OpenAI hat am 1. August eine Publikation mit dem denkbar unaufgeregten Titel »Ten advances in mathematics and theoretical computer science« veröffentlicht. Darin: zehn neue Ergebnisse zu Problemen, die seit mindestens einem Jahrzehnt offen sind, viele davon deutlich länger. Und mitten im Fließtext, in einem Nebensatz, die eigentliche Nachricht: Erzeugt wurden diese Ergebnisse von einer internen Version von Astra, »our next major model«. So kündigt man also heute ein Frontier-Modell an, versteckt zwischen Ramsey-Zahlen und von-Neumann-Algebren.
Die Liste ist ernst zu nehmen. Darunter eine Konstruktion nicht-sofischer Gruppen, eine zentrale offene Frage der Gruppentheorie. Die Widerlegung von Connes‘ Rigiditätsvermutung. Neue untere Schranken für die Permanente in der arithmetischen Schaltkreiskomplexität, Ordnung n⁴/log n für arithmetische Formeln. Dazu Ehrharts Volumenvermutung und die Erdős-Probleme 146, 180 und 183. Jedes Argument wurde anschließend in einem Lean-Zertifikat formalisiert, also maschinell überprüfbar gemacht. Die Zahl, die dabei am meisten hängen bleibt, ist keine mathematische: Die Token für alle zehn Lösungen zusammen hätten zu Sol-API-Preisen rund 2.000 Dollar gekostet.
Für alle, die keine Operatoralgebren im Alltag brauchen, ist das trotzdem relevant, weil es die Frage neu stellt, wo KI in der Mathematik eigentlich steht. Bisher galt: Modelle lösen Wettbewerbsaufgaben, für die es Musterlösungen gibt. Hier geht es um Probleme, zu denen niemand die Antwort kennt. OpenAI schreibt selbst, man wolle keine menschliche Autorschaft für Beweise beanspruchen, die vollständig von einem System erzeugt wurden, und verweist auf die Leiden-Deklaration zu KI und Mathematik. Ein ungewohnt vorsichtiger Ton für ein Unternehmen, das sonst gern zuerst und laut spricht.
Die Einschränkung liefert OpenAI gleich mit, ohne sie so zu nennen: Astra ist kein Produkt. Es gibt kein Datum, keinen Preis, keinen API-Zugang, nur eine interne Version und zehn Manuskripte. Wer die Ergebnisse prüfen will, muss die Lean-Zertifikate durchgehen, und die mathematische Community wird sich dafür Monate nehmen. Bis dahin steht ein Modellname im Raum, den vor drei Tagen niemand kannte, und ein Preisschild von 2.000 Dollar für Arbeit, an der Menschen Jahrzehnte gescheitert sind. Wie nah das an echter allgemeiner Intelligenz liegt, entscheiden nicht die Pressemitteilungen, sondern die Gutachter.
Quellen
- OpenAI: Ten advances in mathematics and theoretical computer science
- OpenAI: Ten Advances in Mathematics and Theoretical Computer Science (PDF)
- Gizmodo: OpenAI Smuggled the Announcement of Astra, Its Next AI Model, Into a Blog Post About Math
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