Fremdwörter für Fortgeschrittene: 57 Begriffe, die dich fordern

Fremdwörter für Fortgeschrittene: 57 Begriffe, die dich fordern

Diese Wörter gehören nicht zum bildungssprachlichen Kanon, könnten es aber. Sie sind mir allesamt in Texten begegnet, ihre Bedeutung musste ich des Öfteren nachschlagen, denn zum Teil sind sie selten. Aber das macht sie nur noch interessanter. Und hoffentlich für dich umso nützlicher.

Manche dieser Wörter mögen exotisch erscheinen, andere dagegen wirken vertraut, sind aber in ihrer Bedeutung spezifisch und ungewöhnlich. Sie fordern uns als Leser heraus, zwingen uns dazu, uns mehr mit der Sprache auseinanderzusetzen und ihren Reichtum zu erkunden.

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In einer Zeit, in der Kommunikation so rasch und oft oberflächlich verläuft, können Fremdwörter ein Mittel sein, um Tiefe und Komplexität in das geschriebene Wort zu bringen. Sie regen dazu an, innezuhalten, nachzudenken und vielleicht sogar ein Wörterbuch zur Hand zu nehmen.

Die Liste

Alphabetisch sortiert, ansonsten nach dem Prinzip Zufall gesammelt.

  1. adaptieren – anpassen, abändern. Häufig im kulturellen Kontext: Ein Roman wird für die Bühne adaptiert, eine Strategie an neue Gegebenheiten.
  2. aggregieren – zusammenführen, ansammeln. In der Statistik und Wirtschaft gebräuchlich, wenn Einzeldaten zu einem Gesamtbild verdichtet werden.
  3. alternierend – abwechselnd, im Wechsel aufeinanderfolgend. Zwei Schauspieler besetzen alternierend dieselbe Rolle.
  4. Allotria – Nichtigkeiten, Unsinn. Wer Allotria treibt, macht Unfug statt sich der eigentlichen Sache zu widmen.
  5. Arbitrage – der gleichzeitige Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder Währungen zur Ausnutzung von Preisunterschieden. Ein zentraler Begriff der Finanzwelt.
  6. Attentismus – abwartende Haltung. Wer Attentismus betreibt, zögert bewusst, um den günstigsten Moment abzupassen.
  7. Causa – Angelegenheit, Fall. Im Journalismus beliebt, um einen Skandal oder eine Affäre knapp zu benennen: die Causa Wulff, die Causa Wirecard.
  8. deduktiv – auf Deduktion basierend, also vom Allgemeinen auf das Besondere schließend. Das Gegenteil: induktiv.
  9. Dekonstruktion – ein philosophischer Ansatz, der Texte oder Konzepte in ihre Bestandteile zerlegt, um verborgene Annahmen offenzulegen. Geprägt von Jacques Derrida.
  10. delektabel – lieblich, köstlich. Ein seltenes Wort für alles, was den Gaumen oder den Geist erfreut.
  11. dekretiert – per Dekret verordnet, von oben angeordnet. Wer dekretiert, entscheidet ohne längere Diskussion.
  12. Differenzierbarkeit – die Eigenschaft einer Funktion, die abgeleitet werden kann. Ein mathematischer Fachbegriff, der gelegentlich auch übertragen verwendet wird.
  13. Exkuse – Entschuldigung. Veraltet und selten, aber gerade deshalb reizvoll.
  14. Exkursion – Ausflug, Erkundung. Meist eine Lehrveranstaltung außerhalb des Hörsaals, bei der ein Thema vor Ort studiert wird.
  15. Externa – externe Faktoren, äußere Umstände. Was von außen auf ein System einwirkt, ohne dazuzugehören.
  16. formalistisch – streng nach Form oder Regeln vorgehend, oft auf Kosten des Inhalts. Wer formalistisch argumentiert, klammert sich an Vorschriften.
  17. fungieren – als etwas wirken, eine Funktion ausüben. Der Sprecher fungiert als Vermittler zwischen den Parteien.
  18. hierarchisch – nach Rangordnung gegliedert. Hierarchische Strukturen finden sich in Unternehmen, Armeen und Kirchen gleichermaßen.
  19. Hegemonie – Vorherrschaft, dominierender Einfluss. Oft in der politischen Analyse: kulturelle, wirtschaftliche oder militärische Hegemonie.
  20. ikonoklastisch – bilderstürmerisch, radikal mit Traditionen brechend. Ursprünglich bezogen auf die Zerstörung religiöser Bilder, heute übertragen auf jede Art von Tabubruch.
  21. Imitatio – Nachahmung. In der Rhetorik und Literaturtheorie ein ehrwürdiges Prinzip: Lernen durch Nachahmung der Meister.
  22. in absentia – in Abwesenheit. Jemand wird in absentia verurteilt, gewählt oder geehrt, wenn er nicht anwesend ist.
  23. indispensabel – unverzichtbar, unentbehrlich. Stärker als »nötig«, feierlicher als »unverzichtbar«.
  24. inkrementell – schrittweise zunehmend. In der Softwareentwicklung und Projektplanung ein Standardbegriff für Fortschritt in kleinen Einheiten.
  25. inkubieren – ausbrüten. In der Medizin der Zeitraum zwischen Ansteckung und Ausbruch einer Krankheit, in der Wirtschaft das Fördern junger Unternehmen.
  26. Insinuation – eine unterstellende, unterschwellige Bemerkung. Wer insinuiert, sagt etwas nicht direkt, lässt es aber durchscheinen.
  27. interdependent – voneinander abhängig, wechselseitig bedingt. Die Wirtschaft ist interdependent: Was in einem Land geschieht, wirkt sich anderswo aus.
  28. investiv – auf Investition ausgerichtet, in etwas investierend. Investive Ausgaben fließen in Anlagen und Infrastruktur statt in den laufenden Betrieb.
  29. Invektive – scharfe Verurteilung, verbaler Angriff. Literarische Invektiven können kunstvoll und vernichtend zugleich sein.
  30. Involution – Verwicklung, Komplikation. Das Gegenteil von Evolution: eine Entwicklung nach innen, eine zunehmende Verschachtelung.
  31. Kaleika – altertümlich für Verleumdung oder üble Nachrede. Ein Wort, das selbst zu den Raritäten gehört.
  32. Kamarilla – eine intrigante Gruppe, ein Zirkel von Einflüsterern. Historisch die Berater, die hinter den Kulissen die Fäden ziehen.
  33. Karyatide – eine stützende Frauenfigur in der Architektur. Die berühmtesten stehen am Erechtheion auf der Akropolis in Athen.
  34. kaustisch – ätzend, beißend scharf. Kaustischer Humor verletzt, kaustische Kritik lässt nichts übrig.
  35. kommemorieren – feierlich erinnern oder gedenken. Formeller und würdevoller als »erinnern«, oft in offiziellem Zusammenhang.
  36. Misandrie – Abneigung oder Feindseligkeit gegenüber Männern. Das Gegenstück zur Misogynie.
  37. Misogynie – Abneigung oder Feindseligkeit gegenüber Frauen. Ein Begriff, der in gesellschaftlichen Debatten zunehmend an Bedeutung gewonnen hat.
  38. medisant – verleumderisch, böszungig. Wer medisant spricht, verbreitet üble Nachrede mit einer gewissen Genugtuung.
  39. Opus – ein künstlerisches Werk, besonders in der Musik. Beethovens Opus 111 ist seine letzte Klaviersonate.
  40. Pastiche – Nachahmung eines Stils, oft als Hommage an ein Vorbild. Anders als die Parodie will das Pastiche nicht verlachen, sondern ehren.
  41. primordial – ursprünglich, uranfänglich, grundlegend. Was primordial ist, reicht an die Anfänge zurück.
  42. Provenienz – Herkunft, Ursprung. Besonders in der Kunstgeschichte wichtig: Die Provenienz eines Gemäldes klärt, wem es gehörte und woher es stammt.
  43. Rapuse – Beute, Raub. Ein altertümliches Wort, das an Zeiten erinnert, in denen Soldaten das Recht auf Plünderung hatten.
  44. rarefizieren – verdünnen, selten machen. In der Physik bezogen auf Gase, übertragen auf alles, was dünner, rarer wird.
  45. Realien – reale Dinge, Sachinhalte. In der Pädagogik alles, was über Sprache und Mathematik hinausgeht: Geschichte, Erdkunde, Naturwissenschaften.
  46. Resilienz – Widerstandsfähigkeit, psychologische Belastbarkeit. Die Fähigkeit, Krisen zu überstehen und gestärkt daraus hervorzugehen.
  47. Remedur – Abhilfe, Heilmittel. Remedur schaffen heißt, einen Missstand beheben. Klingt amtlich und entschlossen zugleich.
  48. Renommist – Prahler, Angeber. Wer renommiert, schmückt sich mit fremden Federn oder übertreibt maßlos.
  49. resilient – elastisch, widerstandsfähig. Resiliente Menschen oder Systeme kehren nach Belastungen in ihren Ausgangszustand zurück.
  50. Rubrum – Überschrift, insbesondere in rechtlichen Dokumenten. Ursprünglich die rot geschriebene Überschrift mittelalterlicher Handschriften.
  51. Serenität – Heiterkeit, Gelassenheit. Ein Zustand innerer Ruhe, den man sich verdient, nicht erarbeitet.
  52. Signum – Zeichen, Merkmal, Wappen, Siegel. Was als Signum gilt, steht für etwas Größeres.
  53. Sinekure – ein leichtes Amt ohne große Pflichten. Ein Posten, der gut dotiert ist, aber wenig substanzielle Arbeit erfordert.
  54. Skepsis – Zweifel, kritisches Hinterfragen. Gesunde Skepsis ist eine Tugend, übertriebene wird zum Zynismus.
  55. Sykophant – Denunziant, falscher Ankläger. Im antiken Athen ein beruflicher Anzeigenerstatter, heute allgemein ein Schmeichler oder Verleumder.
  56. Ultima Ratio – das letzte Mittel, das äußerste. Wenn alle anderen Möglichkeiten erschöpft sind, bleibt die Ultima Ratio.
  57. volatil – flüchtig, instabil, schwankend. An der Börse sind volatile Märkte unberechenbar, in der Chemie verdampfen volatile Stoffe leicht.

Wer diese Wörter kennt, muss sie nicht täglich benutzen. Aber wenn einem »adaptieren« statt »anpassen« über die Lippen kommt oder man eine »Kamarilla« erkennt, wo andere nur eine »Gruppe« sehen, dann hat die Sprache ein paar Farben mehr.

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Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage