
Ein alter Mann sitzt im Sand und zeichnet Kreise. Um ihn herum brennt Syrakus. Römische Soldaten plündern die Stadt, die sie drei Jahre lang nicht einnehmen konnten, weil genau dieser Mann es verhindert hatte.
Seine Maschinen hatten ihre Schiffe aus dem Wasser gehoben, ihre Belagerungstürme zertrümmert, ihre Flotte womöglich mit gebündeltem Sonnenlicht in Brand gesetzt.
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Jetzt steht ein Soldat vor ihm und fordert ihn auf mitzukommen. Archimedes sieht nicht auf. Er sagt, so überliefert es die römische Tradition: »Störe meine Kreise nicht.«
Der Soldat ersticht ihn.
Heureka und die nackte Wahrheit
Die berühmteste Anekdote über Archimedes beginnt in einer Badewanne. König Hieron II. von Syrakus hatte eine goldene Krone in Auftrag gegeben und vermutete, dass der Goldschmied einen Teil des Goldes durch billigeres Silber ersetzt hatte. Das Problem war, die Krone zu prüfen, ohne sie einzuschmelzen. Archimedes grübelte tagelang.
Archimedes von Syrakus (ca. 287–212 v. Chr.) war ein griechischer Mathematiker, Physiker und Ingenieur. Er formulierte das Auftriebsprinzip, bewies das Hebelgesetz und erfand Kriegsmaschinen, die den Römern jahrelang standhielten. Sein Werk gilt als Grundlage der klassischen Mechanik und der Integralrechnung.
Dann stieg er ins Bad. Das Wasser stieg. Und in diesem Moment verstand er, dass ein Körper, der in Flüssigkeit eintaucht, genau so viel Flüssigkeit verdrängt, wie seinem eigenen Volumen entspricht. Wenn die Krone bei gleichem Gewicht mehr Wasser verdrängte als ein Block aus reinem Gold, steckte ein leichteres Metall darin.
Zeittafel: Archimedes auf einen Blick
| ca. 287 v. Chr. | Geburt in Syrakus, Sizilien, als Sohn des Astronomen Phidias |
| ca. 270–260 v. Chr. | Studium in Alexandria, Kontakt mit Konon von Samos und Eratosthenes |
| ca. 260 v. Chr. | Rückkehr nach Syrakus, Arbeit unter König Hieron II. |
| ca. 250 v. Chr. | Entdeckung des Auftriebsprinzips (»Heureka«-Episode) |
| ca. 250–215 v. Chr. | Hauptschaffensperiode, Schriften über Kugel, Zylinder, Spirale, Parabel, Sandrechner |
| 214 v. Chr. | Belagerung von Syrakus durch Rom beginnt, Archimedes‘ Maschinen halten die Römer auf |
| 212 v. Chr. | Fall von Syrakus, Tod des Archimedes durch einen römischen Soldaten |
| 75 v. Chr. | Cicero findet sein verfallenes Grab in Syrakus |
| 1906 | Johan Heiberg entdeckt das Archimedes-Palimpsest in Konstantinopel |
| 2026 | Verschollene Seite des Palimpsests in Blois (Frankreich) identifiziert |
Was dann passierte, gehört zum kulturellen Inventar. Archimedes sprang aus der Wanne und rannte nackt durch die Straßen von Syrakus, »Heureka!« rufend. Ob das stimmt, ist eine andere Frage. Die Geschichte stammt nicht von einem Augenzeugen, sondern vom römischen Architekten Vitruv, der sie rund zweihundert Jahre später aufschrieb. Plausibel ist der Kern trotzdem, denn das Prinzip funktioniert tadellos.
Das Archimedische Prinzip besagt, dass ein Körper in einer Flüssigkeit eine Auftriebskraft erfährt, die dem Gewicht der von ihm verdrängten Flüssigkeit entspricht. Es erklärt, warum Schiffe schwimmen und Steine sinken, und bildet die Grundlage der Hydrostatik.
Was Archimedes wirklich erfand
Die Badewannen-Geschichte ist die bekannteste, aber im Kern die unwichtigste Leistung. Archimedes war vor allem Mathematiker, und seine mathematischen Arbeiten sind es, die ihn von jedem anderen antiken Denker unterscheiden.
Er berechnete die Kreiszahl π genauer als irgendjemand vor ihm, indem er einem Kreis Vielecke mit immer mehr Seiten ein- und umbeschrieb. 96 Seiten reichten ihm, um π auf einen Wert zwischen 3,1408 und 3,1429 einzugrenzen. Fast 1800 Jahre lang konnte das niemand verbessern.
Er bewies, dass die Oberfläche einer Kugel genau vier Mal so groß ist wie der Kreis mit dem gleichen Radius. Und dass das Volumen einer Kugel genau zwei Drittel des Volumens ihres umschriebenen Zylinders beträgt. Auf diese Entdeckung war er so stolz, dass er sich eine Kugel im Zylinder als Grabmal wünschte. Cicero fand dieses Grab rund 140 Jahre später in Syrakus, überwuchert und vergessen.
Was weniger bekannt ist, aber womöglich wichtiger als alles andere: In seiner Schrift »Über die Methode der mechanischen Lehrsätze« beschrieb Archimedes ein Verfahren, mit dem er Flächen und Volumina berechnete, die erst 1900 Jahre später mit der Integralrechnung von Newton und Leibniz formal gelöst wurden. Er verwendete dafür die sogenannte Exhaustionsmethode, bei der er Flächen in immer dünnere Streifen zerlegte und deren Summe abschätzte. Im Kern ist das Infinitesimalrechnung, nur ohne den formalen Apparat.
»Gebt mir einen festen Punkt, und ich hebe die Welt aus den Angeln«
Dieser Satz ist das Hebelgesetz in einem einzigen Bild. Archimedes bewies mathematisch, was jeder Bauer schon wusste, der einen Stein mit einer Stange bewegte, aber vorher niemand hatte beweisen können. Er zeigte, dass die Kraft mal dem Abstand zum Drehpunkt auf beiden Seiten gleich sein muss, damit ein Hebel im Gleichgewicht bleibt. Klingt simpel. War es nicht.
Mit dem Hebelgesetz und dem Flaschenzug, den er perfektionierte, konnte Archimedes Dinge bewegen, die kein Mensch hätte heben können. Plutarch berichtet, dass er vor König Hieron ein vollbeladenes Schiff allein an Land zog, nur mit einem System aus Flaschenzügen. Der König soll danach gesagt haben, man müsse von nun an allem glauben, was Archimedes behaupte.
Dann war da die Archimedische Schraube. Eine rotierende Spirale in einem Rohr, die Wasser von unten nach oben transportiert. Archimedes soll sie während eines Aufenthalts in Ägypten erfunden haben, vermutlich als er in Alexandria studierte. Die Römer übernahmen das Prinzip für ihre Bergwerke und Minen. Und bis heute funktionieren Varianten dieser Schraube in Kläranlagen und Wasserkraftwerken. Eine Erfindung aus dem dritten Jahrhundert vor Christus, die nie veraltet ist.
Die Maschinen, die Rom aufhielten
215 v. Chr. wechselte Syrakus im Zweiten Punischen Krieg die Seiten und schloss sich Karthago an. Rom schickte den Feldherrn Marcus Claudius Marcellus mit einer Flotte und zwei Legionen. Es sollte ein kurzer Feldzug werden.
Es wurde ein Albtraum, der drei Jahre dauerte.
Archimedes hatte Kriegsmaschinen konstruiert, die alles übertrafen, was die Römer kannten. Drei antike Historiker, Plutarch, Polybios und Livius, beschreiben sie unabhängig voneinander, was die Berichte plausibel macht. Es gab Katapulte, die so genau kalibriert waren, dass sie Geschosse in unterschiedlichen Entfernungen präzise platzieren konnten. Es gab Kräne, die mit Haken nach den Bugen der Schiffe griffen, sie aus dem Wasser hoben und fallen ließen. Die Römer nannten dieses Gerät die »Klaue des Archimedes«.
Und dann ist da die Sache mit den Brennspiegeln. Angeblich ließ Archimedes die Sonnenstrahlen mit polierten Bronzeschilden auf die römischen Schiffe bündeln, bis sie Feuer fingen. Diese Geschichte ist die umstrittenste. Sie stammt nicht von den ältesten Quellen, sondern taucht erst Jahrhunderte später bei Lukian und noch später bei byzantinischen Autoren auf. Moderne Experimente, unter anderem durch MIT-Studenten 2005, zeigten, dass es unter idealen Bedingungen theoretisch funktionieren könnte, aber praktisch extrem schwierig wäre. Ein hübscher Mythos, nicht ganz unmöglich.
Plutarch beschreibt, dass die Römer irgendwann so verängstigt waren, dass sie bei jedem Seil oder Holzbalken, der über die Mauern ragte, die Flucht ergriffen. Marcellus, der Feldherr, nannte Archimedes einen »geometrischen Briareos«, nach dem hundertarmigen Riesen der griechischen Mythologie.
Der Mann, der die Unendlichkeit zählte
Im »Sandrechner« stellte Archimedes sich eine Frage, die auf den ersten Blick absurd wirkt. Wie viele Sandkörner würden ins Universum passen? Nicht in eine Handvoll, nicht an einen Strand. Ins gesamte Universum, so wie es die Griechen sich vorstellten.
Der Punkt war nicht die Antwort. Der Punkt war, dass das griechische Zahlensystem keine Möglichkeit hatte, derart große Zahlen auszudrücken. Also erfand Archimedes ein neues System, eine Art Potenzrechnung, mit der er Zahlen bis 10 hoch 80.000.000.000.000.000 darstellen konnte. Die Zahl der Sandkörner, die ins Universum passen würden, schätzte er auf 10 hoch 63. Eine Spielerei? Nicht ganz. Er hatte im Kern ein Stellenwertsystem für astronomisch große Zahlen entworfen, Jahrhunderte bevor so etwas gebraucht wurde.
Dann gab es das Stomachion. Ein Puzzle aus 14 Teilen, die ein Quadrat ergeben. Klingt wie ein Kinderspiel. Aber wie viele verschiedene Anordnungen ergeben ein vollständiges Quadrat? Die Antwort, ermittelt erst 2003 mit moderner Kombinatorik, lautet 17.152. Archimedes war womöglich der Erste, der diese Frage systematisch stellte. Das macht ihn, ganz nebenbei, zum Erfinder eines der ältesten bekannten kombinatorischen Probleme.
Wie Archimedes starb
Im Herbst 212 v. Chr. fand Marcellus endlich eine Lücke. Während eines Festes, als die Verteidiger unaufmerksam waren, gelang den Römern der Durchbruch. Marcellus hatte ausdrücklich befohlen, Archimedes am Leben zu lassen. Er hielt ihn für zu wertvoll, um ihn zu verlieren.
Der Soldat, der vor ihm stand, wusste davon nichts. Oder es war ihm egal.
Plutarch liefert drei verschiedene Versionen des Todes. In einer ist Archimedes in geometrische Zeichnungen vertieft und weigert sich, dem Soldaten zu folgen, bevor er sein Problem gelöst hat. In einer anderen trägt er mathematische Instrumente bei sich, und der Soldat hält sie für Gold. In der dritten schickt Marcellus einen Boten, und Archimedes bittet nur um Zeit, seinen Beweis zu Ende zu bringen.
Archimedes und Leonardo da Vinci im Vergleich
| Archimedes | Leonardo da Vinci | |
|---|---|---|
| Lebenszeit | ca. 287–212 v. Chr. | 1452–1519 |
| Herkunft | Syrakus, Sizilien | Vinci, Toskana |
| Kerngebiet | Mathematik, Physik, Ingenieurskunst | Malerei, Anatomie, Ingenieurskunst |
| Methode | Mathematischer Beweis, strenge Logik | Beobachtung, Skizze, Experiment |
| Kriegsmaschinen | Gebaut und eingesetzt (Syrakus) | Entworfen, selten gebaut |
| Nachwirkung | Grundlage der Mechanik und Infinitesimalrechnung | Grundlage der anatomischen Zeichnung und des Ingenieurwesens |
| Überlieferung | Schriften teilweise erhalten (Palimpsest) | Notizbücher fast vollständig erhalten |
Abstand: rund 1700 Jahre zwischen beiden. Beide gelten als universale Genies, aber Archimedes bewies, was Leonardo skizzierte.
Die Versionen widersprechen sich in den Details. In einem Punkt stimmen sie überein. Archimedes interessierte sich im Moment seines Todes mehr für Mathematik als für sein Leben. Das ist die Pointe, die Plutarch setzen wollte, und plausibel ist sie allemal.
Ein Pergament überlebt 2300 Jahre
Die meisten Schriften des Archimedes gingen verloren. Was überlebt hat, überlebt auf Umwegen, die selbst wie eine Geschichte klingen.
Im 10. Jahrhundert kopierte ein byzantinischer Schreiber mehrere Werke des Archimedes auf Pergament. Zweihundert Jahre später brauchte ein Mönch dringend Schreibmaterial für ein Gebetbuch. Er kratzte den Archimedes-Text ab, drehte die Seiten um 90 Grad und überschrieb sie mit Gebeten. So entstand ein Palimpsest, ein Buch über einem Buch.
1906 entdeckte der dänische Philologe Johan Heiberg dieses Palimpsest in einer Bibliothek in Konstantinopel. Unter den Gebeten schimmerte Archimedes durch. Die Entdeckung war eine Sensation, denn das Pergament enthielt die einzige bekannte Abschrift der »Methode der mechanischen Lehrsätze«. Jenes Werk, in dem Archimedes beschreibt, wie er auf seine Beweise kam, nicht nur die Beweise selbst, sondern den Denkweg dorthin. Kein anderer antiker Mathematiker hat so etwas hinterlassen.
1998 kaufte ein anonymer Sammler das Palimpsest bei Christie’s für zwei Millionen Dollar und stellte es der Wissenschaft zur Verfügung. Zehn Jahre lang arbeiteten Forscher mit Multispektralfotografie und Röntgenfluoreszenz daran, den überschriebenen Text sichtbar zu machen. Die Ergebnisse bestätigten, was Heiberg schon vermutet hatte, und förderten zusätzlich Fragmente des Stomachion zutage.
Und die Geschichte ist noch nicht vorbei. Im März 2026 identifizierte ein CNRS-Forscher eine verschollene Seite des Palimpsests im Musée des Beaux-Arts in Blois, Frankreich. Blatt 123, mit Passagen aus »Über die Kugel und den Zylinder«, lag seit Jahrzehnten unerkannt in einer Museumssammlung. Die Untersuchung mit modernen Bildgebungsverfahren steht noch aus.
Warum Archimedes mehr als ein Formelname ist
Die meisten kennen Archimedes als den Mann aus der Badewanne. Oder als einen Namen, der in Physikbüchern neben einem Auftriebsgesetz steht. Das greift zu kurz.
Archimedes war der Erste, der Mathematik systematisch auf die physische Welt anwendete. Vor ihm war Mathematik Abstraktion, reine Geometrie, griechische Eleganz ohne praktischen Anspruch. Archimedes zerbrach diese Trennung. Er nutzte mathematische Beweise, um physikalische Gesetze zu formulieren, und physikalische Intuition, um mathematische Probleme zu lösen. Beides zugleich, in derselben Person, auf demselben Niveau. Das hatte vor ihm niemand getan.
Dass er nebenher noch Maschinen baute, die eine römische Armee aufhielten, Schrauben erfand, die bis heute funktionieren, und ein Zahlensystem entwarf, das Potenzen vorwegnahm, rundet das Bild nur ab.
Auf seinem Grabstein, so hatte er es gewünscht, war eine Kugel in einem Zylinder eingraviert. Keine Inschrift, kein Titel, kein Rang. Nur ein geometrisches Verhältnis, das er bewiesen hatte. Das sagt womöglich mehr über ihn als jede Anekdote.