
401 v. Chr., irgendwo bei Babylon. Die griechischen Heerführer sind tot, in ein Verhandlungsgespräch gelockt und ermordet. Der Auftraggeber des Söldnerheers, Prinz Kyros, ist zwei Tage zuvor im Kampf gefallen.
10.000 Mann stehen ohne Führung, ohne Verbündete, ohne Kavallerie mitten im Perserreich, mehr als 1.500 Kilometer von der nächsten griechischen Küste entfernt. Xenophon, der das Ganze miterlebt und später aufgeschrieben hat, war kein Berufsmilitär. Er war Schüler des Sokrates.
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Inhaltsverzeichnis
Statistik
Umfang des Werks
Die Anabasis besteht aus sieben Büchern mit insgesamt knapp fünfzig Kapiteln. Das griechische Original umfasst rund 65.000 bis 70.000 Wörter. Damit liegt der Text etwa im Umfang eines kurzen modernen Romans.
Leseumfang
Je nach Ausgabe umfasst eine deutsche Übersetzung etwa 220 bis 300 Seiten. Zweisprachige Studienausgaben mit griechischem Text sind meist deutlich umfangreicher.
Lesezeit
Bei normalem Lesetempo lässt sich das gesamte Werk in etwa fünf bis sieben Stunden lesen.
Der Zug der Zehntausend – was damals geschah
401 v. Chr. zog ein griechisch-persisches Söldnerheer unter Kyros dem Jüngeren von Sardes Richtung Mesopotamien. Die Soldaten glaubten zunächst, sie zögen gegen die Pisider, einen kleinasiatischen Bergstamm. Spätestens in Kilikien war klar, dass das Ziel ein anderes war: der Perserkönig selbst.
Bei Kunaxa, unweit von Babylon, trafen die Heere aufeinander. Die griechischen Hopliten schlugen den ihnen gegenüberstehenden Flügel der Perser. Die Entscheidung fiel aber in der Mitte des Schlachtfelds: Kyros griff dort persönlich an und wurde getötet. Damit war das Unternehmen gescheitert, bevor es wirklich begonnen hatte. Die Griechen hatten ihren Abschnitt gewonnen und die Gesamtlage verloren. Ihre persischen Verbündeten verhandelten mit Artaxerxes. Die griechischen Heerführer wurden in ein Verhandlungsgespräch gelockt und ermordet. Das Heer stand führungslos mitten im Feindesland.
Was folgte, war der Rückzug. Nordwärts, den Tigris entlang, durch Armenien, über Gebirge mit Schnee und Erfrierungen, durch das Gebiet feindlicher Bergstämme. Wer zurückblieb, bat die Kameraden manchmal, ihn zu töten, damit er nicht in Gefangenschaft fiel. Xenophon führte zeitweise die Nachhut und wurde schließlich zu einem der Strategen gewählt. Nach monatelangem Marsch erreichte die Vorhut die Schwarzmeerküste bei Trapezunt. Der Ruf, der von dort schallte, ist in der Literaturgeschichte geblieben: Thalatta, Thalatta. Das Meer, das Meer.
Was bedeutet Anabasis?
Anabasis kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet Hinaufmarsch. Gemeint ist der Zug von der Küste ins Landesinnere Asiens. Der Titel beschreibt also nur den ersten Teil des Unternehmens: den Vorstoß nach Mesopotamien. Was danach kam, war komplizierter. Der Begriff taucht in der Antike mehrfach auf; die bekannteste Anabasis ist die von Xenophon. Eine zweite, ebenfalls aus sieben Büchern bestehend, stammt von Arrian und beschreibt den Zug Alexanders des Großen.
Xenophon – Schüler, Söldner, Schriftsteller
Xenophon wurde um 430 v. Chr. in Athen geboren, aus wohlhabender Familie. Als junger Mann gehörte er zum Umkreis des Sokrates. 401 v. Chr. folgte er der Einladung seines Freundes Proxenos nach Sardes, wo er den persischen Statthalter Kyros den Jüngeren kennenlernte. Was als Besuch begann, wurde zum Feldzug. Kyros wollte den persischen Thron, den sein älterer Bruder Artaxerxes II. innehatte, und hatte dafür ein Söldnerheer angeworben.
Xenophon begleitete den Zug zunächst als Zivilist, ohne militärischen Rang. Erst nach dem Tod des Kyros und der Ermordung der griechischen Heerführer übernahm er eine Führungsrolle: Er richtete die demoralisierten Soldaten am Morgen nach Kunaxa wieder auf und wurde schließlich zu einem der Strategen gewählt. Und er schrieb später darüber. Das Werk entstand wohl rund 30 Jahre nach den Ereignissen, auf Basis eigener Aufzeichnungen und Augenzeugenberichte, erschienen um 370 v. Chr.
Publiziert hat er es zunächst unter dem Namen Themistogenes von Syrakus. Plutarch schreibt das Werk einem gewissen Themistogenes zu; die gängige Interpretation lautet, dass Xenophon selbst dahintersteckt und so Distanz zwischen sich als Autor und sich als Hauptfigur herstellen wollte. Ganz sicher ist das nicht.
Was macht die Anabasis zu einem bedeutenden Werk?
