
ChatGPT hat nicht nur verändert, wie wir arbeiten. Es verändert auch, wie wir sprechen und schreiben. Tja, das ist sogar messbar. Bestimmte Wörter tauchen seit dem Start von ChatGPT Ende 2022 deutlich häufiger auf, nicht nur in Texten, sondern auch im gesprochenen Wort. Nämlich in Podcasts, in Vorträgen, im Alltag.
Was bedeutet das für uns und unsere Sprache? Für deinen Schreibstil? Für den Unterschied zwischen menschlich und maschinell? Und was hat das alles mit Bildungssprache zu tun? Hier sind die Antworten.
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Die Studie, die alles belegt
Am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin fiel dem Forscher Hiromu Yakura etwas auf – bei sich selbst. Er benutzte plötzlich Wörter, die vorher nicht zu seinem Vokabular gehört hatten. Wörter wie »delve«, ein englischer Ausdruck für »tauche ein«, der damals in ChatGPT-Antworten ungewöhnlich häufig vorkam.
Yakura und sein Team untersuchten daraufhin über 360.000 YouTube-Videos und 771.000 Podcast-Episoden – zusammen mehr als 740.000 Stunden gesprochene Sprache. Das Ergebnis: Seit der Einführung von ChatGPT im November 2022 stieg die Häufigkeit bestimmter Wörter sprunghaft an. »Delve« nahm um knapp 50 Prozent zu, »intricate« um 40 Prozent. Ähnliche Anstiege gab es bei »pivotal«, »crucial« und »comprehensive«. Die vollständige Studie ist auf arXiv frei zugänglich.

Vergleichbare Wortanstiege in der jüngeren Vergangenheit waren nur durch massive Ereignisse wie die Corona-Pandemie erklärbar – als plötzlich Wörter wie »unprecedented« oder »lockdown« in den allgemeinen Sprachgebrauch eindrangen. Der ChatGPT-Effekt ist sprachlich so einschneidend wie eine globale Krise.
Warum KI bestimmte Wörter bevorzugt
Sprachmodelle wie ChatGPT, Claude oder Gemini erzeugen Text, indem sie das wahrscheinlichste nächste Wort vorhersagen. Trainiert wurden sie überwiegend mit formellen englischen Texten: wissenschaftliche Papers, Nachrichtenartikel, Fachliteratur. Das prägt den Stil. Die KI greift zu Wörtern, die in diesen Texten häufig vorkommen und als sicher gelten: autoritativ, neutral, professionell klingend.
Das Ergebnis ist ein Sprachstil, der korrekt und kompetent wirkt, aber auffallend gleichförmig ist. Sie schreibt, wie ein Lehrbuch klingen würde, wenn Lehrbücher immer denselben Autor hätten.
Ein kurioses Detail: Das berüchtigte »delve« war in weiten Teilen der englischsprachigen Welt eher ungebräuchlich, aber im nigerianischen Business-Englisch verbreitet. OpenAI ließ das Feintuning seiner frühen Modelle teilweise von Mitarbeitern in Kenia und Nigeria durchführen. Deren Sprachgewohnheiten färbten auf die KI ab – und über die KI auf Millionen Nutzer weltweit.
Die Rückkopplungsschleife
Die Forscher sprechen von einer »kulturellen Rückkopplungsschleife«. KI-Modelle wurden mit menschlichen Texten trainiert. Menschen lesen und übernehmen den Stil der KI. Deren Texte fließen wiederum in neue Trainingsdaten ein. Der Kreislauf verstärkt sich selbst.
Besonders anfällig sind Menschen, die KI-Ausgaben als kompetente Quelle wahrnehmen. Wer die KI für klug hält, übernimmt unbewusst ihren Sprachstil. Früher prägten Lehrer, Professoren, Autoren und Journalisten die Sprache. Heute übernimmt diese Rolle zunehmend ein Algorithmus.
Yakura warnt: »Die Häufigkeit von bestimmten Wörtern kann unseren Diskurs oder unsere Argumente über Situationen beeinflussen.« Sprache prägt Denken. Wenn sich unsere Wortwahl verändert, verändert sich auch unser Blick auf die Welt.
Inzwischen sind die Modelle besser und die Nutzer erfahrener geworden. Wer gezielt promptet, bekommt weniger Einheitsbrei. Aber die Mehrheit übernimmt den Output weitgehend unverändert. Der Effekt wird subtiler, er verschwindet aber nicht.
Wie KI auf Deutsch klingt
Die Studie bezieht sich auf englischsprachige Daten. Aber der Effekt macht an Sprachgrenzen nicht halt. Die meisten Sprachmodelle »denken« auf Englisch und übersetzen. Das merkt man. Heraus kommt ein Kaleidoskop an Möglichkeiten, das sich in jeder Antwort gleich dreht. Wer regelmäßig mit KI arbeitet, erkennt die Muster:
- »In der heutigen digitalen Welt«
- »Es ist wichtig zu beachten, dass«
- »Das unterstreicht die Bedeutung von«
- »Ein faszinierendes Zusammenspiel«
- »Zusammenfassend lässt sich sagen«
- »Dies ermöglicht es, nahtlos zu«
- »Robust« und »ganzheitlich« für so ziemlich alles
- Aufzählungen, die mit »Entdecke«, »Erkunde« oder »Tauche ein« beginnen
Die Grundtendenz: ein gleichförmiger, gefälliger Stil, der professionell klingt, aber austauschbar ist. Wie ein gut gebügeltes Hemd ohne Charakter. Mehr dazu in unserem Artikel darüber, wie man KI-Texte erkennt und den eigenen Stil bewahrt.
