Texte analysieren mit KI: 7 Prompts für echtes Verstehen

Texte analysieren mit KI: 7 Prompts für echtes Verstehen

Eine Zusammenfassung ist schnell gemacht. »Fass diesen Text zusammen« – fertig. Aber Zusammenfassen ist nicht Verstehen. Wer einen Text wirklich durchdringen will, muss tiefer graben: Wie argumentiert der Autor? Welche Annahmen stecken dahinter? Was wird nicht gesagt?

KI kann dabei helfen – nicht als Ersatz fürs Denken, sondern als Werkzeug. Die folgenden Prompts sind für Leute, die Texte nicht nur konsumieren, sondern durcharbeiten wollen: Fachartikel, Studien, Meinungsstücke, Berichte. Was hier steht, geht über »gib mir die Kernpunkte« hinaus.

Bildungssprache Buch Cover Lerne die Bildungssprache! Das praktische Handbuch schlauer Wörter unterstützt dich mit über 1.600 durchdachten Einträgen. Besser verstehen und klüger schreiben. Verständliche Erläuterungen und lebensnahe Beispiele erleichtern das Einprägen. Jetzt ansehen

Argumentationsstruktur aufdecken

Jeder Text, der etwas behauptet, hat eine Struktur: These, Belege, Schlussfolgerung. Manchmal ist sie klar, manchmal versteckt. Dieser Prompt macht sie sichtbar:

Analysiere die Argumentationsstruktur dieses Textes:

[Text einfügen]

1. Was ist die zentrale These?
2. Welche Belege werden angeführt? (Studien, Beispiele, Autoritäten, Logik)
3. Welche Zwischenschritte führen von den Belegen zur These?
4. Gibt es Sprünge in der Argumentation – Stellen, wo der Autor etwas voraussetzt, ohne es zu belegen?
5. Wie stark ist die Argumentation insgesamt? Wo ist sie überzeugend, wo angreifbar?

Das ist nützlich für wissenschaftliche Texte, aber auch für Meinungsartikel. Ein gut klingender Text kann eine löchrige Argumentation haben – und umgekehrt.

Bias und Perspektive erkennen

Kein Text ist neutral. Jeder Autor hat eine Perspektive, bewusst oder unbewusst. Die Frage ist nicht, ob ein Bias existiert, sondern welcher – und wie stark er das Gesagte färbt.

Untersuche diesen Text auf Voreingenommenheit:

[Text einfügen]

1. Welche Position vertritt der Autor? Ist sie offen oder implizit?
2. Welche Perspektiven oder Gegenargumente fehlen?
3. Welche Wörter oder Formulierungen verraten eine Wertung? (z.B. »behauptet« vs. »stellt fest«, »Kritiker« vs. »Experten«)
4. Wer kommt zu Wort, wer nicht?
5. Lässt sich die Position einem politischen, ideologischen oder wirtschaftlichen Interesse zuordnen?

Sei konkret: Zitiere Stellen aus dem Text, die deine Analyse stützen.

Dieser Prompt ist Gold wert für Nachrichtenartikel, Kommentare und alles, was eine Meinung transportiert – auch wenn es sich als neutral präsentiert.

Quellen und Belege prüfen

Ein Text kann überzeugend klingen und trotzdem auf wackligen Belegen stehen. Dieser Prompt hilft, die Grundlage zu prüfen:

Prüfe die Belege in diesem Text:

[Text einfügen]

1. Welche Quellen werden genannt? (Studien, Experten, Statistiken, Beispiele)
2. Sind die Quellen überprüfbar? (Gibt es Namen, Daten, Links?)
3. Wie aktuell sind die Belege?
4. Werden Studien korrekt wiedergegeben oder verkürzt/verzerrt?
5. Gibt es Behauptungen ohne jeden Beleg?
6. Welche zusätzlichen Quellen wären nötig, um die Aussagen zu verifizieren?

Wichtig: Die KI kann nicht prüfen, ob eine Studie tatsächlich existiert oder korrekt zitiert wird. Sie kann aber aufzeigen, wo Belege fehlen oder dünn sind – und wo du selbst nachrecherchieren solltest.

Was nicht gesagt wird

Manchmal ist das Interessanteste an einem Text das, was fehlt. Dieser Prompt macht Lücken sichtbar:

Analysiere, was in diesem Text NICHT gesagt wird:

[Text einfügen]

1. Welche naheliegenden Fragen werden nicht beantwortet?
2. Welche Gegenargumente oder Einwände werden ignoriert?
3. Welche Akteure, Betroffene oder Perspektiven kommen nicht vor?
4. Gibt es Themen, die der Text streift, aber nicht vertieft?
5. Was müsste ein Leser zusätzlich wissen, um sich ein vollständiges Bild zu machen?

