KI-Prompts für Studierende: So nutzt du ChatGPT, Claude und Gemini richtig

KI-Prompts für Studierende: So nutzt du sie richtig

Das Studium hat sich verändert. Wer heute an einer Universität eingeschrieben ist, kommt an künstlicher Intelligenz nicht mehr vorbei. ChatGPT, Claude, Gemini – diese Namen sind längst keine Geheimtipps mehr, sondern Werkzeuge, die Millionen Studierende täglich nutzen. Die Frage ist nicht mehr, ob du KI einsetzt, sondern wie du sie richtig einsetzt.

Genau da liegt aber das Problem: Die meisten tippen ihre Fragen einfach so ein, wie sie ihnen in den Sinn kommen. Das Ergebnis? Mittelmäßige Antworten, langweilige generische Texte, manchmal sogar handfester Unsinn. Die KI kann ganz erheblich viel mehr. Aber nur, wenn du weißt, wie du mit ihr sprichst.

Bildungssprache Buch Cover Lerne die Bildungssprache! Das praktische Handbuch schlauer Wörter unterstützt dich mit über 1.600 durchdachten Einträgen. Besser verstehen und klüger schreiben. Verständliche Erläuterungen und lebensnahe Beispiele erleichtern das Einprägen. Jetzt ansehen

Was ist »Prompt Literacy« und warum braucht man das?

»Prompt Literacy« bezeichnet die Fähigkeit, präzise Anweisungen an KI-Systeme zu formulieren. Klingt banal, ist es aber nicht. Ein guter Prompt unterscheidet zwischen einer brauchbaren Antwort und einer brillanten. Er entscheidet darüber, ob die KI dir wirklich hilft oder nur Zeit verschwendet.

Universitäten haben das erkannt. Immer mehr Hochschulen integrieren Prompt Engineering in ihre Curricula. Der Grund: Diese Kompetenz wird in der Arbeitswelt von morgen unverzichtbar sein.

Das P.A.C.E.-Framework: Struktur für bessere Ergebnisse

Vergiss vage Anfragen wie »Hilf mir beim Lernen«. Mit dem P.A.C.E.-Framework strukturierst du deine Prompts so, dass die KI genau versteht, was du brauchst.

P steht für Purpose (Zweck): Definiere das »Warum«. Was willst du mit der Interaktion erreichen? Ein Prompt ohne klaren Zweck führt zu generischen Antworten.

A steht für Action (Aktion): Welche konkrete Handlung soll die KI ausführen? Verben wie »analysieren«, »zusammenfassen«, »kritisieren« oder »vergleichen« geben klare Anweisungen.

C steht für Context (Kontext): Hier scheitern die meisten. Ohne Kontext agiert die KI im luftleeren Raum. Gib dein akademisches Niveau an, das Fachgebiet, spezifische Einschränkungen wie Wortzahl oder Format.

E steht für Execute (Ausführung): Definiere das Ausgabeformat. Soll das Ergebnis eine Tabelle sein? Ein Fließtext? Eine nummerierte Liste?

Ein Beispiel: Statt »Erkläre mir das IS-LM-Modell« formulierst du:

(P) Um mich auf meine Klausur in Makroökonomie vorzubereiten, (A) erstelle bitte 10 Übungsfragen, (C) die sich auf das IS-LM-Modell konzentrieren und das Niveau einer Erstsemester-Vorlesung haben. (E) Gib die Ausgabe als Tabelle mit Frage, Antwort und Erklärung aus.

Der Unterschied ist gewaltig.

Das DEPTH-Framework: Tiefe statt Oberflächlichkeit

Während P.A.C.E. die Struktur vorgibt, sorgt das DEPTH-Modell für inhaltliche Tiefe. Es wurde nach über 1.000 Testszenarien entwickelt und eignet sich besonders für komplexe akademische Aufgaben.

D – Define Role: Weise der KI eine spezifische Expertenrolle zu. »Agiere als Professor für theoretische Physik« aktiviert ein anderes Vokabular als »Erkläre mir Physik«.

E – Establish Metrics: Lege Erfolgskriterien fest. »Die Erklärung muss so klar sein, dass ein Laie sie versteht, aber präzise genug für eine Prüfung.«

P – Provide Context: Liefere Hintergrundmaterial. Füge Abstracts, Gliederungen oder spezifische Datenpunkte ein.

T – Task Breakdown: Zerlege komplexe Aufgaben in Teilschritte. »Schritt 1: Definiere die Begriffe. Schritt 2: Wende sie an. Schritt 3: Kritisiere die Anwendung.«

H – Human Feedback: Baue eine iterative Schleife ein. Fordere die KI auf, ihre eigene Antwort zu bewerten oder auf dein Feedback zu warten.

