Wer von KI profitiert, fürchtet sie am meisten

Wer von KI profitiert, fürchtet sie am meisten

Jemand baut eine Website in fünf Tagen, für die er früher Monate gebraucht hätte. Jemand anderes erledigt in 15 Minuten, was vorher zwei Stunden dauerte. Ein Lieferfahrer programmiert nebenbei einen Onlineshop. Ein Landschaftsgärtner entwickelt eine Musik-App. Alle nutzen KI. Und alle liegen nachts wach, weil sie wissen, was das für ihren Job bedeutet.

Eine aktuelle Befragung von 81.000 KI-Nutzern zeigt ein Muster, das kontraintuitiv wirkt, aber im Kern logisch ist. Die Menschen, die am meisten von KI profitieren, haben gleichzeitig die größte Angst davor. Wer keine KI nutzt, schläft ruhig. Wer sie täglich benutzt und dabei zusieht, wie seine Aufgaben schrumpfen, rechnet weiter.

81.000 Antworten und ein Muster

Anthropic, das Unternehmen hinter Claude, hat seine Nutzer in einer offenen Befragung nach ihren Erfahrungen mit KI gefragt. Keine Multiple-Choice-Felder, keine vorgegebenen Antworten. Freier Text. Die Auswertung lief anschließend über KI-gestützte Klassifikatoren, die Berufe, Karrierestufen und Stimmungen aus den Antworten ableiteten.

Ein Fünftel der Befragten äußerte Sorge um den eigenen Arbeitsplatz. Das allein wäre nicht überraschend. Überraschend ist, wo die Sorge am größten war. Anthropic verglich die Antworten mit einem eigenen Maß namens Observed Exposure, das misst, welchen Anteil der Aufgaben eines Berufs Claude bereits übernimmt. Je höher dieser Wert, desto nervöser die Befragten. Bei Softwareentwicklern war die Angst dreimal so hoch wie bei Grundschullehrern. Plausibel, wenn man bedenkt, dass Claude vor allem beim Programmieren eingesetzt wird.

Observed Exposure ist ein Maß von Anthropic, das angibt, welchen Prozentsatz der Aufgaben eines Berufs die KI Claude bereits übernimmt. Je höher der Wert, desto stärker ist der Beruf potenziell betroffen.

Noch deutlicher zeigt sich der Effekt entlang der Karrierestufe. Berufseinsteiger waren spürbar besorgter als erfahrene Fachleute. Nur 60% der Jüngeren sahen den Nutzen der KI bei sich selbst; bei Seniors waren es 80%. Die anderen 40% der Jüngeren beobachteten, dass eher Arbeitgeber und Kunden profitierten, nicht sie selbst. Ein Softwareentwickler berichtete, dass die Projektmanager seit Einführung der KI immer schwierigere Aufgaben vergäben. Mehr Leistung, gleicher Lohn, wachsende Unsicherheit.

Je schneller, desto nervöser

Die interessanteste Erkenntnis steckt in einer U-förmigen Kurve. Anthropic hat gemessen, wie stark die KI die Befragten beschleunigt, und das mit der empfundenen Jobbedrohung verglichen. Das Ergebnis ist nicht ganz das, was man erwarten würde.

Am linken Ende der Kurve stehen Menschen, die durch KI langsamer geworden sind. Kreative, Schriftsteller, bildende Künstler, die KI als zu starr und einengend empfinden, um damit ihre eigentliche Arbeit zu machen. Sie fürchten trotzdem um ihren Job, weil sie sehen, wie KI in kreative Berufsfelder vordringt, auch wenn sie persönlich wenig davon haben.

Am rechten Ende stehen die Power-User. Diejenigen mit dem größten Speedup, der größten Beschleunigung. Und genau sie sind am nervösesten.

KI-Paradox – Zusammenhang zwischen Speedup und Angst vor Jobverlust

Das ist keine Irrationalität. Das ist Extrapolation. Wer erlebt, dass eine Vier-Stunden-Aufgabe plötzlich 30 Minuten dauert, denkt den Gedanken zu Ende. Wenn die KI so weitermacht, braucht mein Arbeitgeber womöglich weniger von mir. Oder weniger von uns. Die Angst wächst mit der Kompetenz des Werkzeugs.

Macht KI dich produktiver, ängstlicher oder beides?

Scope — die eigentliche Revolution

Wenn man Produktivitätsgewinne nach Art aufschlüsselt, zeigt sich eine Verschiebung, die leicht übersehen wird. 48% der Befragten, die explizit über Produktivität sprachen, nannten als Hauptgewinn nicht Geschwindigkeit, sondern Scope. Sie können plötzlich Dinge, die vorher unmöglich waren.

Ein Nicht-Techniker beschrieb sich selbst als Full-Stack-Entwickler. Ein Lieferfahrer baut ein E-Commerce-Geschäft auf. Ein Landschaftsgärtner programmiert eine App. Diese Leute werden nicht schneller in dem, was sie immer getan haben. Sie tun etwas völlig Neues.

Die durchschnittliche selbstberichtete Produktivität lag bei 5,1 auf einer 7er-Skala, was einem Sprung von »deutlich produktiver« entspricht. Bemerkenswert dabei ist die Einkommensverteilung. Die größten Produktivitätsgewinne meldeten sowohl die höchsten als auch die niedrigsten Einkommensgruppen. Die Mitte profitierte am wenigsten. Gutverdiener, vor allem Softwareentwickler und Manager, nutzten KI intensiv für ihre Kernaufgaben. Geringverdiener nutzten sie, um Fähigkeiten zu erwerben, die sie sonst nie gehabt hätten.

Wer profitiert und wer fürchtet — im Vergleich
Größter ProduktivitätsgewinnGrößte Angst vor Jobverlust
BerufsgruppeManagement, IT, Computer/MathematikSoftwareentwicklung, stark KI-exponierte Berufe
EinkommenHöchstes und niedrigstes QuartilMittleres bis hohes Einkommen
KarrierestufeSeniors (80% sehen Nutzen bei sich)Berufseinsteiger (nur 60% sehen Nutzen bei sich)
Art des Gewinns48% Scope, 40% Speed, 9% QualitätKorreliert mit höherem Speedup
Geringster GewinnJuristen, WissenschaftlerGrundschullehrer, gering exponierte Berufe

Scope statt Speed, das wäre die optimistische Lesart. KI befähigt Menschen, statt sie zu ersetzen. Nur passt das schlecht zu dem, was die Befragten gleichzeitig berichten. Denn wer seinen eigenen Scope erweitert, versteht auch, dass andere das ebenfalls tun können. Wenn ein Lieferfahrer mit Claude einen Onlineshop bauen kann, braucht der Onlineshop-Betreiber womöglich keinen Webentwickler mehr.

Die Befragung hat Einschränkungen, die man kennen sollte. Alle Teilnehmer waren aktive Claude-Nutzer mit persönlichem Account, die freiwillig geantwortet haben. Sie sind vermutlich technikaffiner und KI-positiver als der Durchschnitt der Bevölkerung. Die Berufe und Karrierestufen wurden aus Freitext-Antworten abgeleitet, nicht direkt abgefragt. Strukturierte Erhebungen müssten diese Ergebnisse erst bestätigen. Aber 81.000 Antworten sind ein Pfund.

Das Paradox ist im Kern ein Frühwarnsystem. Wer produktiver wird und gleichzeitig Angst bekommt, hat verstanden, was vorsichgeht. Die Beunruhigung ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Aufmerksamkeit. Sorgen machen sollte man sich eher um diejenigen, die noch nichts gemerkt haben.

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Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage

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