Das ist besonders nützlich bei PR-Texten, Unternehmenskommunikation und politischen Statements – überall dort, wo strategisches Weglassen zum Handwerk gehört.

Fachbegriffe und Konzepte erklären

Manche Texte setzen Wissen voraus, das man nicht hat. Statt jedes Wort einzeln nachzuschlagen:

Erstelle ein Glossar für diesen Text:

[Text einfügen]

Identifiziere alle Fachbegriffe, Konzepte und Abkürzungen, die ein Laie möglicherweise nicht kennt. Erkläre jeden Begriff:
- In einem Satz: Was bedeutet das?
- Warum ist es im Kontext dieses Textes wichtig?

Sortiere nach Relevanz, nicht alphabetisch.

Der Trick ist »Sortiere nach Relevanz«. So bekommst du die wichtigsten Begriffe zuerst, nicht ein alphabetisches Wörterbuch.

Pro und Contra extrahieren

Wenn ein Text eine Position vertritt, hilft es, die Argumente zu sortieren – auch die, die der Autor selbst nicht stark macht:

Extrahiere die Argumente aus diesem Text:

[Text einfügen]

1. Liste alle Argumente FÜR die Position des Autors
2. Liste alle Argumente GEGEN die Position (auch wenn sie nur erwähnt werden, um sie zu entkräften)
3. Welche Argumente fehlen auf beiden Seiten?
4. Welches ist das stärkste Argument pro, welches das stärkste contra?
5. Wie fair behandelt der Autor die Gegenseite?

Das ist die Grundlage für jede Diskussion: Wer die Argumente beider Seiten kennt, kann besser urteilen.

Der Gesamtprompt

Wenn du einen Text gründlich durcharbeiten willst, kombiniere die Einzelprompts. Hier eine Vorlage für die vollständige Analyse:

Analysiere diesen Text systematisch:

[Text einfügen]

1. THESE: Was ist die zentrale Aussage? In einem Satz.

2. ARGUMENTATION: Wie wird die These gestützt? Welche Belege, welche Logik? Wo gibt es Schwächen?

3. PERSPEKTIVE: Welche Position vertritt der Autor? Welche Voreingenommenheit ist erkennbar? Zitiere konkrete Stellen.

4. LÜCKEN: Was fehlt? Welche Fragen bleiben offen, welche Gegenargumente werden ignoriert?

5. QUELLEN: Wie gut sind die Belege? Was ist überprüfbar, was nicht?

6. GLOSSAR: Welche Fachbegriffe sollte ein Laie kennen? Kurze Erklärungen.

7. FAZIT: Wie überzeugend ist der Text insgesamt? Würde ich ihn weiterempfehlen – und an wen?

Das dauert länger als eine schnelle Zusammenfassung. Aber du verstehst danach, was du gelesen hast – und nicht nur, was drinsteht.

Was die KI nicht kann

Ein paar ehrliche Einschränkungen:

Fakten prüfen: Die KI kann nicht verifizieren, ob eine zitierte Studie existiert oder korrekt wiedergegeben wird. Sie kann nur aufzeigen, wo Belege fehlen oder vage sind. Die eigentliche Prüfung musst du selbst machen.

Kontext liefern: Wenn der Text auf aktuelle Ereignisse oder Insider-Wissen anspielt, fehlt der KI möglicherweise der Hintergrund. Bei sehr aktuellen Themen hilft eine Websuche.

Qualität garantieren: Die Analyse ist so gut wie der Prompt und der Ausgangstext. Bei sehr kurzen oder sehr vagen Texten liefert auch die beste KI nur begrenzte Ergebnisse.

Denken ersetzen: Die KI strukturiert, sortiert, macht sichtbar. Aber ob du den Argumenten zustimmst, ob du den Autor für glaubwürdig hältst, ob der Text für dich relevant ist – das entscheidest du.

Wann sich das lohnt

Nicht jeder Text verdient eine Tiefenanalyse. Für Nachrichtenartikel reicht oft eine schnelle Zusammenfassung. Aber für Texte, die Entscheidungen beeinflussen – Studien, Gutachten, wichtige Meinungsstücke – lohnt sich der Aufwand.

Die Prompts oben sind Werkzeuge. Sie ersetzen nicht kritisches Lesen, aber sie machen es effizienter. Du siehst schneller, wo ein Text stark ist und wo er schwächelt. Und das ist der erste Schritt zum Verstehen.

Werkstattbericht

Die Abbildung generierte die KI DALL-E via Bing, was darin abgebildet ist, existiert in der realen Welt nicht. Die verwendeten Fonts im Beitragsbild sind Anton (Google) und Alegreya Sans (Google).

Sven Lennartz Avatar

Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage