
Wer weiß, wie man KI nutzt, lernt schneller, schreibt besser, recherchiert effizienter. Wer nicht weiß, wie das geht, fällt weiter zurück.
Ein knappes Drittel der Schüler gibt laut einer Bitkom-Umfrage von 2025 an, dass KI ihnen Sachverhalte besser erklären kann als die eigenen Eltern zu Hause. 23 Prozent sagen, KI erkläre Dinge besser als ihre Lehrkräfte. Das sagt weniger über KI aus als über Lücken im Bildungssystem, die schon lange da sind.
Das Potenzial ist plausibel. Die Frage ist, ob es auch ankommt.
Inhaltsverzeichnis
Deutschland und die Bildungsschere
Wer in Deutschland in eine Akademikerfamilie geboren wird, hat beim Schulstart bessere Karten als ein Arbeiterkind. Das ist nicht neu. Aber das Ausmaß überrascht dann doch.
Das DIW Berlin hat 2025 untersucht, wie stark die soziale Herkunft die Sprachkompetenzen beim Schulstart beeinflusst. In Deutschland lassen sich 19,5 Prozent der Unterschiede in den Sprachkompetenzen von Erstklässlern durch die soziale Herkunft erklären. In Frankreich sind es 6,8 Prozent, in Japan 4,6 Prozent.
Die Bildungsschere beschreibt die wachsende Kluft zwischen Kindern aus bildungsnahen und bildungsfernen Elternhäusern. In Deutschland ist dieser Zusammenhang laut DIW Berlin stärker ausgeprägt als in fast allen vergleichbaren Ländern und entsteht oft schon vor dem ersten Schultag.
Der Unterschied zu Frankreich liegt laut den DIW-Forschenden vor allem an der frühkindlichen Betreuung. In Frankreich ist sie ab drei Jahren kostenlos und flächendeckend. In Deutschland nicht. Wer diesen Befund kennt, wundert sich nicht mehr darüber, dass Deutschland in Auswertungen zur Chancengleichheit regelmäßig zu den Schlusslichtern gehört.
KI-Nutzung nach Bildungsstand – die Schere geht schon auseinander
Hier ist das eigentliche Problem: KI nutzen tendenziell genau die Leute, die schon gut aufgestellt sind. Die Initiative D21 hat das im Digital Skills Gap 2025 nachgemessen. 60 Prozent der Menschen mit hohem Bildungsniveau nutzen KI-Anwendungen bewusst. Bei niedrigem Bildungsniveau sind es 17 Prozent.
Den gleichen Befund kann man sicherlich auch über das Bücherlesen aufstellen, es ist also alles wie immer. Bücher wären genau wie KI sogar kostenlos zu haben. Lesen und nutzen muss man aber selbst.
Ein weiterer D21-Befund: Nur 27 Prozent der Menschen in schwieriger Wohnsituation haben grundlegende digitale Kompetenzen, verglichen mit 49 Prozent in der Gesamtbevölkerung. Das ist kein Technologieproblem; das ist ein soziales Problem. Wenn die Eltern lieber daddeln und saufen, tut Junior das eben auch.
Wer die Zahlen zur KI-Nutzung in Deutschland kennt, weiß: Die Gesamtzahlen klingen beeindruckend. Die Verteilung dahinter erzählt eine andere Geschichte.
Was passiert, wenn KI-Zugang wirklich für alle da ist
Die Khan Academy (das ist eine Video-Website, keine Uni) hat das in einer groß angelegten Studie mit rund 350.000 Schülern der Klassen 3 bis 8 untersucht. Wer die Plattform mindestens 30 Minuten pro Woche nutzte, erzielte rund 20% mehr Lernfortschritt als erwartet (sie attestieren sich selbst eine positive Wirkung). Gemessen wurde das über standardisierte Tests (MAP Growth Assessment), nicht über Selbsteinschätzung. Die Effektgröße lag bei 0,36.
Entscheidend ist ein anderer Befund: Der Effekt war über alle demografischen Gruppen hinweg konsistent. Nicht nur Akademikerkinder profitierten. Alle taten es. Genau das unterscheidet KI-gestütztes Lernen von klassischer Nachhilfe, die sich nur leisten kann, wer ohnehin besser aufgestellt ist.
Allerdings kommt es darauf an, wie KI eingesetzt wird. Eine Studie an einer türkischen Schule (Bastani et al., 2024) mit rund 1.000 Schülern zeigte: Wer einfach ChatGPT als Löser benutzte, schnitt in der anschließenden Prüfung 17% schlechter ab als die Kontrollgruppe (wie gut war ChatGPT 2024 schon?). Wer dagegen ein als Tutor konfiguriertes System nutzte, das keine Antworten vorgab, sondern Schritt für Schritt anleitete, lag mit der Kontrollgruppe gleichauf.
KI als Abkürzung schadet. KI als Denkbegleitung hilft. Das ist womöglich die wichtigste Unterscheidung, wenn es um KI in der Bildung geht.
Wenn der Nachhilfelehrer die Hausaufgaben gegen Bezahlung schreibt, nützen sie dem Schüler nichts, außer dass er die lästige Pflicht erstmal vom Hals hat. Schlauer wird man so jedenfalls nicht, nur noch fauler. Mit KI ist das genau so.
Was KI kann, was Nachhilfe nie konnte
Ja, Nachhilfe ist teuer. 20 bis 50 Euro pro Stunde sind üblich, oft mehr. Für Familien mit wenig Geld ist das keine realistische Option, jedenfalls nicht dauerhaft. Es sei denn, man lebt ganz vom Staat, der zahlt neben Bürgeld auch Nachhilfe im Rahmen des Bildungs- und Teilhabepaket (BuT).
KI kostet im Basisumfang erstmal nichts. ChatGPT, Claude, Gemini: Die kostenlosen Versionen reichen für Schulstoff in den meisten Fächern aus. Man muss aber mit Limits und Einschränkungen kämpfen.
KI schläft nicht, wird nicht ungeduldig, urteilt nicht. Wer die dritte Erklärung für ein Konzept braucht, bekommt sie. Wer Angst hat, blöde Fragen zu stellen, stellt sie der KI. Das klingt nach Kleinigkeit. Für Schülerinnen und Schüler, die sich zu Hause nicht trauen nachzufragen, ist es das nicht.
KI erklärt auf Wunsch langsamer, einfacher, in einer anderen Sprache. Übersetzen mit KI ist dabei nur ein Beispiel. Die eigentliche Stärke liegt im Erklären, im Umformulieren, im Anpassen an den Lernstand. Das kann kein Lehrbuch. Wer noch nie mit KI gearbeitet hat: 40 Prompts für Einsteiger zeigen, was im Schulalltag sofort funktioniert.
Was trotzdem fehlt – und was wirklich nötig wäre
Zugang ist nicht Kompetenz. Ein Smartphone allein macht keine bessere Lernerin aus einem Kind, das nicht weiß, wie es die KI sinnvoll befragen soll. Die erste KI-Antwort ist selten die beste. Das gilt für alle, die mit KI lernen, schreiben oder arbeiten. Und es gilt besonders für jemanden, der noch nie erklärt bekommen hat, wie man gut fragt.
Die Initiative D21 (eine NGO deren Chefin die Ehefrau von Lars Klingbeil, Finanzminister der SPD, ist) fordert deshalb digitale Grundversorgung als soziales Grundrecht. Bund, Länder und Kommunen sollen digitale Teilhabe im Sozialpolitik-Programm verankern. Im Kern ist das eine schulpolitische Forderung. KI-Kompetenz muss in der Schule gelehrt werden, nicht als Wahlfach, sondern als Grundfähigkeit wie Lesen oder Rechnen.
Das klingt vernünftig, setzt aber voraus, dass die Grundlagen sitzen. Inzwischen kann man froh sein, wenn Schulabgänger wenigstens lesen und schreiben können. Wer noch eine Kompetenz oben draufpacken will, sollte erst sicherstellen, dass der Boden hält.
Geräte, Internetzugang, Lehrer, die zeigen, wie es geht. Fehlt eines davon, bleibt das Potenzial abstrakt. Dass KI-Kompetenz zu den Future Skills gehört, die wirklich zählen werden, ist inzwischen unstrittig. Die Frage ist nur, wer sie lernt.
KI schließt die Bildungsschere nicht. Aber sie ist das erste Werkzeug, das keinen Reichtum voraussetzt. Ein Gerät, ein Internetzugang, ein paar gute Fragen. Mehr braucht es im Kern nicht. Ob das reicht, liegt weniger an der Technologie als daran, ob jemand zeigt, wie sie geht. (lk)
Quellen
- DIW Berlin: Sprach- und Mathekompetenzen hängen in Deutschland bei Schulstart stärker von sozialer Herkunft ab als in anderen Ländern. Wochenbericht 14/2025.
- Initiative D21: Digital Skills Gap 2025. Digitale Grundversorgung muss soziales Grundrecht werden.
- Bitkom: Digitale Schule 2025. Repräsentative Befragung unter Schülerinnen und Schülern an weiterführenden Schulen.
- Khan Academy: Efficacy Results, November 2024. Studie mit rund 350.000 Schülern der Klassen 3–8.
- Deutsches Schulportal: Wann KI beim Lernen hilft – und wann sie schadet. Über die Bastani-Studie (2024) mit rund 1.000 Schülern.
- Bundeszentrale für politische Bildung: Künstliche Intelligenz und Bildung.