
Du sitzt vor dem Prüfungsstoff und denkst: Wenn ich jetzt eine App hätte, die mich genau das abfragt, was ich nicht kann. Nicht irgendeinen Vokabeltrainer aus dem App Store, sondern einen, der exakt auf deinen Kurs zugeschnitten ist. Mit den Fragen, die dein Prof liebt. In der Reihenfolge, die für dich Sinn ergibt.
Früher war das eine nette Fantasie. Selbst programmieren? Dauert Monate, bis man überhaupt die Grundlagen kann. Jemanden beauftragen? Wer hat das Geld. Also weiter mit Karteikarten aus Papier.
Mit Vibe Coding ändert sich das. Du beschreibst der KI, was du willst, in normaler Sprache. Die KI schreibt den Code. Eine halbe Stunde später hast du deine App. Keine Programmierkenntnisse nötig. Und das ist längst keine Theorie mehr.
Inhaltsverzeichnis
Was Lehrer und Schüler bereits gebaut haben
Ein Lehrer an einer bayerischen Mittelschule hatte ein konkretes Problem: Nach Klassenarbeiten brachte die gemeinsame Besprechung wenig. Zu statisch, kaum individuell. Also ließ er Claude eine interaktive Web-App bauen. Das Ergebnis: Aufgabenkarten mit Musterlösungen, Erklärungen zu typischen Fehlern, ein Fortschrittsbalken. Die Schüler arbeiteten in ihrem eigenen Tempo und konzentrierten sich auf die Stellen, wo sie Punkte verloren hatten. Joscha Falck beschreibt den gesamten Prozess auf seinem Blog, mit Screenshots und Erfahrungen aus dem Unterricht.
Für eine Informatik-Klassenarbeit zum Thema KI und Datenschutz entstand auf demselben Weg eine Lern-App mit vier Modulen: Flashcards, thematisch getrennte Quizze, ein Lösungsskript zum Nachschlagen und ein Übungsmodus mit Sofort-Feedback. Alles als React-App, die im Browser läuft. Kein Hosting nötig, kein Login, einfach öffnen und loslegen.
An der Hochschule Luzern hat eine Dozentin, die selbst nicht programmieren kann, in drei Stunden einen Lern-Chatbot als vollständige App gebaut. Das System begleitet Lernende individuell, gibt nicht einfach fertige Antworten, sondern führt durch den Stoff. Inklusive Mehrsprachigkeit und einem Backend für die Auswertung. Drei Stunden, wohlgemerkt. Ohne eine Zeile Code.
Und ein 12-Jähriger entwickelt mit Claude Code ein Computerspiel. Sein Vater dokumentiert den Lernprozess. Der Junge lernt dabei, was Variablen sind, wie Debugging funktioniert und warum man Projekte dokumentiert. Nicht aus einem Lehrbuch, sondern weil er ein Spiel bauen will und auf dem Weg dahin auf diese Dinge stößt. Womöglich der bessere Informatikunterricht.
Das sind keine Einzelfälle. Inzwischen gibt es eine wachsende Szene von Lehrern, Schülern und Eltern, die eigene Lerntools bauen. Die Werkzeuge sind da, die Einstiegshürde ist niedrig, und die Ergebnisse sind vorzeigbar.
Vom Konsumenten zum Produzenten
Der Unterschied zu fertigen Lernapps ist fundamental. Du bekommst nicht, was irgendein Entwickler für sinnvoll hielt. Du baust, was du brauchst. Und du kannst es jederzeit anpassen.
Das Beste daran: Du kannst deine Tools mit anderen teilen. Die Kommilitonin, die denselben Kurs belegt, bekommt deinen Trainer und passt ihn für sich an. Lerngruppen entwickeln gemeinsam Quizspiele für die Klausurvorbereitung. Der eine ist gut in Fragen formulieren, der andere hat Ideen fürs Design, die KI setzt beides um.
Wie fängt man mit Vibe Coding an?
Der einfachste Einstieg: Öffne ChatGPT oder Claude und schreibe einen einzigen Satz.
Baue mir eine HTML-App, mit der ich Vokabeln lernen kann. Ich will die Wörter selbst eingeben können.
Was du zurückbekommst, ist eine fertige HTML-Datei. Speichern, im Browser öffnen, fertig. Alles Weitere ist Feinschliff. Du brauchst dafür einen Zugang zu ChatGPT, Claude oder einem ähnlichen Tool, einen Texteditor (der vorinstallierte reicht) und einen Browser. Das war’s.
Das Ergebnis ist eine Web-App, eine HTML-Datei, die im Browser läuft. Keine Installation nötig, funktioniert auf jedem Gerät. Du kannst die Datei per Messenger an Freunde schicken oder auf einen kostenlosen Webserver laden und vom Smartphone darauf zugreifen.
Wer es konkreter will, gibt der KI mehr Kontext:
Erstelle einen Vokabeltrainer als HTML-App. Die Vokabeln kommen aus Englisch Green Line, Klasse 8, Unit 3. Falsch beantwortete Wörter sollen häufiger wiederholt werden. Dunkles Design, große Schrift, gut lesbar auf dem Handy.
Je präziser die Beschreibung, desto besser das Ergebnis. Aber selbst der Ein-Satz-Prompt liefert etwas Funktionierendes. Den Rest kann man Schritt für Schritt verbessern.
Drei Wege zum eigenen Lerntool
Je nachdem, wie viel Zeit du investieren willst, gibt es verschiedene Ansätze:
Der schnelle Weg: Du schreibst alles in einen Prompt, was die App können soll und gleich die Vokabeln oder Fragen dazu. Fünf Minuten, fertig. Nachteil: Wenn du später etwas ändern willst, musst du von vorn anfangen.
Der praktische Weg: Du trennst Daten und Logik. Die Vokabeln kommen in eine einfache Liste (CSV-Datei oder Copy-Paste aus Excel), der Prompt beschreibt nur die App. So kannst du die Wortliste austauschen, ohne den Code neu zu bauen. Eine Viertelstunde Aufwand, deutlich flexibler.
Der Projektweg: Du erstellst eine kleine Spezifikation, was die App können soll, wie sie aussehen soll, welche Sonderfälle es gibt. Dazu eine separate Datendatei. Dauert eine halbe Stunde, aber du kannst das Projekt später erweitern oder anderen erklären, wie es funktioniert.
Für die meisten Lernprojekte reicht der praktische Weg. Den Projektweg nimmt man, wenn die App komplexer wird oder wenn man sie mit der Lerngruppe teilen will.
Konkrete Beispiele
Ein Vokabeltrainer mit Spaced Repetition: Du gibst der KI die Wörter aus deinem aktuellen Lehrbuchkapitel. Die App fragt ab, merkt sich, welche Wörter du falsch hattest, und zeigt die häufiger. Am Ende eine Statistik, die zeigt, wo du noch üben musst. Zwanzig Minuten Aufwand.
Ein Quiz im Wer-wird-Millionär-Stil für die Geschichtsklausur: Du gibst der KI die Themen und die wichtigsten Fakten, sie baut daraus Multiple-Choice-Fragen mit steigendem Schwierigkeitsgrad. Falsche Antworten werden erklärt, nicht nur als falsch markiert.
Ein Mathe-Übungsgenerator: Die App erzeugt zufällig quadratische Gleichungen und zeigt den Lösungsweg Schritt für Schritt an, wenn du nicht weiterkommst. Immer neue Aufgaben, bis du sie im Schlaf kannst.
Ein Pomodoro-Timer fürs Lernen: 25 Minuten Lernblock, 5 Minuten Pause, nach vier Blöcken eine längere Pause. Am Ende eine Übersicht, wie lange du wirklich gelernt hast. Klingt simpel, aber genau diese Einfachheit macht es nützlich.
Oder ein Referat-Gliederer: Du gibst das Thema ein, die KI schlägt eine Struktur vor, du sortierst die Punkte per Drag-and-Drop um. Kein fertiges Referat, aber ein Gerüst, mit dem man arbeiten kann.
Martin Käßler hat einen Praxisguide mit 10 solcher Schulprojekte veröffentlicht, komplett mit Prompts zum Nachmachen. Wer mehr Ideen braucht: Hier sind 199 Vibe Coding Ideen.
Was du erwarten kannst
Realistische Erwartungen: Die erste Version wird nicht perfekt sein. Vielleicht ist ein Button an der falschen Stelle, vielleicht zählt die App falsch, vielleicht sieht es auf dem Handy komisch aus. Das ist normal.
Der Vibe-Coding-Workflow ist: ausprobieren, Fehler finden, der KI sagen was nicht stimmt, neue Version bekommen. Nach zwei, drei Runden läuft es meistens. Das ist keine Schwäche des Ansatzes. Das ist der Ansatz.
Was gut funktioniert: Abfrage-Apps, Quizze, Timer, Tracker, Zufallsgeneratoren, einfache Spiele. Was schwieriger wird: Alles mit Nutzerkonten, Datenbanken, komplexer Logik. Für Lerntools brauchst du das aber selten.
Design ist Geschmackssache. Du kannst der KI sagen: »Mach es minimalistisch« oder »Große Buttons, gut lesbar auf dem Handy« oder »Dunkles Design, schont die Augen beim Lernen nachts«. Die KI setzt das um. Gefällt dir was nicht, sagst du es, und sie ändert es.
Was lernst du nebenbei?
Auch wenn du den Code nicht selbst schreibst, du lernst trotzdem etwas. Du siehst, wie eine App aufgebaut ist. Du merkst, welche Anweisungen funktionieren und welche nicht. Du bekommst ein Gefühl dafür, was technisch einfach ist und was aufwendig.
Wer will, kann die KI fragen: »Erklär mir, was dieser Code macht.« Oder: »Warum hast du das so gelöst?« So wird aus dem Bauen auch ein bisschen Verstehen. Nicht genug, um Softwareentwickler zu werden, aber genug, um beim nächsten Projekt bessere Anweisungen zu geben.
Der 12-Jährige, der sein Computerspiel baut, ist dafür ein gutes Beispiel. Er lernt Shell-Befehle, Versionierung und Projektdokumentation, weil er sie für sein Spiel braucht. Nicht weil jemand gesagt hat, er soll das lernen. Das ist ein Unterschied.
Und ja: Wer im Unterricht ein selbstgebautes Lerntool präsentiert, sammelt Pluspunkte. Nicht weil die Technik so beeindruckend ist, sondern weil es Initiative zeigt. Du hast ein Problem erkannt und eine Lösung gebaut. Das ist mehr, als die meisten tun.
Wo Vibe Coding an seine Grenzen stößt
Vibe Coding eignet sich für persönliche Projekte und kleine Tools. Für eine App, die du mit Freunden teilst, reicht es. Für eine App, die du verkaufen willst oder die sensible Daten verarbeitet, reicht es nicht.
Der Code, den die KI schreibt, ist nicht immer sauber. Manchmal funktioniert er nur zufällig. Manchmal hat er Sicherheitslücken, die bei einem privaten Vokabeltrainer egal sind, aber bei einer App mit Nutzerdaten zum Problem werden.
Dazu kommt die Illusion der Kompetenz: Man hat eine funktionierende App gebaut und glaubt, man könne programmieren. Kann man nicht. Man kann der KI Anweisungen geben. Das ist nützlich, aber es ist etwas anderes. Wer das verwechselt, überschätzt sich.
Die Faustregel: Solange nur du und vielleicht ein paar Freunde das Tool nutzen, ist Vibe Coding perfekt. Sobald es größer wird, brauchst du jemanden, der den Code versteht.
Der eigentliche Gewinn
Das Besondere an selbstgebauten Lerntools ist nicht die Technik. Es ist die Passgenauigkeit. Du weißt selbst am besten, wo deine Schwächen liegen, welche Art von Übungen dir hilft, welches Tempo du brauchst.
Fertige Apps sind Kompromisse. Sie müssen für möglichst viele Nutzer funktionieren. Dein eigenes Tool muss nur für dich funktionieren. Das ist ein Vorteil, den kein App Store der Welt bieten kann.
Und wenn es dann auch noch Spaß macht, weil du selbst entscheidest, wie es aussieht und was es kann … umso besser.