Bildungssprache: Was ist das eigentlich genau?

Was ist Bildungssprache? Definition und Erklärung

Bildungssprache ist eine mit besonderen Begriffen angereicherte Sprache, wie sie gebildete und akademisch geschulte Schichten verwenden. Es sind die Wörter der Intellektuellen, der Professoren und Ärzte. Aber auch Journalisten und Schriftsteller greifen zu ihnen.

Wenn man will, kann man das als einen Code bezeichnen. Nur wer diese Begriffe kennt, sie korrekt verwendet und versteht, gehört dazu. Das kann Auswirkungen auf berufliche Chancen haben und mitbestimmend sein für die Position, die man sich im Leben schaffen will. Ein Code, den niemand ausdrücklich unterrichtet.

Bildungssprache Definition. Bildungssprache ist eine Zusammenstellung kluger Wörter, die sich über mehrere Jahrhunderte hinweg herausgebildet hat, ein so genannter Kanon. Bei Weitem nicht alles, was nach Fremdwort oder Anspruch klingt, gehört dazu. Das ist wichtig zu wissen. Manche bildungssprachliche Begriffe sind so exklusiv, dass sie nicht einmal im Duden verzeichnet sind.

Herkunft der Bildungssprache

Bildungssprachliche Begriffe sind häufig dem Lateinischen entlehnt. Trotzdem handelt es sich nicht um Fach- oder Fremdwörter im engeren Sinn; wer Fremdwörter gezielt einsetzen will, merkt schnell, dass beide Kategorien sich zwar berühren, aber nicht deckungsgleich sind. Auch wenn die Begriffe aus anderen Sprachen zu uns kamen, sie sind allesamt ins Deutsche eingeflossen und in Gebrauch. Nicht enthalten sind Fachbegriffe, etwa aus Medizin oder Soziologie. Überschneidungen gibt es trotzdem. Drei Sammlungen dazu.

Bildungssprache und Fachsprache sind nicht dasselbe. Fachsprache gehört einer einzelnen Disziplin und wird im Wesentlichen nur innerhalb dieser Disziplin verstanden, Bildungssprache dagegen ist fachübergreifend und begegnet Lesern in Zeitungen, Sachbüchern und öffentlichen Debatten. Überschneidungen entstehen dort, wo ein Fachwort in den allgemeinen Sprachgebrauch abgewandert ist.

In der Sprachdidaktik ist Bildungssprache ein eigener Forschungsgegenstand. Sie orientiert sich an den Regeln der Schriftsprache, auch wenn sie gesprochen wird, so fasst es die Universität Hamburg in ihrem Grundwissen zur Mehrsprachigkeit zusammen. Das erklärt, warum bildungssprachliche Sätze im Gespräch oft ein wenig gebaut klingen.

Bildungssprache ist anspruchsvoll und abstrakt, dabei durchaus vielfältig. Doch bildungssprachliche Begriffe machen die Sprache nicht einfach nur schwerer. Sie präzisieren, was gesagt oder geschrieben wird, und grenzen sich damit von der Alltags- und Umgangssprache ab. Der Weg zurück ist ebenfalls offen, viele dieser Wörter lassen sich durch einfache deutsche Begriffe ersetzen, ohne dass viel Genauigkeit verloren geht. Wer gebildeterweise noch weiter gehen will, der wird sie aktiv verwenden. Weil sich das, je nach Zielgruppe oder Gesprächspartner, womöglich sogar anbietet. Für einen besseren und exakteren Austausch. Für eine klügere Sprache.

Bildungssprache: Was ist das  genau?

Wörter haben mehrere Bedeutungen

Viele Begriffe haben zusätzliche oder andere Bedeutungen. Wer im praktischen Einsatz nichts falsch machen will, googelt das Wort kurz und schaut, wie andere es verwenden und in welchen Zusammenhängen es auftaucht. Dauert zehn Sekunden.

Ein Beispiel. Typisch wäre es, von einem Lapsus zu sprechen, statt Wörter wie Versehen oder Ungeschicklichkeit zu verwenden. Das Narrativ hingegen ist nicht bildungssprachlich. Das liegt am Alter. Das Wort war vor 1960 noch unbekannt und konnte deshalb nicht Teil des bildungssprachlichen Kanons werden. Man könnte das Narrativ als Modewort bezeichnen, dazu gehören auch die Resilienz, die Inzidenz oder die Disruption. In Zeitungstexten stehen sie meist direkt neben den echten bildungssprachlichen Begriffen, was die Unterscheidung nicht gerade erleichtert.

Es gibt Wörter, die man nicht als bildungssprachlich wahrnimmt, weil sie Allgemeingut geworden sind. Aber sie waren es einst nicht. Einiges scheint uns aber auch banal, vertraut und nichts Besonderes. Diese Wörter hatten früher einen anderen Klang. Gewöhnlich sind sie erst durch häufigen Gebrauch geworden. Beispiele dafür sind die Palette, das Paradox, hineinspielen, feminin oder das Finale. Den umgekehrten Weg gibt es ebenso, im alten Akademikerdeutsch stehen reihenweise Wörter, die den Anschluss verloren haben.

Wann ist nun etwas bildungssprachlich, und wann nicht?

Leicht wird es uns nicht immer gemacht. Das Danaergeschenk ist bildungssprachlich, das Da­mo­k­les­schwert aber nicht. Wer kann das verstehen? Aber wissen kann man es. Es gibt sogar englische Begriffe in der Bildungssprache. Französische sowieso.

Doch Vorsicht. Erschwerenderweise kann ein Wort unterschiedliche Bedeutungen haben, die sich erst aus dem jeweiligen Zusammenhang erschließen.

Ein Wort ist in dem einen Zusammenhang das der Bildungssprache und in einem anderen nicht. Das muss genau beachtet werden; im Zweifel entscheidet der Kontext, nicht das Wort selbst.

Dann sind da noch häufig benutzte Begriffe wie die Mechanik, die nur zu einem kleinen Teil bildungssprachlich sind. Da wird es knifflig. Die Transparenz wiederum ist ein alltägliches Fremdwort, dessen bildungssprachliche Variante kaum vorkommt.

Noch ein Beispiel. Operation bedeutet allgemein so viel wie ein chirurgischer Eingriff. In der Bildungssprache steht Operation für eine Handlung, eine planmäßig durchgeführte Unternehmung. Wird das Wort im bildungssprachlichen Kontext verwendet, geht es eben nicht um Medizin, sondern um zielgerichtetes Agieren zu einem bestimmten Zweck. Wer akademisch sprechen will, sollte genau diesen Unterschied im Kern verstanden haben, sonst wirkt der Begriff schnell aufgesetzt.

Bildungssprache Infografik

Diese Adjektive beschreiben die Bildungssprache

prägnant, eloquent, sophistiziert, elaboriert, profund, intellektuell, erudiert, kohärent, analytisch, präzise, fundiert, differenziert, hermeneutisch, diskursiv, rhetorisch, konzise, didaktisch, epistemologisch, semantisch

Neunzehn Adjektive für etwas, das man auch schlicht nennen könnte. Genau darin liegt der Reiz der Bildungssprache, und ihre Falle gleich mit.

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Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage

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