Reachy Mini, Open Source Roboter, warum lieben ihn alle?

Reachy Mini, Open Source Roboter

Reachy Mini ist 28 Zentimeter klein, sieht ein bisschen aus wie ein Wackelkopf mit Kamera und kostet 299 Dollar. Greifen kann er nichts. Laufen auch nicht. Er dreht den Kopf in alle Richtungen, winkt mit zwei Antennen und wartet auf eine Stimme, an die er sich wenden kann. Ich hätte auch gern einen, leider man muss ihn selbst zusammenbauen.

Wer ihn aufbauen will, hat zwei bis drei Stunden Bastelarbeit vor sich. Wer ihn dann ein paar Tage hat, schreibt eigene Apps. Inzwischen sind aus rund 10.000 ausgelieferten Einheiten über 200 Community-Apps geworden, gebaut von etwa 150 Menschen, die vorher nie eine Zeile Robotik-Code angefasst hatten. Die Frage ist also weniger, was Reachy Mini kann. Sondern was die Leute aus ihm machen, sobald er auf dem Schreibtisch steht.

Was Reachy Mini ist und woher er kommt

Pollen Robotics nennt das »ein Gesicht für die KI«. Hugging Face hat die französische Firma im April 2025 übernommen und schickt mit Reachy Mini den ersten Open-Source-Roboter ins Rennen, den man kaufen kann, ohne vorher ein Forschungsbudget zu beantragen. Das Gerät ist kein klassischer Roboter, sondern ein physisches Frontend für Sprachmodelle, womit wir beim Thema wären.

Pollen Robotics gibt es seit 2016. Gegründet wurde die Firma in Bordeaux von zwei Forschern, die vorher am französischen INRIA am Open-Source-Roboter Poppy gearbeitet hatten. Robotik mit offenem Quellcode war von Anfang an das Modell, nicht hinter NDAs versteckt.

Bekannt wurde Pollen mit Reachy 2, einem ausgewachsenen Forschungsroboter mit zwei Armen, Kamerakopf und Teleoperation per VR-Brille. Cornell und Carnegie Mellon haben ihn im Einsatz, an deutschen Universitäten ist er ebenfalls angekommen. Er kostet rund 70.000 Dollar.

Reachy Mini ist die Antwort auf die naheliegende Frage. Was, wenn man dasselbe Konzept auf einen Schreibtisch quetscht und den Preis durch hundert teilt.

Embodied AI bezeichnet künstliche Intelligenz, die in einem physischen Körper steckt und über Sensoren mit der Welt umgeht. Statt nur Text zu verarbeiten, sieht ein verkörperter KI-Agent, hört zu und bewegt sich. Reachy Mini ist eine niederschwellige Plattform für solche Experimente.

Was Reachy Mini kostet — Lite gegen Wireless

Reachy Mini gibt es in zwei Versionen, die sich nicht im Aussehen, sondern im Innenleben unterscheiden.

Die Lite-Variante kostet 299 Dollar. Sie hängt per USB an einem Computer, der die Rechenarbeit übernimmt. Mac und Linux werden offiziell unterstützt, Windows ist angekündigt. Wer ohnehin einen Laptop auf dem Schreibtisch stehen hat, fährt mit der Lite-Version am günstigsten.

Die Wireless-Variante kostet 449 Dollar. Sie hat einen Raspberry Pi 5 an Bord, einen Akku für zwei bis vier Stunden Betrieb, einen Bewegungssensor und WLAN. Dafür braucht sie keinen externen Rechner, läuft autonom und lässt sich von jedem Browser aus erreichen.

Beide Versionen kommen als Bausatz. Pollen rechnet mit zwei bis drei Stunden Aufbauzeit. Eine Schraubenanleitung im IKEA-Stil, nur dass am Ende kein Regal steht, sondern ein Roboter.

Reachy Mini Lite und Wireless im Vergleich
LiteWireless
Preis299 Dollar449 Dollar
Computerextern, per USBRaspberry Pi 5 onboard
StromversorgungNetzteilAkku, 2–4 Stunden
WLANneinWi-Fi 6, Bluetooth 5.2
Mikrofone24 (als Tetraeder angeordnet)
Bewegungssensorneinja
BetriebmacOS, Linux, Windows angekündigtautark, Browser-Zugriff
Lieferungseit Spätsommer 2025Chargen ab Herbst 2025

Was Reachy Mini kann

Der Roboter ist 28 Zentimeter hoch, 16 Zentimeter breit und wiegt 1,5 Kilogramm. Klein genug für jeden Schreibtisch, schwer genug, um nicht beim ersten Lufthauch umzukippen.

Der Kopf bewegt sich in sechs Freiheitsgraden, also auf, ab, links, rechts, gekippt und gedreht. Der ganze Körper rotiert um 360 Grad. Zwei flexible Antennen am Kopf bewegen sich mit, was Reachy Mini eine Art Mimik gibt, ohne dass er ein Gesicht hat.

Die Sensorik umfasst eine Weitwinkel-Kamera vorn, vier Mikrofone, einen 5-Watt-Lautsprecher und bei der Wireless-Version zusätzlich einen Beschleunigungssensor. Die vier Mikrofone sind mehr als ein nettes Detail. Sie sind als Tetraeder angeordnet, sodass der Roboter erkennt, aus welcher Richtung eine Stimme kommt, und sich dorthin dreht, bevor er die Person sieht.

Solche Kleinigkeiten machen den Unterschied zwischen einem Lautsprecher und einem Gegenüber.

Programmiert wird in Python. JavaScript und Scratch sind angekündigt, ein Datum gibt es nicht. Über den Hugging Face Hub liefert Pollen mehr als 15 vorgefertigte Verhaltensweisen aus, von Gesichtsverfolgung bis Hand-Tracking. Eine Conversation-App, die Sprachmodelle anbindet, gehört auch dazu.

Was er bewusst nicht kann

Reachy Mini hat keine Arme. Keine Beine, keine Räder, keine Pinzette, keinen Roboterarm aus dem Baumarkt nachgeleimt. Er ist stationär.

Das ist nicht versehentlich, sondern Designentscheidung. Pollen Robotics nennt das Konzept »face for AI«, ein Gesicht für die KI. Statt zu versuchen, alles ein bisschen zu können, macht der Roboter eine Sache richtig, nämlich physische Präsenz für ein Sprachmodell.

Wer einen Greifarm braucht, kauft den großen Bruder Reachy 2 für 70.000 Dollar. Oder einen anderen Hersteller. Reachy Mini ist nicht das günstige Universal-Werkzeug. Im Kern ist er ein Schnittstellengerät zwischen Mensch und KI.

Reachy Mini, Open Source Roboter

Wozu ein Roboter ohne Hände gut ist

Die Frage ist berechtigt und beantwortet sich, sobald man einen Sprachmodell-Chat in Reachy Mini hineinsteckt. Was vorher ein Textfenster war, wird ein Gegenüber, das den Kopf neigt, mit den Antennen zuckt und sich zur Stimme dreht.

Bei der CES 2026 hat NVIDIA-Chef Jensen Huang vorgeführt, wozu das taugen kann, allerdings unter Idealbedingungen. Reachy Mini stand auf der Bühne, war an einen DGX-Spark-Rechner angeschlossen und führte einen Dialog mit dem Publikum. Er verwaltete eine Einkaufsliste, ließ Code ausführen und verwandelte eine handgezeichnete Skizze in ein Architekturrendering. Huang nannte ihn einen »persönlichen Büro-R2-D2«. Das war Demo, nicht Alltag, aber die Richtung ist erkennbar.

Die plausibleren Anwendungen sind weniger spektakulär. Lehre an Hochschulen, weil sich an einem 299-Dollar-Roboter Studenten ausprobieren können, ohne dass die Versicherung mitredet. Forschung an Mensch-Roboter-Interaktion, weil der Roboter ausdrucksstark genug ist, um Reaktionen auszulösen. Prototyping für KI-Anwendungen, weil sich ein Modell mit physischem Körper anders testet als eines im Browserfenster.

Und dann gibt es die Eltern, die mit ihren Kindern am Wochenende einen Roboter zusammenbauen wollen. Auch eine valide Zielgruppe, sagt Hugging Face.

Open Source bis ins Innere

Reachy Mini ist nicht nur als Anwendung offen, sondern bis auf die Schraubenliste herunter. CAD-Dateien, Firmware und Python-SDK liegen auf GitHub. Die Lizenz ist Apache 2.0, also so freizügig, wie es im Quellcode-Universum geht.

Wer nicht warten will, bis die nächste Charge ausgeliefert wird, kann den Roboter theoretisch selbst nachbauen. Praktisch ist das eher etwas für Maker mit Zugang zu Werkstatt und 3D-Drucker, denn die Aktoren sind keine Standard-Servos. Aber die Möglichkeit besteht. Das ist die Konsequenz, wenn jemand Open Source ernst meint.

Das Datenschutzversprechen ist im Kern das, was bei Cloud-Lautsprechern fehlt. Reachy Mini speichert nichts. Er sendet nichts ohne Erlaubnis. Pollen und Hugging Face haben keinen Zugriff auf die Daten, die im Roboter verarbeitet werden. Das gilt allerdings nur, solange der Roboter mit einem lokalen Modell läuft. Wer ihn an ChatGPT oder Claude in der Cloud anschließt, gibt seine Sätze logischerweise dorthin ab. Der Datenschutzvorteil ist eine Möglichkeit, kein Automatismus.

Wie die Hugging-Face-Anbindung funktioniert

Reachy Mini hat einen App-Store, und dieser App-Store ist Hugging Face Spaces. Apps lassen sich aus dem Roboter-Dashboard mit einem Klick installieren. Wer eine eigene App schreibt, kann sie über das Hugging-Face-Konto teilen. Aus dem Bausatz wird so eine Plattform.

