50 beliebte bildungssprachliche Wörter, die im Duden nicht als solche bezeichnet werden

50 beliebte bildungssprachliche Wörter, die im Duden nicht als solche bezeichnet werden

Was zur Bildungssprache gehört, regelt kein Gesetz. Bei meinen Listen bildungssprachlicher Wörter habe ich mich immer am Duden orientiert, doch der lässt einiges aus. Hier eine Ergänzung.

Diese Begriffe nennt der Linguist Gerhard Augst, bis 2004 Professor für germanistische Sprachwissenschaft in Siegen. Sein Verzeichnis Der Bildungswortschatz erklärt gut 2.000 Wörter und Wendungen und weicht damit an vielen Stellen von der Schreibbibel ab. Der Duden kennt sie selbstverständlich, bezeichnet sie aber nicht als zur Bildungssprache gehörig. Darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein.

Hier also noch einmal ein Strauß nützlicher Begriffe, die man womöglich kennen sollte. Wer den Schnelldurchlauf der wichtigsten bildungssprachlichen Wörter bereits kennt, findet hier die Ergänzung.

Warum Duden und Augst sich nicht einig sind

Der Duden markiert bei jedem Stichwort, ob es als bildungssprachlich gilt. Diese Markierung ist keine Messung, sondern eine redaktionelle Entscheidung. Augst geht von der Textpraxis aus. Was in Schulbüchern, Zeitungen und Sachtexten vorkommt und mehr voraussetzt als den Alltagswortschatz, zählt er dazu. So landen bei ihm auch Wörter wie Feedback oder Mainstream, die der Duden nicht eigens markiert.

Der Bildungswortschatz umfasst die Wörter, die man zum Verständnis anspruchsvoller Sachtexte braucht, ohne dass sie zur Fachsprache eines einzelnen Gebiets gehören. Der Linguist Gerhard Augst hat ihn in einem eigenen Wörterverzeichnis beschrieben und weicht darin an vielen Stellen von der Duden-Markierung ab.

Beide Zugänge haben ihre Schwächen. Der Duden bildet ab, was seine Redaktion für gehoben hält; fragwürdig wird das, sobald sich der Sprachgebrauch verschiebt. Augst nimmt dafür manches auf, was heute jeder kennt. Nützlich ist die Liste trotzdem, weil sie zeigt, wie durchlässig die Grenze verläuft. Etliche dieser Wörter sind außerdem Eponyme, also Begriffe, die aus Personennamen entstanden sind.

Ergänzende Liste bildungssprachlicher Begriffe

Alphabetisch sortiert. In Klammern jeweils die Bedeutung, knapp gehalten.

Bildungssprache ist der Wortschatz, der zwischen Alltagssprache und Fachsprache liegt. Sie wird in Schule, Presse und Sachtexten vorausgesetzt, aber kaum eigens unterrichtet. Ein Wort gilt als bildungssprachlich, wenn es mehr Vorwissen verlangt als der Alltagswortschatz, ohne an ein einzelnes Fachgebiet gebunden zu sein.

  1. Abbreviatur (eine Abkürzung oder ein verkürztes Schreibzeichen)
  2. affin (verwandt oder ähnlich in Bezug auf Charakter oder Eigenschaften)
  3. Ambiguität (Zweideutigkeit; die Qualität, mehr als eine Interpretation oder Bedeutung zu haben)
  4. Apokalypse (das Ende der Welt, oft in religiösem oder katastrophalem Kontext verwendet)
  5. Arkanum (ein Geheimnis oder ein tiefgehendes, oft esoterisches Wissen)
  6. avers (abgeneigt oder entgegengesetzt in der Haltung oder Meinung)
  7. Attribut (eine Eigenschaft oder Qualität, die jemandem oder etwas zugeschrieben wird)
  8. bipolar (mit zwei extremen Stimmungen oder Phasen, oft im Zusammenhang mit der bipolaren Störung verwendet)
  9. Boheme (eine gesellschaftliche Gruppe, die unkonventionell lebt, oft Künstler oder Schriftsteller)
  10. Canossagang (eine Demütigung oder Buße; bezieht sich auf den Gang Heinrichs IV. nach Canossa)
  11. Camouflage (Tarnung, oft in militärischem Kontext oder im Bezug auf Kleidung und Make-up)
  12. Connaisseur (ein Kenner oder Experte, besonders in den Bereichen Kunst und Essen)
  13. Couleur (Farbton oder -charakter; auch verwendet im Kontext studentischer Verbindungen zur Beschreibung ihrer Bänderfarben)
  14. Dekor (Dekoration oder Gestaltung eines Raumes oder einer Bühne)
  15. Eldorado (ein Ort mit großem Reichtum oder Gelegenheiten; ursprünglich bezog es sich auf eine legendäre goldene Stadt in Südamerika)
  16. Eros (romantische oder sexuelle Liebe; auch ein Gott der Liebe in der griechischen Mythologie)
  17. Exposé (eine detaillierte Zusammenfassung oder ein Bericht)
  18. Expertise (spezielles Wissen oder Erfahrung in einem bestimmten Bereich)
  19. Feedback (Rückmeldung oder Meinung zu einer Handlung oder einem Produkt)
  20. final (endgültig)
  21. Foliant (ein großes und oft schweres Buch)
  22. Galionsfigur (eine Person, die eine Gruppe oder Bewegung repräsentiert; wörtlich eine Schnitzerei am Bug eines Schiffes)
  23. Genre (eine Kategorie von Kunst, Musik oder Literatur)
  24. Glamour (anziehende Schönheit oder Charme)
  25. Gourmand (jemand, der Essen liebt, oft in Exzess)
  26. Gral (der Heilige Gral, oft gesucht in Legenden; ein heiliger Becher)
  27. Gretchenfrage (eine entscheidende oder prüfende Frage; stammt aus Goethes »Faust«)
  28. Hiobsbotschaft (eine sehr schlechte Nachricht; basiert auf dem biblischen Hiob)
  29. Horror (intensive Angst oder Abscheu)
  30. Jota (ein Buchstabe im griechischen Alphabet; oft im Ausdruck »kein Jota« verwendet, um »nicht das Geringste« zu bedeuten)
  31. kafkaesk (surreal oder absurd, oft im Zusammenhang mit bedrückenden bürokratischen Situationen; nach dem Schriftsteller Franz Kafka)
  32. Kainsmal (ein Zeichen, das Gott Kain gab, nachdem er seinen Bruder Abel ermordet hatte, laut biblischer Geschichte. Es symbolisiert sowohl Schutz als auch einen Fluch und wird oft metaphorisch verwendet, um eine unauslöschliche Schuld oder ein Stigma zu bezeichnen.)
  33. Kairos (der richtige oder günstige Moment für eine Aktion)
  34. krude (roh, ungeschliffen, aber niemals schief oder schräg)
  35. kulminieren (den Höhepunkt oder die höchste Intensität erreichen)
  36. Letter (ein Druckzeichen oder Buchstabe)
  37. Mainstream (die vorherrschende Trendrichtung oder Meinung)
  38. Mantra (ein Wort oder Satz, der in Meditation wiederholt wird; auch eine oft wiederholte Phrase oder Idee)
  39. Matrix (eine Umgebung, in der etwas entsteht oder sich entwickelt; auch ein Mutterkörper oder eine Tabelle)
  40. Metropole (eine große und wichtige Stadt)
  41. Mimik (Gesichtsausdrücke zur Kommunikation von Emotionen)
  42. Mixtur (eine Mischung von verschiedenen Dingen)
  43. Nestor (eine ältere, weise Person; nach einem alten König in der griechischen Mythologie)
  44. Orkus (die Unterwelt oder das Reich der Toten in der römischen Mythologie)
  45. Ovation (starker Applaus oder Anerkennung)
  46. Paladin (ein heldenhafter Krieger oder Ritter)
  47. Patina (eine dünne Schicht, die sich im Laufe der Zeit auf Metalloberflächen bildet)
  48. Programmatik (die klare und detaillierte Darstellung eines Programms oder einer Absicht)
  49. Pyrrhussieg (ein Sieg, der so kostspielig ist, dass er einem Verlust gleichkommt; nach König Pyrrhus von Epirus)

Ein Nachzügler fehlt noch. Das Nessoshemd ist in der griechischen Mythologie jenes Hemd, das der Zentaur Nessos an Deianeira gab, nachdem Herakles ihn getötet hatte. Als Herakles es trug, brannte es ihm die Haut weg. Es steht seither für eine Gabe, die den Beschenkten vernichtet. Verwandte Fälle finden sich unter den bildhaften Wörtern der Bildungssprache, von denen etliche denselben Ursprung haben.

Viele dieser Begriffe lassen sich gezielt im Alltag einsetzen. Wer sich für die Gegenteile interessiert, wird bei den Antonymen der Bildungssprache fündig.

Wer den Wortschatz lieber über Lektüre aufbaut als über Listen, findet bei den 21 Büchern, die die Bildungssprache trainieren, den langsameren, aber haltbareren Weg.

Und wer den umgekehrten Weg gehen will, findet Vorschläge, wie sich bildungssprachliche Wörter durch einfache deutsche Begriffe ersetzen lassen. Manchmal ist das die bessere Entscheidung.

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Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage

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