
Neun von zehn Studenten schreiben inzwischen mit KI. Und mehr als die Hälfte von ihnen hat dabei das Gefühl, weniger selbst geleistet zu haben.
Das ist kein Widerspruch, der sich auflöst, wenn man nur genauer hinsieht. Es ist das Grundgefühl einer ganzen Generation. Schreiben mit KI funktioniert, spart Zeit, hilft über Blockaden hinweg. Und trotzdem bleibt etwas zurück, das sich verdächtig nach schlechtem Gewissen anfühlt. Was steckt dahinter?
Inhaltsverzeichnis
Was die Zahlen über das Schreiben mit KI sagen
Das Schreibzentrum der Goethe-Universität Frankfurt hat im Sommer 2025 deutschlandweit nachgefragt. 4.048 Studierende haben geantwortet, die Auswertung erschien 2026. In dieser Befragung gaben 89 Prozent an, KI-Tools wie ChatGPT oder DeepL beim wissenschaftlichen Schreiben zu nutzen. Die Studie ist nicht im strengen Sinn repräsentativ, aber breit genug über Fächer und Studiengänge gestreut, dass die Autorinnen und Autoren die Ergebnisse für übertragbar halten.
Interessant ist, wofür KI eingesetzt wird. Vor allem beim thematischen Einstieg, bei der Ideenfindung und bei der sprachlichen Überarbeitung. Beim eigentlichen Schreiben und beim inhaltlichen Auswerten von Forschungstexten dagegen nur jeweils rund ein Drittel. Die meisten versuchen also, die KI auf das zu begrenzen, was sie für vertretbar halten.
Die Zahlen der Goethe-Studie im Detail
| 4.048 | Studierende deutschlandweit befragt, Sommer 2025 |
| 89 % | nutzen KI beim wissenschaftlichen Schreiben |
| ~33 % | nutzen KI fürs eigentliche Schreiben und inhaltliche Überarbeiten |
| 50+ % | haben das Gefühl, weniger selbst geleistet zu haben |
| 45,5 % | fürchten, kritisches Denken zu verlernen |
| 92,2 % | fühlen sich für ihre Texte verantwortlich |
| 78 % | halten Schreiben für sinnvoll beim Denken und Lernen |
Denn das Misstrauen ist groß. Etwas mehr als 50 Prozent der Befragten haben das Gefühl, durch die KI-Nutzung weniger selbst geleistet zu haben. 45,5 Prozent fürchten, kritisches Denken zu verlernen. Gleichzeitig fühlen sich 92,2 Prozent für ihre Texte verantwortlich, und 78 Prozent halten Schreiben für sinnvoll, wenn es um die Entwicklung eigener Gedanken und ums Lernen geht. Die vollständige Auswertung trägt einen Titel, der das Dilemma in einem Satz fasst.
Drei Rollen, in die KI beim Schreiben rutscht
Die Studie sortiert das Verhalten nach Rollen, die die KI im Schreibprozess einnimmt. Und hier wird es deutlich. Nur 10 Prozent lehnen KI überzeugt ab. 18 Prozent gelingt ein verantwortungsvoller Einsatz, bei dem die KI als Partnerin zum inhaltlichen Austausch oder als Tutorin zur methodischen Unterstützung dient, immer mit kritischer Prüfung der Ergebnisse. Die große Mehrheit, 72 Prozent, lässt sich dagegen zu einer Ghost-Rolle verleiten, bei der die KI Teilaufgaben komplett übernimmt. Besonders oft passiert das beim Lesen.
Der Abstand zwischen Anspruch und Praxis ist also gewaltig. Fast alle wollen verantwortungsvoll mit KI umgehen, gut jede oder jeder Sechste schafft es konsequent. Der Rest weiß genau, wo die eigene Grenzlinie liegt, und überschreitet sie trotzdem.
Warum die eigenen Grenzlinien fallen
Die Gründe sind banal und mächtig zugleich. Zeitdruck, Notendruck, Schreibblockaden, fehlende Motivation. Dazu der Wunsch nach Austausch und schneller Information. Und über allem das Design der Chatbots selbst, das zu intensiverer Nutzung verleitet. Eine Antwort steht nach drei Sekunden da, sauber formuliert, scheinbar fertig. Wer da widerstehen will, muss sich aktiv dagegen entscheiden.
Eine Studentin hat das im Freitext der Befragung so beschrieben, und ihr Satz wurde zum Titel der ganzen Untersuchung.
»Manchmal muss ich mich aktiv zum selbst denken motivieren, statt das an KI zu geben.«
Das ist die ehrlichste Beschreibung des Problems. Nicht die KI nimmt einem das Denken weg. Man gibt es ab, freiwillig, weil es bequemer ist. Genau hier entscheidet sich, ob KI ein Werkzeug bleibt oder zur Krücke wird, und der Unterschied liegt darin, ob man die erste Antwort hinterfragt oder einfach übernimmt.
Was beim Abgeben verloren geht
78 Prozent der Befragten wissen es eigentlich. Schreiben ist nicht nur das Verpacken fertiger Gedanken. Es ist der Prozess, in dem die Gedanken überhaupt erst entstehen. Wer einen Absatz formuliert, merkt, wo das Argument hakt, wo eine Lücke klafft, wo zwei Sätze sich widersprechen. Diese Arbeit lässt sich auslagern. Nur lernt dann eben die KI, nicht der Mensch.
Cognitive Offloading bezeichnet das Auslagern geistiger Arbeit an ein Hilfsmittel. Bei KI ist das praktisch, kann aber dazu führen, dass die ausgelagerte Fähigkeit selbst verkümmert, weil sie nicht mehr trainiert wird.
Forschung und Praxis unterscheiden inzwischen zwei Arten, KI beim Schreiben einzusetzen. Beim einen Weg liefert die KI einen Entwurf, den man kritisch prüft, zerlegt und neu schreibt. Dabei bleibt die eigene Denkarbeit erhalten, die KI beschleunigt sie nur. Beim anderen Weg liefert die KI den fertigen Text, der mit minimalen Änderungen abgegeben wird. Der erste Weg baut Kompetenz auf, der zweite baut sie ab. Wie schnell der Abbau geht, zeigt die Lernforschung deutlich. Wer mit KI lernt, statt selbst zu ringen, vergisst messbar schneller, und im Gehirn lässt sich die nachlassende Aktivität sogar per EEG messen.
Der praktische Mittelweg
Studienleiterin Nora Hoffmann formuliert die Konsequenz nüchtern.
»Es geht nicht darum, KI zu verbieten, sondern darum, Studierende zu befähigen, sie kritisch und reflektiert einzusetzen.«
Dr. Nora Hoffmann, Schreibzentrum Goethe-Universität Frankfurt
Praktisch heißt das, die Grenze bewusst zu ziehen, statt sie dem Zufall zu überlassen. Für den thematischen Einstieg, fürs Sortieren von Ideen und für die sprachliche Überarbeitung ist KI ein gutes Werkzeug. Die eigentliche Denkarbeit aber, das Strukturieren eines Arguments, das Abwägen, das Formulieren der zentralen Passagen, gehört in den eigenen Kopf. Wer KI als Partner statt als Antwortmaschine einsetzt, sie fragen lässt, widersprechen lässt, abfragen lässt, lernt nachweislich mehr.
Das Beruhigende und zugleich Beunruhigende an der Studie steckt in einer Bemerkung von Hoffmann. Noch haben viele Studierende das Schreiben ohne KI gelernt und ein Gespür dafür, was ihnen durch übermäßiges Delegieren entgeht. Wer dieses Gespür behalten will, sollte beim Schreiben mit KI genau wissen, welche Aufgabe er gerade abgibt. Wer es nicht hat, weil er es nie aufgebaut hat, wird den Verlust nicht einmal bemerken. Genau deshalb lohnt es sich, die Werkzeuge zu beherrschen, statt sich von ihnen beherrschen zu lassen.
Das Schreiben ohne KI verlernt man nicht in einem Semester. Aber man verlernt es. Noch ist Zeit, das zu verhindern. Nur Ältere sind auf der sicheren Seite.
Quellen und Daten
Hoffmann, N., Göbel, H., Rütten, D., Schmidt, S. (2026), »Manchmal muss ich mich aktiv zum selbst denken motivieren«. Bericht zur Studierendenbefragung 2025 zum akademischen Schreiben mit KI, Schreibzentrum der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Die Pressemitteilung der Goethe-Universität fasst die zentralen Zahlen zusammen.