KI Hype – Wer verdient, wer verliert, und wann platzt die Blase?

KI Hype – Wer verdient, wer verliert, und wann platzt die Blase?

KI Hype – oh nein, nicht schon wieder, das Wort taucht inzwischen in jeder zweiten Schlagzeile auf. Die einen verkünden die größte technologische Revolution seit der Elektrizität – mindestens.

Die anderen googlen schon »KI Hype vorbei« und »KI Hype Blase«. Beide haben nicht ganz unrecht. Was gerade passiert, ist gleichzeitig real und übertrieben, zukunftsweisend und aufgeblasen. Genau das macht es so schwer einzuordnen.

Was ist KI Hype eigentlich?

Ein Hype ist keine Lüge. Er ist eine Übertreibung. Die Technologie dahinter existiert und funktioniert – bloß eben nicht so schnell, so breit und so verlässlich, wie es die Marketingabteilungen gern hätten. KI kann Texte schreiben, Bilder erzeugen, Code generieren, Daten analysieren. Das ist keine Zukunftsmusik. Aber zwischen »kann Texte schreiben« und »ersetzt die halbe Belegschaft« liegt ein Ozean, den die meisten Kommentatoren elegant überspringen.

Gartner nennt das den Hype Cycle – eine Kurve, die jede neue Technologie durchläuft: Erst Euphorie, dann Ernüchterung, dann die langsame Reifung zum echten Nutzen. Generative KI steckt gerade im Tal der Enttäuschung. Die Erwartungen waren schlicht zu hoch. Laut der McKinsey-Erhebung 2025 gaben weniger als 30 Prozent der KI-Verantwortlichen in Unternehmen an, dass ihre Chefs mit den Ergebnissen zufrieden sind. Der Rest stochert zwischen Pilotprojekten und der Frage herum, wo eigentlich der versprochene Return on Investment bleibt.

KI Hype Cycle Grafik – Positionen der Technologien von Agenten bis Computer Vision nach Gartner 2025

Währenddessen steigt der nächste Hype schon auf: KI-Agenten. Systeme, die nicht nur antworten, sondern selbständig handeln, E-Mails verwalten, Reisen buchen, Software testen. Klingt nach Zukunft. Ist aber gerade am Gipfel der Erwartungen, also genau dort, wo die Enttäuschung erst noch kommt.

Warum alle mitmachen, obwohl niemand sicher ist

Rund 60% der Unternehmen führen KI ein, weil sie Angst haben, abgehängt zu werden – nicht weil sie einen Plan hätten (ABBYY-Studie, 2024). Im Kern ist das FOMO – Fear of Missing Out – als Geschäftsstrategie. Man kauft erst die Lösung, dann sucht man das Problem. Das ist ungefähr so klug wie einen Sportwagen zu kaufen, weil der Nachbar auch einen hat. Ohne einen Führerschein zu besitzen.

Verstärkt wird das durch die Summen, die im Spiel sind. Microsoft, Google, Amazon, Meta – die großen Vier haben für 2026 zusammen Investitionen von mehreren hundert Milliarden Dollar angekündigt. Vor allem für Rechenzentren und Chips. Wenn solche Beträge fließen, entsteht ein Sogeffekt: Jeder will ein Stück vom Kuchen, selbst wenn noch nicht klar ist, wie groß der Kuchen am Ende wirklich wird.

Dazu kommt ein psychologischer Trick, den die KI-Anbieter bewusst einsetzen: Anthropomorphisierung – also die Vermenschlichung der Technik. Sprachmodelle werden so gebaut, dass ihre Antworten empathisch klingen, persönlich, fast menschlich. Das aktiviert im Gehirn ähnliche Belohnungsmechanismen wie ein echtes Gespräch – nur ohne die Mühe einer echten Beziehung. Die Systeme wirken dadurch klüger, als sie auf statistischer Ebene tatsächlich sind. Gutes Marketing, technisch betrachtet. Raffiniert, aber auch fragwürdig.

Wer am KI Hype verdient

Die Frage, wer am KI Hype verdient, beantwortet sich am einfachsten von unten nach oben. Ganz unten stehen die Chipdesigner, allen voran NVIDIA. Wer GPUs für das Training großer Sprachmodelle baut, sitzt an der Quelle. Darüber die Fertiger und Zulieferer – Foxconn baut die Server, TSMC fertigt die Chips, Schneider Electric und Vertiv kümmern sich um die Kühlung, weil diese Rechenzentren so viel Wärme erzeugen, dass man ohne Spezialisten gar nicht erst anfangen muss.

KI Hype Profiteure – Grafik der Wertschöpfungskette von Chips bis Beratung

Eine Ebene höher: die Cloud-Anbieter. AWS, Azure, Google Cloud – sie vermieten die Rechenkapazität, auf der KI-Modelle laufen. Torwächter-Position. Wer KI nutzen will, kommt an ihnen nicht vorbei. Und dann gibt es noch die stillen Profiteure: Immobilienfirmen wie Equinix und Digital Realty Trust, denen die physischen Gebäude gehören, in denen die ganze Hardware steht. Höhere Rack-Dichte, höherer Energieverbrauch, höhere Mieten. Simple Rechnung.

Ganz oben in der Kette: die Beratungshäuser. Accenture, BCG und die üblichen Verdächtigen verdienen nicht an der Technologie selbst, sondern an deren Komplexität. Laut einer RAND-Studie von 2024 scheitern 57 Prozent der Unternehmen daran, ihre Datenbestände »KI-ready« zu machen. Jemand muss ihnen dabei helfen. Das ist, versteht sich, teuer.

Ist der KI Hype eine Blase wie Dotcom?

Die Parallelen drängen sich auf. Ende der 1990er trieb das Internet die Aktienkurse in groteske Höhen. Unternehmen ohne Umsatz, ohne Geschäftsmodell, manchmal ohne Produkt. Aber mit ».com« im Namen waren sie plötzlich Milliarden wert. Wer erinnert sich noch an boo.com? 2025 machten KI-bezogene Aktien über 85% der Gewinne im S&P 500 aus. Die Konzentration ist vergleichbar.

Aber es gibt einen Unterschied, der nicht ganz unwichtig ist: Die Unternehmen, die den heutigen KI Hype tragen, sind keine spekulativen Startups. NVIDIA, Microsoft, Google, Amazon – sie alle verdienen lange schon echtes Geld, viel davon. Sie finanzieren ihre KI-Investitionen größtenteils aus eigenen Cashflows. Risikokapital und wilde IPOs wie damals spielen eine geringere Rolle. Das macht einen Totalabsturz wie 2001 weniger wahrscheinlich. Google war seinerzeit übrigens der größte Profiteur der Dotcom-Krise, man kaufte Rechenzentren, Festplatten und RAM zu Niedrigpreisen, und nutzte das für einen unvergleichlichen Aufstieg.

Weniger wahrscheinlich heißt nicht unmöglich. Wenn die hunderte Milliarden, die gerade in Rechenzentren fließen, nicht zeitnah durch entsprechende Einnahmen gerechtfertigt werden, wird es eine Korrektur geben. Der DeepSeek-Schock Anfang 2025 hat bewusst gemacht, dass Spitzen-KI auch zu einem Bruchteil der Kosten produziert werden kann. Das untergräbt die Annahme, dass man mit bloßem Geldausgeben einen Vorsprung aufbauen kann.

MerkmalDotcom-Blase (1999)KI Hype (2025/26)
TreiberWorld Wide WebRechenzentren für Sprachmodelle
FinanzierungRisikokapital, IPO-SchwemmeBilanzen der Big-Tech-Konzerne
ProfitabilitätFast alle defizitärKernakteure hochprofitabel
RisikoSteigende ZinsenFehlender Endkunden-ROI, Energieknappheit
Erkennungszeichen».com« im Firmennamen»KI-powered« im Produktnamen / .ai Domain- oder Firmennamen

Und dann sind da noch die Börsengänge. OpenAI plant für Ende 2026 den Gang aufs Parkett – bei einer angestrebten Bewertung von bis zu 830 Milliarden Dollar. Das Unternehmen schreibt Milliardenverluste und erwartet erst 2030 schwarze Zahlen. Anthropic, der wichtigste Konkurrent, drängt ebenfalls Richtung IPO, möglicherweise sogar früher. Beide liefern sich ein Wettrennen darum, wer zuerst an die Börse kommt. Weniger aus Stärke, eher aus Angst, der andere könnte das Investorenkapital zuerst absaugen. Sam Altman sagte im Dezember, er sei »zu null Prozent begeistert«, ein börsennotiertes Unternehmen zu führen.

Wenn Unternehmen ohne Gewinne zu Bewertungen an die Börse gehen, die größer sind als die meisten DAX-Konzerne zusammen – dann klingt der Dotcom-Vergleich plötzlich weniger nach Schwarzmalerei.

Woran man erkennt, dass der KI Hype kippt

Ein Hype platzt nicht mit einem Knall, er verliert langsam Luft. Achte auf diese Signale: Wenn große Unternehmen ihre KI-Projekte leise einstellen, statt sie laut anzukündigen. Wenn die Stellenanzeigen für »AI Strategy Consultants« weniger werden. Wenn sich herumspricht, dass der KI-generierte Output mehr Nacharbeit erzeugt als er einspart. Wenn die Beratungshäuser von »KI-Transformation« auf »KI-Konsolidierung« umschwenken.

Einiges davon passiert schon. Die Phase der unbegrenzten Begeisterung ist vorbei. Nimmt aber gerade mit OpenClaw neue Fahrt auf. Was danach kommt, ist womöglich nüchterner und langsamer, aber auch ehrlicher. KI wird bleiben. Wer das früher versteht, spart sich die Enttäuschung.

Was das für dich bedeutet

Nicht nervös werden. Nicht auf jeden Zug aufspringen, nicht jedes Tool kaufen, das »KI-powered« im Namen führt. Stattdessen: Ausprobieren, was konkret hilft. Reich wird man damit wahrscheinlich nicht, aber klüger arbeiten schon. Der Hype ist nicht dein Problem. Der Hype ist das Problem der Leute, die Geld damit verdienen wollen, dir zu erzählen, dass du ohne KI verloren bist.

Die Technologie wird bleiben, der Lärm nicht. Und wenn die Lautstärke nachlässt, fängt die eigentlich interessante Phase erst an.

Quellen und Daten

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Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage