Jeder sechste unter 35 holt sich Nachrichten beim Chatbot

Jeder sechste unter 35 holt sich Nachrichten beim Chatbot

37 Prozent. So viele Menschen weltweit vertrauen den Nachrichten noch, denen sie begegnen. Das ist der niedrigster Wert, seit das Reuters Institute diese Zahl erhebt, und das tut es seit über einem Jahrzehnt. Gleichzeitig wandert die Nachrichtennutzung dahin, wo am wenigsten redaktionell gefiltert wird. Auf „soziale“ Plattformen und, neuerdings, in den Chatbot. Die Leute misstrauen den Nachrichten und holen sie sich trotzdem immer häufiger aus ungeprüften oder fragwürdigeren Quellen.

Das ist der Befund des Digital News Report 2026, der größten laufenden Studie zur Nachrichtennutzung weltweit. Knapp 100.000 Befragte, 48 Märkte, fünfzehnte Ausgabe. Für unsere Zwecke ist eine einzelne Zahl darin die interessanteste. Ein Sechstel der unter 35-Jährigen hat in der vergangenen Woche einen KI-Chatbot benutzt, um sich über das Weltgeschehen zu informieren. Nicht für Hausaufgaben, nicht zum Übersetzen. Für Nachrichten.

Vom Suchschlitz in den Chat

Global gesehen ist die Sache noch klein. Die wöchentliche Nutzung von KI-Chatbots für Nachrichten stieg von 7 auf 10 Prozent innerhalb eines Jahres. Drei Prozentpunkte. Das ist messbar, aber keine Lawine, und die Autoren des Reports sprechen ausdrücklich von schnellem, nicht von explosivem Wachstum. Wer die Schlagzeilen liest, könnte einen anderen Eindruck bekommen.

Interessant wird es im Detail. Der Chatbot verschiebt die Anteile nicht überall gleich. Er nimmt vor allem der klassischen Suchmaschine etwas weg. Wer früher eine Frage bei Google eingetippt und sich durch die Treffer geklickt hätte, fragt jetzt direkt und bekommt eine fertige Antwort. Bequemer, ja. Nur steht zwischen Frage und Antwort kein redaktioneller Filter mehr, sondern ein Sprachmodell, das das nächste Wort vorhersagt.

KI-Chatbots als Nachrichtenquelle im Vergleich zu sozialen Medien, TV, Websites, Radio und Print

Der Digital News Report ist eine jährliche Studie des Reuters Institute for the Study of Journalism an der Universität Oxford. Sie misst seit 2012, wie Menschen weltweit Nachrichten nutzen, welchen Quellen sie vertrauen und wie sich das Verhalten verschiebt. Die Ausgabe 2026 beruht auf knapp 100.000 Interviews in 48 Märkten.

Das Wachstum kommt übrigens nicht aus dem Westen. Getrieben wird es vor allem von Asien, Afrika, Lateinamerika und Süd- und Osteuropa, also Regionen, in denen plattformbasierte Nachrichtennutzung ohnehin schon weiter verbreitet ist. Wo die Zeitung nie die zentrale Rolle gespielt hat, fällt der Sprung zum Chatbot leichter.

Warum die Jungen vorangehen

Die Altersspaltung ist der eigentliche Befund. Mehr als die Hälfte der 18- bis 24-Jährigen nennt soziale Medien, Videonetzwerke oder KI als ihre Hauptnachrichtenquelle. Klassische Nachrichtenseiten und Apps sind in keiner einzigen Altersgruppe mehr die meistgenutzte Quelle. Sie werden älter mit ihrem Publikum. Für die unter 35-Jährigen ging der Rückgang bei den Websites sogar schneller als beim Fernsehen.

Das ist für ein studentisches Publikum näher dran als für fast jede andere Gruppe. Wer heute studiert, hat den Chatbot ohnehin den ganzen Tag offen. Dass die Frage »Was ist da gerade in Nahost passiert« im selben Fenster landet wie »Erklär mir die Hegelsche Dialektik«, ist kein Bruch, sondern der nächste logische Schritt. Der Report deutet an, dass diese Gewohnheiten sich nicht mehr auswachsen. Junge Leute werden nicht mit dem Alter in die Mediennutzung ihrer Eltern hineinwachsen. Sie wurden in ein anderes Muster sozialisiert.

Wie zuverlässig sind KI-Chatbots als Nachrichtenquelle

Hier wird es heikel. Ein Sprachmodell recherchiert nicht im journalistischen Sinn. Es erzeugt eine plausibel klingende Antwort aus dem, was es gelernt hat, und ergänzt das im besten Fall durch eine Live-Websuche. Das kann gut gehen. Es kann auch danebengehen, ohne dass die Antwort anders klingt. Eine erfundene Quellenangabe sieht im Chatfenster genauso seriös aus wie eine echte.

Der nüchterne Befund lautet, dass KI-Chatbots als Nachrichtenquelle so verlässlich sind wie ihre Quellen, die Modellvariante und der Prompt. Bei einem Modell mit funktionierender Websuche und Quellenangabe kann man die Belege nachklicken. Ohne das bleibt nur das Vertrauen darauf, dass die Statistik diesmal richtig geraten hat. Genau diese Unterscheidung trifft kaum jemand im Vorbeigehen. Die meisten lesen die Antwort, sie klingt schlüssig, sie scrollen weiter. Das ist die Illusion des Wissens in ihrer Nachrichtenvariante.

Drei Regeln für Nachrichten aus dem Chatbot

Quelle erzwingen. Nach der konkreten Fundstelle fragen und sie anklicken. Wenn der Bot keine nennen kann oder der Link ins Leere führt, ist die Aussage wertlos.

Datum prüfen. Modelle mischen Trainingswissen mit aktueller Suche. Bei tagesaktuellen Ereignissen explizit nach dem Stand fragen, sonst bekommt man womöglich Monate alte Lage als Neuigkeit verkauft.

Bei Brisantem gegenlesen. Politik, Gesundheit, Zahlen. Alles, was Folgen hat, gehört gegen eine zweite, menschliche Quelle gehalten. Der Bot ist ein Startpunkt, kein Endpunkt.

Holst du dir Nachrichten aus dem Chatbot?

Das Misstrauen ist also angebracht. Nur richtet es sich gerade an die falsche Stelle. Das Vertrauen in klassische Nachrichten fällt, während die Skepsis gegenüber den neuen Kanälen kaum mitwächst. Wer einer Tagesschau-Meldung misstraut, aber eine Chatbot-Antwort ungeprüft übernimmt, hat die Risiken vertauscht.

Das Vertrauen kippt, die Nutzung wandert

Der Vertrauensverlust ist kein Randthema. In 29 der 48 untersuchten Märkte ist das Vertrauen signifikant gefallen. Die Nachrichtenvermeidung, also der aktive Rückzug von Nachrichten, stieg auf 42 Prozent. In den USA ist die Lage besonders deutlich. Dort liegt das Vertrauen bei 25 Prozent, der siebtniedrigste Wert im gesamten Sample, und bei rechts orientierten Amerikanern bei nur 15 Prozent.

Spannend ist, woran der Report den Rückgang festmacht. Nicht in erster Linie an dem, was einzelne Redaktionen tun. In den fünf Ländern mit dem stärksten Vertrauensverlust fiel das allgemeine Vertrauen viel stärker als die Bewertung irgendeiner einzelnen Marke. Es ist die Informationsumgebung als Ganzes, die Misstrauen erzeugt. Und ausgerechnet in diese vergiftete Umgebung schieben sich KI-Antworten als neue, scheinbar neutrale Instanz.

Hier schließt sich der Kreis zu einem alten Thema. Falschinformationen zu erkennen war schon schwierig, als es nur um schlecht gemachte Websites ging. Mit Modellen, die fließende, selbstsichere Antworten erzeugen, verschiebt sich das Problem. Der Unsinn klingt jetzt kompetent.

Was das für die eigene Nutzung heißt

Den Chatbot als Nachrichtenquelle abzulehnen, wäre die falsche Konsequenz. Für das Einordnen komplexer Lagen, für das Zusammenfassen langer Hintergrundtexte, für die schnelle Frage »Wer ist diese Person nochmal« ist er brauchbar, oft besser als eine Trefferliste. Das Werkzeug ist nicht das Problem. Der blinde Griff danach ist es. Ebenso blind wäre es, dem ZDF zu trauen.

Wer ernsthaft recherchiert, nutzt ohnehin mehr als einen Prompt. Wie man aus einem Sprachmodell echte Rechercheleistung herausholt, statt eine bequeme Antwort entgegenzunehmen, steht im Artikel zu Deep Research. Und wer wissen will, warum ein Chatbot überhaupt mal brillant und mal kompletten Unsinn liefert, findet die Mechanik unter Wie funktioniert ChatGPT. Beides hat denselben Grund.

Die Verschiebung läuft jedenfalls, ob man sie gut findet oder nicht. Ein Sechstel der Jungen ist schon da, und die Kurve zeigt nach oben. Die nüchterne Haltung ist nicht, das zu verteufeln, sondern die eine Gewohnheit zu behalten, die der Chatbot einem so charmant abnehmen will. Nachfragen, woher er das hat. (lk)


Quelle: Reuters Institute for the Study of Journalism, Digital News Report 2026, veröffentlicht am 16. Juni 2026.

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Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage

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