
Die Argonauten waren eine Truppe von über 50 Helden, die unter der Führung von Jason auf dem Schiff Argo nach Kolchis segelten, um das Goldene Vlies zu holen. Ein Fell mit übernatürlicher Kraft, bewacht von einem unsterblichen Drachen, am Ende der damals bekannten Welt. Jason brauchte es, um seinen Thron zurückzubekommen. Sein Onkel Pelias hatte ihm den gestohlen und hoffte, die Reise würde Jason das Leben kosten.
Inhaltsverzeichnis
Was als Diebstahl eines Erbstücks begann, wurde zur größten Seefahrt der griechischen Mythologie. Die Geschichte ist älter als die Odyssee, jedenfalls in ihrem mythischen Kern. Apollonios von Rhodos schrieb sie im 3. Jahrhundert v. Chr. als Epos nieder, aber die Sage kursierte schon Jahrhunderte früher.
Lerne die Bildungssprache! Das praktische Handbuch schlauer Wörter unterstützt dich mit über 1.600 durchdachten Einträgen. Besser verstehen und klüger schreiben. Verständliche Erläuterungen und lebensnahe Beispiele erleichtern das Einprägen. Jetzt ansehen
Eine Quest ist eine Suche oder missionartige Aufgabe mit einem bestimmten Ziel. Im Deutschen wird der Begriff außerhalb des Gaming-Kontextes seltener verwendet, taucht aber in der Literaturwissenschaft auf. Er bezeichnet dort eine metaphorische oder tatsächliche Reise mit einem spezifischen Zweck.
Wer war Jason?
Jason war der Sohn von Aison, dem rechtmäßigen König von Iolkos, und Alkimede. Als Kind wurde er heimlich zum Kentauren Chiron auf den Berg Pelion geschickt, um ihn vor seinem machthungrigen Onkel Pelias zu schützen. Chiron erzog ihn, bildete ihn in Kampf und Heilkunst aus.
Als junger Mann kehrte Jason nach Iolkos zurück, entschlossen, seinen Thron einzufordern. Auf dem Weg dorthin verlor er einen Schuh im Fluss. Das war kein gutes Zeichen, zumindest nicht für Pelias: Ein Orakel hatte ihm geweissagt, ein Mann mit nur einem Schuh würde ihn stürzen. Pelias reagierte, wie Tyrannen reagieren. Er schickte Jason auf eine Reise, von der er nicht zurückkehren sollte.

Die Teilnehmer der Argonauten-Expedition
Jason stellte eine Mannschaft zusammen, die sich liest wie ein Who’s who der griechischen Mythologie. Mehr als 50 Helden aus verschiedenen Teilen Griechenlands folgten seinem Ruf. Einige der wichtigsten:
- Herakles: Der berühmteste aller griechischen Helden. Verließ die Expedition allerdings früh, um seinen Gefährten Hylas zu suchen. Man kennt ihn auch als Herkules.
- Orpheus: Dichter und Sänger, dessen Musik wilde Tiere zähmte und Bäume zum Wandern brachte. Auf der Argo übernahm er die Rolle des Taktgebers für die Ruderer.
- Kastor und Pollux: Die Dioskuren, Zwillinge und Schutzpatrone der Seeleute.
- Atalante: Herausragende Jägerin, meist als einzige Frau unter den Argonauten genannt. Atalante hat einen eigenen Artikel
- Peleus: Vater des späteren Achilles.
- Telamon: Vater des späteren Ajax.
- Theseus: Der Held, der den Minotaurus besiegte.
- Zetes und Kalais: Die Boreaden, Söhne des Nordwinds. Sie konnten fliegen.
- Mopsos: Seher an Bord.
- Tiphys: Der Steuermann der Argo, später abgelöst von Ankaíos.
- Lynkeus: Berühmt für seine Augen, die angeblich durch feste Materie sehen konnten.
- Autolykos: Sohn des Hermes, berühmter Dieb. List war sein Fachgebiet.
- Nestor: Später als weiser König von Pylos im Trojanischen Krieg bekannt.
Zwei Generationen griechischer Helden trafen sich auf einem Schiff. Manche von ihnen, wie Peleus und Telamon, zeugten später die Krieger, die vor Troja kämpften. Die Argonautensage ist gewissermaßen das Prequel zum Trojanischen Krieg.
Die Argo und ihr Erbauer
Das Schiff wurde von Argos gebaut, unter Anleitung der Göttin Athene. Das Holz stammte aus den heiligen Wäldern von Dodona, und ein Stück davon, direkt vom Orakelbaum, verlieh der Argo die Fähigkeit zu sprechen. Ein Schiff, das seiner Besatzung Ratschläge gab. Praktisch.

Das Wort Argonauten setzt sich aus »Argo« (dem Schiffsnamen) und dem griechischen »nautes« (Seemann) zusammen. Dieselbe Endung steckt in Astronaut, Kosmonaut und Ozeanaut.

