
Alte Redewendungen benutzen wir täglich, ohne zu ahnen, was wir da eigentlich sagen. Wir lassen Leute im Stich, ziehen sie über den Tisch und bieten ihnen Paroli. Wir riechen Lunte, schlagen über die Stränge und machen uns aus dem Staub.
Klingt vertraut. Aber was ist ein Stich? Was sind Stränge? Und was hat Lunte mit Riechen zu tun? Die Antworten führen ins Mittelalter, in Turnierplätze, Badehäuser, Werkstätten und Gerichtssäle. Hier sind 21 Wendungen, deren Herkunft die meisten nicht kennen.
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Inhaltsverzeichnis
Mit Fug und Recht
»Fug« kennt heute niemand mehr. »Unfug« kennt jeder. Das Wort stammt vom mittelhochdeutschen vuoc und bedeutete ursprünglich Schicklichkeit, Recht, Zuständigkeit. Es steckt auch in »Befugnis«, »befugt« und »füglich«. Die Wendung »mit Fug und Recht« ist im Grunde ein Hendiadyoin, also eine Doppelung: Fug und Recht meinen fast dasselbe. Aber zusammen klingt es eben überzeugender. Die Redewendung taucht seit dem 16. Jahrhundert auf und hat ihren positiven Gegenspieler längst überlebt. Fug allein ist praktisch ausgestorben. Nur in der festen Wendung lebt es weiter.
Jemanden im Stich lassen
Diese Redewendung stammt womöglich aus dem Turnierwesen des Mittelalters. Fiel ein Ritter beim Lanzenstechen vom Pferd, war er in seiner schweren Rüstung hilflos. Sein Knappe musste ihn wieder aufrichten und bewaffnen. Kam der Knappe nicht rechtzeitig, blieb der Ritter schutzlos den Stichen seines Gegners ausgeliefert. Wer seinen Herrn »im Stich« ließ, ließ ihn buchstäblich in der Gefahrenzone stecken. Die Wendung ist seit dem 15. Jahrhundert belegt. Eine alternative Deutung verweist auf den Schneider, der ein Kleidungsstück nicht fertig näht und es »im Stich« zurückließ. Weniger dramatisch, aber plausibel.
Auf dem Holzweg sein
Der Holzweg ist kein Wanderweg. In der mittelalterlichen Forstwirtschaft waren Holzwege Schneisen, die beim Abtransport gefällter Bäume entstanden. Sie führten von der Fällstelle zum nächsten richtigen Weg und endeten abrupt im Nichts. Wer als Wanderer versehentlich einem solchen Holzweg folgte, landete nirgendwo. Schon im Mittelhochdeutschen war holwec geläufig, und bald bildete sich die übertragene Bedeutung »Irrweg« heraus. Martin Luther erwähnte den Holzweg in seiner Sprichwörtersammlung. Und Martin Heidegger nutzte ihn als Buchtitel.
Etwas auf dem Kerbholz haben
Das Kerbholz war die Blockchain des Mittelalters. In einer Zeit, in der die meisten Menschen weder lesen noch schreiben konnten und Bargeld knapp war, dokumentierte man Schulden mit Kerben in einem Holzstab. Das Holz wurde anschließend längs gespalten, eine Hälfte behielt der Gläubiger, die andere der Schuldner. Wieder zusammengefügt, zeigte sich, ob die Kerben übereinstimmten oder jemand nachträglich manipuliert hatte. Fälschungssicher, ohne einen einzigen Buchstaben. Wer also etwas auf dem Kerbholz hatte, hatte Schulden. Erst später verschob sich die Bedeutung zu »sich etwas zuschulden kommen lassen«. In England blieben diese tally sticks bis ins 19. Jahrhundert bei der Bank of England in Gebrauch.
Gang und gäbe
Klingt wie ein Wortpaar, bei dem eines das andere verstärkt. Ist es auch. Beide Wörter sind Verbaladjektive. »Gang« kommt von »gehen« und bedeutete ursprünglich »gangbar, im Umlauf, gewohnt«. »Gäbe« kommt von »geben« und meinte »was sich leicht geben lässt, annehmbar, willkommen«. Ursprünglich bezog sich die Wendung auf Münzen. Eine Münze, die »gang und gäbe« war, war im Umlauf und wurde als Zahlungsmittel akzeptiert. Wer im Mittelalter mit einer unbekannten Münze bezahlen wollte, konnte Probleme bekommen. Nur was gang und gäbe war, hatte Wert. Heute verwenden wir den Ausdruck für alles, was üblich und selbstverständlich ist. Der Bezug zum Geld ist längst vergessen.
Über die Stränge schlagen
Stränge sind die Zugseile oder Riemen, mit denen ein Pferd vor den Wagen gespannt wird. Wenn ein Pferd so wild ausschlug, dass seine Hinterhufe über die Zugstränge kamen, wurde es unkontrollierbar. Der Kutscher verlor die Kontrolle, die Fuhre geriet in Gefahr. Wer über die Stränge schlägt, verhält sich also wie ein durchgehendes Pferd, wild, unberechenbar, außer Kontrolle. Die Wendung ist seit dem 18. Jahrhundert belegt und hat sich von der Pferdewelt auf menschliches Verhalten übertragen. Meistens meint man damit ein Verhalten, das zwar nicht bösartig ist, aber eben über das akzeptable Maß hinausgeht.
Den Löffel abgeben
Im Mittelalter besaß jeder Mensch seinen eigenen Löffel. Er war persönlicher Besitz, nicht Teil eines Bestecksets. Man trug ihn bei sich, aß damit und gab ihn nicht her. Wer seinen Löffel abgab, brauchte ihn nicht mehr. Weil er tot war. Die Wendung »den Löffel abgeben« bedeutet sterben, und sie klingt dabei so beiläufig, dass sie fast tröstlich wirkt. In manchen Regionen sagt man auch »den Löffel fallen lassen« oder »den Löffel hinlegen«. Das Bild bleibt dasselbe. Wer nicht mehr isst, lebt nicht mehr. Sprachliche Nüchternheit als Umgang mit dem Unvermeidlichen.
Jemandem Paroli bieten
Paroli kommt aus dem Französischen und ist ein Begriff aus dem Kartenspiel Faro (auch Pharao genannt), das im 17. und 18. Jahrhundert in ganz Europa populär war. Wer »Paroli« spielte, verdoppelte seinen Einsatz, statt den Gewinn einzustreichen. Es war ein riskanter, selbstbewusster Zug. Wer jemandem Paroli bietet, tritt ihm also mutig entgegen, geht in die Offensive, lässt sich nicht einschüchtern. Das Wort selbst leitet sich womöglich vom italienischen paro ab, was »gleich« bedeutet. Man stellt sich auf Augenhöhe.
Ins Fettnäpfchen treten
In ländlichen Haushalten, besonders im Erzgebirge, stand neben der Tür ein kleines Näpfchen mit Fett oder Schmalz. Damit pflegten die Bewohner ihre Lederstiefel, bevor sie das Haus verließen. Wer als Gast versehentlich hineintrat, ruinierte sich die Schuhe und brachte Fettflecken ins Haus. Eine kleine Katastrophe im Alltag, die niemandem entging. Daraus wurde die Redewendung für einen sozialen Fehltritt. Etwas Unpassendes sagen oder tun, ohne es zu bemerken. Das Fettnäpfchen steht bis heute für die Situation, in der man ahnungslos genau das Falsche macht.
Lunte riechen
Die Lunte war ein langsam brennender Strick, mit dem man im 15. und 16. Jahrhundert Kanonen und Musketen zündete. Wer den Geruch der glimmenden Lunte wahrnahm, wusste, gleich wird geschossen. Die Nase warnte, bevor das Auge etwas sehen konnte. Lunte riechen bedeutet deshalb, eine drohende Gefahr frühzeitig zu bemerken. Im übertragenen Sinn, eine List durchschauen, bevor sie wirkt. Die Wendung stammt aus der Militärsprache und ist seit dem 16. Jahrhundert belegt. Der Geruchssinn als Frühwarnsystem. Funktionierte damals, funktioniert sprachlich immer noch.
Maulaffen feilhalten
Maulaffen waren wahrscheinlich keine Affen. Die heute am besten gestützte Deutung verweist auf kleine Tongefäße mit einer Öffnung, in die man einen brennenden Kienspan steckte. Eine einfache Form der Beleuchtung. Das offene Maul des Gefäßes erinnerte an einen gaffenden Mund, das Gefäß hieß »Maulaffe« oder »Maulauf«. Diese Lampen wurden auf Märkten verkauft, also feilgehalten. Wer »Maulaffen feilhielt«, stand also mit offenem Mund da und starrte untätig. Es gibt auch eine ältere Deutung, die Luther selbst vertrat, nämlich eine direkte Übersetzung des niederdeutschen »dat mul apen«, also »das Maul offen«. Sprachwissenschaftler halten das heute eher für Volksetymologie. So oder so, das Bild ist treffend und ein wenig gemein. Wer glotzt statt zu handeln, macht sich zum Kerzenhalter. Die Tongefäße gibt es nicht mehr, aber das Gaffen bleibt.
Das ficht mich nicht an
»Anfechten« klingt heute juristisch. Man ficht ein Urteil an, einen Vertrag, eine Wahl. Doch die ältere Bedeutung ist viel körperlicher. Fechten meinte kämpfen, und anfechten bedeutete angreifen, bedrängen, zusetzen. In der religiösen Sprache des Mittelalters waren Anfechtungen die Versuchungen des Teufels, Zweifel und innere Kämpfe. Wer sagt »Das ficht mich nicht an«, meint, das berührt mich nicht, das kann mir nichts anhaben. Ein Satz, der gelassen klingt, aber eigentlich von Kampfbereitschaft erzählt. Das Verb »fechten« in dieser Bedeutung ist fast ausgestorben. Nur in der festen Wendung hat es überlebt.
Jemanden über den Tisch ziehen
Hier verbreitet sich gerade ein Mythos, also Vorsicht. Anders als die meisten Redewendungen in dieser Liste ist diese kein Mittelalter, sondern 20. Jahrhundert. Die wahrscheinlichste Herkunft ist das bayerische Fingerhakeln. Zwei Kontrahenten sitzen sich am Tisch gegenüber, verhaken die Mittelfinger und versuchen, den anderen über die Tischplatte zu ziehen. Wer verliert, wird buchstäblich über den Tisch gezogen. Es gibt eine zweite, ältere Deutung, die Heinz Küpper in seinem Wörterbuch der deutschen Umgangssprache vorschlug. Sie verweist auf die Prügelstrafe, bei der Knaben zur Züchtigung über den Tisch gezogen wurden. Heute meint die Wendung, jemanden bei einem Geschäft oder einer Verhandlung zu übervorteilen. Der Betrogene merkt erst hinterher, dass er »gezogen« wurde.
Sich vom Acker machen
Acker bedeutete im älteren Deutsch nicht nur das bestellte Feld, sondern auch Schlachtfeld. Wer sich vom Acker machte, verließ das Kampfgeschehen, und zwar nicht auf Befehl, sondern auf eigene Faust. Fahnenflucht, wenn man so will. In der zivilen Sprache hat sich die Bedeutung abgemildert. Wer sich vom Acker macht, verschwindet unauffällig. Manchmal feige, manchmal klug, immer ohne große Ankündigung. Die bäuerliche Variante klingt harmloser, da verlässt jemand einfach seinen Arbeitsplatz. Aber die militärische Wurzel schwingt mit. Es ist kein gemütliches Verabschieden.
Etwas verbocken
Der Bock war im mittelalterlichen Handwerk ein Gestell, auf dem man Werkstücke bearbeitete. Einen Bock zu machen, hieß ursprünglich, beim Sägen oder Hobeln einen Fehler zu begehen, der das Werkstück beschädigte. Der »Bock« war also der Pfusch. Parallel dazu gibt es die Deutung über den Ziegenbock, der als störrisches, unberechenbares Tier galt. Wer etwas verbockt, hat Mist gebaut, etwas versaut, einen vermeidbaren Fehler gemacht. Die Wendung ist umgangssprachlich geblieben, aber so lebendig wie eh und je. Einen Bock schießen, bocken, bockig sein, die ganze Wortfamilie lebt.
Auf der Hut sein
»Hut« hat hier nichts mit Kopfbedeckung zu tun. Es handelt sich um ein altes Wort für Wache, Bewachung, Obhut. Verwandt mit »hüten«, »behüten« und »Obhut«. Wer auf der Hut war, stand Wache, hielt Ausschau nach Feinden oder Gefahren. Im Mittelhochdeutschen hieß es huote, und die Bedeutung war ganz konkret, Wachdienst. Heute verwenden wir die Wendung im übertragenen Sinn für Vorsicht und Wachsamkeit. Das Wort »Hut« in dieser Bedeutung ist außerhalb der Redewendung praktisch verschwunden. Es lebt nur noch in »Obhut« weiter.
Den Kürzeren ziehen
Diese Wendung geht auf ein altes Losverfahren zurück. Man hielt mehrere Strohhalme oder Stäbchen in der Faust, alle auf gleicher Höhe abgeschnitten, aber unterschiedlich lang. Wer den kürzeren zog, hatte verloren. Das Los entschied, und wer Pech hatte, musste eine unangenehme Aufgabe übernehmen oder einen Nachteil hinnehmen. Die Redewendung bedeutet bis heute, bei einem Vergleich oder Streit zu verlieren. Sie transportiert die Erfahrung, dass das Ergebnis oft nicht von Können abhängt, sondern vom Zufall. Oder davon, wer die besseren Karten hat. Wobei es hier eben keine Karten waren, sondern Halme.
Jemandem das Wasser reichen
Im Mittelalter aß man mit den Händen. Gabeln gab es kaum, und die, die es gab, galten mancherorts als Werkzeug des Teufels. Vor und nach dem Essen wurde den Gästen Wasser zum Händewaschen gereicht. Das war eine Dienstleistung, die Bedienstete oder Personen von niedrigerem Rang übernahmen. Wer jemandem nicht das Wasser reichen konnte, war demnach nicht einmal gut genug für diese untergeordnete Aufgabe. Heute bedeutet die Wendung, jemandem in keiner Weise ebenbürtig sein. Der Satz wird fast immer in der Verneinung benutzt. Positiv formuliert wäre er ein Kompliment, das niemand so aussprechen würde.
Sich aus dem Staub machen
Wer sich aus dem Staub macht, verschwindet schnell und heimlich. Die Herkunft ist wahrscheinlich militärisch. Im Gefecht wirbelte der Kampf Staub auf, und in dieser Staubwolke konnte man sich davonschleichen, ohne bemerkt zu werden. Eine andere Deutung verweist auf die staubigen Straßen, auf denen Fliehende eine Staubwolke hinterließen. In beiden Fällen ist Staub das Medium der Flucht. Er verbirgt den, der geht. Die Wendung klingt leichter als »fliehen« und weniger dramatisch als »desertieren«. Man macht sich aus dem Staub, wenn man einem Ärger entgehen will. Elegant, feige oder schlau. Je nach Perspektive.
Etwas ausbaden
Im Mittelalter gab es öffentliche Badehäuser, weil private Badezimmer eine Seltenheit waren. Das Badewasser wurde für mehrere Personen hintereinander benutzt, und wer als Letzter in den Zuber stieg, badete im kältesten, schmutzigsten Wasser. Noch schlimmer, der Letzte musste das Wasser auch noch ausleeren und den Zuber reinigen. Er musste also buchstäblich ausbaden, was andere hinterlassen hatten. Heute verwenden wir die Wendung für Situationen, in denen jemand die Konsequenzen für etwas tragen muss, das andere verursacht haben. Die Ungerechtigkeit steckt schon im Bild. Man hat die Sauerei nicht angerichtet, darf sie aber beseitigen.
Unter die Haube kommen
Im Mittelalter trugen unverheiratete Frauen ihr Haar offen oder mit einem Kranz geschmückt. Nach der Hochzeit wurde ihnen eine Haube aufgesetzt. Die Haube war das sichtbare Zeichen des Ehestands, sie verbarg das Haar vor fremden Blicken und markierte den Übergang von der ledigen Frau zur Ehefrau. Wer »unter die Haube kam«, heiratete. Die Wendung hat sich gehalten, obwohl die Hauben längst verschwunden sind. Heute verwendet man sie meist augenzwinkernd, manchmal spöttisch. Der alte Brauch ist vergessen, das Sprachbild lebt. Wie so vieles in dieser Liste.
Zurück zum Anfang. Wer jemanden im Stich lässt, denkt nicht mehr an gefallene Ritter. Wer Lunte riecht, hat keine glimmenden Zündschnüre vor Augen. Wer über die Stränge schlägt, denkt nicht an durchgehende Pferde. Die Gegenstände sind verschwunden, die Bilder sind geblieben. Wir sprechen täglich Mittelalter, ohne es zu merken. (lk)