Sparta – ein Volk, das für den Krieg lebte

Sparta – ein Volk, das für den Krieg lebte

Sparta hatte lange keine Stadtmauer, keine Philosophenschule, kein Theater, das der Rede wert gewesen wäre. Eines allerdings hatte es: die gefürchtetste Armee der antiken Welt.

Während Athen Tempel baute, Dramen aufführte und über die Natur des Guten diskutierte, trainierten spartanische Jungen ab dem siebten Lebensjahr für einen einzigen Zweck. Kämpfen. Überleben. Gehorchen.

Das Ergebnis war eine Gesellschaft, die so konsequent auf Krieg ausgerichtet war, dass sie bis heute fasziniert. Und bis heute missverstanden wird.

Wie Sparta zur Kriegsmaschine wurde

Sparta liegt auf dem Peloponnes, im Tal des Flusses Eurotas. Im 8. Jahrhundert v. Chr. eroberten die Spartaner die fruchtbare Nachbarregion Messenien und machten deren Bewohner zu Heloten, zu Staatssklaven, die das Land bewirtschafteten und einen Großteil der Ernte abliefern mussten. Damit war das Grundproblem geschaffen, das Spartas gesamte Geschichte bestimmen sollte: Die Heloten waren zahlenmäßig weit überlegen. Antike Schätzungen sprechen von einem Verhältnis von sieben zu eins, moderne Historiker halten ein Verhältnis von mindestens drei oder vier zu eins für plausibel.

Die Angst vor einem Aufstand wurde zum Motor des Systems. Sparta konnte es sich schlicht nicht leisten, schwach zu sein. Also wurde alles dem Militärischen untergeordnet: Erziehung, Familienleben, Besitz, sogar die Art, wie man aß.

Heloten waren keine Sklaven im üblichen Sinn, aber keineswegs weniger unfrei. Sie gehörten nicht einzelnen Besitzern, sondern dem spartanischen Staat. Sie waren an das Land gebunden, das sie bewirtschafteten, und mussten etwa die Hälfte ihrer Ernte abgeben. Jeder Spartiat durfte einen Heloten töten, ohne dafür bestraft zu werden. Ein Aufstand der Heloten um 464 v. Chr. erschütterte Sparta so schwer, dass der Stadtstaat Athen um Hilfe bitten musste.

Die spartanische Gesellschaft teilte sich in drei Schichten: die Spartiaten als Vollbürger und Krieger, die Periöken als freie Handwerker und Händler ohne politische Rechte, und die Heloten ganz unten. Nur die Spartiaten nannten sich Homoioi, die Gleichen. Ein stolzer Name für eine Gruppe, deren Gleichheit auf permanenter Unterdrückung anderer beruhte.

Die Agoge – Erziehung ohne Gnade

Was Sparta von allen anderen griechischen Stadtstaaten unterschied, war die Agoge, das staatliche Erziehungsprogramm. Mit sieben Jahren wurden die Jungen aus ihren Familien genommen und in Gemeinschaftsunterkünfte gesteckt. Barfuß, mit einem einzigen Umhang pro Jahr, bei knapper Nahrung. Wer zusätzliches Essen wollte, musste stehlen. Wurde man erwischt, gab es Prügel. Nicht für den Diebstahl, sondern für die Dummheit, sich erwischen zu lassen.

Die Ausbildung war brutal und systematisch. Körperliches Training, Überlebensübungen in der Wildnis, Kampftechniken. Mit zwölf wurden die Anforderungen verschärft. Mit achtzehn begannen die fortgeschrittenen militärischen Taktiken. Mit zwanzig war man offiziell Krieger und trat in die Armee ein. Aber selbst dann lebte man nicht zu Hause, sondern in der Kaserne. Gemeinsam essen, gemeinsam schlafen, gemeinsam kämpfen. Bis zum dreißigsten Lebensjahr.

Zur Agoge gehörte auch die Krypteia, eine Art institutionalisierter Terror. Ausgewählte junge Spartaner wurden nachts auf die Felder geschickt, bewaffnet mit einem Dolch. Ihr Auftrag: Heloten aufspüren und töten, vor allem solche, die als aufsässig galten oder körperlich stark wirkten. Es war gleichzeitig Mutprobe, Kampfübung und Einschüchterung der unterworfenen Bevölkerung.

Das Ziel war nicht Individualität, sondern die perfekte Einheit. Die spartanische Phalanx, eine dichte Formation aus Schwerbewaffneten mit überlappenden Schilden, funktionierte nur, wenn jeder seinem Nebenmann vertraute. Blindes Vertrauen, eintrainiert über dreizehn Jahre. Es funktionierte. Jahrhundertelang.

Was Spartanerinnen durften, war in Athen undenkbar

Spartanische Frauen hatten Rechte, die im restlichen Griechenland niemand auch nur in Erwägung zog. Sie konnten Land besitzen und erben. Sie trieben Sport, und zwar öffentlich. Sie erhielten eine formale Ausbildung. Sie durften Wein trinken. Sie verwalteten die Haushalte eigenständig, weil ihre Männer ohnehin in der Kaserne lebten. Einige antike Quellen legen nahe, dass spartanische Frauen am Ende etwa 40 Prozent des gesamten Landbesitzes kontrollierten. Die Zahl ist umstritten, aber die Richtung stimmt.

Aristoteles fand das empörend. Er warf den Spartanern vor, einen »Fehler« begangen zu haben, indem sie ihren Frauen solche Freiheiten einräumten. Womöglich lag er damit falsch. Die spartanischen Frauen waren gesünder, kräftiger und selbstbewusster als ihre Geschlechtsgenossinnen anderswo. Der Grund war allerdings nicht Gleichberechtigung im modernen Sinn, sondern Pragmatismus: Starke Mütter, so die spartanische Logik, gebären starke Krieger.

Eine berühmte Anekdote erzählt von einer spartanischen Mutter, die ihrem Sohn den Schild übergibt und sagt: »Damit oder darauf.« Entweder du kommst als Sieger zurück, oder man trägt dich tot darauf nach Hause. Ob die Geschichte stimmt, weiß niemand. Aber sie passt.

Thermopylen – die 300 und was wirklich geschah

480 v. Chr., Spätsommer. Der Perserkönig Xerxes I. marschiert mit einer gewaltigen Armee nach Griechenland ein. Moderne Historiker schätzen die persische Streitmacht auf 120.000 bis 300.000 Soldaten. Die antiken Quellen sprechen von Millionen, was übertrieben ist, aber die Größenordnung stimmt: Es war eine erdrückende Übermacht.

Spartanischer  Krieger KI Darstellung

König Leonidas von Sparta stellte sich mit etwa 7.000 Griechen in den Engpass der Thermopylen. Darunter seine persönliche Leibwache: 300 Spartiaten, ausgewählt nach einem Kriterium, das viel über spartanisches Denken verrät. Jeder der 300 musste einen lebenden Sohn haben. Wer starb, hinterließ zumindest einen Erben.

Drei Tage lang hielten die Griechen den Pass. Dann verriet ein Einheimischer namens Ephialtes den Persern einen Umgehungspfad. Leonidas erkannte die Lage, schickte den Großteil der Verbündeten nach Hause und blieb mit seinen 300 Spartanern und etwa 700 Thespiern. Sie kämpften bis zum letzten Mann.

Die Schlacht bei den Thermopylen fand im August oder September 480 v. Chr. statt. Rund 7.000 Griechen unter Führung des spartanischen Königs Leonidas verteidigten einen schmalen Gebirgspass gegen das persische Invasionsheer. Die griechischen Verluste betrugen etwa 2.000 Mann. Die persischen Verluste sind schwer zu beziffern, antike Quellen nennen Zahlen zwischen 20.000 und 30.000, die meisten Historiker halten das für stark überhöht.

Der militärische Nutzen war begrenzt. Der symbolische nicht. Die großen Schlachten der Antike werden nach Verlusten und Gebietsgewinnen beurteilt. Thermopylen wird nach etwas anderem beurteilt: nach dem, was Menschen bereit sind zu opfern, wenn es keine Chance mehr gibt. Das persische Heer wurde im selben Jahr bei Salamis und ein Jahr später bei Plataia geschlagen. Ohne Thermopylen hätte es womöglich keine Zeit für diese Siege gegeben.

Warum Sparta unterging

Ein System, das vollständig auf militärische Stärke ausgerichtet ist, hat ein strukturelles Problem: Es braucht genug Soldaten. Und genau daran scheiterte Sparta.

Nach dem Sieg im Peloponnesischen Krieg gegen Athen (404 v. Chr.) war Sparta die dominierende Macht in Griechenland. Aber die imperiale Ausdehnung überstieg die realen Möglichkeiten. Die Zahl der Vollbürger schrumpfte dramatisch. Um 371 v. Chr. gab es vermutlich nur noch rund 1.000 Spartiaten, verglichen mit 8.000 im 5. Jahrhundert. Die Gründe waren vielfältig: Kriegsverluste, eine extrem niedrige Geburtenrate unter den Spartiaten, und eine zunehmende Konzentration des Landbesitzes in wenigen Händen. Wer sein Land verlor, verlor seinen Status als Vollbürger. Die »Gleichen« waren plötzlich alles andere als gleich.

371 v. Chr. kam der Bruch. In der Schlacht von Leuktra besiegte der thebanische Feldherr Epaminondas die spartanische Armee. Er tat es mit einer taktischen Innovation: der schiefen Schlachtordnung. Statt die Kräfte gleichmäßig zu verteilen, konzentrierte er seine besten Truppen auf einem Flügel und durchbrach die spartanische Linie dort, wo der König stand. Es war die erste entscheidende Niederlage Spartas in einer offenen Feldschlacht gegen eine griechische Macht. Danach befreite Theben die messenischen Heloten, und Sparta verlor seine wirtschaftliche Basis.

Der Rest war ein langer, zäher Abstieg. Im 3. Jahrhundert v. Chr. versuchten die Reformkönige Agis IV. und Kleomenes III. das System zu retten, indem sie Land umverteilten und Heloten zu Bürgern machten. Zu spät. 222 v. Chr. wurde Sparta vom Achaiischen Bund und Makedonien endgültig geschlagen. Als militärisch ernstzunehmende Kraft war es am Ende.

Die Olympischen Spiele haben Sparta um Jahrhunderte überlebt. Athens Philosophie und Demokratie prägen bis heute politische Systeme weltweit. Von Spartas Erbe blieb im Kern ein Adjektiv: spartanisch. Karg, streng, auf das Nötigste reduziert. Es beschreibt eine Haltung, die fasziniert und abstößt zugleich. Eine Gesellschaft, die alles dem Krieg unterordnete, gewann Schlachten, verlor aber die Zukunft. Vielleicht ist das die eigentliche Lektion. (lk)

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Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage

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