Oben: Erbauer Argos und sein Werk
Die Reise der Argonauten und ihre Stationen
Die Route führte von Iolkos durch die Ägäis, durch die Dardanellen und über das Schwarze Meer bis nach Kolchis, dem heutigen Georgien. Jede Station brachte neue Gefahren.
Erste Anlaufstelle war die Insel Lemnos, die zu dieser Zeit ausschließlich von Frauen bewohnt wurde. Sie hatten ihre Männer getötet, die Gründe waren mythologisch kompliziert. Die Argonauten wurden trotzdem gastfreundlich empfangen. Sehr gastfreundlich. Jason musste die Mannschaft irgendwann zum Aufbruch zwingen.

Auf dem weiteren Weg trafen sie auf König Phineus, der von Harpyien gequält wurde. Diese Kreaturen mit Vogelkörper und Frauenkopf stahlen ihm jedes Mal das Essen vom Tisch. Die Boreaden Zetes und Kalais vertrieben die Harpyien. Dafür gab Phineus den Argonauten den entscheidenden Hinweis, wie sie die Symplegaden passieren konnten.

Oben: Zetes und Kalais, Söhne des Nordwinds
Die Symplegaden, auch bekannt als die zusammenschlagenden Felsen, waren zwei massive Felsbrocken, die sich aufeinander zubewegten und alles dazwischen zerquetschten. Die Argonauten ließen einen Vogel vorausfliegen, die Felsen schnappten zu und öffneten sich wieder. In diesem Moment ruderten sie mit aller Kraft hindurch. Knapp, aber es reichte.

Oben: Atalante, die Jägerin
Weitere Stationen der Reise waren Propontis (Durchfahrt zum Schwarzen Meer), das Gebiet des Königs Lycus, der die Argonauten gastfreundlich aufnahm, die Insel des Ares mit den Stymphalischen Vögeln und schließlich der Fluss Phasis in Kolchis, wo die Argo anlandete.
Ankunft in Kolchis und das Goldene Vlies
König Aietes von Kolchis dachte nicht daran, das Vlies einfach herauszugeben. Er stellte Jason Aufgaben, die kein Sterblicher überleben sollte: feueratmende Stiere zähmen, ein Feld mit Drachenzähnen säen, die daraus wachsenden Krieger besiegen. Jason schaffte es. Allerdings nicht allein.
Medea, die Tochter des Königs, hatte sich in Jason verliebt. Sie war Zauberin, und ohne ihre Hilfe wäre die Quest gescheitert. Medea gab ihm eine Salbe, die ihn unverwundbar machte, verriet ihm die Tricks gegen die Drachenzähne und betäubte den Drachen, der das Vlies bewachte. Jason nahm das Vlies, nahm Medea, und die Argo stach in See.

Oben: Medea und Jason
Was war das Goldene Vlies?
Das Goldene Vlies war das Fell eines göttlichen Widders, der einst Phrixus und Helle vor dem Tod rettete, indem er sie durch die Luft nach Kolchis trug. Phrixus opferte den Widder dort dem Zeus und hängte das Fell in einem heiligen Hain auf, wo es von einem unsterblichen Drachen bewacht wurde.

Das Vlies symbolisierte Königsmacht und göttlichen Schutz. Wer es besaß, herrschte legitim. Für Jason war es also mehr als eine Trophäe. Es war der Nachweis seines Thronanspruchs. Dass er es nur mit Medeas Hilfe bekam, machte die Sache allerdings kompliziert.
Jasons Ende und Medeas Rache
Nach der Rückkehr verließ Jason Medea, um Glauke zu heiraten, die Tochter des Königs von Korinth. Politisch plausibel, menschlich eine Katastrophe. Medea, verraten und gedemütigt, schickte Glauke ein vergiftetes Kleid und ein goldenes Diadem als Hochzeitsgeschenk. Die Gifte entfachten ein Feuer, das sich nicht löschen ließ. Glauke starb, ihr Vater König Kreon mit ihr, als er versuchte zu helfen.

Oben: Prinzessin Glauke vor ihrem tragischen Ableben
Dann tötete Medea die gemeinsamen Kinder. Euripides machte daraus eines der mächtigsten Stücke der antiken Theatergeschichte. Jason blieb allein zurück, verlassen von Göttern und Menschen. Eine der Überlieferungen besagt, dass er unter den Trümmern der Argo starb, als ein morsch gewordenes Stück des Schiffes auf ihn herabfiel. Ein Held, erschlagen von seiner eigenen Vergangenheit.

Oben: Die rachsüchtige Medea
Die Geschichte der Argonauten erzählt von Mut, Zusammenarbeit und göttlicher Hilfe. Aber auch davon, was passiert, wenn man die Leute verrät, die einem geholfen haben. Womöglich ist das die eigentliche Lektion.