Karthago – eine fast vergessene Supermacht der Antike

Karthago – eine fast vergessene Supermacht der Antike

Der Endgegner hieß Rom, mehr Pech brauchte Karthago nicht.

Die Karthager dominierten den Handel im westlichen Mittelmeer, als die Römer noch im Clinch mit ihren Nachbardörfern lagen. Ihre Flotte setzte jeden Rivalen unter Druck, ihr Handelsnetz reichte von den Britischen Inseln bis nach Westafrika. Die Stadt selbst hatte nach antiken Schätzungen bis zu 400.000 Einwohner. Trotzdem ist fast alles, was wir über Karthago wissen, von denen geschrieben worden, die es zerstört haben.

Was war Karthago wirklich?

Die Kurzfassung geht so: phönizische Kolonie, Handelsmacht, Gegner Roms, vernichtet. Das stimmt, aber es ist ungefähr so, als würde man die Geschichte der USA mit »englische Kolonie, Supermacht, Hamburger« zusammenfassen.

Karthago war eine phönizische Gründung an der nordafrikanischen Küste im heutigen Tunesien. Die Stadt wurde der Überlieferung nach 814 v. Chr. von Siedlern aus Tyros gegründet und stieg zu einer der mächtigsten See- und Handelsmetropolen des westlichen Mittelmeerraums auf.

Die Gründungslegende ist eine der besten der Antike. Elissa, auch Dido genannt, flieht aus Tyros, nachdem ihr Bruder König Pygmalion ihren Ehemann ermordet hat. Sie segelt mit einer Gruppe Getreuer nach Nordafrika und bittet den lokalen Herrscher um Land. So viel, wie eine Ochsenhaut bedecken könne. Der Herrscher willigt ein, vermutlich amüsiert. Elissa schneidet die Haut in hauchdünne Streifen und umspannt damit ein ganzes Gelände. Die Bibliothek von Alexandria hat die Geschichte überliefert, Vergil hat sie in der Aeneis verewigt.

Ob Elissa je gelebt hat, ist unklar. Die archäologischen Funde auf dem Byrsa-Hügel bestätigen eine Besiedlung ab dem 8. Jahrhundert v. Chr., was zur Legende passt. Aber phönizische Stadtgründungen folgten einem Muster. Man suchte geschützte Buchten an strategischen Küstenabschnitten. Karthago lag an einer Landenge zwischen zwei Meerbuchten, ideal für Hafen und Verteidigung. Die Gründung war womöglich weniger romantisch als die Legende, dafür umso planvoller.

Eine Stadt, gebaut auf Handel

Karthago war im Kern eine Handelsstadt. Kein Imperium im römischen Sinn, das Gebiete eroberte, um sie zu verwalten. Die Karthager sicherten Küstenstreifen, Häfen, Inseln. Was sie wollten, waren Routen und Märkte, nicht Provinzen.

Regiert wurde die Stadt nicht von Königen, sondern von zwei jährlich gewählten Sufeten, einer aristokratischen Ratsversammlung und einer Volksversammlung, die in strittigen Fragen das letzte Wort hatte. Aristoteles zählte die karthagische Verfassung zu den bestgeordneten, die er kannte, neben Sparta und Kreta. Was die Armee betrifft, war Karthago ein Sonderfall. Die Bürger selbst dienten selten, stattdessen stellte man Söldner aus Numidien, Iberien, Gallien, Griechenland und von den Balearen. Das machte die Truppen vielseitig und teuer, aber auch anfällig, sobald die Kasse leer war.

Das Handelsnetz war beeindruckend. Silber aus Spanien, Gold und Elfenbein aus Westafrika, Zinn von den Britischen Inseln, Getreide aus dem eigenen Hinterland, Purpur aus der phönizischen Tradition, dazu Wein, Öl, Fischkonserven und Keramik. Karthago produzierte und handelte beides: Luxusgüter und Grundnahrungsmittel. Die Stadt war Drehscheibe zwischen dem atlantischen und dem östlichen Mittelmeerraum.

Im 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. gehörte Karthago zu den reichsten Städten des Mittelmeerraums. Die Flotte dominierte die Seewege westlich von Sizilien. Wer dort Handel treiben wollte, tat es zu karthagischen Bedingungen oder gar nicht. Sardinien, Korsika, die Balearen, Teile Siziliens und der spanischen Küste gehörten zum Einflussgebiet.

Das war kein Zufall. Das war konsequent aufgebaute Seeherrschaft.

Hanno segelt bis ans Ende der Welt

Um 500 v. Chr. schickte Karthago einen Flottenkommandanten namens Hanno die westafrikanische Küste hinunter. Der Auftrag: neue Kolonien gründen und Handelsrouten erkunden. Der griechische Reisebericht, der Periplus, nennt 60 Schiffe und 30.000 Siedler. Das sind Zahlen mit dem üblichen antiken Hang zur Rundung, also eher Größenordnung als Buchhaltung. Das punische Original war angeblich im Tempel des Baal Hammon in Karthago eingemeißelt.

Hanno beschreibt Vulkane, die nachts Feuer spucken, Krokodile, Flusspferde und eine Begegnung mit behaarten »wilden Menschen«, die seine Dolmetscher »Gorillai« nannten. Wie weit er tatsächlich kam, ist umstritten. Manche Forscher vermuten den Golf von Guinea, andere halten den Senegal für die Umkehrmarke. Fest steht, dass erst portugiesische Seefahrer im 15. Jahrhundert wieder systematisch diese Küsten anliefen. Über tausend Jahre lang blieb Hannos Expedition die weiteste dokumentierte Reise entlang der afrikanischen Westküste.

Dass Karthago solche Unternehmungen finanzierte, zeigt, wie weit der Horizont dieser Stadt reichte. Rom baute Straßen. Karthago baute Schiffe.

Haben die Karthager Kinder geopfert?

Es ist die Frage, die bei Karthago immer kommt. Und die Antwort ist weniger eindeutig, als die meisten Darstellungen vermuten lassen.

Römische und griechische Autoren wie Diodor und Plutarch berichten, die Karthager hätten dem Gott Baal Hammon Kinder geopfert, indem sie sie in die Arme einer glühenden Bronzestatue legten. Die Schilderungen sind drastisch, detailreich und über Jahrhunderte kaum hinterfragt worden. Im christlichen Mittelalter verschmolz Baal Hammon mit der biblischen Gestalt des Moloch, der in Flauberts Roman »Salammbô« (1862) literarisch groß wurde und bis heute das Bild vom blutrünstigen Karthago prägt.

Dann kamen die Archäologen.

In Karthago und anderen punischen Städten fanden sie sogenannte Tophets, umfriedete Bezirke voller Urnen mit verbrannten Knochen von Kleinkindern und Tieren. Lange galt das als Beweis für die Opferpraxis. Eine Forschergruppe um den Anthropologen Jeffrey Schwartz von der University of Pittsburgh untersuchte 540 Skelette und kam zu einem anderen Ergebnis. Die meisten Kinder hatten ihren ersten Geburtstag nicht erlebt. Rund 20 Prozent waren Totgeburten. Das Geschlechterverhältnis entsprach dem natürlichen (38 von 70 waren Mädchen). Es sah eher nach einem Friedhof für Säuglinge aus, nicht nach einer Opferstätte.

Die Gegenposition hat allerdings einen breiten Rückhalt in der Fachwelt. Eine Oxforder Forschergruppe um Josephine Quinn hielt nach eigener Untersuchung der Tophet-Reste an der Opferthese fest, gestützt auf Inschriften aus dem 4. bis 1. Jahrhundert v. Chr., die Gelübde und Opfergaben an Baal Hammon erwähnen. Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen: ein Bestattungsort für früh verstorbene Kinder, an dem in Einzelfällen auch geopfert wurde, vielleicht in Krisenzeiten. Die Debatte läuft weiter.

Was plausibel erscheint: Die römischen Berichte sind übertrieben, womöglich gezielt. Wer seinen Feind als Kindermörder darstellt, muss dessen Vernichtung nicht mehr rechtfertigen. Die Propaganda des Siegers hat hier zweieinhalb Jahrtausende überlebt.

Drei Kriege, ein Ergebnis

Die Punischen Kriege (264 bis 146 v. Chr.) waren der Kampf um die Vorherrschaft im westlichen Mittelmeer. Drei Kriege, verteilt über mehr als ein Jahrhundert. Im ersten ging es um Sizilien. Im zweiten überquerte Hannibal die Alpen und vernichtete eine römische Armee bei Cannae so gründlich, dass der Senat angeblich die Ringe der gefallenen Ritter in Scheffelkörben nach Karthago geschickt bekam. Der dritte war im Kern ein Vernichtungsfeldzug.

146 v. Chr. belagerte Rom Karthago zum letzten Mal. Die Stadt, die vertragsgemäß ihre Waffen abgegeben hatte, wehrte sich trotzdem drei Jahre lang. Frauen schnitten sich die Haare ab, um Bogensehnen daraus zu flechten. Am Ende fielen von geschätzten 500.000 Einwohnern nur 50.000 in die Hände der Römer. Sie wurden als Sklaven verkauft. Die Stadt brannte sechs Tage lang.

Dass die Römer das Gelände anschließend mit Salz bestreut hätten, damit nie wieder etwas wachse, ist vermutlich eine spätere Zutat. Nachgewiesen ist es nicht. Was nachgewiesen ist: Rom machte das Gebiet zur Provinz Africa und tilgte Karthago so gründlich, dass spätere Generationen die Stadt fast nur noch aus römischen Quellen kannten.

Die Punischen Kriege waren drei militärische Konflikte zwischen Rom und Karthago (264 bis 146 v. Chr.), die mit der vollständigen Zerstörung Karthagos endeten und Rom zur dominierenden Macht im gesamten Mittelmeerraum machten.

Etwa hundert Jahre später ließ ausgerechnet Caesar eine neue römische Stadt auf dem alten Gelände errichten. Im 2. Jahrhundert n. Chr. hatte dieses neue Karthago wieder 300.000 Einwohner und war die viertgrößte Stadt im Römischen Reich, hinter Rom, Alexandria und Antiochia. Die Lage war schlicht zu gut, um sie nicht zu nutzen.

Was wäre, wenn Hannibal gewonnen hätte?

Es ist die Lieblingsfrage aller Kontrafaktiker. Nach Cannae 216 v. Chr. stand Hannibal in Italien, Rom hatte fast eine ganze Generation seiner Elite verloren, die Bundesgenossen wankten. Wäre er direkt auf Rom marschiert, hätte er die Stadt womöglich genommen. Er tat es nicht, vermutlich weil ihm die Belagerungstruppen und der Nachschub fehlten.

Hätte Karthago gewonnen, wäre das westliche Mittelmeer eine karthagische Einflusszone geblieben, vielleicht für Jahrhunderte. Kein lateinisches Weltreich, kein römisches Recht als Grundlage europäischer Verfassungen, keine Lingua Franca aus dem Lateinischen. Stattdessen womöglich ein loses System von Handelsstützpunkten mit punischem Einschlag, phönizischer Schrift und einer Kultur, die den Mittelmeerraum mehr mit Afrika und dem Vorderen Orient verwoben hätte als mit dem europäischen Norden. Das ist Spekulation, aber es zeigt, wie sehr ein einziger Krieg die Richtung der europäischen Geschichte bestimmt hat.

Was von Karthago übrig blieb

Relativ wenig, jedenfalls physisch. Die UNESCO hat die archäologische Stätte 1979 zum Weltkulturerbe erklärt, aber was man heute in den Vororten von Tunis besichtigen kann, sind überwiegend römische Überreste. Das punische Karthago liegt darunter, fragmentarisch, oft nur als Fundament erkennbar.

Literatur gab es durchaus. Der Agrarschriftsteller Mago verfasste ein 28-bändiges Werk über Landwirtschaft, das der römische Senat nach der Eroberung eigens ins Lateinische übersetzen ließ, während er die übrigen Bibliotheken Karthagos den verbündeten numidischen Königen überließ. Vom punischen Schrifttum ist praktisch nichts erhalten, nur Fragmente, Inschriften, Zitate bei griechischen und römischen Autoren. Alles, was wir zusammenhängend über Karthago lesen, haben seine Feinde geschrieben. Das ist, als würde man die Geschichte der Sowjetunion ausschließlich aus CIA-Akten rekonstruieren. Die Fakten stimmen teilweise, die Perspektive nicht.

Was wir wissen: Karthago war eine Stadt, die ihren Wohlstand nicht durch Eroberung, sondern durch Handel aufbaute. Die gefährlichste Rivalin Roms, nicht weil sie besonders kriegslüstern war, sondern weil sie etwas kontrollierte, das Rom haben wollte: das Meer. Eine Zivilisation, die Expeditionen bis nach Westafrika schickte, während Rom noch mit der Unterwerfung Mittelitaliens beschäftigt war.

Dass wir so wenig über Karthago wissen, liegt nicht daran, dass es wenig zu wissen gäbe. Es liegt daran, dass der Sieger die Geschichte schrieb. Und wer gewinnt, hat selten ein Interesse daran, den Verlierer differenziert zu beschreiben. In Deutschland weiß man das. (lk)

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Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage

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