Die Horen – vergessene Göttinnen der Jahreszeiten

Horen – Göttinnen der Jahreszeiten in der griechischen Mythologie

Die Horen waren in der griechischen Mythologie Göttinnen der Jahreszeiten und der natürlichen Ordnung. Sie sorgten dafür, dass alles nach Plan lief – Klima, Ernte, Tagesablauf. Unsichtbare Helferinnen, ohne die im antiken Griechenland nichts funktioniert hätte.

Was die Horen taten

Die Horen überwachten den Wechsel der Jahreszeiten und sorgten dafür, dass das Klima zum Wachstum der Pflanzen passte. Dank ihnen reiften die Früchte zur richtigen Zeit, und die Ernte konnte eingebracht werden.

Bildungssprache Buch Cover Lerne die Bildungssprache! Das praktische Handbuch schlauer Wörter unterstützt dich mit über 1.600 durchdachten Einträgen. Besser verstehen und klüger schreiben. Verständliche Erläuterungen und lebensnahe Beispiele erleichtern das Einprägen. Jetzt ansehen

Sie kontrollierten die Tore des Olymps und des Himmels. Sie öffneten und schlossen sie, um den Ein- und Ausgang von Sonne, Tag und Nacht zu regeln. So hatten die Menschen einen verlässlichen Tagesablauf.

Daneben standen die Horen als Göttinnen der Ordnung, Gerechtigkeit und des Friedens bereit. In dieser Rolle begleiteten sie manchmal Themis, die Göttin des göttlichen Rechts. In der Kunst wurden sie als Begleiterinnen von Aphrodite dargestellt – sie halfen ihr beim Ankleiden und Schmücken, obwohl sie selbst Göttinnen waren.

Der Name Horen (Horae) leitet sich vom griechischen Wort »hora« ab, was so viel wie »Jahreszeit«, »Stunde« oder »richtige Zeit« bedeutet. Das englische Wort »hour« stammt direkt davon ab.

Wer waren die Horen?

Es existieren verschiedene Überlieferungen. Die bekannteste Version stammt von Hesiod, der in seiner Theogonie drei Horen nannte. Alle drei waren Töchter von Zeus und Themis.

  • Eunomia (Ευνομία) – Göttin der guten Ordnung, Gesetzmäßigkeit und Wohlgesetzlichkeit.
  • Dike (Δίκη) – Verkörperung der Gerechtigkeit, Moral und des Rechts.
  • Eirene (Ειρήνη) – Göttin des Friedens, der Ruhe und des Wohlstands.

Andere Quellen sprechen von Horen mit den Namen Thallo (Θαλλώ, das Blühen), Auxo (Αυξώ, das Wachsen) und Karpo (Καρπώ, die Frucht) – sie repräsentieren Aspekte des Wachstums und der Reifung. Manchmal werden auch nur zwei Horen genannt: Karpo für den Frühling und Thallo für den Herbst. In Athen kannte man ursprünglich nur diese beiden, und feierte ihnen zu Ehren ein eigenes Fest, die Horaea.

Homer erwähnt in der Ilias weder Eltern noch Anzahl der Horen. Bei ihm sind sie schlicht Wettergöttinnen und Dienerinnen des Zeus, die die Wolkentore des Olymps bewachen. Erst Hesiod, etwa eine Generation später, gibt ihnen Namen, Eltern und eine moralische Bedeutung. Das ist kein Widerspruch – es zeigt, wie sich die griechische Vorstellungswelt veränderte.

Horen – Göttinnen der Jahreszeiten

Von der Ernte zur Gerechtigkeit

Die Geschichte der Horen ist auch eine Geschichte Griechenlands selbst. In der frühen, bäuerlichen Kultur waren sie Erntegöttinnen – Thallo, Auxo, Karpo, die Verehrung galt dem Blühen, dem Wachsen, dem Reifen. Landwirte beteten zu ihnen, damit die Saat aufging und die Früchte zur rechten Zeit kamen.

