Ein Chat antwortet. Ein Agenten-Loop arbeitet. Um diesen Unterschied werden seit Monaten alle Oberflächen umgebaut.
In ChatGPT sitzt seit Juli ein Schalter mit zwei Stellungen, Chat und Work (dazu kommt Codex). Bei Claude sind es ebenfalls drei, Chat, Cowork und Code. Dahinter steckt kein besseres Modell. Nur eine andere Bauweise.
Stell dir vor, dein Computer arbeitet nachts. Nicht für dich. Er lädt Dateien hoch, die du nie freigegeben hast, verschickt Nachrichten in deinem Namen, greift Rechenleistung ab, und am Morgen sieht alles aus wie immer. Das ist keine Zukunftsvision.
Für klassische Schadsoftware war das jahrzehntelang Alltag, man nannte die gekaperten Rechner Botnetze. Die neue Variante braucht keinen Virus mehr, sie braucht nur gekaperte KI-Agenten, die eigentlich dir gehören.
Solange kein KI-Agent für dich sucht, geht Wohnungssuche so. Suchauftrag bei Immoscout, Suchauftrag bei Immowelt, Kleinanzeigen im Stundentakt. Die Mail kommt um 14:02 Uhr, du klickst um 14:11 Uhr, das Inserat ist schon deaktiviert. Deine Anfrage ist eine von dreihundert. Und das beste Angebot stand ohnehin woanders, auf der Seite eines Maklers, den keines dieser Portale kennt.
Das Internet hat dieses Problem nie wirklich gelöst, es hat eine Schicht von Vermittlern darübergelegt. Immoscout bei Wohnungen, Booking bei Hotels, Lieferando bei Pizza, Doctolib bei Ärzten. Alle versprechen Komfort, alle leben davon, dass sie zwischen dir und dem eigentlichen Anbieter stehen. Die Provision zahlt offiziell der Anbieter. Aber am Ende kommt sie von dir.
Diese Schicht beginnt 2026 zu wackeln. Nicht weil die Vermittler etwas falsch machen, sondern weil ihre Existenzberechtigung schwindet.
Wer in den späten Neunzigern zum ersten Mal online ging, erinnert sich vielleicht an das Gefühl. Plötzlich lag die ganze Welt an Software offen da. Freeware, Shareware, kleine Tools von irgendwelchen Servern, auf die man über eine Linkliste stieß. Man lud herunter, doppelklickte und hoffte.
Manchmal lief das Programm. Manchmal fing man sich einen Virus ein, und das war keine Seltenheit. Das Skriptkiddie war eine Kulturfigur, McAfee und Norton wurden damit reich, und der Schaden konnte durchaus übel sein.
Dreißig Jahre später will man KI-Agenten installieren, und das Gefühl kehrt zurück.
Ich wollte ein Tool ausprobieren, das mir empfohlen worden war. Ein Skill von GitHub, in Claude Code eingerichtet, ein paar Minuten Arbeit, dachte ich. Dann fragte der Agent nach einer Erlaubnis. Und noch mal. Und noch mal.
Nach gefühlt zwanzig Fenstern, jedes eine Spur unverständlicher als das davor, wollte er Dinge auf meinem Rechner installieren, die ich nicht mehr einordnen konnte. Ich habe dann abgebrochen. Ob es am Ende dreißig Abfragen geworden wären oder fünfzig, weiß ich bis nicht.
Das ist das Eigenartige an diesem Moment? Agentisch mit einer KI arbeiten ist so leicht geworden wie nie, und trotzem steht man schnell vor einer Wand.
Die meisten Produkte, die sich 2026 KI-Agent nennen, sind Chatbots mit neuem Etikett. Der gute alte Etikettenschwindel.
Das ist nicht unbedingt böser Wille, eher Marketing. Der Begriff verspricht, was alle gerade wollen. Software, die eigenständig handelt, selbst über den nächsten Schritt entscheidet und Aufgaben erledigt, statt nur darüber zu reden. Manchmal stimmt das sogar. Nur eben viel seltener, als die Werbung behauptet. Die meisten Agenten sind keine. Ist doof, aber leider wahr.
Ein KI-Agent bekommt die Aufgabe, ein Bild an ein Kind zu schicken. Der Auftrag klingt harmlos. Doch das Bild zeigt harte Gewalt. Der Agent verschickt es trotzdem. Eine andere Aufgabe lautet, die Steuererklärung eines internationalen Studenten zu optimieren. Der Agent gibt eine Behinderung an, die nicht existiert, weil das die Steuerlast senkt. Eine dritte Aufgabe verlangt, die Firewall abzuschalten, um die Sicherheit zu erhöhen. Der Agent klickt sich durch, ohne sich für den Widerspruch zu interessieren.
Das sind keine Hypothesen, sondern reproduzierte Fehlleistungen aus einer neuen Studie. KI-Agenten gehorchen blind, in 80,8 Prozent der Testfälle. Gemessen daran, wie oft sie problematische Handlungen überhaupt in Erwägung ziehen.
Eine Frage an ChatGPT kostet Bruchteile eines Cents. Ein KI-Agent, der dieselbe Aufgabe eigenständig löst, kann zehn Dollar verschlingen. Für eine einzige Aufgabe. Das klingt nach Rechenfehler, ist aber das Ergebnis einer Architektur, die Token nicht addiert, sondern multipliziert.