Oxymoron – 43 Wörter, die sich selbst widersprechen

Oxymoron – 43 Wörter, die sich selbst widersprechen

Ein Oxymoron ist ein Wort, das sich selbst widerspricht. Oxymora (so der Plural) bestehen aus Teilen, die nicht zusammenpassen, und genau das macht sie so reizvoll. Bittersüß, Hassliebe, Schwarzlicht. Häufig sind solche Wörter nicht, für eine ordentliche Liste reicht es aber.

Was ein Oxymoron ausmacht

Bei einem Oxymoron werden Wörter aus zwei gegensätzlichen Begriffen gebildet. Feuerwasser etwa besteht aus Feuer und Wasser. Trauerfeier verbindet Trauer mit Feier. Gefrierbrand setzt Gefrieren und Brennen zusammen. Der Widerspruch steckt in der Wortstruktur selbst.

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Das unterscheidet das Oxymoron von der üblichen Bildungssprache. Es ist kein gelehrtes Fremdwort, sondern ein sprachliches Paradox. Man stolpert darüber, denkt kurz nach und versteht dann, warum es trotzdem funktioniert.

Das Wort selbst stammt aus dem Griechischen und ist seinerseits ein Oxymoron: »oxys« bedeutet scharf oder scharfsinnig, »moros« heißt dumm. Scharfsinnig-dumm also. Treffender kann man ein Stilmittel kaum benennen.

Wo Oxymora vorkommen

Solche Wörter tauchen überall auf: im Alltag (Busbahnhof), im Behördendeutsch (Einzelfallregel), in der Poesie (traurigfroh). Manche sind Absicht, manche einfach nur schlampig entstanden. Der Busbahnhof war vermutlich niemandem als rhetorische Figur aufgefallen, als er seinen Namen bekam. Doppelhaushälfte auch nicht.

Andere sind bewusst gewählt. Friedrich Hölderlin schrieb »traurigfroh«, Stanislaw Przybyszewski erfand den »Wonneschmerz«. In der klassischen Literatur gehört das Oxymoron zum festen Inventar.

43 Oxymora der deutschen Sprache

Alphabetisch sortiert, mit kurzer Erklärung.

  1. bittersüß: Gleichzeitig bitter und süß. Beschreibt Emotionen, die Freude und Schmerz vereinen.
  2. Bitterschokolade: Schokolade, die sowohl süß als auch bitter schmeckt.
  3. Bürgeradel: Verbindet bürgerlichen Stand mit Adelsstatus, obwohl die Klassen historisch getrennt waren.
  4. Busbahnhof: Ein »Bahnhof« für Busse, obwohl Bahnhöfe mit Zügen zu tun haben.
  5. Doppelhaushälfte: Ein einzelnes Haus, das zugleich Teil eines anderen ist.
  6. Eisenholz: Ein hartes Holz, das Eigenschaften von Eisen aufzuweisen scheint.
  7. Einzelfallregel: Eine Regel für einen einzelnen Fall. Das widerspricht dem Wesen einer Regel.
  8. Entschuldungskredit: Ein Kredit, der Schulden beseitigen soll. Also Schulden gegen Schulden.
  9. ernstfroh: Eine Stimmung, die gleichzeitig ernst und heiter ist.
  10. Feuerwasser: Brennt wie Feuer, fließt wie Wasser. Synonym für Schnaps.
  11. Fleischkäse: Weder Fleisch noch Käse, sondern eine Art Wurst.
  12. Fleischsalat: Ein Salat, der hauptsächlich aus Fleisch besteht.
  13. Flüssiggas: Gas in flüssigem Zustand. Geht mit genügend Druck und Kälte.
  14. Frauenmannschaft oder Frauenfußballmannschaft: Ein Team aus Frauen, bezeichnet mit dem männlichen Wort Mannschaft.
  15. Friedenspanzer: Ein Kriegsfahrzeug, das angeblich für den Frieden eingesetzt wird.
  16. Fruchtfleisch: Der feste Teil einer Frucht. Kein Fleisch, kein Tofu.
  17. furchtbarangenehm: Gleichzeitig furchtbar und angenehm.
  18. Gefrierbrand: Schaden durch Gefrieren, der an Brandwunden erinnert. Mit Feuer hat das nichts zu tun.
  19. Hallenfreibad: Ein Freibad in einer Halle.
  20. Handschuh: Ein Kleidungsstück für die Hand, das kein Schuh ist.
  21. Hassliebe: Hass und Liebe in einem Gefühl.
  22. Holzeisenbahn: Eine Eisenbahn aus Holz. Eisenholz wird auch nicht verwendet.
  23. Hörbuch: Ein Buch, das man hört statt liest.
  24. Lebendfossil: Ein lebendes Wesen aus einer längst vergangenen Ära. Beispiel: Quastenflosser.
  25. Mädchenmannschaft: Eine Mannschaft aus Mädchen.
  26. Masseneinzelhandel: Einzelhandel für die Massen.
  27. Minuswachstum: Wachstum als Rückgang. Eigentlich Schrumpfung, aber das klingt womöglich zu ehrlich.
  28. Nachtsonne: Etwas, das in der Nacht leuchtet wie die Sonne.
  29. Neongrau: Leuchtend und neutral zugleich.
  30. Plastikglas: Ein Gefäß aus Plastik, das aussieht wie Glas.
  31. Regelausnahme: Eine Ausnahme, die zur Regel wird.
  32. Ruhechaos: Ruhig und chaotisch zugleich.
  33. Scheinrealität: Eine Realität, die nur scheinbar existiert.
  34. Schwarzlicht: Ein Licht, das Dunkelheit erzeugt. Paradox, aber physikalisch korrekt.
  35. Selbsthilfegruppe: Sich selbst helfen, aber in der Gruppe.
  36. Spaziergaloppade: Gemächlich spazieren und galoppieren in einem. Alter, nicht mehr gebräuchlicher Ausdruck.
  37. süßschmerzlich: Süß und schmerzhaft zugleich.
  38. Trauerfeier: Eine Feier im Kontext der Trauer.
  39. traurigfroh: Traurigkeit und Freude in einem Gefühl.
  40. Trockeneis: Eis, das nicht schmilzt, sondern sublimiert.
  41. Wachtraum: Weder ganz wach noch ganz Traum.
  42. Wahlpflichtfach: Pflicht und Wahl in einem Fach.
  43. Walfisch: Ein Säugetier, das als Fisch bezeichnet wird.
  44. Wonneschmerz: Wonne und Schmerz in einem Gefühl.

Fleischpflanzerl ist übrigens kein Oxymoron. Der Teil »Pflanzerl« bezieht sich auf das Formen, nicht auf etwas Pflanzliches. Klingt paradox, ist es aber nicht.

Oxymora in der klassischen Literatur

Und der Jüngling, der Strom, fort in die Ebene zog,
Traurigfroh, wie das Herz, wenn es, sich selbst zu schön,
Liebend unterzugehen,
In die Fluten der Zeit sich wirft

Friedrich Hölderlin, Heidelberg, 1798

Und der Glanz umfing ihn von allen Seiten, ergoss sich in sein Blut, durchströmte seine Adern, ein heißer Schauer durchzuckte ihn, er zitterte in unbekanntem Wonneschmerz.

Stanislaw Przybyszewski, Androgyne, 1900

Dieser weiße Walfisch war höchstens acht Meter lang, ein wahrer Zwerg. Die Passagiere konnten ihn sehr deutlich sehen, denn er war merkwürdig zahm und schwamm immer im Kreis um das Schiff herum, wie ein lustiger, spielender Hund um den Wagen herumrennt, in dem freundliche Leute fahren.

Richard Arnold Bermann, Tausend und eine Insel, 1927

Das Oxymoron gehört zu den Stilmitteln, die man nicht planen muss. Man begeget ihnen im Alltag, in der Literatur und gelegentlich auf Speisekarten. Wer einmal darauf achtet, findet sie überall.

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Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage

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