KI-Verbote an Schulen sind Bildungsverweigerung

KI-Verbote an Schulen sind Bildungsverweigerung

Klaus Zierer, Schulpädagoge aus Augsburg, fordert seit November ein Verbot. Smartphones raus, Tablets erst ab 16, und KI »der Regierung Regulierung unterworfen«, so sein Vorschlag fürs Schulportal. Fast zeitgleich haben sich alle 16 Kultusministerien auf das Gegenteil geeinigt.

Kein Verbot, sondern ein »kritisch-konstruktiver Umgang« mit KI im Unterricht. Beide Seiten können nicht recht haben. Meine These, KI-Verbote an Schulen sind keine Vorsicht, sie sind Bildungsverweigerung.

Warum es in Deutschland keine KI-Verbote an Schulen gibt

Die Kultusministerkonferenz hat im Oktober 2024 eine Handlungsempfehlung verabschiedet, erarbeitet von allen 16 Ländern unter Federführung von Nordrhein-Westfalen. Im Kern soll KI den Unterricht verändern dürfen, nicht verboten werden. Prüfungsformate sollen sich anpassen, nicht die Schüler ausschließen. Das ist eine bewusste Entscheidung gegen den Reflex, der gerade an der Harvard University diskutiert wird, wo man über ein komplettes Verbot digitaler Geräte in Seminarräumen nachdenkt.

Die KMK-Handlungsempfehlung ist ein 2024 von allen 16 Bundesländern verabschiedetes Papier zum Umgang mit KI in Schulen. Sie setzt auf einen kritisch-konstruktiven Ansatz statt auf Verbote und empfiehlt, Prüfungsformate anzupassen statt KI auszuschließen.

Andere europäische Länder haben in den ersten Monaten nach ChatGPT genau das getan, reine Verbote erlassen. Deutschland ist bewusst den anderen Weg gegangen. Nicht aus Blauäugigkeit, sondern weil 16 Kultusministerien zu dem Schluss kamen, dass Chancengerechtigkeit nur entsteht, wenn alle Schüler lernen dürfen, mit KI umzugehen. Nicht nur die, deren Elternhaus es ihnen zu Hause beibringt. Anmerkung: wussten denn diese leute in den ersten Monaten nach ChatGPT wirklich schon was da auf sie zukommen würde?

Was Schüler selbst über ein KI-Verbot denken

Bitkom hat im Mai 2025 502 Schüler zwischen 14 und 19 Jahren befragt, repräsentativ für Deutschland. Das Bild, das dabei entsteht, ist alles andere als eindeutig.

KI-Verbote an Schulen, Umfrage zeigt gespaltene Meinung der Schüler

23 Prozent geben zu, Hausaufgaben kaum noch selbst zu machen, sondern die KI lösen zu lassen. Trotzdem fordert fast die Hälfte, 44 Prozent, ein Verbot genau dafür. Die Schülerschaft ist gespalten, teilweise mit sich selbst im Widerspruch. 53 Prozent glauben, durch KI besser zu werden. 48 Prozent sagen im selben Atemzug, KI mache Schüler dumm. Das ist keine Ambivalenz, die ein Verbot auflöst. Es ist eine Ambivalenz, die zeigt, wie wenig eingeübt der Umgang mit dem Werkzeug noch ist.

Sollten Schulen KI für Hausaufgaben komplett verbieten?

Wer tiefer in die Zahlen einsteigen will, findet in der Übersicht zu KI in Schule und Uni noch mehr Daten, die dasselbe Bild zeichnen. Nutzung und Skepsis wachsen parallel.

Warum Zierer glaubt, ein Verbot sei nötig

Zierers Argument ist nicht dumm. Er beruft sich auf eine MIT-Studie, die per EEG gemessen hat, was im Gehirn passiert, wenn Menschen ihre Denkarbeit an ChatGPT abgeben. Die neuronale Vernetzung in Bereichen, die mit Lernen und Analyse zu tun haben, ging messbar zurück. Mehr dazu auch in der Einordnung, ob KI wirklich dumm macht. Dazu kommt eine Postbank-Studie, laut der Jugendliche mehr als 70 Stunden pro Woche vor Bildschirmen verbringen, bei gleichzeitig sinkenden Rechen-, Lese- und Schreibfähigkeiten.

Seine Schlussfolgerung, Freiheit ohne Regeln wird schnell zur Anarchie, ist im Kern richtig. Nur zieht er daraus den falschen Schluss. Von der Kita bis zur Universität ein Werkzeug zu verbieten, das ohnehin überall verfügbar ist, ist keine Regel. Es ist eine Kapitulation, elegant verpackt als Prinzip.

Warum ein Verbot das eigentliche Problem verschärft

Kristin van der Meer, Grundschullehrerin in Potsdam, hat auf Zierer geantwortet, und ihr Gegenargument trifft den wunden Punkt. Wer Kinder konsequent von KI fernhält, verschiebt die Auseinandersetzung nicht weg, sondern nur in unregulierte Räume. Ins Kinderzimmer, in Gruppenchats, in Umgebungen ohne jede pädagogische Begleitung. Genau dort entstehen die Risiken, vor denen Zierer zu Recht warnt.

Verbot oder Gestaltung, zwei Positionen im Vergleich
Klaus ZiererKristin van der Meer
RolleSchulpädagoge, Uni AugsburgGrundschullehrerin, Potsdam
KerntheseVier Verbote schützen Lernen und EntwicklungBegleitetes Erproben schützt besser als Verbote
HauptsorgeVerkümmerndes Denken, BildschirmzeitSoziale Spaltung, unregulierte Nutzung außerhalb der Schule
Beruft sich aufMIT-Studie, Postbank-Studie, KantPraxis in der eigenen Grundschulklasse
VorschlagKI-Nutzung regulieren, von Kita bis UniKI mit pädagogischer Begleitung einführen

Dahinter steckt ein soziales Problem, das größer ist als die einzelne Hausaufgabe. Kinder aus bildungsnahen Familien lernen den Umgang mit KI ohnehin zu Hause, Verbot hin oder her. Andere verlieren den Anschluss. Wie stark sich diese Schere beim Thema KI schon öffnet, zeigt sich daran, dass fast ein Drittel der Schüler laut Bitkom sagt, KI erkläre ihnen Dinge besser als die eigenen Eltern (Anm. und der rest der eltern erklärt gar nichts oder wie?). Eine Schule, die KI verbietet, überlässt genau diese Schüler sich selbst.

Der Unterschied zwischen Verbot und Täuschung

Dass Deutschland auf Verbote verzichtet, heißt nicht, dass alles erlaubt ist. Das Verwaltungsgericht Hamburg hat im Dezember 2025 entschieden, dass die Nutzung von ChatGPT bei einer benoteten Arbeit als Täuschung gilt, auch ohne ausdrückliches KI-Verbot. Ein Neuntklässler hatte ein Lesetagebuch für Englisch abgegeben, dessen sprachliches Niveau deutlich über seinen sonstigen Arbeiten lag (Anm. man kann seine schulnoten vor gericht einklagen?). Die Schule wertete das als Täuschungsversuch, das Gericht bestätigte es. Selbstständigkeit ist die Grundannahme jeder Prüfung, auch dann, wenn KI nirgends explizit verboten steht.

Genau das ist der plausible Mittelweg, den ein pauschales Verbot überflüssig macht. Nicht das Werkzeug ist das Problem, sondern die unausgewiesene Nutzung dort, wo Eigenleistung gefordert ist. An der Uni verläuft dieselbe Grenze zwischen Lernen und Täuschung, mit denselben Konsequenzen, wenn sie überschritten wird. Ein Verbot würde diese Unterscheidung nicht ersetzen. Es würde sie nur überflüssig erscheinen lassen, während sie in jeder Prüfung weiter gebraucht wird.

Ein Verbot spart Schulen die Mühe, sich mit KI auseinanderzusetzen. Es spart Schülern nichts, weil sie zu Hause ohnehin weitermachen, nur ohne jede Begleitung. Wer ein Problem verschiebt statt es zu lösen, hat kein Verbot ausgesprochen. Er hat sich aus der Verantwortung gestohlen.

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Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage

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