Atalante – einzigartige Jägerin der Antike

Atalante, die Jägerin der griechischen Mythologie

Atalante war die schnellste Sterbliche der griechischen Mythologie, eine Jägerin, die Männer im Ringkampf besiegte, den ersten Pfeil auf den kalydonischen Eber abschoss und einen Wettlauf als Eheprobe veranstaltete, bei dem die Verlierer mit dem Leben bezahlten.

Keine andere Frau der antiken Sagenwelt hat sich so konsequent in der Welt der männlichen Helden behauptet.

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Ihre Geschichte beginnt mit einer Aussetzung. Atalantes Vater, in der arkadischen Überlieferung der König Iasos, wollte einen Sohn. Als stattdessen eine Tochter kam, ließ er das Kind auf dem Parthenion-Hügel nahe Kalydon in der Wildnis zurück. Eine Bärin fand das Mädchen und säugte es. Dass ausgerechnet eine Bärin, das heilige Tier der Artemis, zur Amme wurde, ist in der Logik des Mythos kein Zufall. Artemis selbst griff ein. Jäger entdeckten das Kind schließlich und zogen es auf.

Atalante wuchs in den Wäldern Arkadiens auf, lernte jagen, kämpfen, überleben. Sie legte das Gelübde der Jungfräulichkeit ab, wie es Artemis von ihren Begleiterinnen verlangte. Das war nicht nur eine religiöse Entscheidung. Es war eine Absage an die einzige Rolle, die die griechische Gesellschaft für Frauen vorsah: Ehefrau und Mutter. Atalante wählte die Wildnis.

Wer war Atalante?

Die Überlieferung kennt zwei Versionen. In der arkadischen Tradition ist Atalante die Tochter des Iasos und der Klymene, eine Jägerin aus dem Mainalos-Gebirge, eng verbunden mit Artemis und den großen Heldenunternehmungen ihrer Zeit. In der böotischen Version ist sie Tochter des Königs Schoeneus, und der Schwerpunkt liegt auf ihrem Wettlauf gegen die Freier.

Beide Stränge fließen in der späteren Mythographie zusammen, etwa bei Ovid und Apollodor. Was bleibt, ist das Bild einer Frau, die in einer Männerwelt nicht nur überlebt, sondern dominiert. Der Name Atalante leitet sich vom griechischen atalantos ab und bedeutet »gleichgewichtig« oder »ebenbürtig«. Programmatischer geht es nicht.

Atalante Infografik

Die Jagd auf den kalydonischen Eber

Artemis hatte dem König Oeneus von Kalydon einen riesigen Eber geschickt, weil er vergessen hatte, ihr zu opfern. Götter reagieren empfindlich auf so etwas. Das Tier verwüstete die Felder, tötete Vieh und Menschen. Oeneus‘ Sohn Meleagros rief die besten Jäger Griechenlands zusammen. Es kamen Peleus, Telamon, Kastor und Pollux, Theseus, und eben Atalante.

Ihre Anwesenheit sorgte für Ärger. Mehrere der versammelten Heroen weigerten sich, mit einer Frau zu jagen. Sie empfanden es als Entehrung. Erst Meleagros, der sich in Atalante verliebt hatte, setzte ihre Teilnahme durch.

Atalante rechtfertigte sich durch Leistung. Sie war die Erste, die den Eber traf, ein Pfeil in die Flanke. Meleagros tötete das Tier am Ende, sprach aber Atalante die Trophäe zu, das Haupt und Fell des Ebers. Seine Onkel hielten das für eine Schande, ein Streit brach aus, Meleagros tötete sie. Seine Mutter Althaia rächte ihre Brüder, indem sie ein magisches Holzscheit ins Feuer warf, an das Meleagros‘ Leben gebunden war. Er starb.

Atalante hatte nichts davon gewollt. Sie war gekommen, um zu jagen. Aber ihre bloße Anwesenheit brachte die patriarchalische Ordnung ins Wanken. Das Fell des Ebers wurde ihr zugesprochen und eine Familie zerbrach daran. Es ist eine der Geschichten, die zeigen, wie die griechische Mythologie mit den Spannungen zwischen Verdienst und Geschlecht umging. Im Kern: schlecht.

Atalante und die Argonauten

Ob Atalante an der Fahrt der Argonauten teilnahm, hängt davon ab, wen man fragt. Apollodor zählt sie ausdrücklich als Teilnehmerin auf. Apollonios von Rhodos hingegen berichtet, Jason habe sie abgewiesen, aus Angst, eine attraktive Frau auf einem Schiff voller Männer werde zu Streit führen.

Das sagt womöglich mehr über die antiken Autoren als über Atalante. In jedem Fall schenkte sie Jason einen Speer, der als stellvertretendes Zeichen ihrer Teilnahme gilt. Apollonios‘ Entscheidung, sie auszuschließen, wurde in der modernen Literatur immer wieder aufgegriffen, etwa von Emily Hauser, die in ihrem Roman daraus einen zentralen Konflikt um weibliche Selbstbehauptung macht.

Der Ringkampf gegen Peleus

Bei den Leichenspielen für König Pelias trat Atalante im Ringkampf gegen Peleus an, den Vater des späteren Achilles. Peleus war einer der stärksten Ringer seiner Zeit, er hatte sogar die Meeresgöttin Thetis im Kampf bezwungen. Atalante besiegte ihn vor den Augen der versammelten Helden.

In der antiken Vasenmalerei wird diese Szene mit professioneller Detailtreue dargestellt: Atalante trägt Ringerkappe und Brustband, die Ausrüstung einer Athletin. Keine exotische Kuriosität, sondern eine ebenbürtige Gegnerin. Auf der berühmten François-Vase (um 570 v. Chr.) ist ihr Name eigens beigeschrieben, was ihren Status als individuelle Heldin betont.

Der Wettlauf mit den goldenen Äpfeln

Nach ihren heroischen Erfolgen nahm Atalantes Vater sie wieder in die Familie auf. Damit verbunden war die Erwartung einer standesgemäßen Heirat. Ein Orakel hatte Atalante allerdings gewarnt: Die Ehe werde ihr Verderben sein. Also ersann sie eine Freierprobe, die das Problem auf elegante Weise lösen sollte. Jeder Bewerber musste in einem Wettlauf gegen sie antreten. Wer verlor, starb.

Zahlreiche Männer versuchten es. Keiner war schnell genug. Bis Hippomenes (in anderen Versionen Melanion) antrat und erkannte, dass er Atalante nicht durch Schnelligkeit besiegen konnte. Er bat Aphrodite um Hilfe. Die Göttin gab ihm drei goldene Äpfel, die er während des Rennens fallen ließ. Atalante hielt dreimal inne, um sie aufzuheben. Hippomenes gewann.

Die Deutungen dieser Episode gehen weit auseinander. Die antike Moralistik sah darin ein Zeichen weiblicher Schwäche, eine Ablenkung durch Glanz und Reichtum. Die religionsgeschichtliche Lesart betont die Macht Aphrodites: Selbst die wildeste Jägerin kann sich der Göttin der Liebe nicht entziehen. Atalante wurde nicht durch Stärke besiegt, sondern durch göttliche List. Das macht die Geschichte weniger zur Warnung und eher zur Tragödie.

Verwandlung in Löwen

Hippomenes vergaß nach seinem Sieg, Aphrodite zu danken. Kein kluger Zug. Die erzürnte Göttin trieb das Paar in einen Zustand unkontrollierbarer Begierde. Während einer Jagd suchten sie Zuflucht in einem heiligen Bezirk, je nach Quelle dem der Kybele, des Zeus oder der Rhea, und entweihten ihn durch ihren Beischlaf.

Zur Strafe wurden beide in Löwen verwandelt. Die antike Vorstellung, dass Löwen sich nicht untereinander paaren können, sondern nur mit Leoparden, machte die Strafe besonders grausam: zusammen, aber für immer getrennt. Fortan zogen sie den Wagen der Göttin Kybele.

Es ist ein Mythos, der seine Heldin erst aus der Wildnis holt, durch die Zivilisation führt und dann wieder in die Natur zurückwirft. Atalante beginnt als Kind einer Bärin und endet als Löwin. Die griechische Mythologie erzählt hier im Kern eine Geschichte über Kontrolle: Wer sich den Regeln der Gesellschaft und der Götter widersetzt, wird nicht vernichtet, aber verwandelt. In etwas, das keine Wahl mehr hat.

Was von Atalante geblieben ist

Der Name Atalante hat es nicht in den allgemeinen bildungssprachlichen Wortschatz geschafft, anders als Mentor, Odyssee oder Sisyphos. Aber die Figur wirkt. Die Forscherin Catharine Stimpson prägte den Begriff des Atalante-Syndroms: eine kulturelle Konstellation, in der Frauen zwar außergewöhnliche Leistungen erbringen, diese aber systematisch durch gesellschaftliche Ablenkungen entwertet werden. Die goldenen Äpfel als Metapher für alles, was Frauen vom Gewinnen abhält.

In der Kunst war Atalante über Jahrhunderte ein beliebtes Motiv. Rubens, Guido Reni, dutzende Vasenmaler der Antike. In der zeitgenössischen Literatur wird sie zunehmend vom Warnbeispiel zur Ikone umgedeutet. Emily Hauser lässt sie in For the Winner als Frau in Männerkleidung an der Argonautenfahrt teilnehmen. Jennifer Saint gibt ihr in Atalanta die psychologische Tiefe, die den antiken Quellen fehlt.

Was bleibt, ist das Bild einer Frau, die schneller lief als jeder Mann, zwei Kentauren im Alleingang tötete, mit dem ersten Pfeil gegen ein Ungeheuer traf und Peleus im Ringkampf besiegte. Dass ihr Mythos in der Verwandlung zum Löwen endet, war die antike Art zu sagen: So viel Freiheit können wir nicht zulassen. Dass wir sie heute anders lesen, ist womöglich die eigentliche Pointe.

Feministinnen sollten sich aber nicht zu früh freuen. Atalante war eine Sagengestalt, sie hat nie gelebt. Ausgedacht wurden diese Geschichte seinerzeit von Männern, und von diesen wurden sie auch erzählt, weitergetragen und schließlich schriftlich niedergelegt. Eine schöne Idee ist Atalante trotzdem.

BTW
Nach der Heldin wurde auch der Fußballverein Atalanta Bergamo benannt.

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Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage

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