Der sokratische Tutor: Lernen statt Copy-Paste

Ein zentraler Fehler: Viele nutzen KI als Antwortmaschine. Das Problem dabei? Du lernst nichts. Die klügere Methode ist der sokratische Dialog.

Hier ein Prompt für mathematische oder naturwissenschaftliche Übungsaufgaben:

Ich hänge an dieser Übungsaufgabe: [Aufgabe einfügen]. WICHTIG: Gib mir auf keinen Fall die Lösung! Agiere stattdessen als mein Tutor. Analysiere meinen bisherigen Lösungsansatz: [Ansatz einfügen]. Stelle mir eine gezielte Frage oder gib mir einen kleinen Hinweis, der mich auf den richtigen Weg bringt. Warte auf meine Antwort. Führe mich schrittweise zur Lösung, indem du mein Denken anregst.

Dieser Ansatz zwingt die KI in den »Guide-on-the-Side«-Modus. Sie validiert deinen Denkprozess, nicht nur das Ergebnis. Das ist nachhaltiger als jede fertige Lösung.

Die Feynman-Technik mit KI umsetzen

Richard Feynman, der legendäre Physiker, hatte eine einfache Regel: Wenn du etwas nicht so erklären kannst, dass es ein Kind versteht, hast du es selbst nicht verstanden. Die Feynman-Methode lässt sich hervorragend mit KI kombinieren.

Die KI kann diese Technik simulieren:

Ich möchte das Konzept [Thema] wirklich verstehen. Erkläre es mir zuerst so, als wäre ich 12 Jahre alt. Nutze eine anschauliche Analogie aus dem Alltag. Wenn ich ›Verstanden‹ sage, erkläre es erneut auf dem Niveau eines Abiturienten, inklusive der wichtigsten Fachbegriffe. Schließlich erkläre es auf Expertenniveau für eine Universitätsprüfung. Teste mein Verständnis am Ende mit einer Transferfrage.

Dieser »Scaffolding«-Ansatz baut Wissen schichtweise auf. Die KI erhöht die Komplexität erst, wenn das Fundament steht.

Wissenschaftliches Schreiben: Die KI als Lektor, nicht als Ghostwriter

Hier ist die ethische Grenze klar: Die KI sollte als Strukturgeber, Kritiker und Lektor fungieren – niemals als Ghostwriter. Die folgenden Prompts unterstützen den Schreibprozess, ohne die geistige Urheberschaft zu untergraben.

Der Skeleton-Prompt für Gliederungen:

Ich schreibe eine [Art der Arbeit] im Fach [Fachbereich] zum Thema [Thema]. Erstelle einen detaillierten Gliederungsvorschlag. Für jedes Kapitel und Unterkapitel: Definiere das spezifische Ziel dieses Abschnitts. Liste 3-4 logische Argumentationspunkte auf. Schlage vor, welche Art von Quellen hier benötigt werden. Achte auf einen roten Faden, der sich von der Einleitung bis zum Fazit zieht.

Dieser Prompt liefert keine fertigen Texte, sondern eine Landkarte für das Schreiben. Er hilft gegen die »Horror Vacui« – die Angst vor dem leeren Blatt.

Stilistisches Lektorat: Der Academic Polisher

Viele Studierende kämpfen mit dem akademischen Tonfall. Nominalstil, Objektivität, Präzision – das will gelernt sein. Die KI kann als Stil-Transformator dienen:

Du bist ein strenger akademischer Lektor für [Fachbereich]. Überarbeite den folgenden Absatz, um ihn präziser, objektiver und wissenschaftlicher klingen zu lassen. Behalte den inhaltlichen Sinn zu 100 Prozent bei. Entferne Füllwörter und umgangssprachliche Wendungen. Verbessere den Satzbau und die Wortwahl. Markiere alle Änderungen, damit ich sie nachvollziehen kann. Text: [Hier eigenen Entwurf einfügen]

Ein Profi-Tipp: Liefere der KI ein Beispiel für den gewünschten Stil. Ein Absatz aus einem hochangesehenen Paper als Referenz wirkt Wunder.

Literaturrecherche: Der Gap Finder

Ein gutes Thema zu finden, das relevant und noch nicht erschöpfend erforscht ist – das ist eine Herausforderung. Dieser Prompt hilft bei der Identifikation von Forschungslücken:

Du bist ein Senior Researcher im Bereich [Fachbereich]. Basierend auf den akademischen Trends der Jahre 2024 und 2025: Liste 5 aktuelle Forschungsthemen auf. Identifiziere für jedes Thema eine spezifische Forschungslücke, die in aktuellen Papern oft als ›Limitierung‹ oder ›Future Research‹ genannt wird. Formuliere zu jeder Lücke eine präzise Forschungsfrage und eine Hypothese.

Wichtiger Hinweis: Vertraue niemals blind Zitationen, die eine KI ohne Zugriff auf eine Datenbank generiert. Nutze für die Suche nach neuen Quellen spezialisierte Tools wie Consensus oder Elicit, und setze ChatGPT oder Claude nur zur Analyse bereits gefundener Texte ein.

Die Verteidigung simulieren

Die Angst vor kritischen Fragen im Kolloquium kann durch Simulation gemildert werden:

Du bist ein kritischer Professor, der meine Bachelorarbeit zum Thema [Thema] begutachtet. Führe eine Simulation der Verteidigung durch. Stelle mir nacheinander eine provokante oder kritische Frage zu meiner Methodik oder meinen Ergebnissen. Warte auf meine Antwort. Bewerte meine Antwort auf einer Skala von 1 bis 10 und gib mir Feedback, wie ich souveräner oder fachlich präziser hätte antworten können. Stelle dann die nächste Frage. Sei streng!

Diese Simulation deckt Schwachstellen in der Argumentation auf und trainiert die rhetorische Schlagfertigkeit in einer sicheren Umgebung.

Welches Modell für welchen Zweck?

Im Jahr 2026 ist »KI« kein Monolith mehr. Die verschiedenen Modelle haben unterschiedliche Stärken:

Claude (Anthropic) glänzt bei nuancierter Sprache und verfügt über ein riesiges Kontextfenster. Ideal für das Verfassen und Überarbeiten von Texten, die Analyse ganzer Bücher oder Skripte. Ein Tipp: Nutze die »Projects«-Funktion, um alle Skripte eines Semesters hochzuladen und Claude als allwissenden Tutor zu nutzen.

ChatGPT mit GPT-5.2 (OpenAI) punktet beim logischen Schließen und bei der Datenanalyse. Für Mathe- und Physikprobleme ist o1 die erste Wahl. Der Prompt-Tipp:

Denke Schritt für Schritt.

Gemini (Google) mit Deep Research integriert sich nahtlos in Google Drive und bietet Echtzeit-Web-Recherche. Perfekt für die Recherche aktueller Themen und die Zusammenfassung eigener Drive-Dokumente.

Custom Instructions: Der Meta-Prompting-Ansatz

Fortgeschrittene Nutzer definieren »Custom Instructions«, um nicht bei jedem Chat bei Null anfangen zu müssen. Diese Anweisungen können in den Einstellungen von ChatGPT oder Claude hinterlegt werden.

Was sollte die KI über dich wissen?

Ich bin Masterstudent der Wirtschaftswissenschaften. Ich arbeite wissenschaftlich, präzise und datengestützt. Mein Ziel ist es, kritisch zu denken und meine Argumentation zu schärfen, nicht, dass du die Arbeit für mich machst.

Wie soll die KI antworten?

Sei direkt und präzise. Wenn meine Anfrage unklar ist, stelle Rückfragen. Gib immer die Logik hinter deinen Aussagen an. Nutze Tabellen für Vergleiche. Wenn du spekulierst oder unsicher bist, kennzeichne dies explizit. Beende Antworten mit einem Vorschlag für den nächsten logischen Arbeitsschritt.

Ethik und Integrität: Die goldene Regel

Die goldene Regel lautet: Jeder KI-Output muss verifiziert werden. KI-Modelle sind probabilistische Maschinen, keine Wissensdatenbanken. Sie können plausibel klingenden Unsinn produzieren.

Hochschulen fordern zunehmend Transparenz. Es wird empfohlen, ein »KI-Verzeichnis« im Anhang der Arbeit zu führen: »Ich habe ChatGPT genutzt, um die Gliederung zu brainstormen und Grammatik zu korrigieren. Die inhaltliche Ausarbeitung und Argumentation stammen von mir.«

Speichere Chat-Verläufe als Beleg, falls Plagiatsvorwürfe aufkommen. Und lade niemals vertrauliche Daten – unveröffentlichte Forschungsdaten Dritter, sensible Interview-Transkripte – in öffentliche KI-Modelle, es sei denn, du nutzt eine geschützte Enterprise-Instanz deiner Universität. Mehr dazu im Artikel über Datenschutz bei ChatGPT.

Die hier vorgestellten Strategien und Prompts transformieren die KI von einem simplen Werkzeug zu einem kognitiven Exoskelett. Studierende, die diese Techniken beherrschen, werden nicht nur effizienter studieren. Sie entwickeln Fähigkeiten – strukturiertes Denken, Prozessmanagement, kritische Validierung –, die in der Arbeitswelt von morgen unverzichtbar sind.

Die Zukunft gehört nicht denen, die KI vermeiden. Sie gehört denen, die sie als Verstärker ihrer eigenen Intelligenz zu nutzen wissen.

Sven Lennartz Avatar

Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage