35 Eponyme – wenn Personen zu Wörtern werden

Eponyme, Wörter die sich von Personen ableiten

Eponyme sind Wörter, die sich von Personennamen ableiten. Diesel, Boykott, Guillotine, Röntgen. Jeder kennt diese Begriffe, kaum jemand denkt noch an die Menschen dahinter. Genau das macht ein gutes Eponym aus: Der Name verschwindet, das Wort bleibt.

Technisch betrachtet sind Eponyme eine Untergruppe der Deonyme. Deonyme sind alle Wörter, die von Eigennamen abstammen, also auch von Orten oder Marken. Beim Eponym ist es immer eine Person. Rudolf Diesel erfand den Motor, und der Motor überlebte den Namen. Louis Braille entwickelte eine Blindenschrift, die heute weltweit nach ihm heißt. Der Earl of Sandwich legte Fleisch zwischen zwei Brotscheiben und wurde unsterblich. Zumindest kulinarisch.

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Das Phänomen ist häufiger, als man denkt. Abertausende Pflanzen sind nach Menschen benannt, ebenso zahllose Maßeinheiten. Die folgende Liste konzentriert sich auf Eponyme, die im Deutschen als bildungssprachliche Begriffe gelten oder zumindest allgemein bekannt sind.

Liste bekannter Eponyme

Diese Begriffe zeigen, dass einzelne Menschen einen derart prägenden Einfluss haben können, dass ihr Name zum Gattungsbegriff wird. Die Liste ist nicht vollständig, aber sie deckt die wichtigsten Fälle ab.

  1. Algorithmus (nach al-Chwarizmi) – eine eindeutige Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems. Der Name geht auf den persischen Mathematiker Muhammad ibn Musa al-Chwarizmi zurück, der im 9. Jahrhundert in Bagdad wirkte. Aus seinem latinisierten Namen wurde »algorismus«, später Algorithmus. Heute einer der zentralen Begriffe der Informatik.
  2. Ampere (nach André-Marie Ampère) – die Einheit der elektrischen Stromstärke. Ampère war ein französischer Physiker und Mathematiker, der die Grundlagen der Elektrodynamik legte. Seit 1881 internationale Maßeinheit.
  3. Boykott (nach Charles Boycott) – die kollektive Weigerung, mit jemandem geschäftlich oder gesellschaftlich zu verkehren. Captain Boycott war ein irischer Gutsverwalter, den seine Pächter 1880 systematisch isolierten.
  4. Bowlerhut (nach William und Thomas Bowler) – der runde, steife Hut, der eigentlich für Wildhüter entworfen wurde und dann die Londoner City eroberte.
  5. Bowiemesser (nach James Bowie) – ein großes Jagdmesser. Bowie war ein amerikanischer Pionier, der mit dieser Klinge berühmt und berüchtigt wurde.
  6. Braille (nach Louis Braille) – ein Schriftsystem aus erhabenen Punkten, das Blinden das Lesen ermöglicht. Braille war selbst blind und entwickelte das System als Jugendlicher.
  7. Celsius (nach Anders Celsius) – die Temperaturskala, bei der Wasser bei 0 Grad gefriert und bei 100 Grad siedet. Celsius war schwedischer Astronom. Seine Originalskala war übrigens umgekehrt: 0 Grad für den Siedepunkt, 100 für den Gefrierpunkt. Das wurde nach seinem Tod korrigiert.
  8. Chauvinismus (nach Nicolas Chauvin) – übertriebener, aggressiver Nationalismus oder Parteilichkeit. Ob Chauvin tatsächlich existierte, ist nicht gesichert. Womöglich reichte die Figur aus.
  9. Colt (nach Samuel Colt) – ursprünglich ein Revolver der Firma Colt’s Patent Fire-Arms, heute ein Sammelbegriff für bestimmte Handfeuerwaffen.
  10. Dahlie (nach Anders Dahl) – eine Blumengattung, benannt nach dem schwedischen Botaniker.
  11. Darwinismus (nach Charles Darwin) – die Theorie der natürlichen Auslese als Motor der Evolution. Der Begriff wird auch polemisch verwendet, was Darwin womöglich nicht gefallen hätte.
  12. Diesel (nach Rudolf Diesel) – sowohl der Kraftstoff als auch der Motor, der ihn verbrennt. Eines der bekanntesten Eponyme überhaupt.
  13. Dolby (nach Ray Dolby) – ein System zur Rauschunterdrückung bei Audioaufnahmen, das den Klang von Kassetten und Kinos revolutionierte.
  14. Galvanisierung (nach Luigi Galvani) – das Überziehen von Metall mit einer Schutzschicht durch elektrischen Strom. Galvani entdeckte die elektrische Stimulation von Froschschenkeln.
  15. Guillotine (nach Joseph-Ignace Guillotin) – das Fallbeil zur Hinrichtung. Guillotin wollte damit die Todesstrafe humaner machen. Ein fragwürdiges Vermächtnis.
  16. Jacuzzi (nach den sieben Jacuzzi-Brüdern) – ein Whirlpool. Die Brüder waren italienische Einwanderer in den USA und begannen mit Flugzeugpropellern, nicht mit Badewannen.
  17. Kafkaesk (nach Franz Kafka) – etwas Surreales, Bedrückendes, Bürokratisch-Absurdes. Eines der wenigen Adjektive, die von einem Schriftsteller abgeleitet sind und tatsächlich im Alltag funktionieren.
  18. Litfaßsäule (nach Ernst Litfaß) – die runde Werbesäule im Straßenbild, 1854 in Berlin aufgestellt. Litfaß war Drucker und Verleger.
  19. Lynchen (nach Charles Lynch) – eine Hinrichtung ohne ordentliches Gerichtsverfahren, ausgeführt von einer aufgebrachten Menge.
  20. Machiavellismus (nach Niccolò Machiavelli) – skrupellose, machtorientierte Politik ohne moralische Rücksichten. Machiavelli beschrieb in Der Fürst, wie Herrscher Macht gewinnen und halten. Er analysierte, was funktioniert. Dass man ihm das bis heute übel nimmt, sagt im Kern mehr über die Leser als über den Autor.
  21. Mäzen (nach Gaius Maecenas) – ein wohlhabender Förderer von Kunst und Kultur. Maecenas war ein römischer Staatsmann, der Dichter wie Vergil und Horaz unterstützte. Eines der ältesten Eponyme, das wir im Deutschen verwenden.
  22. Mentor (nach Mentor aus der Odyssee) – ein erfahrener Berater und Förderer. In Homers Epos war Mentor der Freund des Odysseus, der dessen Sohn Telemachos betreute. Eigentlich war es die Göttin Athene in Mentors Gestalt, die den Jungen lenkte. Der menschliche Mentor war eher unauffällig.
  23. Odyssee (nach Odysseus) – eine lange, abenteuerliche Irrfahrt. Heute eines der produktivsten Eponyme der griechischen Mythologie.
  24. Pasteurisierung (nach Louis Pasteur) – ein Verfahren zur Erhitzung von Flüssigkeiten, das Keime abtötet, ohne den Geschmack zu zerstören.
  25. Röntgenstrahlen (nach Wilhelm Conrad Röntgen) – elektromagnetische Strahlung, die Materie durchdringt. Röntgen erhielt dafür 1901 den ersten Nobelpreis für Physik.
  26. Sachertorte (nach Franz Sacher) – die berühmte Wiener Schokoladentorte mit Marillenmarmelade. Sacher war 16, als er sie erfand.
  27. Sandwich (nach John Montagu, 4. Earl of Sandwich) – Brot, Belag, Brot. Der Earl soll so spielsüchtig gewesen sein, dass er den Kartentisch nicht verlassen wollte.
  28. Saxophon (nach Adolphe Sax) – das Holzblasinstrument aus Metall, 1846 patentiert. Sax war Belgier, das Instrument wurde in Frankreich populär.
  29. Shrapnell (nach Henry Shrapnel) – ein Artilleriegeschoss, das beim Aufprall Metallsplitter verstreut. Shrapnel war britischer Offizier.
  30. Silhouette (nach Étienne de Silhouette) – ein schwarzes Umrissbild. Silhouette war ein sparsamer französischer Finanzminister, und die billigen Schattenrisse wurden nach ihm benannt. Nicht als Kompliment.
  31. Stetson (nach John B. Stetson) – der Cowboyhut. Stetson stellte den ersten während des Goldrausches her.
  32. Teddybär (nach Theodore »Teddy« Roosevelt) – der Stoffbär, benannt nach dem US-Präsidenten, der sich bei einer Jagd weigerte, einen angebundenen Bären zu erschießen.
  33. Watt (nach James Watt) – die Einheit der Leistung. Watt war ein schottischer Ingenieur, der die Dampfmaschine entscheidend verbesserte. Ohne ihn hätte die Industrielle Revolution langsamer angefangen. Plausibel zumindest.
  34. Weckglas (nach Johann Carl Weck) – das Einmachglas. Weck popularisierte das System zur Konservierung von Lebensmitteln, »einwecken« wurde zum Verb.
  35. Zeppelin (nach Ferdinand von Zeppelin) – das starre Luftschiff. Zeppelin war ein württembergischer General, der seine Pension in fliegende Zigarren investierte.

Was Eponyme über Sprache verraten

Nicht jeder Erfinder schafft es ins Wörterbuch. Damit ein Name zum Eponym wird, braucht es mehr als eine Erfindung. Das Wort muss eine Lücke füllen, einfach aussprechbar sein und sich von der Person lösen können. »Diesel« funktioniert als Wort. »Berners-Lee« für das World Wide Web eher nicht.

Auffällig ist, wie viele Eponyme aus dem 19. Jahrhundert stammen. Es war die Ära der Erfinder und Entdecker, der Patente und Weltausstellungen. Namen wurden zu Marken, Marken zu Begriffen. Heute passiert das seltener, weil Erfindungen häufiger von Teams und Unternehmen kommen als von Einzelpersonen. Das Eponym braucht ein Gesicht. Und einen Namen, den man sich merken kann.

Wer seinen Wortschatz pflegt, stößt auf Eponyme, ohne es zu merken. Sie sind überall. In der Küche, im Krankenhaus, im Konzertsaal, auf der Straße. Die Personen sind längst vergessen. Die Wörter nicht.

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Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage