Die Odyssee – zehn Jahre Irrfahrt, eine Handvoll Lektionen

Die Odyssee von Homer

Die Odyssee ist die Geschichte einer Heimkehr, die zwanzig Jahre dauert. Zehn davon verbringt Odysseus im Trojanischen Krieg, zehn weitere auf dem Rückweg nach Ithaka. Dass die Rückreise genauso lang wird wie der Krieg selbst, ist kein Zufall. Homer erzählt keine Abenteuergeschichte mit Happy End. Er erzählt davon, was es kostet, nach Hause zu kommen.

Odysseus ist der Sohn des Laertes und der Antikleia, König von Ithaka, einer kleinen felsigen Insel im Ionischen Meer. Bekannt ist er für seine Klugheit, nicht für seine Muskeln. Während Achilles der stärkste Krieger vor Troja war, war Odysseus der schlaueste. Die Idee mit dem Trojanischen Pferd? Seine. Der Beiname »der Listenreiche« ist verdient.

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In der Odyssee wird seine zehnjährige Irrfahrt beschrieben. Nach dem Fall Trojas versucht er, zu seiner Frau Penelope und seinem Sohn Telemachos zurückzukommen. Die Reise ist voller mythologischer Begegnungen: die Nymphe Kalypso hält ihn sieben Jahre fest, die Zauberin Kirke verwandelt seine Männer in Schweine, den Zyklopen Polyphem blendet er, um zu entkommen, und der Gesang der Sirenen lockt ihn beinahe in den Tod. Es war allerhand los im alten Griechenland.

Odyssee – die 14 Stationen der Irrfahrt von Troja nach Ithaka

Die wichtigsten Stationen der Odyssee

Oben: Die Stadt der Laistrygonen

  1. Troja: Nach dem Sieg im Trojanischen Krieg beginnt Odysseus seine Heimreise nach Ithaka. Was einfach klingt, wird alles andere als das.
  2. Die Kikonen: Odysseus und seine Männer plündern die Stadt der Kikonen, erleiden aber schwere Verluste, als die Kikonen zurückschlagen. Erster Fehler, erste Lektion.
  3. Die Lotophagen: Auf der Insel der Lotophagen füttern die Bewohner Odysseus‘ Männer mit Lotosfrüchten, die Vergessenheit bringen und den Wunsch wecken, nie wieder heimzukehren.
  4. Die Kyklopen: Auf der Insel der Kyklopen wird ein Teil der Mannschaft von Polyphem gefangen genommen, dem Sohn des Poseidon. Odysseus blendet den Riesen, um zu entkommen, zieht sich aber den Zorn Poseidons zu. Das wird ihn die nächsten Jahre begleiten.
  5. Aiolos: Der Windgott schenkt Odysseus einen Beutel mit allen widrigen Winden. Eine sichere Heimreise, quasi geschenkt. Doch seine Männer öffnen den Beutel aus Neugier. Der Sturm treibt sie wieder weit zurück.
  6. Die Laistrygonen: Ein Volk von Riesen. Odysseus verliert alle Schiffe bis auf sein eigenes und entkommt nur knapp.
  7. Kirke: Auf der Insel der Zauberin werden einige seiner Männer in Schweine verwandelt. Odysseus, unterstützt durch Hermes, kann Kirke überwinden und seine Männer zurückverwandeln. Sie bleiben ein ganzes Jahr.
  8. Die Unterwelt: Odysseus besucht das Reich der Toten, um den Seher Teiresias zu befragen. Der prophezeit ihm den Weg nach Hause. Und noch einiges mehr.
  9. Die Sirenen: Ihr Gesang lockt Seeleute in den Tod. Odysseus lässt sich an den Mast binden, um ihren Gesang zu hören, ohne in Gefahr zu geraten. Seine Männer bekommen Wachs in die Ohren. Pragmatisch.
  10. Skylla und Charybdis: Zwischen dem sechsköpfigen Ungeheuer Skylla und dem Strudel Charybdis hindurch. Verluste sind unvermeidlich, die Frage ist nur, wie viele.
  11. Die Sonneninsel Thrinakia: Trotz aller Warnungen töten Odysseus‘ Männer die heiligen Rinder des Sonnengottes Helios. Zeus zerstört daraufhin ihr Schiff. Nur Odysseus überlebt.
  12. Kalypso: Odysseus strandet auf der Insel Ogygia, wo die Nymphe Kalypso ihn sieben Jahre festhält. Sie bietet ihm Unsterblichkeit an. Er lehnt ab. Er will nach Hause.
  13. Die Phaiaken: Odysseus gelangt auf die Insel der Phaiaken, wird gastfreundlich aufgenommen und erzählt seine Geschichte. Die Phaiaken bringen ihn nach Ithaka.
  14. Ithaka: Zurück in der Heimat muss Odysseus die Freier besiegen, die seit Jahren um Penelope werben und seinen Palast leer fressen. Als Bettler verkleidet räumt er auf, mit Hilfe seines Sohnes Telemachos und zweier treuer Hirten.

Was die Odyssee über Menschen erzählt

Die Odyssee ist fast 3.000 Jahre alt. Trotzdem lesen sich viele Passagen, als wären sie für uns geschrieben. Das liegt daran, dass Homer keine Mythologie erzählt, sondern menschliches Verhalten. Die Monster und Götter sind Kulisse. Im Kern geht es um etwas anderes.

  1. Ausdauer: Odysseus gibt nie auf, obwohl er jeden Grund dazu hätte. Zwanzig Jahre von seiner Familie getrennt, fast alle Gefährten verloren, von einem Gott verfolgt. Er macht trotzdem weiter.
  2. Anpassungsfähigkeit: Jede Station verlangt eine andere Strategie. Bei Polyphem hilft List, bei Kirke Verhandlung, bei den Sirenen Disziplin. Odysseus‘ Stärke ist, dass er sich nicht auf eine Methode festlegt.
  3. Heimat: Kalypso bietet ihm Unsterblichkeit auf einer paradiesischen Insel. Er sagt Nein. Weil Ithaka seine Heimat ist, nicht weil es schöner wäre. Zugehörigkeit schlägt Komfort.
  4. List über Stärke: Der Listenreiche gewinnt nicht durch Muskeln. Er gewinnt, weil er nachdenkt, bevor er handelt. Jedenfalls meistens.
  5. Gastfreundschaft: Die Xenia, das Gastrecht, ist ein durchgängiges Thema. Die Phaiaken halten sich daran und werden belohnt. Die Freier auf Ithaka missbrauchen es und bezahlen mit dem Leben.
  6. Versuchung: Lotosphagen, Sirenen, Kalypso. Immer wieder die Einladung, aufzuhören, zu vergessen, sich bequem einzurichten. Die Odyssee ist auch eine Geschichte über Selbstbeherrschung.
  7. Identität: Odysseus nennt sich bei den Kyklopen »Niemand«, trägt auf Ithaka die Verkleidung eines Bettlers. Er verliert sich fast in den Rollen. Die Erkennung durch Penelope, den Hund Argos und die alte Amme Eurykleia zeigen, wer er wirklich ist.
  8. Gerechtigkeit: Die Bestrafung der Freier wirkt aus heutiger Sicht brutal. Für Homer war sie konsequent. Wer das Gastrecht bricht, die Ordnung zerstört und sich nimmt, was ihm nicht gehört, muss die Folgen tragen.

Wörter, die wir der Odyssee verdanken

Einige bildungssprachliche Begriffe gehen direkt auf die Odyssee zurück. Sie haben sich aus der Erzählung gelöst und ein Eigenleben entwickelt.

  1. Odyssee: Ursprünglich der Titel von Homers Epos. Heute steht das Wort für jede lange, mühsame Reise mit vielen Hindernissen. »Die Bürokratie war eine echte Odyssee.« Das Adjektiv odysseisch existiert ebenfalls, wird aber selten verwendet.
  2. Sirenen: In der Odyssee mythologische Wesen, deren Gesang Seefahrer in den Tod lockt. Bildungssprachlich steht der Begriff für jede verführerische, aber gefährliche Anziehungskraft. Der Sirenengesang ist eine stehende Wendung.
  3. Mentor: In der Odyssee ist Mentor ein Freund des Odysseus, dem er vor seiner Abreise die Aufsicht über seinen Sohn Telemachos anvertraut. Athene nimmt wiederholt Mentors Gestalt an, um Telemachos zu beraten. Das Wort hat seitdem die Bedeutung eines erfahrenen Ratgebers angenommen.
  4. Zwischen Skylla und Charybdis: Steht für eine Situation, in der man zwischen zwei Übeln wählen muss. Vergleichbar mit »zwischen Hammer und Amboss«, aber eleganter.
  5. Ithaka: Metaphorisch für das Ziel einer langen Reise, den Ort, an dem alles gut wird. Der griechische Dichter Kavafis machte daraus 1911 ein berühmtes Gedicht: Nicht Ithaka ist das Ziel, sondern der Weg dorthin.

Warum die Odyssee das Muster aller Heldenreisen ist

Der Mythologe Joseph Campbell beschrieb 1949 in »Der Heros in tausend Gestalten« ein Muster, das sich in Erzählungen weltweit wiederfindet: den Ruf zum Abenteuer, die Begegnung mit einem Mentor, Prüfungen, eine Belohnung und die Rückkehr. Campbell nannte es die Heldenreise. Die Odyssee ist ihr Prototyp.

Das Muster klingt einfach, weil es das auch ist. Odysseus wird durch den Trojanischen Krieg von zu Hause gerufen. Athene begleitet ihn als Mentorin. Er besteht Prüfungen, gewinnt Weisheit statt Gold und kehrt verändert zurück. Jeder Roadmovie, jeder Abenteuerroman, jeder Bildungsroman folgt im Kern diesem Schema. Star Wars, Der Herr der Ringe, Huckleberry Finn. Die Odyssee war zuerst da.

Was Homers Version von späteren Varianten unterscheidet: Sein Held ist kein strahlender Sieger. Odysseus lügt, täuscht, verliert Gefährten, macht Fehler. Er kommt nicht als besserer Mensch zurück, sondern als müderer. Das ist womöglich realistischer als die meisten Heldengeschichten, die seitdem erzählt wurden.

Was passierte mit Odysseus nach der Heimkehr?

Nach der Odyssee kehrt Odysseus nach Ithaka zurück, besiegt die Freier und vereint sich mit Penelope. Aber die Geschichte endet dort nicht.

Der Seher Teiresias hatte Odysseus in der Unterwelt prophezeit, dass er erneut aufbrechen müsse: zu einem Ort, an dem die Menschen das Meer nicht kennen und ein Ruder für eine Schaufel halten. Dort solle er dem Gott Poseidon opfern, um ihn zu versöhnen. Danach dürfe er nach Ithaka zurückkehren und einen ruhigen Tod sterben, fern vom Meer.

Spätere antike Autoren spannen die Geschichte weiter. In einigen Versionen tötet ihn sein eigener Sohn Telegonos, den er mit Kirke gezeugt hatte, ohne ihn zu erkennen. In anderen lebt er friedlich bis ins hohe Alter. Das antike Griechenland kannte kein Urheberrecht. Jeder konnte die Geschichte weitererzählen.

Die Odyssee wird nach fast drei Jahrtausenden immer noch gelesen. Nicht wegen der Monster und Zauberer, sondern weil sich in jeder Station die Frage verbirgt, die uns alle beschäftigt: Was bin ich bereit aufzugeben, um dorthin zu kommen, wo ich hingehöre?

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Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage

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