Der Hub bietet rund 1,7 Millionen KI-Modelle und 400.000 Datensätze. Davon ist für Reachy Mini nur ein Bruchteil relevant. Aber Sprachmodelle, Bilderkennung und Sprache-zu-Text liegen alle direkt griffbereit.

Wer mit einem KI-Coding-Agenten wie Claude Code oder Codex arbeitet, kann eigene Apps für den Roboter schreiben lassen. Pollen liefert dafür eine spezielle AGENTS.md-Datei mit, die genau diesen Zweck hat. Das ist plausibel der erste agent-native Roboter, also einer, der von Anfang an darauf ausgelegt ist, mit KI-Agenten entwickelt zu werden.

Reachy Mini, Open Source Roboter

Was die Community daraus baut

Der App Store von Reachy Mini ist im Mai 2026 mit über 200 Programmen bestückt, beigesteuert von rund 150 Erschaffern. Die spannenden Beispiele kommen nicht aus dem Werks-Set, sondern von Käufern. »Emotional Damage Chess« spielt eine Partie und lässt den Roboterkopf hängen, wenn der Gegner einen Fehler macht. »Reachy Phone Home« erkennt mit der Kamera, wenn jemand zum Smartphone greift, und ruft die Person zurück an die Arbeit. Ein F1-Kommentator verfolgt Formel-1-Rennen live und kommentiert sie vom Schreibtisch aus. Squid-Game-Fans haben »Red Light, Green Light« nachgebaut, mit dem Roboter in der Rolle der Puppe.

Die schlichteren Apps sind oft die nützlichsten. »Bless you« sagt »Gesundheit«, wenn jemand niest. »Read« liest per OCR ein vorgehaltenes Blatt vor. »Describe the room« scannt die Umgebung und beschreibt sie. »Magic 8-Ball« beantwortet Ja-Nein-Fragen mit Kopfnicken oder Schütteln. Eine Receptionist-App, die ihr Erfinder Clément Delangue, der Hugging-Face-CEO, in unter zwei Stunden gebaut hat, erkennt Besucher per Gesichtserkennung und meldet ihre Ankunft per Direktnachricht.s

Was diese Apps verbindet, ist die Macherseite. Die meisten ihrer Erschaffer sind keine Robotik-Spezialisten. Delangue erzählt von Joel aus dem Raum Raleigh-Durham, Gründer eines Netzwerks für Geschäftsführer und nach eigener Aussage kein Entwickler. Joel hat trotzdem eine App gebaut. Möglich macht das die Kombination aus offenem Code und KI-Agenten, die diesen Code schreiben. Wer Claude Code, Codex oder Copilot bedient, kann mit der mitgelieferten AGENTS.md eine eigene App in Stunden statt in Monaten zusammensetzen.

Was Tester sagen, fällt nicht durchweg begeistert aus. Der Maker Jeff Geerling beschreibt Reachy Mini in seinem ausführlichen Test als »Smart Speaker mit Mimik«, der die 449 Dollar für die Wireless-Version nicht ganz wert sei, dafür aber den Lerneffekt umso mehr. Geerling notiert auch eine Datenschutz-Stolperfalle. Beim ersten Start verlangte sein Gerät zwingend einen Internetzugang, was bei einem Roboter mit Kamera und Mikrofon im Kinderzimmer Aufmerksamkeit verdient. Pollen Robotics nennt das einen Bug.

Ob man heute schon einen bekommt

Die ersten 3.000 Einheiten wurden im Dezember 2025 ausgeliefert. Im November 2025 hatte Pollen 3.000 Bestellungen in einer einzigen Woche bekommen, was die Firma zwang, die Produktion mit Seeed Studio in Shenzhen industriell aufzustellen. Aus dem 3D-gedruckten Prototyp wurde innerhalb weniger Monate ein Serienprodukt.

Seit März 2026 gibt es Reachy Mini auch direkt im Seeed-Studio-Shop und auf AliExpress. Seeed unterhält ein EU-Lager, was die Lieferung in den deutschsprachigen Raum vereinfacht. Die offizielle Pollen-Robotics-Ankündigung bei Hugging Face sammelt seit Sommer 2025 die Updates zu Liefertranchen und neuen Apps.

Die Lite-Version ist seit Spätsommer 2025 lieferbar, die Wireless-Version wird in Chargen ausgeliefert. Wer heute bestellt, sollte bei der Wireless-Version weiterhin mit Wartezeit rechnen.

Was bleibt, ist ein Roboter, der weniger kann als die teure Konkurrenz und wohl gerade deshalb funktioniert. Wer sieht, was alles fehlt, übersieht im Zweifel, was Reachy Mini macht. Er gibt einer KI einen Körper, der klein genug ist, um auf den Schreibtisch zu passen, und billig genug, dass es nicht weh tut, wenn er einmal vom Tisch fällt. (lk)

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Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage

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