59 Begriffe der Bildungssprache, die Zeitungsleser kennen sollten

59 Begriffe der Bildungssprache, die Zeitungsleser kennen sollten

Bildungssprache begegnet Zeitungslesern auf jeder Seite. Im Feuilleton der FAZ, in den Leitartikeln der SZ, in Kommentaren und Rezensionen. Wer solche Texte liest, stößt auf Wörter, die man irgendwie kennt, aber nicht immer sicher verwenden würde. Jedenfalls nicht, ohne vorher kurz nachzudenken.

Hier sind 59 Begriffe, die in anspruchsvollen Zeitungstexten besonders häufig vorkommen. Sie zu lernen, lohnt sich.

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Warum gerade diese 59 Begriffe?

59 Begriffe der Bildungssprache, die Zeitungsleser kennen sollten 1

Es gibt Hunderte bildungssprachlicher Wörter. Viele davon sind selten, manche klingen exotisch, andere tauchen einmal im Jahr in einer Buchkritik auf und dann nie wieder. Diese 59 sind anders. Sie gehören zum Grundvokabular des deutschen Qualitätsjournalismus. Man begegnet ihnen in politischen Analysen, in Kulturkritiken, in Wirtschaftskommentaren. Wer sie kennt, liest schneller und versteht präziser.

Die Auswahl ist weder alphabetisch noch zufällig, sondern thematisch sortiert. So wird sichtbar, welche Bereiche die Bildungssprache in Zeitungen tatsächlich abdeckt.

Denken, Deuten, Streiten

Zeitungsartikel handeln ständig von Auseinandersetzungen. Von Meinungen, die aufeinandertreffen, von Positionen, die verteidigt oder zerlegt werden. Dafür braucht man Wörter, die mehr können als »Streit« und »Meinung«.

  1. Diskurs … ein Gedankenaustausch, eine Erörterung oder ein intellektueller Wortwechsel. In Leitartikeln praktisch unvermeidlich.
  2. Dissens … eine Meinungsverschiedenheit. Das Gegenstück zum Konsens, und in der politischen Berichterstattung mindestens ebenso häufig.
  3. Konsens … eine Übereinstimmung. Klingt harmlos, ist aber in der Politik oft das Ergebnis zäher Verhandlungen.
  4. Credo … eine Überzeugung oder ein Grundsatz. Ursprünglich das christliche Glaubensbekenntnis, heute auch weltlich gebraucht.
  5. dezidiert … auf eindeutige und bestimmte Weise, entschieden. Wer dezidiert widerspricht, meint es ernst.
  6. diffamieren … jemanden in Verruf bringen oder sein Ansehen schädigen. Das Wort selbst klingt schon nach dem, was es beschreibt.
  7. intervenieren … in ein Geschehen eingreifen, sich einmischen. Ob diplomatisch, militärisch oder im Kulturbetrieb.
  8. Ressentiment … eine gefühlsmäßige Abneigung oder ein Vorbehalt. Nicht dasselbe wie Vorurteil, aber verwandt.
  9. legitim … allgemein anerkannt, rechtmäßig, unbestritten. Ein Wort, das in politischen Debatten die Grenze zwischen erlaubt und gewollt markiert.

Welche Begriffe der Bildungssprache stehen in jeder Zeitung?

Manche Wörter sind so tief im journalistischen Werkzeugkasten verankert, dass man sie kaum noch als Bildungssprache wahrnimmt. Sie wirken selbstverständlich, sind es aber nicht. Wer sie aktiv verwenden kann, formuliert präziser.

  1. Aspekt … ein Blickpunkt, eine Betrachtungsweise oder ein Faktor. Vermutlich das häufigste bildungssprachliche Wort überhaupt.
  2. basieren … auf einer Sache aufbauen, etwas zur Grundlage haben. Klingt technisch, ist aber alltäglich im gehobenen Sprachgebrauch.
  3. evident … einleuchtend, augenfällig oder offenkundig. Was evident ist, braucht eigentlich keinen Beweis mehr.
  4. Evidenz … die unmittelbar vollständige und eindeutige Gewissheit. In der Wissenschaftsberichterstattung inzwischen allgegenwärtig.
  5. Fokus … das Zentrum des Interesses oder der Aufmerksamkeit. Hat seinen lateinischen Ursprung in der Optik, nicht im Zeitmanagement.
  6. Innovation … eine Neuerung. In Wirtschaftsteilen inflationär gebraucht, in Feuilletons eher mit Skepsis betrachtet.
  7. Intention … eine Absicht oder ein Vorhaben. Präziser als »Ziel«, weil es den Willen hinter der Handlung betont.
  8. Interpretation … die Sinndeutung, Auslegung oder Erklärung von Äußerungen. Im Feuilleton ist praktisch alles Interpretation.
  9. irrelevant … unerheblich, belanglos oder bedeutungslos. Ein höfliches Wort für »spielt keine Rolle«.
  10. komplex … verflochten, zusammenhängend, umfassend und vielschichtig. Journalisten benutzen es gern als Warnung: Achtung, einfache Antwort nicht in Sicht.
  11. Kontinuität … Stetigkeit oder Fortdauer. Das Gegenteil von Disruption, wenn man so will.
  12. Faktum … eine feststehende, unbezweifelte Tatsache. Klingt unerschütterlicher als »Fakt«, und das ist womöglich Absicht.

Urteilen und Einordnen

Zeitungen berichten nicht nur, sie bewerten. Subtil oder offen, in Kommentaren, Glossen, Rezensionen. Dafür gibt es Wörter, die eine Haltung transportieren, ohne laut zu werden.

  1. banal … nichts Besonderes, alltäglich, gewöhnlich. Wenn ein Kritiker etwas als banal bezeichnet, ist das ein Urteil.
  2. diffus … undeutlich, verschwommen oder schemenhaft. Für Argumente, die sich nicht greifen lassen.
  3. fulminant … ausgezeichnet, großartig. Ein Wort, das Kritiker verwenden, wenn »toll« nicht reicht und »herausragend« zu abgenutzt klingt.
  4. illuster … berühmt, namhaft oder Bewunderung hervorrufend. Gern im Zusammenhang mit Gästelisten und Podiumsdiskussionen.
  5. Irritation … Verwirrung oder Verunsicherung. Im diplomatischen Kontext oft eine Untertreibung.
  6. kontraproduktiv … dem Zweck nicht dienlich, schädlich für das Ziel. Ein höfliches Wort für »macht alles schlimmer«.
  7. Klischee … eine überkommene Vorstellung, ein Abklatsch oder ein zu oft gebrauchtes Wort. Ironischerweise selbst nicht ganz frei davon.
  8. lakonisch … kurz, treffend, mit wenigen Worten ausgedrückt. So wie die Spartaner gesprochen haben sollen, daher der Name.
  9. marginal … geringfügig, unwichtig, randständig. Ein Wort, das etwas an den Rand schiebt, ohne aggressiv zu wirken.
  10. prekär … schwierig, bedenklich, heikel oder misslich. In der Sozialberichterstattung hat es Karriere gemacht.

Krisen, Konflikte, Katastrophen

Zeitungen leben von Nachrichten, und Nachrichten sind selten gut. Für das Dramatische, das Bedrohliche, das Zugespitzte hat die Bildungssprache ein eigenes Vokabular.

  1. Apokalypse … der Weltuntergang oder das Ende der Welt. Wird im Journalismus gern metaphorisch gebraucht, auch wenn es nur um Haushaltslöcher geht.
  2. Brisanz … Sprengkraft, zündende Wirkung. Kein Skandal ohne Brisanz, kein Leitartikel ohne das Wort.
  3. Diktat … ein äußerer Zwang, dem man sich nicht widersetzen kann oder darf. In der politischen Sprache geladen.
  4. Exzess … eine maßlose Übertreibung oder Ausschweifung. Von Gewaltexzessen bis zu Konsumexzessen, die Bandbreite ist groß.
  5. Inferno … ein katastrophales Ereignis oder die Hölle. Reserviert für Fälle, in denen »Katastrophe« nicht ausreicht.
  6. martialisch … kriegerisch oder kampflustig. Für Rhetorik, Auftritte und Gesten, die nach Konfrontation klingen.
  7. Krux … die Problematik, Schwierigkeit oder das Widersprüchliche. Oft eingeleitet mit »Die Krux an der Sache ist …«

Analyse und Abstraktion

Guter Journalismus erklärt. Er ordnet ein, zieht Schlüsse, baut Zusammenhänge auf. Dafür braucht es Wörter, die über das Konkrete hinausreichen, ohne vage zu werden. Die folgenden Adjektive und Substantive der Bildungssprache leisten genau das.

  1. abstrahieren … verallgemeinern, von etwas absehen. Das Gegenteil von »beim Konkreten bleiben«.
  2. ad hoc … aus dem Augenblick heraus oder speziell zu diesem Zweck. Lateinisch, aber längst eingebürgert.
  3. Differenz … der Unterschied zweier Zahlen oder Größen. In der Zeitung oft abstrakter gebraucht als in der Mathematik.
  4. Exempel … ein Beispiel oder Fallbeispiel. Klingt altertümlich, ist aber quicklebendig, vor allem in der Wendung »ein Exempel statuieren«.
  5. fragmentieren … etwas in Teile zerlegen. In der Politikberichterstattung oft auf das Parteiensystem bezogen.
  6. generalisieren … etwas verallgemeinern oder pauschalisieren. In Kommentaren manchmal Vorwurf, manchmal Methode.
  7. imaginär … eingebildet, nicht real oder nur in der Vorstellung existierend. Im Feuilleton gern für gedankliche Konstrukte gebraucht.
  8. Kalkül … eine einschätzende Berechnung, ein Überschlag oder eine Überlegung. Was hinter einer Entscheidung steckt, ist oft Kalkül.
  9. Kausalität … die Ursächlichkeit, das Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung. Eine der wichtigsten Kategorien des analytischen Journalismus.
  10. Konstrukt … ein gedankliches Konzept, eine Arbeitsthese oder Hilfskonstruktion. Oft leicht abwertend gemeint.
  11. Paradigma … ein Muster, Beispiel oder Denkmodell. Seit Thomas Kuhn in der Wissenschaftsberichterstattung nicht mehr wegzudenken.
  12. Substanz … der eigentliche Kern einer Sache, das Wesentliche. Wenn einem Argument die Substanz fehlt, fehlt ihm alles.

Stil und Haltung

Manche Wörter beschreiben nicht Sachverhalte, sondern die Art, wie Menschen auftreten, sprechen, denken. Im Feuilleton, aber auch in Porträts und Interviews, sind sie unverzichtbar.

  1. Aphorismus … ein prägnanter Ausspruch, ein Gedankensplitter oder geistreicher Einfall. Die kürzeste Form der Klugheit.
  2. Chronist … ein Berichterstatter oder Geschichtsschreiber. Journalisten sehen sich gern als Chronisten ihrer Zeit.
  3. Diktion … die Ausdrucksweise, Sprech- oder Schreibweise. Wer über den Stil eines Autors spricht, spricht über seine Diktion.
  4. Ignoranz … absichtliche Unwissenheit oder Beschränktheit. Schärfer als »Unkenntnis«, weil es Vorsatz unterstellt.
  5. Kanon … eine Richtschnur, ein Leitfaden oder eine Liste mustergültiger Werke. In der Literaturdebatte ein Dauerthema.
  6. Koexistenz … das Nebeneinanderbestehen oder gleichzeitige Vorhandensein. Aus dem Kalten Krieg in die Allgemeinsprache gewandert.
  7. Lethargie … Teilnahmslosigkeit, körperliche und geistige Trägheit. Wenn eine Gesellschaft nicht reagiert, nennt man das Lethargie.
  8. medial … in den Medien, von den Medien ausgehend oder Teil davon. Ein Wort, das beschreibt, wie Nachrichten gemacht werden.
  9. Primat … der Vorrang oder das Vorrecht. »Das Primat der Politik« ist eine Standardwendung in Kommentaren.

Warum eine Liste und nicht der Duden oder die KI?

Eine berechtigte Frage. Der Duden erklärt jedes einzelne Wort, die KI liefert auf Nachfrage eine Definition in Sekunden. Wozu dann eine kuratierte Liste von 59 Begriffen? Weil beides etwas voraussetzt, das hier die eigentliche Hürde ist: die Erkenntnis, dass man gerade ein Wort nicht versteht. Wer im Kommentar der SZ über »Irritation« stolpert und das Wort als »Verwirrung« übersetzt, hat die diplomatische Untertreibung verpasst. Der Kontext reicht eben oft nicht.

Eine thematisch sortierte Liste zeigt etwas, das Einzelabfragen nicht leisten: Muster und Zusammenhänge. Welche Wörter tauchen im Politikteil auf, welche im Feuilleton, welche in Wirtschaftskommentaren. Nach einem alphabetisch sortiertem Wörterbuch kann man schlecht lernen. Was sie verbindet, ist ihre Funktion: Sie machen differenziertes Denken in Worte fassbar. Und Zeitungen, die diesen Anspruch haben, kommen ohne sie nicht aus.

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Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage

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