Die Anabasis ist kein Heldenepos. Sie psychologisiert nicht, sie erklärt wenig. Xenophon schildert Menschen durch ihre Worte und Taten, nicht durch Motive oder innere Zustände. Der Stil ist nüchtern, manchmal fast protokollartig, und dabei erstaunlich lesbar. Cicero schätzte ihn, spätere Generationen nutzten das Werk als Schultext für attisches Griechisch, ähnlich wie man lateinische Schüler an Caesars De bello gallico schickt.
Was das Werk über sich als Bericht hinaus interessant macht: Es ist auch ein Dokument über Führung. Wie bringt man ein demoralisiertes Heer dazu, weiterzumachen? Wie werden Entscheidungen getroffen? Im Heer der Zehntausend wurde darüber demokratisch abgestimmt. Das ist keine Selbstverständlichkeit für ein Söldnerheer im 4. Jahrhundert v. Chr. Manche Forscher sehen in der Anabasis weniger ein historisches Werk als ein Lehrwerk über Feldherrnkunst und militärische Führung.
Daneben liefert das Buch unschätzbare Informationen über die Welt um 400 v. Chr.: Mobilität, Versorgung, das Verhältnis griechischer Söldner zu fremden Kulturen, die Struktur persischer Macht. Als historische Quelle ist es nicht unumstritten, denn Xenophon schreibt über sich selbst, und das selten ungünstig. Aber im Kern bleibt es das, was es immer war: ein Augenzeugenbericht, wie es wenige aus der Antike gibt.
Wie weit hat die Anabasis gewirkt?
Alexander der Große kannte das Werk wohl, als er selbst durch Kleinasien nach Mesopotamien zog. Er folgte weitgehend der Route des Kyros, und es ist plausibel, dass die Anabasis dabei eine Rolle spielte. Belegt ist das nicht sicher. Arrian, der im zweiten Jahrhundert n. Chr. den Alexanderzug beschrieb, orientierte sich an der Anabasis als literarischem Vorbild und nannte sein Werk ebenfalls Anabasis, in sieben Büchern. Das Erzählmuster setzte sich durch.
In der modernen Literatur wurde das Werk direkt aufgegriffen. Jules Verne zitiert es in Reise zum Mittelpunkt der Erde, James Joyce in Ulysses. T. E. Lawrence soll Die sieben Säulen der Weisheit unter dem Einfluss der Anabasis geschrieben haben. Und der Ruf »Das Meer! Das Meer!« ist in etlichen Werken des angelsächsischen Sprachraums zur literarischen Chiffre geworden.
Bis heute wird die Anabasis in Kursen für Altgriechisch als Standardlektüre verwendet. Unter den Autoren der griechischen Antike ist Xenophon damit einer der wenigen, die sowohl als historische Quelle als auch als Stilmuster bis in die Gegenwart präsent geblieben sind.
The Warriors – die Anabasis als Gangsterfilm
1979 erschien der Kultfilm The Warriors von Walter Hill. Eine Gang aus Coney Island wird des Mordes an einem mächtigen Ganganführer bezichtigt und muss sich quer durch New York zurückschlagen. Der Stoff geht auf einen Roman von Sol Yurick (1965) zurück, der explizit auf der Anabasis basiert: Anführer stirbt früh, Truppe ist verloren, Heimweg durch Feindesgebiet. Das Grundmuster ist dasselbe. Hill wollte ursprünglich eine Einleitung mit Orson Welles einspielen, die den griechischen Hintergrund erklärt. Das Studio lehnte ab.
Zwei Zitate aus der Anabasis
Xenophon schreibt lakonisch. Wer die Sprache des Originals nicht kennt, kommt mit einer guten Übersetzung weit. Zwei Stellen, die zeigen, wie das Werk klingt.
»Es befand sich im Heer ein gewisser Xenophon aus Athen.«
Xenophon: Anabasis 3,1 – Xenophon spricht über sich selbst in der dritten Person
»Die meisten Soldaten hatten sich nicht wegen mangelnder Lebensmittel diesem Zug angeschlossen, sondern weil sie vom Ruhm des Kyros gehört hatten.«
Xenophon: Anabasis 1,7
Warum lohnt sich die Anabasis noch heute?
Man muss kein Altgriechisch können, um die Anabasis zu lesen. Es gibt gute Übersetzungen, die den schnörkellosen Ton des Originals halbwegs einfangen. Das Buch ist kurz genug, um es durchzulesen, und dicht genug, um dabei etwas mitzunehmen. Nicht unbedingt über Perser oder griechische Söldner. Eher über das, was Menschen tun, wenn der Plan gescheitert ist und die einzige Option der Weg nach Hause ist.
Den vollständigen Text auf Deutsch gibt es kostenlos beim Projekt Gutenberg. Allerdings ist diese Übersetzung sprachlich längst veraltet, sie stammt aus dem 19. Jahrhundert. Wikisource listet, was es sonst noch gibt. Eine aktualisierte Druckausgabe: Helmuth Vretska, bearbeitet von Kai Brodersen, Reclam Universal-Bibliothek 14224, Stuttgart 2022. Kostet aber auch als eBook schon neun Euro. Man könnte sich selbst eine Übersetzung machen, aus dem griechischen Original. Mit KI ist das längst machbar. Nutze dazu den XML Volltext (Maschinenlesbar)