Antoninus Pius, der Langweiler, dem Rom seine besten Jahre verdankt

Antoninus Pius, der Langweiler, dem Rom seine besten Jahre verdankt

Antoninus Pius hat in seinen 23 Jahren als römischer Kaiser kein Schlachtfeld betreten, keinen Bürgerkrieg entfacht, keinen großen Palast gebaut und keinen Senator hinrichten lassen. Das klingt nach einem Mann, den die Geschichtsschreibung übersieht. Sie tut es auch.

Und trotzdem gilt seine Regierungszeit als die glücklichste Phase der römischen Kaiserzeit. Alles, was danach kommt, Marc Aurel eingeschlossen, war schlechter.

Der Mann, der Plan B war

Antoninus Pius wurde Kaiser durch ein Missgeschick. Hadrian, sein Vorgänger, hatte ursprünglich einen anderen adoptiert, einen gewissen Lucius Ceionius Commodus, der aber krank war und rechtzeitig starb. Hadrian brauchte Ersatz, und zwar einen ohne eigene Söhne, damit die Nachfolge danach weiter über Adoption liefe. Antoninus passte. 51 Jahre alt, vermögend, ohne männliche Erben, Senator mit guten Manieren und keiner erkennbaren Eigenagenda.

Die Bedingung der Adoption war hart. Pius musste seinerseits zwei junge Männer adoptieren, die Hadrian bereits ausgesucht hatte. Der eine hieß Marcus Aurelius und sollte später als Philosophenkaiser berühmt werden. Der andere, Lucius Verus, blieb zeit seines Lebens im Hintergrund. Beide tauchen später auch in jedem Ranking der bedeutendsten Römer auf, was man von Pius nur selten sagen kann.

Man kann sich das Arrangement schwer schön reden. Pius war sozusagen der Übergangskaiser, bevor er überhaupt Kaiser war.

Zeittafel Antoninus Pius auf einen Blick
86Geburt in Lanuvium bei Rom als Titus Aurelius Fulvus Boionius Arrius Antoninus
110erQuästur, politische Laufbahn beginnt
120Konsulat
135–136Prokonsul der Provinz Asia
25. Februar 138Adoption durch Kaiser Hadrian
10. Juli 138Tod Hadrians, Antoninus wird Kaiser
139Ehrentitel »Pius« vom Senat, wahrscheinlich wegen der Durchsetzung der Vergöttlichung Hadrians
142Beginn des Baus des Antoninuswalls in Britannien
140–145Hochwassermaßnahmen am Tiber, Ausbau der Infrastruktur
148900-Jahr-Feier Roms, finanziert aus der kaiserlichen Privatschatulle
161Tod in Lorium, Nachfolger Marc Aurel und Lucius Verus

Was heißt hier »Pius«

Der Beiname »Pius« kam vom Senat, und er war kein Freundschaftsgeschenk. Die Römer meinten mit pietas nicht christliche Frömmigkeit, sondern die pflichtbewusste Haltung gegenüber Göttern, Familie und Staat. Solche Kernbegriffe der lateinischen Bildungssprache sind im Deutschen oft nur halb übersetzbar. Pius trug den Titel, weil er nach Hadrians Tod dessen Vergöttlichung gegen den Widerstand des Senats durchdrückte. Hadrian war gegen Ende unbeliebt gewesen. Senatoren hatten unter ihm Verdächtigungen, Prozesse und Hinrichtungen erlebt. Dass man den Toten nun auch noch zum Gott erklären sollte, fanden viele fragwürdig.

Pius setzte die Apotheose durch, nicht mit Drohungen, sondern mit Ausdauer und dem Hinweis auf die eigene Pflicht als Adoptivsohn. Der Senat gab nach und taufte ihn im Gegenzug »Pius«. Das war die römische Art, eine politische Niederlage in ein Etikett für den Sieger zu verwandeln.

Die römische pietas meinte keine Gefühlsreligion, sondern eine dreifache Pflichttreue: gegenüber den Göttern, gegenüber den Vorfahren und gegenüber dem Staat. Wer pius war, tat, was seine Rolle verlangte, auch wenn es unbequem war.

Was hat er getan

Die kurze Antwort lautet: erstaunlich wenig, wenn man unter Politik das Erfinden neuer Gesetze, das Führen von Kriegen und das Umbauen von Institutionen versteht. Die lange Antwort ist interessanter.

Pius verließ in seinen 23 Regierungsjahren Italien nicht ein einziges Mal. Hadrian war jahrelang durchs Reich gereist, hatte jede Provinz persönlich inspiziert, Befestigungen errichten lassen, Legionen umverteilt. Pius tat nichts dergleichen. Er regierte von Rom und den kaiserlichen Landgütern in Lorium und Lanuvium aus, per Brief, per Beamten, per Statthalter.

Er führte keinen Eroberungskrieg. Die einzige größere militärische Unternehmung unter ihm war die Vorverlegung der Grenze in Britannien vom Hadrianswall an den nördlicher gelegenen Antoninuswall, eine strategisch fragwürdige Entscheidung, die seine Nachfolger schon bald wieder rückgängig machten. Ansonsten hielt er die Grenzen, wo sie waren. Kleinere Unruhen in Mauretanien, Dakien, Judäa und Ägypten wurden von den Provinzstatthaltern erledigt, nicht vom Kaiser persönlich.

Er baute nicht monumental. Kein riesiges Forum wie Trajan, keine Villa Adriana wie Hadrian, kein Kolosseum wie die Flavier. Pius ließ Brücken instand setzen, Straßen reparieren, ein paar Tempel renovieren. Die 900-Jahr-Feier Roms im Jahr 148 zahlte er aus eigener Tasche, was auffiel, weil es ungewöhnlich war.

Er reformierte nicht tiefgreifend. Seine Gesetzgebung war ausgleichend, sie stützte die bestehende Ordnung, statt sie umzuwerfen. Sklaven bekamen etwas mehr Schutz, Vormünder mehr Rechenschaftspflicht, Provinzbeamte etwas engere Aufsicht. Nichts davon war revolutionär. Alles davon funktionierte.

Warum das die beste Zeit war

Edward Gibbon, der im 18. Jahrhundert das Standardwerk über den Niedergang Roms verfasste, nannte die Zeit von Nerva bis Marc Aurel »die glücklichste und blühendste Periode der Menschheitsgeschichte«. Wenn man ehrlich hinschaut, meinte er damit vor allem die 23 Jahre unter Pius. Darin lag die längste Ruhephase, die geringste Steuerlast, der stabilste Geldwert, die wenigsten Hinrichtungen.

Das Reich hatte unter ihm keine Kriege, die Rom selbst berührten. Keine Seuche, keine Finanzkrise, keine großen Naturkatastrophen mit verheerenden Folgen. Es gab genug Getreide, genug Münzen, genug Verwaltungspersonal. Die Provinzen konnten arbeiten, die Handelsrouten waren sicher, die Armee bezahlt. Alles funktionierte, weil niemand versuchte, es zu verbessern.

Das ist die entscheidende Pointe. Pius hatte keine Vision, keine Reform, keinen großen Plan. Er hatte eine intakte Maschine geerbt und beschloss, sie intakt zu lassen. In einem System, das jahrzehntelang durch die Launen einzelner Kaiser erschüttert worden war, von Caligula bis Domitian, war genau das die revolutionärste Haltung überhaupt.

Womöglich ist das der stärkste Hinweis darauf, was gute Herrschaft im Kern bedeutet.

Die Pax Romana, der römische Frieden, bezeichnet die etwa 200-jährige Phase innerer Stabilität von Augustus bis Marc Aurel. Ihren ruhigsten Abschnitt bildete die Regierungszeit des Antoninus Pius von 138 bis 161, in der das Reich weder Bürgerkrieg noch größere Eroberungsfeldzüge erlebte.

Der Mann hinter dem Kaiserbild

Das meiste, was wir über den Charakter des Pius wissen, stammt aus zwei Quellen. Die Historia Augusta, eine spätantike Sammlung von Kaiserbiografien, deren Zuverlässigkeit fragwürdig ist. Und Marc Aurels Selbstbetrachtungen, dort im ersten Buch, wo Marc Aurel aufzählt, was er von wem gelernt hat. Das Kapitel über Pius ist das längste.

Marc Aurel beschreibt einen Mann, der nicht nachtragend war. Der Gerüchte ignorierte, statt sie zu untersuchen. Der beim Essen wenig trank und lange arbeitete. Der nie mit etwas prahlte, keine Ehrungen suchte und Entscheidungen auch dann traf, wenn sie unpopulär waren. Der Freunde nicht bevorzugte und Feinde nicht verfolgte. Der mit seiner Frau Faustina respektvoll umging, auch als Gerüchte über sie im Umlauf waren, die er einfach nicht zur Kenntnis nahm.

Das alles kann man als idealisierte Grabrede lesen, und zum Teil ist es das sicher. Aber die Konsistenz über 23 Jahre Regierungszeit, ohne jede Eskalation, ohne jeden Skandal, ist schwer zu fälschen. Pius hat, soweit die Überlieferung reicht, nie einen Senator hinrichten lassen. Das hatte seit Augustus kaum ein Kaiser über so lange Zeit geschafft.

