Homer – Dichter der Ilias und Odyssee

Homer – Dichter der Ilias und Odyssee

Homer ist der Anfang. Nicht der Anfang der Literatur, aber der Anfang dessen, was wir heute westliche Erzähltradition nennen. Zwei Epen, die Ilias und die Odyssee, geschrieben vor fast 3.000 Jahren, und sie funktionieren immer noch. Jeder Kriegsfilm, jede Heldenreise, jeder Roadmovie hat irgendwo eine Spur von Homer in sich.

Über den Menschen Homer wissen wir fast nichts. Das ist Teil der Faszination. Er wird traditionell ins 8. oder 7. Jahrhundert v. Chr. datiert, irgendwann zwischen 750 und 650 v. Chr. – Schätzungen, die auf Sprachanalysen seiner Texte basieren, nicht auf Dokumenten. Seinen Geburtsort beanspruchen mehrere Städte: Smyrna, Athen, Ithaka, Pylos. Eine definitive Antwort gibt es nicht. Selbst die Bedeutung seines Namens ist unklar.

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Dass Homer blind gewesen sein soll, steht in vielen Überlieferungen. Es könnte stimmen. Es könnte auch eine Metapher sein – der Dichter, der nicht mit den Augen sieht, sondern mit dem inneren Blick. Die Antike liebte solche Bilder.

Die Frage, ob es Homer als einzelne Person überhaupt gab oder ob hinter dem Namen eine ganze Tradition steht, beschäftigt die Forschung seit Jahrhunderten. Die sogenannte Homerische Frage. Wer es genauer wissen will: 15 Fragen & Antworten rund um Homer im Tutor’s Chat.

Die Werke waren anfangs mündliche Überlieferungen

Die Ilias und die Odyssee existierten lange, bevor sie jemand aufschrieb. Sie wurden mündlich vorgetragen, von Sängern, die man Aöden nannte – wandernde Barden, die ihre Texte auswendig kannten und vor Publikum vortrugen. Keine Bücher, kein Manuskript. Nur Stimme und Gedächtnis.

Das funktionierte, weil die Epen nicht in Alltagssprache verfasst waren, sondern in einer hochformalen Struktur: dem daktylischen Hexameter. Streng metrisch, mit formelhaften Wendungen und wiederkehrenden Beinamen wie »der listenreiche Odysseus« oder »die rosenfingrige Eos«. Diese Formeln waren keine Faulheit, sondern Technik. Sie halfen beim Erinnern, gaben dem Vortragenden Halt und machten Veränderungen am Text sofort hörbar. Der strenge Formalismus bewahrte den Urtext.

Die schriftliche Fassung entstand vermutlich im 6. oder 7. Jahrhundert v. Chr., als die griechische Schrift standardisiert wurde. Die mündliche Tradition dahinter ist älter, möglicherweise deutlich älter. Wie alt genau, weiß niemand.

Das ist übrigens einer der Gründe, warum Homer sich so anders liest als moderne Literatur. Die Wiederholungen, die formelhaften Wendungen, die ausführlichen Beschreibungen von Rüstungen und Mahlzeiten – das war kein Stilproblem. Das war die Technik, mit der eine ganze Kultur ihr Wissen bewahrte, bevor es Papier gab. Wer Homer besser verstehen will, sollte diesen Hintergrund kennen.

Hörenswert dazu: Der Podcast »Ausgesprochen Alt« über den Dichter Homer.

Homers Stil in 8 Adjektiven

Homers Erzählweise ist ein Zusammenspiel aus formeller Struktur, lebhaften Beschreibungen, wiederkehrenden Motiven und tiefer menschlicher Emotionalität. All das macht seine Geschichten zeitlos. Sein Stil ist bildhaft, rhythmisch, formelhaft, erzählend, heroisch, detailliert, mythologisch und emotional.

Homer war Teil des humanistischen Bildungsideals, das die klassische Antike als Quelle moralischer und ästhetischer Werte schätzte. An Universitäten mit Altgriechisch-Kursen gehören seine Werke oft zu den ersten Texten, die Studierende im Original lesen. Das hat Gründe: Sie sind sprachlich lehrreich und kulturell so dicht, dass man mit ihnen gleich eine ganze Epoche verstehen lernt.

Ilias und Odyssee – die Fakten

Die Ilias erzählt vom Zorn des Achilles im letzten Jahr des Trojanischen Krieges. 24 Gesänge, rund 15.693 Verse, über 250 namentlich genannte Figuren. Nicht nur ein Kriegsepos – auch eine Erkundung von Ehre, Verlust und dem Preis des Ruhms.

Die Odyssee erzählt von der zehnjährigen Irrfahrt des Odysseus nach Ithaka. Ebenfalls 24 Gesänge, rund 12.110 Verse, circa 400 namentlich genannte Charaktere. Abenteuer, exotische Welten, übernatürliche Wesen – und nebenbei ein erstaunlich genaues Bild der antiken Gesellschaft.

In Normseiten umgerechnet kommt die Ilias auf etwa 690 Seiten, die Odyssee auf rund 530. Das variiert je nach Übersetzung und Ausgabe erheblich, aber die Größenordnung stimmt. Zusammen ein Umfang, für den man sich Zeit nehmen sollte.

Warum heißt es »die Ilias«?

