
Die Odyssee ist die Geschichte einer Heimkehr, die zwanzig Jahre dauert. Zehn davon verbringt Odysseus im Trojanischen Krieg, zehn weitere auf dem Rückweg nach Ithaka. Dass die Rückreise genauso lang wird wie der Krieg selbst, ist kein Zufall. Homer erzählt keine Abenteuergeschichte mit Happy End. Er erzählt davon, was es kostet, nach Hause zu kommen.
Ab dem 17. Juli 2026 läuft der Stoff auch im Kino. Christopher Nolan hat die Odyssee verfilmt, mit Matt Damon als Odysseus, Anne Hathaway als Penelope und Tom Holland als Telemachos. Dieser Artikel erzählt zuerst, was beim Original, bei Homer steht, und kommt weiter unten auf den Film zurück. Wie werktreu Nolan bleibt, lässt sich am besten beurteilen, wenn man die Vorlage kennt.
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Inhaltsverzeichnis
Odysseus ist der Sohn des Laertes und der Antikleia, König von Ithaka, einer kleinen felsigen Insel im Ionischen Meer. Bekannt ist er für seine Klugheit, nicht für seine Muskeln. Während Achilles der stärkste Krieger vor Troja war, war Odysseus der schlaueste. Die Idee mit dem Trojanischen Pferd? Seine. Der Beiname »der Listenreiche« ist verdient.
Die Odyssee auf einen Blick
| ca. 8. Jh. v. Chr. | Homer verfasst das Epos, vermutlich aus älteren mündlichen Erzählungen |
| 24 Gesänge | Umfang des Werks, rund 12.000 Verse im Versmaß des Hexameters |
| 10 Jahre | Dauer des Trojanischen Krieges, an dem Odysseus davor teilnimmt |
| 10 Jahre | Dauer der Irrfahrt zurück nach Ithaka, erzählt in der Odyssee |
| 7 Jahre | allein bei der Nymphe Kalypso festgehalten |
| in medias res | Homer beginnt mitten in der Handlung, nicht am Anfang der Reise |
| 1911 | Kavafis schreibt sein Gedicht »Ithaka«, das den Weg über das Ziel stellt |
| 2026 | Christopher Nolan bringt den Stoff mit Matt Damon ins Kino |
In der Odyssee wird seine zehnjährige Irrfahrt beschrieben. Nach dem Fall Trojas versucht er, zu seiner Frau Penelope und seinem Sohn Telemachos zurückzukommen. Die Reise ist voller mythologischer Begegnungen. Die Nymphe Kalypso hält ihn sieben Jahre fest, die Zauberin Kirke verwandelt seine Männer in Schweine, den Zyklopen Polyphem blendet er, um zu entkommen, und der Gesang der Sirenen lockt ihn beinahe in den Tod. Es war allerhand los im alten Griechenland.
Die wichtigsten Stationen der Odyssee

Oben: Die Stadt der Laistrygonen
- Troja: Nach dem Sieg im Trojanischen Krieg beginnt Odysseus seine Heimreise nach Ithaka. Was einfach klingt, wird alles andere als das.
- Die Kikonen: Odysseus und seine Männer plündern die Stadt der Kikonen, erleiden aber schwere Verluste, als die Kikonen zurückschlagen. Erster Fehler, erste Lektion.
- Die Lotophagen: Auf der Insel der Lotophagen füttern die Bewohner Odysseus‘ Männer mit Lotusfrüchten, die Vergessenheit bringen und den Wunsch wecken, nie wieder heimzukehren.
- Die Kyklopen: Auf der Insel der Kyklopen wird ein Teil der Mannschaft von Polyphem gefangen genommen, dem Sohn des Poseidon. Odysseus blendet den Riesen, um zu entkommen, zieht sich aber den Zorn Poseidons zu. Das wird ihn die nächsten Jahre begleiten.
- Aiolos: Der Windgott schenkt Odysseus einen Beutel mit allen widrigen Winden. Eine sichere Heimreise, quasi geschenkt. Doch seine Männer öffnen den Beutel aus Neugier. Der Sturm treibt sie wieder weit zurück.
- Die Laistrygonen: Ein Volk von Riesen. Odysseus verliert alle Schiffe bis auf sein eigenes und entkommt nur knapp.
- Kirke: Auf der Insel der Zauberin werden einige seiner Männer in Schweine verwandelt. Odysseus, unterstützt durch Hermes, kann Kirke überwinden und seine Männer zurückverwandeln. Sie bleiben ein ganzes Jahr.
- Die Unterwelt: Odysseus besucht das Reich der Toten, um den Seher Teiresias zu befragen. Der prophezeit ihm den Weg nach Hause. Und noch einiges mehr.
- Die Sirenen: Ihr Gesang lockt Seeleute in den Tod. Odysseus lässt sich an den Mast binden, um ihren Gesang zu hören, ohne in Gefahr zu geraten. Seine Männer bekommen Wachs in die Ohren. Pragmatisch.
- Skylla und Charybdis: Zwischen dem sechsköpfigen Ungeheuer Skylla und dem Strudel Charybdis hindurch. Verluste sind unvermeidlich, die Frage ist nur, wie viele.
- Die Sonneninsel Thrinakia: Trotz aller Warnungen töten Odysseus‘ Männer die heiligen Rinder des Sonnengottes Helios. Zeus zerstört daraufhin ihr Schiff. Nur Odysseus überlebt.
- Kalypso: Odysseus strandet auf der Insel Ogygia, wo die Nymphe Kalypso ihn sieben Jahre festhält. Sie bietet ihm Unsterblichkeit an. Er lehnt ab. Er will nach Hause.
- Die Phaiaken: Odysseus gelangt auf die Insel der Phaiaken, wird gastfreundlich aufgenommen und erzählt seine Geschichte. Die Phaiaken bringen ihn nach Ithaka.
- Ithaka: Zurück in der Heimat muss Odysseus die Freier besiegen, die seit Jahren um Penelope werben und seinen Palast leer fressen. Als Bettler verkleidet räumt er auf, mit Hilfe seines Sohnes Telemachos und zweier treuer Hirten.
Was die Odyssee über Menschen erzählt

Die Odyssee ist fast 3.000 Jahre alt. Trotzdem lesen sich viele Passagen, als wären sie für uns geschrieben. Das liegt daran, dass Homer keine Mythologie erzählt, sondern menschliches Verhalten. Die Monster und Götter sind Kulisse; im Kern geht es um etwas anderes.
- Ausdauer: Odysseus gibt nie auf, obwohl er jeden Grund dazu hätte. Zwanzig Jahre von seiner Familie getrennt, fast alle Gefährten verloren, von einem Gott verfolgt. Er macht trotzdem weiter.
- Anpassungsfähigkeit: Jede Station verlangt eine andere Strategie. Bei Polyphem hilft List, bei Kirke Verhandlung, bei den Sirenen Disziplin. Odysseus‘ Stärke ist, dass er sich nicht auf eine Methode festlegt.
- Heimat: Kalypso bietet ihm Unsterblichkeit auf einer paradiesischen Insel. Er sagt Nein. Weil Ithaka seine Heimat ist, nicht weil es schöner wäre. Zugehörigkeit schlägt Komfort.
- List über Stärke: Der Listenreiche gewinnt nicht durch Muskeln. Er gewinnt, weil er nachdenkt, bevor er handelt. Jedenfalls meistens. Vor der Höhle des Polyphem ruft er dem geblendeten Riesen aus Stolz seinen echten Namen zu und liefert Poseidon damit die Handhabe für den Fluch. Die List hat ihre eigene Hybris.
- Gastfreundschaft: Die Xenia, das Gastrecht, ist ein durchgängiges Thema. Die Phaiaken halten sich daran und werden belohnt. Die Freier auf Ithaka missbrauchen es und bezahlen mit dem Leben.
- Versuchung: Lotophagen, Sirenen, Kalypso. Immer wieder die Einladung, aufzuhören, zu vergessen, sich bequem einzurichten. Die Odyssee ist auch eine Geschichte über Selbstbeherrschung.
- Identität: Odysseus nennt sich bei den Kyklopen »Niemand«, trägt auf Ithaka die Verkleidung eines Bettlers. Er verliert sich fast in den Rollen. Die Erkennung durch Penelope, den Hund Argos und die alte Amme Eurykleia zeigen, wer er wirklich ist.
- Gerechtigkeit: Die Bestrafung der Freier wirkt aus heutiger Sicht brutal. Für Homer war sie konsequent. Wer das Gastrecht bricht, die Ordnung zerstört und sich nimmt, was ihm nicht gehört, muss die Folgen tragen.
Wörter, die wir der Odyssee verdanken

Einige bildungssprachliche Begriffe gehen direkt auf die Odyssee zurück. Sie haben sich aus der Erzählung gelöst und ein Eigenleben entwickelt.
- Odyssee: Ursprünglich der Titel von Homers Epos. Heute steht das Wort für jede lange, mühsame Reise mit vielen Hindernissen. »Die Bürokratie war eine echte Odyssee.« Das Adjektiv odysseisch existiert ebenfalls, wird aber selten verwendet.
- Sirenen: In der Odyssee mythologische Wesen, deren Gesang Seefahrer in den Tod lockt. Bildungssprachlich steht der Begriff für jede verführerische, aber gefährliche Anziehungskraft. Der Sirenengesang ist eine stehende Wendung.
- Mentor: In der Odyssee ist Mentor ein Freund des Odysseus, dem er vor seiner Abreise die Aufsicht über seinen Sohn Telemachos anvertraut. Athene nimmt wiederholt Mentors Gestalt an, um Telemachos zu beraten. Das Wort hat seitdem die Bedeutung eines erfahrenen Ratgebers angenommen.
- Zwischen Skylla und Charybdis: Steht für eine Situation, in der man zwischen zwei Übeln wählen muss. Vergleichbar mit »zwischen Hammer und Amboss«, aber eleganter.
- Ithaka: Metaphorisch für das Ziel einer langen Reise, den Ort, an dem alles gut wird. Der griechische Dichter Kavafis machte daraus 1911 ein berühmtes Gedicht. Nicht Ithaka ist das Ziel, sondern der Weg dorthin.
Wie Nolan Homer ins Kino bringt
Am 17. Juli 2026 kommt Christopher Nolans Verfilmung in die Kinos, seine erste Regiearbeit nach »Oppenheimer«. Gedreht wurde komplett auf IMAX-Film, an Schauplätzen in Italien, Griechenland, Marokko, Island und Schottland. Matt Damon spielt Odysseus, Anne Hathaway die Penelope, Tom Holland den Sohn Telemachos. Dazu Zendaya als Athene und Charlize Theron als Kirke. Ein Aufgebot, das eher nach Blockbuster klingt als nach Antikenseminar.
Spannend ist die Frage, wie Nolan mit Homers Bauplan umgeht. Das Epos beginnt in medias res, mitten in der Handlung, und erzählt große Teile der Irrfahrt als Rückblende, die Odysseus selbst bei den Phaiaken vorträgt. Nolan hat mit verschachtelten Zeitebenen bei »Memento«, »Inception« und »Dunkirk« schon gezeigt, dass ihm genau das liegt. Womöglich trifft hier ein antikes Erzählprinzip auf einen Regisseur, der ohnehin nie geradlinig erzählt.
Spoiler spare ich mir. Wer den Film sieht, wird die Stationen aus diesem Artikel wiedererkennen. Der geblendete Polyphem, der Gesang der Sirenen, Kalypsos Insel, das Blutbad unter den Freiern. Ob Nolan die brutale Schlusssequenz auf Ithaka in voller Härte zeigt oder abmildert, ist einer der Punkte, an denen sich Werktreue messen lässt. Homer jedenfalls hat nicht weggeschaut.
Werktreu ist die Verfilmung nicht, und daran entzündet sich ein Teil des Streits. Homer beschreibt seine Figuren genau, amerikanische Akzente und Kostüme wie aus dem Fundus hatte er nicht im Sinn, und dass Telemachos seinen Vater »Dad« nennt, hätte den alten Rhapsoden vermutlich ratlos gemacht. Das kennt man schon. Nolan nimmt sich Freiheiten, wie sie sich jeder Erzähler seit dreitausend Jahren genommen hat. Nur behauptet er dabei, dem Original zu dienen. Das ist der eigentliche Reibungspunkt.
Ein anderer Teil der Empörung tobte schon vor dem Start online und drehte sich um die Besetzung (Neger spielen unsere alte Griechen!).
Der Film ist nicht die erste Übertragung. Schon 1954 spielte Kirk Douglas den Odysseus, 1997 gab es eine gefeierte Fernsehfassung. Der Stoff überlebt jede Verfilmung, weil die Vorlage älter und robuster ist als alles, was Hollywood ihr antun kann.
Warum die Odyssee das Muster aller Heldenreisen ist

Der Mythologe Joseph Campbell beschrieb 1949 in »Der Heros in tausend Gestalten« ein Muster, das sich in Erzählungen weltweit wiederfindet. Es umfasst den Ruf zum Abenteuer, die Begegnung mit einem Mentor, Prüfungen, eine Belohnung und die Rückkehr. Campbell nannte es die Heldenreise. Die Odyssee ist ihr Prototyp.
Die Heldenreise ist ein wiederkehrendes Erzählmuster, das der Mythologe Joseph Campbell 1949 beschrieb. Es gliedert eine Geschichte in Aufbruch, Prüfung und veränderte Rückkehr. Die Odyssee gilt als ihr ältestes vollständiges Beispiel in der westlichen Literatur.
Das Muster klingt einfach, weil es das auch ist. Odysseus wird durch den Trojanischen Krieg von zu Hause gerufen. Athene begleitet ihn als Mentorin. Er besteht Prüfungen, gewinnt Weisheit statt Gold und kehrt verändert zurück. Roadmovies, Abenteuerromane, Bildungsromane folgen diesem Schema. Star Wars, Der Herr der Ringe, Huckleberry Finn. Die Odyssee war zuerst da.
Homers Version unterscheidet sich von den späteren in einem Punkt. Sein Held ist kein strahlender Sieger. Odysseus lügt, täuscht, verliert Gefährten, macht Fehler. Er kommt nicht als besserer Mensch zurück, sondern als müderer. Das ist womöglich realistischer als die meisten Heldengeschichten, die seitdem erzählt wurden.
Was passierte mit Odysseus nach der Heimkehr?
Nach der Odyssee kehrt Odysseus nach Ithaka zurück, besiegt die Freier und vereint sich mit Penelope. Aber die Geschichte endet dort nicht.
Der Seher Teiresias hatte Odysseus in der Unterwelt prophezeit, dass er erneut aufbrechen müsse, zu einem Ort, an dem die Menschen das Meer nicht kennen und ein Ruder für eine Schaufel halten. Dort solle er dem Gott Poseidon opfern, um ihn zu versöhnen. Danach dürfe er nach Ithaka zurückkehren und einen ruhigen Tod sterben, fern vom Meer.
Spätere antike Autoren spannen die Geschichte weiter. In einigen Versionen tötet ihn sein eigener Sohn Telegonos, den er mit Kirke gezeugt hatte, ohne ihn zu erkennen. In anderen lebt er friedlich bis ins hohe Alter. Das antike Griechenland kannte kein Urheberrecht. Jeder konnte die Geschichte weitererzählen.

Die Odyssee wird nach fast drei Jahrtausenden immer noch gelesen. Nicht wegen der Monster und Zauberer, sondern weil sich in jeder Station die Frage verbirgt, die uns alle beschäftigt: Was bin ich bereit aufzugeben, um dorthin zu kommen, wo ich hingehöre?
Die Odyssee im Original lesen
Wer nach dem Film Lust auf die Vorlage bekommt, findet die Odyssee vollständig und kostenlos im Netz. Drei Wege, je nachdem, wie nah du ans Original willst.
- Deutsch, klassisch. Die Versübersetzung von Johann Heinrich Voß aus dem Jahr 1781, bis heute die bekannteste. Sprachlich wuchtig und völlig unzeitgemäß, aber gemeinfrei und komplett online bei Projekt Gutenberg. Wer es moderner und flüssiger mag, greift zur Prosafassung von Wolfgang Schadewaldt, die es nur gedruckt gibt, dafür in fast jeder Bibliothek. Wer kennt oder hat eine aktuelle Übersetzung des Originals ins Deutsche? Wo gibt es Schul-KI-Projekte?
- Griechisch mit englischer Übersetzung. Der Urtext Vers für Vers neben der Übersetzung von A. T. Murray, aufbereitet von der Perseus Digital Library der Tufts University. Die seriöseste frei zugängliche Quelle für den Originaltext.
- Englisch, gut lesbar. Die Prosaübersetzung von Samuel Butler aus dem Jahr 1900 liest sich auch heute noch flüssig und steht komplett bei Project Gutenberg. Für viele der angenehmste Einstieg. (lk)