Das Grundgerüst: Wie ChatGPT seine Texte baut
Einzelne Wörter sind das eine. Aufschlussreicher ist das Muster dahinter. Ich habe ChatGPT gebeten, sein eigenes Textgerüst offenzulegen – also die Struktur, die übrig bleibt, wenn man das Thema komplett entfernt. Die Antwort liest sich wie ein Röntgenbild des KI-Stils.
ChatGPT beschreibt sein Grundmuster so: Es beginnt mit einer zeitlosen Einordnung. Etwas wird als Phase, Zustand oder Moment definiert – nie als konkretes Ereignis. Häufig mit dem unbestimmten Artikel oder als scheinbar objektive Feststellung.
Darauf folgt ein ausbalancierter Gegensatz. Zwei Pole werden nebeneinandergestellt, ohne dass einer gewinnt. Noch nicht vorbei, aber schon im Wandel. Nicht ganz dies, nicht ganz das. Das erzeugt Tiefe ohne Festlegung.
Dann kommt die psychologische Generalisierung. »Viele Menschen«, »man«, »wir« – nie jemand Konkretes. Gefühle werden benannt, aber abgeschwächt: Geduld, Nachdenken, Wahrnehmen, Anpassen. Keine Extreme, keine Konflikte.
Es schließt sich eine abstrakte Sinnzuschreibung an. Das Thema wird zum Symbol für etwas Größeres: Übergang, Vorbereitung, Orientierung, leise Veränderung. Begriffe, die nicht überprüfbar sind, aber zustimmungsfähig.
Zum Schluss steht ein weiches Resümee, oft mit einer Perspektivverschiebung: »So gesehen«, »gerade darin«, »am Ende«. Es wird nichts entschieden, sondern eingerahmt. Der Text endet offen, aber abgeschlossen wirkend.
In der Kurzformel: Ein Zustand wird beschrieben, relativiert, psychologisiert, symbolisch aufgeladen und sanft geschlossen. Es transportiert Haltung statt Inhalt, Zustimmung statt Aussage, Harmonie statt Reibung.
Wer dieses Gerüst unbewusst übernimmt, schreibt Texte, die sich anfühlen wie etwas – aber nichts sagen. Lies mal einen beliebigen KI-Text mit diesem Raster im Kopf. Du wirst das Muster überall wiedererkennen.
Was das für die Sprache bedeutet
Sprache gewinnt mit Präzision und Vielfalt. Ein differenzierter Wortschatz ermöglicht es, Nuancen auszudrücken, die mit Alltagssprache nicht zu fassen sind. Der Unterschied zwischen »ambivalent« und »unsicher«, zwischen »konstatieren« und »feststellen«, zwischen »obsolet« und »veraltet« – das sind keine Spielereien, das sind Werkzeuge des Denkens.
Wenn KI dazu führt, dass alle ähnlich schreiben und sprechen, schrumpft genau diese Vielfalt. Was auf den ersten Blick wie eine Demokratisierung von Sprache wirkt, könnte sich als Verarmung entpuppen.
Denn Bildungssprache ist auch ein Ausdruck von Individualität. Wer sie beherrscht, setzt Begriffe bewusst ein und entwickelt einen eigenen Stil. Die KI hingegen produziert einen Durchschnittsstil – kompetent, aber gesichtslos. Und ihr Textgerüst arbeitet aktiv gegen alles, was Bildungssprache ausmacht: konkrete Begriffe statt vager Atmosphäre, klare Behauptungen statt weicher Relativierungen, Reibung statt Harmonie.
Was du dagegen tun kannst
Niemand muss auf KI verzichten. Aber es lohnt sich, den eigenen Sprachstil bewusst zu pflegen.
Das Gerüst brechen. Jetzt, wo du das Grundmuster kennst, kannst du es gezielt durchbrechen. Ein konkretes Bild, ein persönlicher Satz, eine klare Behauptung – ein einziger gezielter Bruch reicht, um das gesamte Konstrukt kippen zu lassen. Statt »In der heutigen Zeit ist es wichtiger denn je« lieber: »Gestern hat mein Nachbar zum ersten Mal ChatGPT benutzt. Seitdem sagt er ›nahtlos‹.«
Lesen, lesen, lesen. Wer viel liest – und zwar nicht nur KI-Ausgaben, sondern Bücher, Zeitungen, Essayistik –, entwickelt ein Gespür für gute Sprache, das kein Algorithmus ersetzen kann.
Bildungssprache als Gegenmittel. Wer über einen reichen Wortschatz verfügt, ist weniger anfällig dafür, den Standardstil der KI zu übernehmen. Bildungssprachliche Begriffe sind das Gegenteil von algorithmischem Durchschnitt: individuell, präzise, manchmal überraschend.
KI-Texte bewusst überarbeiten. Texte verbessern gehört ohnehin zur guten Praxis. Bei KI-generierten Entwürfen sollte man besonders auf typische Wendungen achten und sie eliminieren.
Sprache verändert sich, das war schon immer so. Aber zum ersten Mal in der Geschichte wird dieser Wandel von einer Maschine angetrieben, die schneller und flächendeckender wirkt als jeder einzelne Mensch. Das muss kein Grund zur Panik sein. Aber ein Grund, sich seiner eigenen Sprache bewusster zu werden.