Später, als sich die griechische Gesellschaft von der Landwirtschaft zur Stadtkultur entwickelte, wandelte sich auch die Bedeutung der Horen. Aus Naturgöttinnen wurden Ordnungsgöttinnen – Eunomia, Dike, Eirene. Nicht mehr die Ernte stand im Zentrum, sondern Gesetz, Recht und Frieden. Der Altphilologe Karl Kerényi fasste es so zusammen: »Hora bedeutet den richtigen Augenblick.« Ob für die Aussaat oder für die Gerechtigkeit – das Prinzip blieb dasselbe.

Eine bemerkenswerte Karriere machte Dike, die Hore der Gerechtigkeit. Der Dichter Aratos erzählt, Zeus habe sie auf die Erde geschickt, um die Menschen gerecht zu machen. Als das nicht funktionierte, versetzte er sie an den Himmel – als Sternbild Jungfrau. Das sagt einiges über das griechische Menschenbild.

Wo die Horen in Mythen auftauchen

Die Horen spielen selten die Hauptrolle, aber sie tauchen in etlichen Geschichten auf – meistens dort, wo es um Übergänge und Anfänge geht.

Laut den orphischen Hymnen begleiteten die Horen Persephone jedes Frühjahr auf ihrem Weg aus der Unterwelt zurück an die Oberfläche. Kein Zufall – Persephones Rückkehr markiert den Beginn der warmen Jahreszeit, und genau dafür waren die Horen zuständig.

Bei der Erschaffung von Pandora waren die Horen ebenfalls beteiligt. Hesiod beschreibt, wie sie der ersten Frau einen Blumenkranz aufsetzten – eine freundliche Geste, bevor die Büchse geöffnet wurde.

Am bekanntesten ist ihre Rolle bei der Geburt der Aphrodite. Im homerischen Hymnus an Aphrodite empfangen die Horen die Göttin am Strand, kleiden sie ein und geleiten sie zum Olymp. Sie waren die Ersten, die die Göttin der Liebe zu Gesicht bekamen.

Die Horen in der Kunst

Die früheste bekannte Darstellung der Horen findet sich auf der François-Vase, einem attischen Krater aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. Dort erscheinen sie als Gäste bei der Hochzeit von Peleus und Thetis – der Feier, aus der später der Trojanische Krieg hervorging.

Berühmter ist ihr Auftritt bei Botticelli. In der »Geburt der Venus« (um 1485) steht am rechten Bildrand eine Frau, die der Göttin einen Blumenmantel entgegenstreckt. Das ist eine Hore – vermutlich Thallo, die den Frühling verkörpert. Eines der bekanntesten Gemälde der Welt, und fast niemand weiß, wer die Figur am Rand eigentlich ist.

In der Malerei und Plastik wurden die Horen fast immer als junge Frauen dargestellt, oft zu dritt, mit Blumen und Früchten der jeweiligen Jahreszeit. Auf einigen antiken Monumenten erscheinen sie als geflügelte Kinder. Später, bei Nicolas Poussin, wurden die vier Jahreszeiten mit biblischen Szenen verbunden – der Frühling mit Adam und Eva, der Winter mit der Sintflut.

Die Horen heute

Die Horen spielen heute keine große Rolle mehr – anders als die Musen oder Grazien, deren Namen noch geläufig sind. Gelegentlich tauchen sie in Literatur und Kunst auf oder werden von der Umweltbewegung aufgegriffen, weil sie für natürliche Zyklen stehen.

Ebenso wie Gaia gelten sie als Verkörperungen der Natur. Gaia als Erdgöttin stellt die physische Welt dar, während die Horen die Ordnung und die zyklischen Veränderungen repräsentieren – den Wechsel der Jahreszeiten, die Harmonie der natürlichen Prozesse. Verwandte Figuren sind die Nymphen, die ebenfalls Naturkräfte personifizieren, allerdings an bestimmte Orte gebunden.

Was bleibt, ist das Wort. Jede Stunde, die wir zählen, trägt den Namen der vergessenen Göttinnen in sich.

Adjektive, die zu den Horen passen

harmonisch, ordnungsliebend, gerecht, friedlich, blühend, rhythmisch, schützend, fruchtbar, beständig, zyklisch, natürlich, wachsend, ausgleichend, sanft, strukturiert, regelmäßig, fließend, kontinuierlich, stabil

Sven Lennartz Avatar

Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage

Bist du bereit für mehr?