69 seltene Wörter der Bildungssprache, die man bestimmt nicht braucht

69 seltene Wörter der Bildungssprache, die man bestimmt nicht braucht

Im Duden stehen sie. Im Gespräch taucht keines davon auf. Das ist der Kern dieser Sorte Wörter. Sie tragen das Etikett »bildungssprachlich«, aus dem aktiven Wortschatz sind sie aber weitgehend verschwunden.

Manche sind einfach nur selten geworden, andere sind praktisch tot. Benutzt werden sie nicht mehr, erkannt oft auch nicht. Es sei denn, man sieht sie in einer Liste wie dieser hier …

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Wozu man diese Wörter trotzdem kennen sollte

Du brauchst diese Wörter nicht. Keinen einzigen Begriff aus der folgenden Liste musst du aktiv verwenden, um verstanden zu werden. Und doch haben sie Wirkung, wenn man sie bewusst einsetzt. Anders als die 59 Begriffe, die Zeitungsleser kennen sollten, arbeiten sie nicht im Hintergrund, sondern fallen auf. Genau das ist ihr Zweck.

An der Uni zum Beispiel. Wer ein solches Wort präzise platziert, erzeugt entweder Irritation oder heimliche Anerkennung. Beides ist brauchbar. Wer die Begriffe kennt, merkt sofort, dass du nicht zufällig hier gelandet bist. Wer sie nicht kennt, spürt zumindest, dass hier jemand bewusst gegen den Strom schreibt.

Es gibt eine unsichtbare Grenze. Ein einzelnes Wort wirkt elegant. Drei hintereinander kippen ins Parodistische und man liest sich wie ein Aufsatz aus dem 19. Jahrhundert, der im falschen Seminar gelandet ist. Mehr zum souveränen Einsatz steht im Artikel Akademisch sprechen, ohne wie ein Lexikon zu klingen.

Zwei Varianten funktionieren besonders gut. Die erste ist das Nadelstich-Prinzip, also ein normaler Text mit einem ungewöhnlichen Wort. Die zweite ist das Tarnkappen-Prinzip, also ein Begriff, der so präzise ist, dass er nicht auffällt, obwohl er alt ist. »Konspektieren« ist dafür ideal. Kaum jemand stolpert, und es sitzt exakt.

Dann gibt es die bewusst provokante Variante. »Dieses Argument bleibt ein Dubium«, in einer Diskussion gesagt. Oder »das ist eine dilemmatische Konstruktion«, im Seminar. Das ist kein Zufall mehr, das ist ein Signal. Fast wie ein literarischer Seitenblick.

Kurz gesagt, diese Wörter sind kein Vokabeltraining. Sie sind Spielmaterial. Kleine Hebel, mit denen sich Ton, Haltung und Aufmerksamkeit verschieben lassen. Deshalb machen sie Spaß.

69 Begriffe der seltenen Bildungssprache, alphabetisch

Die Liste ist nicht vollständig. Sie sammelt, was mir beim Lesen begegnet ist und in der aktiven Sprache kaum noch vorkommt. Einige Wörter haben in Fachkontexten überlebt, andere sind reine Archivstücke. Wer die Gegenprobe will, findet in den 111 klugen Adjektiven der Bildungssprache den gängigen Kanon und im Schnelldurchlauf der Bildungssprache die wichtigsten Begriffe im Überblick.

  1. Ätiologie – Lehre von den Ursachen, meist im medizinischen Kontext.
  2. Affektion – Zuneigung, Neigung, auch milde emotionale Hinwendung.
  3. ajourieren – auf einen späteren Zeitpunkt vertagen, besonders bei Sitzungen.
  4. alludieren – indirekt auf etwas Bezug nehmen, andeuten.
  5. allusiv, allusorisch – in Form einer Anspielung, nicht direkt ausgesprochen.
  6. apologisieren – sich verteidigen, rechtfertigen, oft schriftlich oder argumentativ.
  7. Apophthegma – kurzer, prägnanter Sinnspruch oder geistreicher Ausspruch.
  8. archaistisch – bewusst an alte, frühere Stilformen oder Ausdrucksweisen angelehnt.
  9. Auspizium – Vorzeichen, günstige oder ungünstige Aussicht für etwas Kommendes.
  10. Aventüre – Abenteuer, oft mit romantischem oder ritterlichem Beiklang.
  11. blasphemieren – etwas Heiliges beleidigen oder verhöhnen.
  12. Detachiertheit – innere Distanz, emotionale Unbeteiligtheit.
  13. dilemmatisch – in einer Zwangslage zwischen zwei gleich problematischen Optionen stehend.
  14. dissolut – sittlich zügellos, ausschweifend lebend.
  15. Dissolution – Auflösung, Zerfall, auch moralischer Verfall.
  16. Dubium – Zweifelsfall, etwas Ungewisses.
  17. duplieren – verdoppeln, ältere Form von »duplizieren«.
  18. effizieren – bewirken, hervorbringen.
  19. encouragieren – ermutigen, bestärken.
  20. Euthymie – ausgeglichene, heitere Gemütsverfassung.
  21. Gaudium – Freude, Vergnügen.
  22. generaliter – im Allgemeinen, generell.
  23. gradieren – steigern, auf eine höhere Stufe bringen.
  24. Humaniora – die klassischen Geisteswissenschaften, besonders Sprachen und Literatur der Antike.
  25. hypostasieren – etwas Abstraktes als eigenständige Wirklichkeit darstellen oder auffassen.
  26. inartikuliert, Inartikuliertheit – undeutlich, unklar formuliert oder ausgesprochen; der Zustand mangelnder Klarheit im Ausdruck.
  27. Induktion – Schluss vom Einzelfall auf das Allgemeine.
  28. irreverent – respektlos, ohne Ehrfurcht.
  29. Irreverenz – Respektlosigkeit, mangelnde Ehrfurcht.
  30. Justifikation – Rechtfertigung.
  31. Kaliban – grober, unzivilisierter Mensch, nach der Figur Caliban bei Shakespeare.
  32. Kokotte – gehobene historische Bezeichnung für eine Prostituierte oder Mätresse, vor allem im 19. Jahrhundert gebräuchlich.
  33. kommun – gewöhnlich, alltäglich, nicht besonders, ähnlich dem englischen »common«.
  34. Kondukt – Trauerzug, Leichenzug.
  35. Konfident – Vertrauter, oft auch Informant oder Spitzel.
  36. konspektieren – zusammenfassen, in übersichtlicher Form darstellen.
  37. mensurabel – messbar, bestimmbar.
  38. Miszellaneen – Sammlung verschiedener kleiner Texte oder Themen.
  39. personaliter – persönlich, in eigener Person erscheinend.
  40. primitivisieren – vereinfachen, oft zu stark oder unangemessen.
  41. Primitivisierung – Vorgang der Vereinfachung auf ein primitives Niveau.
  42. privatissime – ganz privat, in sehr kleinem Kreis.
  43. Profundität – Tiefe, Gründlichkeit des Denkens.
  44. Promemoria – Notiz, Gedächtnisstütze.
  45. purgieren – reinigen, säubern, im übertragenen Sinn auch »von Fehlern befreien«.
  46. Räsoneur – jemand, der ständig argumentiert oder reflektiert.
  47. Räsonnement – Überlegung, gedankliche Abwägung.
  48. rite – ordnungsgemäß, korrekt ausgeführt.
  49. supprimieren – unterdrücken, beseitigen.
  50. Syllabus – Übersicht, Zusammenstellung von Lehrinhalten oder Punkten.
  51. unanim – einmütig, einstimmig.
  52. ventilieren – einen Gedanken erörtern, abwägen.
  53. verabsolutieren – zu etwas Absolutem erklären, überhöhen.
  54. versatil – vielseitig, anpassungsfähig.
  55. Versatilität – Vielseitigkeit.
  56. Vestibül – Vorhalle, Eingangsbereich eines Gebäudes.
  57. vidit – gesehen, zur Kenntnis genommen, alter amtlicher Vermerk.
  58. Vigilanz – Wachsamkeit.
  59. vigilieren – wachsam sein, beobachten, aufmerksam bleiben.
  60. Violation – Verletzung einer Regel oder eines Rechts.
  61. violent – gewalttätig.
  62. Violenz – Gewalttätigkeit, gewaltsames Vorgehen.
  63. Virginität – Jungfräulichkeit.
  64. virtualiter – der Möglichkeit nach, dem Wesen nach, vor allem scholastisch gebräuchlich.
  65. vitiös – fehlerhaft, mangelhaft, auch moralisch verdorben.
  66. Vokation – Berufung in ein Amt oder eine Funktion.
  67. Votant – Stimmberechtigter, Abstimmender.
  68. vulgarisieren – popularisieren, auf gewöhnliches Niveau bringen, oft abwertend.
  69. Zelebration – feierliche Handlung, meist religiös, etwa die Feier der Messe.
Fünf Beispielsätze, wie man damit spielt

Apophthegma. »Rom wurde nicht an einem Tag erbaut« ist ein Apophthegma, das heute niemand mehr so nennt, aber jeder zitiert.

Dubium. »Ob das Argument wirklich trägt, bleibt ein Dubium.« Klingt professoral, und genau das ist der Reiz.

konspektieren. »Konspektieren Sie das Kapitel bis Donnerstag.« Sagt keine Dozentin mehr, wäre aber präziser als »zusammenfassen«.

personaliter. »Ich werde personaliter erscheinen.« Funktioniert nur noch in ironischer Brechung, vielleicht in einer Mail an einen Kollegen.

Räsonnement. »Ein Räsonnement, dem ich nicht folgen mag.« Eleganter als »eine Argumentation, der ich nicht folge«, wenn man Lust auf Stilbruch hat.

Was überlebt, was stirbt — fünf Kategorien

Die Mischung ist interessant, weil sie sich sortieren lässt. Ein Teil dieser Wörter ist tatsächlich tot, ein Teil schläft nur, ein kleiner Rest wartet womöglich auf ein Comeback. Fünf Kategorien fallen beim Durchgehen auf.

Erstens, strukturell nützlich, aber verdrängt. Dazu gehören Induktion, Profundität, Versatilität, mensurabel und konspektieren. Präzise, eindeutig, anschlussfähig an Fachsprache. Sie verschwinden nicht wirklich, sondern wandern in Spezialkontexte. Einsetzbar, wenn es um Klarheit geht, nicht um Effekt.

Zweitens, elegante Ersatzwörter ohne Mehrwert. Affektion, Gaudium, generaliter, Justifikation, personaliter. Sie klingen gebildet, liefern aber kaum mehr Information als die modernen Pendants. Hier entscheidet allein der Ton. Bei kurzen poetischen Prosaeinschüben können sie funktionieren, im Sachtext wirken sie schnell wie Staffage.

Drittens, hochkonzentrierte Stilmarker. Apophthegma, alludieren, hypostasieren, Räsonnement, Detachiertheit. Diese Wörter tragen Denkbewegungen in sich. Wer sie benutzt, signalisiert nicht nur Bedeutung, sondern Denkstil. Genau hier liegt ihr Wert. Sie sind nicht austauschbar, sondern kleine Präzisionswerkzeuge.

Viertens, semantisch verschoben oder aufgeladen. Kokotte, Kaliban, vitiös, blasphemieren. Hier besteht Stolpergefahr. Die Bedeutung hat sich verändert oder ist heute konnotativ aufgeladen. Ohne Kontext wirken sie falsch oder irritierend. Auch unter den maskulinen Substantiven der Bildungssprache finden sich Wörter mit diesem Drift.

Fünftens, reine Archivstücke. ajourieren, Kondukt, privatissime, vidit, Zelebration, Promemoria. Verständlich sind sie oft noch, aber nicht mehr anschlussfähig. Sie erzeugen Distanz, manchmal unfreiwillig komisch. In normalen Texten praktisch tot, in literarischen Settings bewusst einsetzbar. Der Duden verzeichnet sie alle noch, ein Blick auf den Eintrag zu Apophthegma zeigt, wie sehr solche Wörter zwischen Fortbestehen und Vergessen pendeln.

Diese Wörter sind kein Lernstoff, sondern ein Auswahlpool. Du brauchst sie nicht. Bestenfalls das eine oder andere, als Sternenstaub für deine Sätze.

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Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage

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