Die Statuen zeigen einen älteren Mann mit gepflegtem Bart, ruhigem Blick, ohne die theatralische Pose, die bei Hadrian und Marc Aurel üblich wurde. Er sieht aus wie ein pensionierter Notar. Vermutlich wollte er genau so aussehen.

Antoninus Pius, Hadrian und Marc Aurel im Vergleich
HadrianAntoninus PiusMarc Aurel
Regierungszeit117–138138–161161–180
Lebensdaten76–13886–161121–180
ReisetätigkeitJahrelang durchs ReichNie aus Italien herausJahre an der Donau
KriegeBar-Kochba-Aufstand in JudäaKeine eigenen FeldzügeMarkomannenkriege, Partherkrieg
BauwerkePantheon, Villa Adriana, HadrianswallAntoninuswall, InstandhaltungWenig eigene Bauten
SchriftenAutobiografie (verloren)Keine überliefertSelbstbetrachtungen
Verhältnis zum SenatAngespannt, ProzesseKooperativFormell korrekt
NachwirkungBauten, GrenzkonzeptIdeal des ruhigen HerrschersStoische Philosophie

Warum kennt ihn niemand

Geschichtsschreibung bevorzugt Katastrophen. Ein Kaiser, unter dem nichts Dramatisches passiert, liefert keine Anekdoten, keine Schlachten, keine Wendungen. Aus dem Leben des Nero kann man eine ganze Oper machen. Aus dem Leben des Pius allenfalls einen Verwaltungsakt.

Hinzu kommt, dass Pius nichts hinterließ, woran man sich festhalten kann. Kein Buch, keine berühmte Rede, keine eigenwillige Bauleistung wie Hadrians Pantheon. Selbst seine Ehrenmale sind eher bescheiden, die berühmteste ist die Antoninische Säule, die sein Nachfolger aufstellen ließ und die heute teilweise im Vatikan steht.

Das Paradox: Je besser ein Herrscher regiert, desto weniger Stoff gibt er für Geschichten her. Wer die Welt zum Brennen bringt, wird erzählt. Wer sie still hält, wird vergessen. Die Schullektüre widmet sich lieber Commodus, weil Commodus ein Monster war und Monster gute Gegenspieler abgeben. Das gilt übrigens auch für die gefährlichsten Feinde Roms, die erinnert man bis heute mit Namen, während mancher erfolgreiche Verteidiger namenlos blieb.

Pius ist der Kaiser, von dem man in der Schule nichts hört, weil über ihn nichts zu erzählen ist. Jedenfalls nichts, was man im üblichen Sinn Geschichte nennt.

Was lernt man daraus

Dass es einen Typ von Führung gibt, der nicht aus Tatendrang besteht, sondern aus Unterlassen. Dass die Kunst darin liegen kann, nichts zu reformieren, was funktioniert, nichts zu erobern, was nicht bedroht, nichts zu bauen, was nicht nötig ist. Heute wäre so ein Stil nicht mehr vermittelbar. Politik verlangt Bewegung, Sichtbarkeit, Kampagne. Wer 23 Jahre lang nichts ankündigt, würde schon im ersten verlieren.

Pius kannte dieses Problem nicht. Er hatte die Autorität eines absoluten Herrschers und die Ruhe eines Mannes, der sich nichts beweisen musste. Im Kern war seine Regierung ein Experiment in Zurückhaltung. Es gelang, weil die Verhältnisse stabil waren und weil er selbst stabil war. Beides hing zusammen.

Als er 161 starb, vermutlich nach einer mehrtägigen Magenerkrankung, hinterließ er eine volle Staatskasse, eine intakte Verwaltung, gesicherte Grenzen und zwei Adoptivsöhne, die bereit waren zu übernehmen. Seine letzte überlieferte Anweisung an den diensthabenden Offizier war das Losungswort der Nacht: aequanimitas, Gleichmut. Ein Wort, das auch in vielen anderen zeitlosen Sentenzen der Römer mitschwingt, ohne je so knapp auf den Punkt gebracht worden zu sein.

Man kann es auch anders sehen. Womöglich verdeckte seine Ruhe Probleme, die längst gärten, und überließ sie schlicht dem Nachfolger.

Ein paar Jahre später brach die Antoninische Pest aus, die Millionen tötete. Kurz darauf begannen die Markomannenkriege an der Donau. Marc Aurel schrieb seine Selbstbetrachtungen im Feldlager, zwischen Leichen und Rauch. Rom hatte die beste Zeit bereits hinter sich. Niemand wusste das, während sie lief.

Das passiert mit besten Zeiten. (lk)

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Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage

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