Killt der KI-Agent die Plattformen und wird dann selber eine?

Killt der KI-Agent die Plattformen und wird dann selber eine?

Du suchst eine Wohnung. Suchauftrag bei Immoscout, Suchauftrag bei Immowelt, Kleinanzeigen im Stundentakt. Die Mail kommt um 14:02 Uhr, du klickst um 14:11 Uhr, das Inserat ist schon deaktiviert. Deine Anfrage ist eine von dreihundert. Und das beste Angebot stand ohnehin woanders, auf der Seite eines Maklers, den kein Portal kennt.

Das Internet hat dieses Problem nie wirklich gelöst, es hat eine Mittlerschicht darübergelegt. Immoscout bei Wohnungen, Booking bei Hotels, Lieferando bei Pizza, Doctolib bei Ärzten. Alle versprechen Komfort, alle leben davon, dass sie zwischen dir und dem eigentlichen Anbieter stehen. Die Provision zahlt offiziell der Anbieter. Aber am Ende kommt sie von dir.

Diese Schicht beginnt 2026 zu wackeln. Nicht weil die Aggregatoren etwas falsch machen, sondern weil ihre Existenzberechtigung schwindet.

Was Aggregatoren wirklich verkauft haben

Booking, Lieferando, Immoscout, Doctolib, Skyscanner, Immowelt. Sie haben unterschiedliche Geschäfte, aber dieselbe Grundlogik. Sie sammeln Informationen, die sonst über hundert Websites verstreut wären, und bündeln sie an einem Ort. Dafür kassieren sie von beiden Seiten. Vom Anbieter eine Provision, oft 15 bis 30 Prozent. Vom Nutzer Aufmerksamkeit, Daten und manchmal Servicegebühren.

KI-Agenten sind Programme, die im Auftrag des Nutzers handeln, statt nur zu antworten. Sie können planen, recherchieren, Formulare ausfüllen, Termine vereinbaren und in Zukunft auch bezahlen. Im Unterschied zum klassischen Chatbot agieren sie selbständig im Hintergrund, oft über mehrere Schritte und Dienste hinweg.

Das Versprechen war Komfort. Du musst nicht mehr fünfzig Hotelseiten abklappern, du gibst Stadt und Datum ein, fertig. In Wahrheit war es Aggregation, und die war nur deshalb wertvoll, weil sie ein menschliches Engpassproblem löste. Niemand hat die Zeit, fünfzig grundverschiedene Websites mit eigener Logik manuell zu durchforsten.

Was dabei stillschweigend mitgeliefert wird, fällt erst auf, wenn man es weiß. Booking sortiert nach eigener Provision, nicht nach dem besten Hotel für dich. Lieferando rankt Restaurants nach Vereinbarung, nicht nach Qualität. Immoscout zeigt Premium-Inserate oben, weil sie Premium gezahlt haben. Diese Plattformen sind nicht neutral. Sie sind im Kern Verkaufsmaschinen, die dem Schein nach für dich arbeiten, in Wahrheit aber für die Marge.

Solange du selbst suchen musst, hast du keine Wahl. Du bist auf den Aggregator angewiesen, weil die Alternative zu mühsam ist. Genau dieser Engpass löst sich gerade auf.

Was ein eigener KI-Agent anders macht

Ein KI-Agent, der dir gehört, hat kein Interesse daran, dass ein bestimmtes Hotel besser rankt. Er bekommt keine Provision von Booking, keine Werbung von Lieferando, kein Premium-Geld von Immoscout. Er hat genau einen Auftrag, und der lautet, im Sinn des Nutzers zu handeln. Vorausgesetzt, er gehört dir wirklich, und nicht dem Unternehmen, das ihn betreibt. Darauf kommen wir zurück.

Praktisch heißt das, der Agent durchsucht das offene Netz statt nur die Plattformen. Er liest Inserate auf Maklerseiten, in Facebook-Gruppen, auf privaten Homepages. Er gleicht Preise zwischen direkter Hotelbuchung und Plattform ab. Er ruft bei Praxen an, wenn keine Online-Buchung existiert. Was vorher unrealistisch war, weil ein Mensch die Zeit nicht hat, wird trivial, sobald ein Agent es übernimmt.

Das ist nicht Theorie. Google hat auf der I/O im Mai 2026 die Informations-Agenten für die Suche angekündigt, und das offizielle Beispiel war genau das Szenario vom Anfang, die Wohnungssuche. Der Agent läuft im Hintergrund, durchsucht das Netz 24 Stunden am Tag und meldet sich, sobald eine passende Wohnung irgendwo veröffentlicht wird. Egal ob bei einem großen Portal, auf einer Makler-Website oder in einem Forum.

Die nächste Stufe heißt agentic booking. Der Agent findet nicht nur, er handelt auch. Reserviert das Zimmer, vereinbart den Termin, bestellt das Essen. Google hat dafür zwei offene Standards gebaut, an denen die halbe Branche mitarbeitet.

Die technischen Bausteine im Überblick
StandardFunktionPartner
AP2Agent Payments Protocol, sichere Bezahlung durch AgentenGoogle Cloud, Mastercard, Visa, American Express, PayPal, Adyen, Coinbase (60+ Partner)
UCPUniversal Commerce Protocol, standardisierter Handel zwischen Agent und HändlerShopify, Etsy, Target, Walmart, Wayfair
A2AAgent2Agent Protocol, Kommunikation zwischen AgentenGoogle, seit April 2025
MCPModel Context Protocol, Anbindung von Agenten an externe WerkzeugeAnthropic, von Google und OpenAI unterstützt

Der Hausarzt-Termin als Härtefall

Wohnungen stehen wenigstens im Netz. Der Härtefall ist der Arzttermin. Du brauchst einen Hausarzt, rufst an, kommst in die Warteschleife, wirst nach drei Minuten weggedrückt. Die Praxis mit freien Terminen hat keine Online-Buchung, die mit Online-Buchung hat frühestens in vier Monaten etwas frei.

Ein Agent, der für dich arbeitet, klappert nicht eine Praxis nach der anderen ab. Er fragt zwanzig parallel an. Er bedient mehrere Wartelisten gleichzeitig, überwacht freie Slots, reagiert in Sekunden auf Absagen. Wenn die Praxis ein Online-Formular hat, füllt er es aus. Wenn nur Telefon geht, ruft er an, jedenfalls wird er das in absehbarer Zeit verlässlich tun.

Google Duplex zeigt seit 2018, dass Telefonanrufe durch KI funktionieren. In den USA reserviert Duplex seit Jahren Tische in Restaurants, die Stimme ist von echten Anrufen kaum zu unterscheiden. Mit den heutigen Sprachmodellen wird das nicht schlechter, sondern besser. Ein Agent, der für dich Termine macht, ist technisch keine Zukunftsmusik mehr.

Der Unterschied zu Doctolib ist fundamental. Doctolib zeigt dir die Praxen, die zahlen. Dein Agent zeigt dir die Praxen, die einen Termin frei haben. Doctolib wartet, dass du klickst. Dein Agent ruft selbst an. Doctolib endet, wenn der Termin steht. Dein Agent prüft eine Woche später, ob bei einer besseren Praxis kurzfristig etwas frei wird, und schichtet um, wenn du das vorher genehmigt hast.

Was vom Aggregator übrig bleibt, ist die Datenbank. Und die ist plötzlich nicht mehr exklusiv.

Welche Branchen das trifft

Die Logik gilt überall, wo ein Aggregator zwischen Suchendem und Anbieter sitzt. Das ist eine lange Liste.

Wer Aggregator ist, was der Agent direkt kann, was übrig bleibt
BrancheAggregatorWas der Agent direkt kannWas bleibt
WohnungssucheImmoscout, Immowelt, KleinanzeigenInserate direkt scannen, Makler kontaktieren, Besichtigungen koordinierenIdentitätsprüfung, Schufa, Schutz vor Scammern
HotelbuchungBooking, Expedia, HRSPension-Websites lesen, Preise vergleichen, direkt buchenBewertungssammlung, Streitfall-Mediation
Essen bestellenLieferando, Uber Eats, WoltRestaurant-Speisekarten lesen, direkt bestellen, einzelnen Kurier buchenLogistikflotte (für Restaurants ohne Fahrer)
ArztterminDoctolib, jamedaPraxen parallel anfragen, Wartelisten managen, telefonisch buchenBewertungsplattform, ärztliche Verzeichnisse
FlugbuchungSkyscanner, Opodo, KayakDirekt bei Airlines suchen, Codeshares aufspüren, kombinierenTarif-Erklärung, Reiseversicherung
VersicherungswechselCheck24, VerivoxBei Versicherern direkt anfragen, Konditionen vergleichenSchadensabwicklung, Beratung in Spezialfällen
HandwerkerMyHammer, AroundhomeLokale Betriebe finden, Termine anfragen, Angebote einholenBewertung, Vertragsabwicklung
TicketsEventim, TicketmasterDirekt beim Veranstalter kaufen, sobald offene Standards existierenSekundärmarkt, Garantien

Was auffällt. In keiner einzigen Spalte »Was bleibt« steht die Vermittlung selbst. Was bleibt, sind Vertrauensfunktionen, Logistik und Schadensabwicklung. Das ist deutlich weniger, als die Aggregatoren heute leisten. Und es trägt nicht die heutigen Bewertungen.

Warum die Plattformen sich nicht einfach wehren können

Die naheliegende Verteidigung ist Daten zumauern. Wenn die Agenten nicht reinkommen, sehen sie nichts. Genau das versuchen einige Portale schon, indem sie ihre Inserate hinter Logins legen oder Crawler aussperren.

Das funktioniert nur kurz. Sobald der Agent das offene Netz durchsucht und dort findet, was er braucht, wird das Aussperren der Plattform zum Eigentor. Wer als Hotel oder Praxis nicht im Booking-Index ist, aber auf der eigenen Homepage gefunden wird, hat keinen Grund mehr, die Provision zu zahlen. Hotels und Pensionen blicken auf 15 bis 25 Prozent Booking-Provision pro Buchung, Restaurants auf vergleichbare Sätze bei Lieferando. Wenn der Direktkanal funktioniert, sei es über die eigene Website oder eine offene Schnittstelle, fließt das Geld dorthin.

Die zweite Verteidigung ist Vertrauen. Plattformen behaupten, sie filtern Fakes, sie verifizieren, sie schlichten Streit. Stimmt teilweise. Aber das ist eine spezifische Funktion, keine Lebensgrundlage für ein Milliardengeschäft. Eine Verifizierungsstelle braucht keine 25 Prozent Provision auf jede Buchung.

Die dritte Verteidigung ist Bequemlichkeit. Solange das Buchen über die App schneller geht, bleibt die App. Genau diese Bequemlichkeit ist das, was der Agent abräumt. Eine einzige Konversation, der Rest läuft im Hintergrund. Das ist nicht bequemer als Booking, es ist eine andere Liga.

Wo es haken wird

Es wäre fragwürdig, das Bild zu glatt zu zeichnen. Drei Punkte trüben die Sache.

Walled Gardens. Facebook, Instagram, X. Geschlossene Systeme, die Inhalte hinter Login-Wänden halten. Ein Agent kann sie nicht ohne Weiteres durchsuchen, jedenfalls nicht ohne dass er sich als Nutzer einloggt. Das macht Wohnungsangebote in privaten Facebook-Gruppen schwerer zugänglich, als es klingen müsste. Walled Gardens werden zur eigentlichen Bremse, nicht die alten Aggregatoren.

Plattformen, die ihr Angebot selbst erzeugen. Airbnb ist der Fall, an dem die These an ihre Grenze stößt. Den privaten Gastgeber gibt es ohne die Plattform gar nicht, keine eigene Homepage, keine Identität, die der Agent woanders fände. Selbst wenn der Gastgeber künftig auch KI nutzt und maschinenlesbar wird, fällt nur die Auffindbarkeit. Was bleibt, ist die Treuhand. Zwei Fremde, die sich nie begegnen, brauchen jemanden, der das Geld hält, bis die Leistung erbracht ist, und der bürgt, dass die Wohnung existiert. Das kann ein Agent theoretisch auch, AP2 ist dafür gebaut. Nur fehlt das Vertrauen. Niemand gibt seinem Chatbot die Kaution in die Hand und hofft, dass er sie beim Ärger zurückholt. Der Agent zerlegt den Aggregator also in seine Teile, das Bündeln fällt, das Bürgen bleibt.

Vertrauen und Verifizierung. Wenn jeder Direktanbieter im offenen Netz Termine vergibt, wird der Markt anfälliger für Betrug. Eine KI kann Fakes erkennen, das beherrschen die Modelle inzwischen. Aber sie kann nicht garantieren, dass die Pension wirklich existiert, der Arzt wirklich Arzt ist, das Auto wirklich gehört wem es soll. Hier braucht es Verifizierungsdienste, die womöglich erst noch entstehen müssen.

Konzentration. Es gibt nicht hundert Agenten-Anbieter. Es gibt OpenAI und Google, eine Hand voll kleinere. Wenn der Agent zur neuen Vermittlerschicht wird, ist die Frage berechtigt, ob das Spiel nicht einfach neu beginnt, nur mit anderen Spielern. Google hat AP2 und UCP zwar als offene Standards angelegt, an die FIDO Alliance gespendet, weltweit abgestützt durch Mastercard, Visa und Co. Das ist seriös. Aber wer den besten Agenten baut, hat trotzdem Macht.

Was OpenAI mit seinem intern »Aria« genannten Umbau von ChatGPT gerade vorbereitet, scheint dem hier Gesagten zunächst zu widersprechen. Zu den ersten Partnern zählen ausgerechnet Booking und Expedia, also die Aggregatoren von oben. Der Agent räumt sie nicht weg, er holt sie als Partner herein. Womöglich ist das ein taktischer Burgfrieden, der die Datenhalter nicht gleich am ersten Tag zum Gegner macht. Womöglich ist es der Beweis, dass die Schicht nicht verschwindet, sondern bloß den Besitzer wechselt.

Beide Lesarten führen an dieselbe Stelle. Wenn Booking Partner im Agenten ist, verdient Booking weiter mit. Und wer immer den Agenten betreibt, verdient obendrauf. Aus einer Provision werden zwei. Genau das kann der Nutzer nicht wollen, denn der ganze Sinn des eigenen Agenten war, die Mittler loszuwerden, nicht einen zweiten über den ersten zu setzen. Dann säße am Ende nicht mehr Booking zwischen dir und dem Hotel, sondern OpenAI zwischen dir und Booking.

Was das für Nutzer bedeutet

Vieles wird einfacher, manches teurer, einiges unsicherer. Die einfache Hotelbuchung ohne Kommission ist plausibel, die Wohnung, die der Agent vor allen anderen findet, auch. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an dich, weil du dem Agenten vertrauen können musst und ihm Vollmachten gibst, die du keinem Menschen geben würdest.

Wer in den nächsten Jahren mit KI-Agenten arbeitet, gewinnt einen Vorteil, den die heutigen Aggregatoren nicht mehr bieten können. Nämlich einen, der wirklich nur deine Interessen verfolgt. Solange das stimmt, ist es das größte Geschenk an die Nutzerseite seit dem Internet selbst. Sobald es nicht mehr stimmt, war es bloß der nächste Mittler, nur mit besserer Tarnung.

Bis dahin gilt der Satz, der in der Branche gerade die Runde macht. Konsequent zu Ende gedacht, machen Agenten nicht nur Apps überflüssig, sondern die ganze Vermittlerschicht. Und vielleicht eines Tages auch sich selbst. Oder den Nutzer, wer weiß … (lk).

Sven Lennartz Avatar

Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage

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