Der Name kommt von Ilios, dem griechischen Wort für Troja. Also eigentlich: das Troja-Epos. Im Deutschen ist »Ilias« weiblich – die Ilias – wie bei den meisten literarischen Titeln. Nicht zu verwechseln mit Städtenamen, wo der Artikel anders funktioniert (»das alte Berlin«).

Homer konzentriert sich in der Ilias auf einen kurzen Zeitraum im letzten Jahr des Krieges. Nicht die ganze Geschichte, nur den entscheidenden Ausschnitt. Das ist übrigens bis heute ein Prinzip guten Erzählens: Nicht alles zeigen. Das Wichtigste herausgreifen.

Berühmte Stellen aus den Epen

Aus der Ilias: Der erste Vers ist einer der bekanntesten der Weltliteratur – »Sing, Göttin, den Zorn des Peleiaden Achilleus, der unzählbare Leiden über die Achaier brachte.« Der ganze Krieg, das ganze Epos, beginnt mit einem Wutanfall. Und einer der emotionalsten Momente: Hektors Abschied von seiner Frau Andromache, bevor er Achilles gegenübertritt. Er spricht davon, lieber zu sterben, als sie als Sklavin zu sehen.

Aus der Odyssee: »Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, der so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung.« Dann die Begegnung mit dem Zyklopen Polyphem, wo Odysseus sich als »Niemand« ausgibt – eine List, die so elegant ist, dass sie bis heute zitiert wird. Als Polyphem um Hilfe ruft und schreit, »Niemand« greife ihn an, kommt keine Hilfe. Und Penelope, die zwanzig Jahre lang treu bleibt und die Freier mit einem Trick hinhält: tagsüber webt sie an einem Gewand, nachts trennt sie es wieder auf.

Die Originaltexte sind in antikem Griechisch verfasst. Jede Übersetzung bringt eigene Nuancen mit, keine gibt das Original vollständig wieder. Wer verschiedene Autoren der griechischen Antike vergleicht, merkt das schnell.

Homer in Film, Literatur, Musik und Spiel

Homers Einfluss auf die Popkultur ist so breit, dass man ihn leicht übersieht – gerade weil er überall steckt.

Film: »Troy« (2004) erzählt den Trojanischen Krieg mit Brad Pitt als Achilles – mehr Spektakel als Homer, aber die Grundzüge stimmen. »O Brother, Where Art Thou?« (2000) von den Coen-Brüdern verlegt die Odyssee ins Mississippi der 1930er Jahre, mit Humor und Bluegrass. Die Miniserie »Die Odyssee« (1997) bleibt näher am Original und folgt der zehnjährigen Heimreise nach Ithaka.

Literatur: James Joyce nahm die Odyssee und verlegte sie in einen einzigen Tag im Dublin des Jahres 1904. Sein »Ulysses« folgt Leopold Bloom durch die Stadt, Kapitel für Kapitel den Stationen des Odysseus nachempfunden. Ein Meisterwerk, berühmt für sprachliche Innovation und dafür, dass es kaum jemand ganz liest. Die Percy-Jackson-Reihe von Rick Riordan modernisiert griechische Mythen für junge Leser – Homers Einfluss ist in jeder Heldenreise spürbar.

Musik: Hector Berlioz komponierte »Les Troyens«, eine Oper über den Fall Trojas. Glucks »Paride ed Elena« behandelt die Vorgeschichte des Krieges. Mozart schrieb »Idomeneo«, angesiedelt nach dem Trojanischen Krieg. Und Jean-Féry Rebel komponierte »Ulysse«, eine Ballettmusik über die Rückkehr nach Ithaka. Selbst Wagner, obwohl eher der nordischen Mythologie zugeneigt, teilte mit Homer die Idee des Gesamtkunstwerks – die Verbindung von Erzählung, Musik und Bild zu einer einheitlichen Erfahrung.

Videospiele: »Assassin’s Creed Odyssey« (2018) lässt Spieler eine von Homers Welt inspirierte Landschaft erkunden. »Hades« (2020) nutzt die griechische Unterwelt als Setting, und Homers Figuren und Motive sind überall präsent.

Homer und die deutsche Dichtung

In der Weimarer Klassik waren Goethe und Schiller von der Antike durchdrungen. Goethes »Iphigenie auf Tauris« greift antike Stoffe und Formen direkt auf. Der Philhellenismus des 18. und 19. Jahrhunderts verstärkte die Faszination für das antike Griechenland, und Homer stand im Zentrum dieser Begeisterung.

Die Themen sind dieselben, die auch Homer beschäftigten: Heldensuche, Schicksal, der Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft. Und der Hexameter, Homers Versmaß, beeinflusste die formale Gestaltung deutscher Lyrik über Jahrhunderte. Wer sich für die Autoren der griechischen Antike interessiert, findet dort den Ausgangspunkt dieser ganzen Tradition.

Wo kann man Homer lesen?

Altgriechische Originaltexte (mit englischer Übersetzung): Ilias und Odyssee in der Perseus Digital Library der Tufts University – die wichtigste frei zugängliche Quelle für antike griechische Texte.

Deutsche Übersetzungen online:

Die deutschen Onlineversionen sind bedingt verständlich – ältere Übersetzungen, die man mit etwas Geduld lesen kann. Moderne Fassungen gibt es als Buch und E-Book überall dort, wo es Bücher gibt. Projekt Gutenberg hat kostenlose Ausgaben.

Fast 3.000 Jahre alt, und immer noch in Druck. Das muss einem erst mal jemand nachmachen.

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Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage