebt von Aphrodite, wurde von einem wilden Eber aufgeschlitzt. Aus seinem Blut wuchsen Anemonen. Aphrodite erreichte, dass er einen Teil des Jahres aus der Unterwelt zurückkehren durfte.
  15. Salmoneus fuhr mit Bronzekesseln durch die Straßen und warf Fackeln, um Zeus‘ Donner und Blitz nachzuahmen. Zeus reagierte mit einem echten Blitz. Salmoneus landete im Tartaros.
  16. Absyrtos, der Bruder der Medea, wurde von ihr zerschnitten und Stück für Stück ins Meer geworfen. Ihr Vater musste die Teile einsammeln und verlor dadurch Zeit bei der Verfolgung. Kaltblütiger geht es kaum.
  17. Iphigenie wurde von ihrem eigenen Vater Agamemnon geopfert, damit die griechische Flotte günstige Winde für die Fahrt nach Troja bekam. In manchen Versionen rettete Artemis sie im letzten Moment und legte eine Hirschkuh auf den Altar.

Phaeton verliert die Kontrolle über den Sonnenwagen

Strafen, die schlimmer waren als der Tod

Manche kamen mit dem Tod davon. Andere nicht. Die Götter waren erfinderisch, wenn es darum ging, jemanden leiden zu lassen, ohne ihn sterben zu lassen.

  1. Prometheus stahl den Göttern das Feuer und gab es den Menschen. Zeus ließ ihn an einen Felsen im Kaukasus schmieden. Jeden Tag kam ein Adler und fraß seine Leber. Jede Nacht wuchs sie nach. Das ging Jahrtausende so, bis Herakles ihn befreite.
  2. Tantalos schlachtete seinen Sohn Pelops und servierte ihn den Göttern als Mahlzeit. Er wollte testen, ob sie allwissend sind. Sie waren es. Tantalos‘ Strafe: ewiger Hunger und ewiger Durst. Das Wasser wich zurück, sobald er trinken wollte. Die Früchte über seinem Kopf entzogen sich ihm, sobald er griff. Daher kommt das Wort Tantalusqualen.
  3. Sisyphos betrog den Tod gleich zweimal. Zur Strafe muss er einen Felsbrocken einen Berg hinaufrollen. Kurz vor dem Gipfel rollt der Stein zurück. Für immer. Camus hat später behauptet, man müsse sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen. Plausibel ist das nicht.
  4. Niobe prahlte damit, mehr Kinder zu haben als die Göttin Leto. Apollon und Artemis töteten daraufhin alle ihre Kinder. Niobe erstarrte vor Trauer zu Stein, aus dem ewig Tränen flossen.
  5. Erysichthon fällte einen Demeter geweihten Baum. Die Göttin bestrafte ihn mit unstillbarem Hunger. Er aß alles, was er besitzen konnte, verkaufte zuletzt seine Tochter und verschlang am Ende sich selbst.
  6. Lykurg, König von Thrakien, verfolgte die Anhänger des Dionysos und jagte den jungen Gott selbst ins Meer. Dionysos schlug zurück: Lykurg verfiel dem Wahnsinn, erschlug seinen eigenen Sohn und wurde von seinen Untertanen auf Befehl des Orakels zerfleischt.

Hyakinthos

Kannibalismus war kein Tabu der Erzählung

Die Griechen erzählten Geschichten, vor denen man heute Triggerwarnungen setzen würde. Kannibalismus kommt in der Mythologie nicht einmal, sondern gleich mehrfach vor.

Tantalos kochte seinen Sohn Pelops und servierte ihn bei einem Göttermahl. Demeter aß unwissentlich ein Stück seiner Schulter. Die Götter erweckten Pelops später zum Leben und ersetzten die fehlende Schulter durch eine aus Elfenbein.

Atreus, ein Nachkomme eben jenes Pelops, tötete die Söhne seines Bruders Thyestes und servierte sie ihm zum Abendessen. Thyestes aß, ohne zu wissen, was vor ihm stand. Als Atreus ihm die Hände und Köpfe der Kinder zeigte, verfluchte Thyestes das gesamte Geschlecht. Der Fluch der Atriden zieht sich durch Generationen von Mord, Rache und Wahnsinn.

Lykaon, König von Arkadien, wollte Zeus testen und bot ihm ein Mahl aus Menschenfleisch an. Zeus erkannte den Betrug und verwandelte Lykaon in einen Wolf. Daher kommt übrigens das Wort Lykanthropie, Werwolf-Verwandlung.

Was macht Medea so besonders?

Medea verdient einen eigenen Abschnitt, weil ihre Geschichte eine andere Qualität hat. Sie tötete nicht im Wahnsinn, nicht als Strafe der Götter und nicht aus Versehen. Sie tötete mit Kalkül.

Als Jason sie für eine jüngere Prinzessin verlassen wollte, schickte Medea der Rivalin ein vergiftetes Kleid, das sie bei lebendigem Leib verbrannte. Dann tötete sie ihre eigenen Kinder, die sie mit Jason hatte. Nicht weil sie die Kinder hasste, sondern weil sie wusste, dass es Jason am härtesten treffen würde.

Euripides machte daraus ein Theaterstück, das seit 2.400 Jahren aufgeführt wird. Die Frage, ob Medea Opfer oder Täterin ist, beantwortet bis heute jede Inszenierung anders.

Das Nessoshemd, der hinterhältigste Mord der Antike

Herakles erschoss den Zentauren Nessos mit einem Pfeil, dessen Spitze im Blut der Hydra getränkt war. Im Sterben flüsterte Nessos Herakles‘ Frau Deianeira zu, sein Blut sei ein Liebeszauber. Sie solle ein Hemd darin tränken und es Herakles geben, falls seine Liebe jemals nachlasse.

Jahre später wurde Deianeira eifersüchtig. Sie schickte das Hemd. Herakles zog es an, und das Gift der Hydra verbrannte seine Haut. Das Gewand ließ sich nicht mehr entfernen, es war mit dem Fleisch verschmolzen. Herakles bat darum, auf einem Scheiterhaufen verbrannt zu werden. Niemand wollte das Feuer anzünden. Schließlich tat es Philoktetes, und Zeus erhob seinen Sohn in den Olymp.

Die Ironie ist schwer zu übertreffen: Der stärkste Held der Antike, besiegt durch ein Kleidungsstück.

Warum waren die Griechen so grausam in ihren Geschichten?

Die kurze Antwort: weil es funktionierte. Die Geschichten sollten in Erinnerung bleiben, und brutale Details prägen sich besser ein als sanfte Moral. Wer einmal gehört hat, dass Marsyas bei lebendigem Leib gehäutet wurde, vergisst die Lektion nicht. Fordere keinen Gott heraus.

Außerdem war die griechische Religion keine Trostreligion. Die Götter waren mächtig, launisch und nicht selten grausamer als die Menschen. Gerechtigkeit gab es, aber sie war kosmisch, nicht menschlich. Wer Hybris zeigte, also Überheblichkeit gegenüber den Göttern, wurde bestraft. Die Härte der Strafe sollte jeden Zweifel an der göttlichen Ordnung beseitigen.

Man kann sich manches so einfach besser merken. Nicht dass das Sterben Spaß machen würde, aber in Geschichten …

Wer mehr über die mythologischen Figuren der Griechen erfahren will oder sich für die bizarren Geschichten der Mythologie interessiert, findet dort noch einiges.

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Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage

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