33 Tugenden – klassische und moderne Werte in der Übersicht

Tugenden klingen nach verstaubten Sonntagspredigten und moralischem Zeigefinger. Sind sie aber nicht. Im Kern sind es Eigenschaften, die Menschen seit zweieinhalbtausend Jahren für erstrebenswert halten.

Von Aristoteles über Thomas von Aquin bis zum Grundgesetz. Die Begriffe ändern sich, die Idee dahinter erstaunlich wenig.

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Was sich allerdings ändert, ist die Frage, welche Tugenden gerade zählen. Die Griechen schätzten Tapferkeit und Mäßigung. Die Römer legten Wert auf Würde und Pflichtgefühl. Das Christentum brachte Glaube, Hoffnung und Liebe ins Spiel. Und die bürgerliche Gesellschaft erfand Pünktlichkeit als moralische Kategorie. Womöglich sagt die Tugenddiskussion einer Epoche mehr über sie aus als ihre Kunst.

Tugend leitet sich vom Wort »taugen« ab. Gemeint ist eine Eigenschaft, die als moralisch wertvoll gilt und das Handeln eines Menschen in die richtige Richtung lenkt. Tugenden sind keine starren Regeln, sondern Haltungen. Sie beschreiben, wie jemand handelt, nicht was jemand tut. Das Streben danach war für die griechischen Philosophen gleichbedeutend mit einem gelungenen Leben.

Welche Tugenden gelten heute als wichtig?

Diese 14 Tugenden tauchen in Ethik-Debatten, Lehrplänen und Ratgebern immer wieder auf. Sie sind weder antik noch modern, sondern beides. Die meisten hätte Aristoteles unterschrieben, auch wenn er sie anders genannt hätte.

  1. Aufrichtigkeit – Ehrlichkeit in Worten und Taten, Wahrhaftigkeit und Transparenz.
  2. Bescheidenheit – Zurückhaltung in Bezug auf die eigene Person. Wer bescheiden ist, prahlt nicht. Klingt simpel, ist es nicht.
  3. Dankbarkeit – Wertschätzung für das, was man hat und bekommt. Eine der am meisten unterschätzten Tugenden.
  4. Empathie – Die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und ihre Gefühle zu verstehen.
  5. Fairness – Gerechtigkeit und Unvoreingenommenheit im Umgang mit anderen.
  6. Geduld – Schwierigkeiten und Verzögerungen ertragen, ohne die Fassung zu verlieren. Eine Tugend, die in Zeiten der sofortigen Verfügbarkeit fast schon rebellisch wirkt.
  7. Großzügigkeit – Bereitschaft zu teilen, ohne Gegenleistung zu erwarten.
  8. Hilfsbereitschaft – Anderen beistehen und Unterstützung anbieten, auch wenn es unbequem ist.
  9. Integrität – Moralische Prinzipien beibehalten, auch unter Druck. Wer integer ist, handelt im Verborgenen genauso wie in der Öffentlichkeit.
  10. Mitgefühl – Fürsorge für das Leiden anderer, begleitet von dem Wunsch zu helfen.
  11. Respekt – Achtung und Würdigung der Rechte, Meinungen und Eigenheiten anderer.
  12. Selbstdisziplin – Impulse kontrollieren und langfristige Ziele über kurzfristige Wünsche stellen.
  13. Toleranz – Akzeptanz und Offenheit gegenüber verschiedenen Meinungen, Glaubensrichtungen und Lebensweisen.
  14. Verantwortungsbewusstsein – Zuverlässigkeit und das Einhalten von Versprechen und Pflichten.

Die vier Kardinaltugenden der Griechen

Platon formulierte sie, Aristoteles verfeinerte sie, und seitdem hat sie niemand ernsthaft widerlegt. Die vier Kardinaltugenden bilden das Fundament der westlichen Ethik. Die Weisheiten der alten Griechen wirken auf den ersten Blick schlicht, bei näherem Hinsehen sind sie erstaunlich komplex.

  1. Weisheit (sophia) – Klugheit und die Fähigkeit, das Richtige zu erkennen. Nicht Wissen um seiner selbst willen, sondern angewandtes Urteilsvermögen.
  2. Tapferkeit (andreia) – Mut und Ausdauer, auch wenn es schwierig wird. Für die Griechen war Tapferkeit keine Abwesenheit von Angst, sondern der richtige Umgang mit ihr.
  3. Mäßigung (sophrosyne) – Selbstbeherrschung und Maßhalten. Die womöglich unterschätzteste der vier. Wer sie beherrscht, braucht die anderen kaum.
  4. Gerechtigkeit (dikaiosyne) – Fairness und moralische Richtigkeit. Für Platon die wichtigste Tugend, weil sie alle anderen zusammenhält.

Was verstanden die Römer unter Tugend?

Die Römer übernahmen die griechische Philosophie, machten aber etwas Eigenes daraus. Ihre Tugenden waren weniger abstrakt, eher praktisch. Es ging nicht um das gute Leben im philosophischen Sinn, sondern um das Funktionieren in einer hierarchischen Gesellschaft. Die Sentenzen der alten Römer verraten viel über dieses Denken.

  1. Auctoritas – Autorität und Einfluss, erworben durch Leistung und Ansehen, nicht durch Amt.
  2. Dignitas – Würde und Prestige. Für einen römischen Senator war der Verlust der Dignitas schlimmer als der Tod. Jedenfalls behaupteten das einige.
  3. Gravitas – Ernsthaftigkeit und innere Schwere. Wer Gravitas besaß, wurde gehört.
  4. Pietas – Pflichtbewusstsein gegenüber den Göttern, der Familie und dem Staat. In dieser Reihenfolge.
  5. Virtus – Wortwörtlich »Männlichkeit«, gemeint war Tapferkeit und Exzellenz im weitesten Sinn.

Die sieben christlichen Tugenden

Das Christentum ergänzte die vier Kardinaltugenden um drei theologische. Thomas von Aquin schmiedete beides zusammen, und dieses Siebenergespann prägte die europäische Ethik für über tausend Jahre. Wer die Sprache der christlichen Kirche kennt, erkennt die Spuren überall.

  1. Glaube (fides) – Vertrauen in Gott und seine Ordnung.
  2. Hoffnung (spes) – Erwartung des Guten und des ewigen Lebens.
  3. Liebe (caritas) – Nächstenliebe als höchste aller Tugenden. Paulus sagte es so: »Die Liebe höret nimmer auf.«
  4. Klugheit (prudentia) – Weisheit und Unterscheidungsvermögen.
  5. Gerechtigkeit (iustitia) – Fairness und moralische Integrität.
  6. Mäßigung (temperantia) – Selbstbeherrschung und Vermeidung von Exzessen.
  7. Tapferkeit (fortitudo) – Mut und Standhaftigkeit in Schwierigkeiten.

Die bürgerlichen Tugenden

In der Aufklärung und im 19. Jahrhundert verschob sich der Fokus. Nicht mehr der Held, der Gläubige oder der Philosoph galt als tugendhaft, sondern der ordentliche Bürger. Die bürgerlichen Tugenden klingen heute fast komisch, waren aber als Gegenentwurf zum Adel gedacht: nicht Abstammung zählt, sondern Haltung.

  1. Ordentlichkeit – Struktur im Alltag als Zeichen innerer Disziplin.
  2. Pünktlichkeit – Seit Friedrich Wilhelm I. eine preußische Obsession. Wird international gern als typisch deutsch belächelt.
  3. Reinlichkeit – Körperliche und häusliche Sauberkeit als moralische Pflicht.
  4. Sparsamkeit – Nicht Geiz, sondern verantwortungsvoller Umgang mit Ressourcen. Der Unterschied ist nicht ganz unwichtig.

Man kann über diese Tugenden schmunzeln. Trotzdem steckt in ihnen eine Idee, die plausibel bleibt: Wer sein unmittelbares Umfeld in Ordnung hält, hat eine bessere Ausgangslage für alles andere.

Christliche Tugenden Infografik

Haben Tugenden heute noch eine Funktion?

Ja. Allerdings nicht als moralischer Maßstab von oben herab, sondern als Orientierungsrahmen. Wer sich fragt, welche Eigenschaften ein gebildeter und reflektierter Mensch haben sollte, landet unweigerlich bei Begriffen wie Integrität, Empathie und Gerechtigkeit. Die lateinischen Wurzeln vieler dieser Begriffe verraten, wie alt die Diskussion ist.

Was sich geändert hat: Niemand schreibt mehr vor, welche Tugenden die richtigen sind. Das antike Griechenland kannte eine feste Rangordnung, das Christentum ebenso. Heute wählt jeder selbst. Das ist Freiheit, aber auch Zumutung, mit der sich viele schwertun.

Zugegeben, Tugend ist kein Wort, das in Alltagsgesprächen oft fällt. Aber die Sache selbst ist aktueller denn je. Denn die Frage, wie man sich verhalten soll, verschwindet nicht, nur weil man aufgehört hat, sie so zu nennen.

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Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage

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