Griechische Mythologie in der Psychologie – 9 Begriffe mit antiken Wurzeln

Griechische Mythologie in der Psychologie – 9 Begriffe mit antiken Wurzeln

Griechische Mythologie und Psychologie teilen mehr als ein paar entlehnte Wörter. Das Wort Psyche selbst stammt aus dem antiken Griechenland, und mit ihm eine ganze Reihe von Begriffen, die heute in Lehrbüchern, Therapiesitzungen und Alltagsgesprächen auftauchen.

Freud bediente sich bei den Griechen wie in einem Selbstbedienungsladen. Jung tat es auf seine Weise. Und selbst wer nie ein Psychologiebuch aufgeschlagen hat, kennt Narzissmus, Ödipuskomplex und Sisyphusarbeit.

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Die folgenden neun Begriffe zeigen, wie tief die griechische Mythologie in der modernen Psychologie verankert ist. Nicht als hübsches Beiwerk, sondern als tragendes Gerüst.

Psyche – ein Wort, das alles trägt

Das Wort Psyche bedeutet im Griechischen »Seele«, »Leben« oder »Atem«. In der Mythologie war Psyche eine Königstochter von solcher Schönheit, dass Aphrodite vor Eifersucht die Beherrschung verlor. Eros, der Gott der Liebe, verliebte sich in sie. Nach langen Prüfungen wurde Psyche selbst zur Göttin erhoben.

Die bekannteste überlieferte Erzählung von Eros und Psyche stammt allerdings nicht aus einem griechischen Originaltext, sondern aus Apuleius‘ lateinischem Roman »Der goldene Esel« (2. Jh. n. Chr.). Das griechische Wort ist älter als die römische Erzählung, aber die Geschichte, die heute jeder kennt, ist im Kern eine römische.

Der eigentliche Punkt ist ein anderer: Psyche ist das Fundament der psychologischen Fachsprache. Psychologie, Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik. Alles baut auf diesem einen griechischen Wort auf.

Psyche (griechisch ψυχή) bedeutet »Seele«, »Leben« oder »Atem« und geht auf die gleichnamige Gestalt der antiken Mythologie zurück. Die bekannteste Erzählung stammt von Apuleius (römisch, 2. Jh. n. Chr.). Der Begriff bildet die Grundlage aller psychologischen Disziplinen, von der Psychologie über die Psychiatrie bis zur Psychotherapie.

Es ist womöglich der folgenreichste Namenstransfer der Wissenschaftsgeschichte. Und einer, den die wenigsten bemerken.

Narzissmus und der Jüngling am Teich

Die berühmteste Fassung der Narziss-Geschichte steht bei Ovid, also in einer römischen Bearbeitung griechischen Stoffs. In den Metamorphosen erblickt der Jüngling Narziss sein Spiegelbild in einem Teich und verliebt sich darin. Er kann sich nicht losreißen, verweigert Nahrung und stirbt. Die Nymphe Echo, die ihn liebte, kann ihn nicht erreichen. Sie war von Juno (der römischen Hera) mit einem Fluch belegt worden und konnte nur die letzten Worte wiederholen, die sie hörte. Am Ende blieb von ihr nur noch die Stimme übrig. Narziss und Echo sind zwei tragische Figuren, die aneinander vorbeileben. Das kennt man auch ohne Mythologie.

Freud übernahm den Namen 1914 in seinem Aufsatz »Zur Einführung des Narzißmus«. Ursprünglich beschrieb der Begriff eine normale Entwicklungsphase, in der das Kind seine Libido auf sich selbst richtet. Im Alltag wird Narzissmus heute inflationär gebraucht. Klinisch davon zu unterscheiden ist die narzisstische Persönlichkeitsstörung: übersteigertes Bedürfnis nach Bewunderung, mangelnde Empathie, ein brüchiges Selbstbild hinter einer Fassade aus Grandiosität. Ovids Erzählung zeichnet ein Muster, das dem modernen Krankheitsbild in wesentlichen Zügen entspricht. Man könnte sagen, der Dichter war schneller als der Diagnostiker.

Das Wort hat Karriere gemacht. Man findet es in klinischen Diagnosen, in Beziehungsratgebern und in Social-Media-Kommentaren. Ob das dem Begriff guttut, ist eine andere Frage.

Der Ödipuskomplex

König Ödipus tötete unwissentlich seinen Vater und heiratete seine Mutter. Als er die Wahrheit erkannte, stach er sich die Augen aus. Sophokles hat das um 430 v. Chr. in eine Tragödie gegossen, die bis heute aufgeführt wird.

Freud sah darin mehr als eine Bühnenhandlung. In »Die Traumdeutung« (1899) entwickelte er den Ödipuskomplex: das unbewusste Begehren des Kindes nach dem gegengeschlechtlichen Elternteil, verbunden mit Rivalität gegenüber dem gleichgeschlechtlichen. Das Konzept gehört zu den umstrittensten der Psychoanalyse. Die Kritik daran ist so alt wie das Konzept selbst.

Der Ödipuskomplex ist ein von Sigmund Freud geprägtes Konzept der Psychoanalyse. Es beschreibt das unbewusste Begehren des Kindes nach dem gegengeschlechtlichen Elternteil und die Rivalität mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil, typischerweise zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr.

Interessant ist, dass Ödipus selbst keinen Ödipuskomplex hatte. Er wusste nicht, wen er tötete und wen er heiratete. Freud hat den Mythos für seine Zwecke umgedeutet. Nacherzählt hat er ihn nicht.

Eros und Thanatos

Eros war der Gott der begehrlichen Liebe. Thanatos die Personifikation des Todes, Sohn der Nyx, der Göttin der Nacht. In der griechischen Unterwelt war Thanatos eine stille Gestalt, kein Monster.

Freud machte aus beiden ein Gegensatzpaar. In »Jenseits des Lustprinzips« (1920) stellte er die These auf, dass der Mensch von zwei gegenläufigen Kräften angetrieben wird. Eros steht für Verbindung, Kreativität, Selbsterhaltung. Thanatos für Aggression, Auflösung, die Rückkehr zum Anorganischen.

Allerdings hat Freud selbst den Namen Thanatos nicht verwendet. Er sprach schlicht vom »Todestrieb«. Die mythologische Benennung wurde erst in der psychoanalytischen Rezeption als Gegenpol zu Eros eingebürgert. Was die Sache nicht weniger plausibel macht, aber man sollte wissen, woher der Name tatsächlich kommt.

Sisyphusarbeit

Sisyphos hatte die Götter überlistet. Mehrfach sogar. Zur Strafe musste er im Hades einen Felsbrocken einen Berg hinaufrollen. Kurz vor dem Gipfel rollte der Stein jedes Mal zurück. Für alle Ewigkeit. Man findet die Geschichte unter den grausamsten Strafen der griechischen Mythologie, und das zu Recht.

Im Alltag beschreibt Sisyphusarbeit eine sinnlose, sich endlos wiederholende Anstrengung. In der Philosophie hat Albert Camus dem Mythos 1942 eine andere Lesart gegeben. In »Der Mythos des Sisyphos« schrieb er: »Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.« Nicht weil die Arbeit Sinn hat, sondern weil Sisyphos sie annimmt. Die Revolte gegen die Absurdität, nicht die Hoffnung auf Erlösung, macht den Menschen frei.

Der Mythos wird heute auch in psychologischen und arbeitsweltlichen Kontexten als Metapher für Erschöpfung, Wiederholung und Durchhaltezwang verwendet. Ein klar umrissener Fachbegriff der Psychologie ist Sisyphusarbeit allerdings nicht.

Der Kassandra-Komplex

Apollon gab der trojanischen Prinzessin Kassandra die Gabe der Prophezeiung. Als sie ihn abwies, belegte er sie mit einem Fluch: Sie würde die Zukunft sehen, aber niemand würde ihr glauben. Kassandra warnte vor dem Fall Trojas. Niemand hörte zu.

Der Kassandra-Komplex ist weniger ein fester klinischer Fachbegriff als eine psychologische und kulturelle Metapher. Der Ausdruck ist vor allem jungianisch geprägt und wurde etwa von Laurie Layton Schapira verwendet. Er beschreibt eine Situation, in der jemand berechtigte Warnungen ausspricht und systematisch ignoriert wird. Das Muster taucht in der Organisationspsychologie auf, in Klimadiskussionen und überall dort, wo unbequeme Wahrheiten auf taube Ohren stoßen. Die Frustration, recht zu haben und trotzdem nicht gehört zu werden, kann in Isolation und Machtlosigkeit münden. Ein Muster, das Unternehmen, Familien und politische Debatten gleichermaßen kennen.

Der Pygmalion-Effekt

Der Bildhauer Pygmalion erschuf eine Elfenbeinstatue von solcher Schönheit, dass er sich in sein eigenes Werk verliebte. Aphrodite erbarmte sich und erweckte die Statue zum Leben.

1968 führten Robert Rosenthal und Lenore Jacobson ein Experiment an Grundschulen durch. Sie sagten Lehrern, bestimmte Schüler seien besonders begabt. Das stimmte nicht. Am Ende des Schuljahres hatten genau diese Schüler bessere Leistungen erbracht. Das Experiment wurde berühmt, später aber auch methodisch kritisch diskutiert. Der Erwartungseffekt existiert, fällt aber je nach Kontext kleiner aus, als die Originalergebnisse nahelegten.

Der Pygmalion-Effekt beschreibt die Tendenz, dass Überzeugungen Verhalten und Leistungen beeinflussen können. In Schulen, in Unternehmen, in Beziehungen. Pygmalion schuf eine Frau aus Elfenbein. Lehrer schaffen Erfolg oder Misserfolg aus Erwartungen. Im Kern dasselbe Prinzip, wenn auch in der Praxis komplizierter, als ein einzelnes Experiment vermuten lässt.

Phobie, Panik, Hypnose – griechische Mythologie im Wortschatz der Psychologie

Drei weitere Begriffe, deren Wurzeln in der griechischen Antike liegen.

Phobos war der Gott der Furcht, Sohn des Kriegsgottes Ares. Aus dem griechischen Wortstamm phobos (Furcht, Flucht) wurde die Phobie: die krankhafte, übersteigerte Angst vor bestimmten Objekten oder Situationen. Klaustrophobie, Arachnophobie, Agoraphobie, Sozialphobie. Die Liste ist lang, die Ängste sehr real.

Pan war der bocksbeinige Hirtengott, dessen plötzliches Erscheinen Herden und Armeen in blinde Flucht trieb. Panischer Schrecken hieß das bei den Griechen. Wir sagen Panik.

Hypnos war der Gott des Schlafes. Der schottische Arzt James Braid prägte 1843 den Begriff Hypnose nach ihm. Dass Hypnose mit Schlaf wenig zu tun hat, wusste man damals noch nicht. Der Name blieb trotzdem. Alle drei Begriffe gehen auf griechische Wurzeln zurück, die im Deutschen bis heute produktiv sind.

Die griechische Mythologie ist kein musealer Stoff. Sie steckt in der Sprache, mit der wir über die menschliche Seele sprechen. Wer Narzissmus sagt, greift auf einen antiken Stoff zurück, den Ovid in die berühmteste Form gebracht hat. Wer von Panik spricht, ruft einen bocksbeinigen Gott an. Das passiert unbewusst, jeden Tag, in Praxen und Hörsälen und am Küchentisch. Womöglich ist das die stärkste Wirkung, die ein Mythos haben kann.

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Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage

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